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     22. November 2017, 11:51 Uhr
 


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"Wilma, das Hafenkind aus Senigallia"

Die Geschichte und die Vorgeschichte zur Übersetzung. Von Thomas Jancke, Lörrach D

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Wilma, das Hafenkind aus Senigallia
1928
Der Kindergarten
Weihnachten am Hafen
Epifania
Die Tante Irma
Mein Grossvater
Der Dachboden, meine Theaterbühne
Die Schwindsucht
Die Welt der Erwachsenen
Wir vom Hafen
Bei meinen Verwandten in Rom
Der Krieg bricht aus
Unser Auszug
Die Zeit der Werbungen
Der Weg ins Berufsleben

Vorwort

Seit 20 Jahren besteht eine lebhafte Partnerschaft zwischen Lörrach D und der schönen Stadt Senigallia an der Adria, deren Name auf die Ansiedlung der gallischen Senonen aus „Sens“ in vorchristlichen Zeiten zurückgeht.

Seit 17 Jahren sind meine Frau und ich bei regelmässigen Begegnungen der ehemaligen Kriegsteilnehmer, Kriegerwitwen und Waisen sowie der Kriegsopferverbände von Senigallia, Sens und Lörrach aktiv engagiert.

Im Jahre 2000 unternahmen wir mit unseren italienischen und französischen Gästen eine Busreise zu den ehemaligen Kriegsschauplätzen und Soldatenfriedhöfen im Elsass, während der ich einen sorgfältig vorbereiteten Vortrag über die wechselvolle und dramatische Geschichte dieses Landes hielt. Nach Beendigung meines italienischen Vortrags bat eine mir noch unbekannte, ältere Dame um das Mikrofon und bedankte sich in ebenso herzlicher wie gewandter Rede für meine Information. Es war Wilma Durpetti, welche zum ersten Male aus Senigallia mit nach Lörrach gekommen war.

Aus dieser Begegnung ergab sich bald ein engerer, freundschaftlicher Kontakt mit Besuchen und Briefwechsel, bei welcher Gelegenheit mir Wilma Durpetti ihr Buch als Lektüre zur Verfügung stellte, da ich regelmässig italienische Lektüre lese und immer auf der Suche nach geeignetem Lesestoff bin. Die Lektüre dieses Buches mit dem Titel „Tra il fiume e il mare“ (Zwischen Fluss und Meer) hat mich so tief beeindruckt und erfreut, dass ich beschloss, es ins Deutsche zu übersetzen, wozu ich als hochbetagter Pensionär genügend Zeit zur Verfügung hatte. Ich strebte an, nach Möglichkeit eine kleine Edition für unsere Lörracher Schulen zu erreichen.

Obwohl etliche Leser und Leserinnen das Buch mit grosser Anteilnahme lasen, wurde es von einer der Damen der hiesigen „Lesegesellschaft“, deren Urteil für einen kleinen regionalen Verlag ausschlaggebend gewesen wäre, als belanglos abgetan, es sei „keine Literatur“. Nachdem ich in dem Metier ahnungslos bin, liess ich die Angelegenheit liegen, um mir weitere Enttäuschungen zu ersparen.

Der Einfall, es dem Textatelier von Walter Hess als E-Mail zu senden, kam mir ebenso plötzlich wie beiläufig unmittelbar vor Antritt einer Urlaubsreise. Die Reaktion von Walter Hess hat mich zutiefst erfreut und sein begeistertes Urteil ist mir um so bedeutsamer, als er, im Gegensatz zu mir, weder Senigallia, noch die Verfasserin kennt und auch die Zeitläufe, in denen das Buch spielt, nicht persönlich erlebt hat. Und nicht zuletzt, weil er ein kompetenter Leser ist.

Es ist mir natürlich eine grosse Freude, dass das Buch durch die Präsentation im Textatelier eine Chance erhalten hat, unserer Freundin Wilma Durpetti eine Freude zu bereiten. Doch zweifellos werden auch alle Leserinnen und Leser diese persönlich gefärbte Kulturgeschichte mit Spannung und Gewinn lesen.

Die E-Mail-Adresse des Übersetzers Thomas Jancke: th.jancke@t-online.de

 

Wilma, das Hafenkind aus Senigallia

 

Originaltitel: „Tra il Fiume e il Mare“ (Zwischen Fluss und Meer)
von Wilma Durpetti


Übersetzung: Thomas Jancke

 

Bevor meine Erinnerungen
nach und nach erlöschen,
wie die Kerzen in den Kirchen,
habe ich diese Zeilen geschrieben
ruhend in meinem Gedächtnis –
als Zeichen meiner Liebe
zu meiner Stadt und ihren Menschen.

 

Viele verbringen ihr ganzes Leben in der Stadt ihrer Geburt und einige von ihnen träumen von der Ferne. Andere wechseln das Land oder sie ziehen durch die Welt ohne Heimweh nach ihrer Heimatstadt.

Aber die so sind wie ich, tragen ihre Heimat im Herzen, atmen auch in der Ferne ihre Luft und ihr Brauchtum und das unsichtbare Band ihrer Erinnerungen hilft ihnen Einsamkeit und Ängste zu überwinden. Dieses Band, diese innere Bindung macht es möglich, zu jeder Zeit die heimatliche Erde zu spüren und den geliebten Menschen nahe zu sein.

„Wilma, du weisst doch noch so viel von früher, schreib mal darüber, erzähl, wie wir lebten und wie wir waren, die Hafenkinder”.

„Gute Freunde haben in mir den Wunsch geweckt, die Erinnerungen an eine Welt niederzuschreiben, die es nicht mehr gibt, eine Welt, in der wir uns mit Wenigem zu behelfen und zu vergnügen wussten dank dem Erfindungsreichtum, welcher der Jugend zu eigen ist. Die Alten gaben uns das Beispiel von Opferbereitschaft und Entsagung und lehrten uns Sparsamkeit, Fleiss und Zufriedenheit.

Die Familie war der Ort der Geborgenheit, sie war gegründet auf die Weisheit der Grosseltern und die Erfahrung der Eltern. Die Männer unseres Hafenbezirks, besonders die Alten, waren zumeist Anarchisten, die Frauen dagegen folgsame Katholiken, und wir Kinder wuchsen auf in einer Mischung aus Religion und Aberglaube.

Im Hafengebiet respektierte man mit grosser Aufmerksamkeit den Misa-Fluss, welcher oft über die Ufer trat und Berge von Schlamm und Geröll hinterliess, die dann alle, gross und klein gemeinsam, mit „Ellenbogenöl” und Schaufel wieder zurückschaufelten, wohl wissend, dass es nicht das letzte Mal sein würde.

Als noch Frauen in Trauerkleidern die Opfer des Ersten Weltkrieges und der verheerenden Grippe-Epidemie, der „Spagnola”, beweinten, brach 1939 schon der Zweite Weltkrieg aus. Und wir Halbwüchsigen mussten früh lernen, mit der Schaufel den Erwachsenen zu helfen, die Schlamm- und Geröllmassen zu beseitigen. Und dann gab es Erdbeben, neue Überschwemmungen und schliesslich die Trümmer, welcher der Krieg uns hinterliess.

 

1928

Meine Mutter lief alleine aus dem Haus, um die Hebamme zu holen. So hatte sie es schon für meine Schwester getan, und so tat sie es für mich. Die Hebamme, Frau Maria, wohnte am Ende des „Corso”, beim Gänsebrunnen, meine Mutter hingegen bei der „Porta Fano”. Als die ersten Wehen einsetzten, lief sie die 4 Treppen hinunter, kämpfte sich die Hauptstrasse, die „Granda”, entlang und überquerte die Brücke über die Misa. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und lehnte sich an eine Hausmauer, denn die Wehen wurden häufiger und schmerzhafter, aber sie ging weiter, vorbei am Café Pizzi und der Apotheke Giatini, bis sie endlich das Haus der Hebamme erreichte.

Sie klopfte an die Türe, die sich alsbald öffnete: „Sind Sie es, Alda, ist es schon so weit?” „Ja, wir sind soweit, macht bitte schnell.” „Gehen Sie ins Bett, bereitet alles vor, viel kochendes Wasser, wer ist im Hause?” „Meine Mutter Marietta, es ist alles bereit!”

Ich wurde an einem Freitag im Oktober geboren, Ende der 20er-Jahre im Hafenviertel. Unser Haus war auf den Resten der alten Stadtmauer errichtet. Hinten war die Werft, davor ein kleiner Platz, und an dessen Ende der Deich des Flusses.

Es gab damals viele Stadtviertel mit alten Bezeichnungen, unbefestigte Strassen führten in die nähere Umgebung, nach Borgo Bicchia, nach Borgo Coltellone, und am Meer entlang Richtung Ancona kam man nach Marzocca. In einer halben Stunde konnte man mit dem Fahrrad ganz Senigallia mit seinen Vorstädten durchfahren. Am meisten aber liebten wir Kinder den Hafen mit seinen Docks, den Strand und die „Rotonda” im Meer.

Meine Kindheit war fröhlich, es klingt mir noch das alte Schlafliedchen in den Ohren: „Din-don, din-don, é mort Baldón, sul campo di fava la vecchia filava, filava l’coton, din-don, din-don“ (Baldón ist tot, auf dem Bohnenfeld sitzt die Alte beim Spinnen, sie spinnt die Baumwolle ...).

Auch meine Jugendzeit begann fröhlich. Meine Eltern waren den ganzen Tag bei ihrer Arbeit ausser Hause, aber um uns Kinder kümmerte sich mit unendlicher Liebe die Mutter meiner Mutter, Grossmutter Marietta, die ganz mit uns lebte, und die mich lehrte, die einfachen und ursprünglichen Dinge des Lebens zu lieben. Sie war sehr religiös und doch voller Lebensfreude, und sie verstand es, die ganze Familie in der Vorfreude auf die grossen, katholischen Feste zu vereinen.

Ich erinnere mich noch an die 2 Schneiderwerkstätten in der Nähe unseres Hauses. Die beiden Schneider sassen im Sommer nähend in ihren Hauseingängen und unterhielten sich dabei mit den Passanten; es gab auch 2 Krämerläden sowie 2 kleine Plätze mit Trinkwasserbrunnen, einen Backofen am Flussufer, die Hafenkirche und daneben die Eisfabrik.

Die Familien des Hafenviertels, genannt die „portolotti”, waren vorwiegend Fischerfamilien, es gab auch Handwerker und Händler, aber nur wenige wohlhabende Familien; das Elend, grau und beständig, überwog.

Alle mussten wir mit dem Fluss leben, der nach schweren Regenzeiten gewaltsam über seine Ufer trat und mit der so genannten „fiumana” unser Viertel überschwemmte. Aber wir wurden auch von anderen Schrecken heimgesucht: Erdbeben erschütterten die Stadt und jagten uns mit panischem Schrecken aus den Häusern, und die Diphtherie- und Tuberkulose-Epidemien rafften viele Menschen dahin.

Und doch waren die Bewohner fröhlich und stets schlagfertig zu Scherzen aufgelegt. Die Männer radelten zur Arbeit und sangen oder pfiffen; man sah die Frauen in ihren Häusern wirken und hörte ihre Lieder und Moritate, aus jedem Fenster klang ein anderes. Ich lernte mit der Zeit, die Stimmen zu unterscheiden. Wenn sich die Nachricht verbreitete, dass in diesem oder jenem Haus „das Feuer ausgegangen” war, erschienen die Nachbarn, dieser mit einem Korb Kohle, jener mit einer Flasche Öl, einer Tüte Mehl, und die Fischer mit der unvermeidlichen Schüssel Fische. Die Haustüren wurden nie abgeschlossen, und auch die Fahrräder blieben unverschlossen draussen an die Hauswand gelehnt.

Voller Neugier und von dem Kinderwunsch beseelt, recht schnell gross zu werden, war ich eine aufmerksame Beobachterin meiner Umgebung. Dabei hing ich ständig am Rockzipfel meiner Grossmutter und ging mit ihr zum Einkaufen zum benachbarten Krämer. Die Frauen kauften ohne Bargeld ein, sie brachten ein schwarz eingebundenes Büchlein mit, in welches der Kaufmann alles eintrug, was sie zu zahlen hatten.

Ich erinnere mich noch an die Speckbrühe, welche die Grossmutter einmal in der Woche kochte, für die der Kessel stundenlang auf dem Kohleherd brodeln musste. Auch gingen wir auf den Markt, um Fleisch, Gemüse und Früchte zu kaufen. Napfkuchen und Kekse wurden zu Hause angerührt und vorbereitet, zum Abbacken brachten wir sie zum Backofen. Zu Karneval half die ganze Familie bei der Herstellung von Gebäck und Krapfen.

Die Grossmutter umsorgte mich ständig. Sie erzählte mir Geschichten und Märchen vom Meer, während sie die schneeweisse Asche aus dem Herd für die Wäsche beiseite tat und das Feuer anmachte. Mit einem Fächer aus Puterfedern fächelte sie geschwinde, so dass sich die schwarzen Kohlen alsbald in hellrot leuchtende Glut verwandelten. Es war dies eine der bewunderten Zauberkünste, die Grossmutter Marietta vor meinen kindlichen Blicken zustande brachte.

Der Milchmann, der uns jeden Morgen die Milch brachte, war ein „Halbpächter”, der oberhalb des alten Friedhofs einen Hof bewirtschaftete. Er besass grosse, milchreiche Kühe und schneeweisse Ochsen, die er für die Messe mit roten Bändern um den Hals schmückte. Wenn wir die Milch stehen liessen, bildete sich auf der Oberfläche eine fingerdicke Sahnehaut, welche die ganze Küche mit einem besonderen Geruch erfüllte. Es war dies nur einer der vielen Gerüche, die meine Kindheit begleiteten: die Speckbrühe, Milch und Karnevalskuchen, Fischsuppe und die auf dem Grill gerösteten Sardinen, Linsensuppe und Kichererbsen, der Lammbraten und der Schweins-Rollbraten, welcher auf dem Feld bereitet wurde, Kräuter und gemischte Salate, die auf dem Herd gebratenen Maiskolben und die in der Trommel geröstete Gerste, welche überm Feuer gedreht wurde, wie ein Brathähnchen.

Das Rösten der Gerste wurde mir übertragen, was mir eine ziemliche Wichtigkeit verlieh, desgleichen das Mahlen der Kaffeebohnen mit der hölzernen Mühle. Wenn ich die knarrende Kaffeemühle oder die quietschende Rösttrommel drehte, pflegten meine Mutter und die Grossmutter dazu Opernarien anzustimmen. Während die Gerste braun und langsam fertig wurde, um dann abgekühlt in die grosse Glasdose gefüllt zu werden, hatte ich die feste Vorstellung mit meiner Kurbel eine Art von Pianola zu betreiben und damit Musik zu machen.

Eines Tages, ich war gerade 2 Jahre alt geworden, begann ich plötzlich und scheinbar grundlos um den Küchentisch herumzulaufen, darunter zu kriechen und in Intervallen ein durchdringendes Wehklagen zu erheben, etwa wie die Tauben auf dem Marktplatz: „Uuhh – uuhh – uuhh!!” Meine Mutter, die meine Schwester Anna zum Kindergarten gebracht hatte, war gerade zurückgekehrt, Tante Itala, ihre Schwester, machte oben die Betten. Die Zimmer befanden sich eines neben dem anderen auf dem gleichen Korridor. Mein Vater war fortgegangen, um sein Schuhgeschäft unter den Portici Ercolani zu öffnen.

Meine Grossmutter kam in das Zimmer, in dem ich mit lautem Wehklagen fortfuhr unter den Tisch und wieder hervorzukriechen: ”Uuhh – uuhh – uuhh!!”

„Aber was hast du denn, mein gutes Kindchen, komm zu deiner Omi, schau wie die Krabben im Becken schwimmen, komm, komm Omis Täubchen!”

In diesem Augenblick gab es einen fürchterlichen Erdstoss. Grossmutter griff schnell nach mir, ich hatte aufgehört zu greinen, aber ich trampelte auf den Boden. Meine Mutter und meine Tante, tief erschrocken, sahen Risse in der Wand des Zimmers sich öffnen und mit der wellenartigen Erdbewegung sich wieder schliessen, bevor die ganze Wand einstürzte. Wir rannten zum Ausgang auf den Treppenabsatz, um ins Freie zu gelangen. Als die Treppenstufen unter uns begannen, eine nach der anderen, zusammenzubrechen, trieb uns Grossmutter mit dem Schrei: „hierbleiben!!” alle eng zusammen. „Alle unter den Torbogen vom Hauseingang, bewegt euch nicht und betet zu Sankt Emidio!!” Sankt Emidio ist der Schutzheilige bei Erdbeben, und wie ich nach Jahren erfuhr, unter den Trümmern eines Erdbebens umgekommen, während er die Messe las.

Grossmutter hatte eine lebendige Beziehung zu den Heiligen, und so begannen wir alle zu beten. Mein Vater hatte sein Geschäft verlassen, um nach Hause zu rennen, während um ihn Putzstücke und Dachziegel auf die Strasse fielen, Mauern zusammenbrachen und Menschen angsterfüllt flüchteten. Als er gerade die Brücke über die Misa überqueren wollte, öffnete sich plötzlich direkt vor seinen Füssen eine lange Spalte: es gelang ihm, sich an einem Baum festzuhalten und so das Ende des Erdstosses abzuwarten.

Viele Häuser waren zerstört; es hatte Tote und Verletzte gegeben und Nachbeben wiederholten sich noch monatelang. Die Menschen schliefen in Zelten, in den Stallungen der Bauern oder ebenerdigen Schuppen. Aber in schlaflosen Nächten blieben die Augen geöffnet, und es genügte ein Geräusch, eine zugeschlagene Tür, ein schweres Fahrzeug, welches die Fensterscheiben klirren liess oder ein umfallender Stuhl, um alles ins Freie zu scheuchen.

Unsere Alten, deren Erfahrung und Weisheit wir respektierten, und die ihr Leben auf unserer bebenden Erde verbracht hatten, sagten, dass sie ein Erdbeben, wie das von 1930, noch nie erlebt hätten. Wer es miterlebt hat, hat es nie wieder vergessen.

Ich aber habe den Taubenruf nie wieder ertönen lassen, und meine Grossmutter hat später des Öfteren gesagt: „Denkt nur, Wilma hat wie die Tiere das unterirdisch entstehende Erdbeben vorausgespürt. Eine halbe Stunde, bevor es losging , hat sie mit ihren Klagerufen angefangen – sie ist ein hochsensibles Mädchen, ihr könnt ruhig auf sie vertrauen, dass sie ein Erdbeben ankündigt, wenn es noch einmal eines geben sollte. Bei uns zu Hause sprach man noch jahrelang darüber, aber ich war zu klein, um mich noch daran zu erinnern.

 

Der Kindergarten

Es kam die Zeit, wo ich in den Kindergarten der frommen Schwestern von der Hafenkirche ging. Ich erinnere mich noch der Kleiderhaken in Kinderhöhe, die Tischchen und Stühlchen wie die von Schneewittchens Zwergen, den Geruch des Weidenkörbchens mit meiner Mittagsmahlzeit, die stets saubere und gebügelte Serviette mit den Initialen „W.D.“ die kleinen Bestecke, das Obst und die Scheibe Brot mit Butter und Marmelade. Der Geruch des Körbchens gehört zu den deutlichsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Die Chiesa del Porto, die Hafenkirche, war eher klein und hatte einen Anschein von Verlassenheit, mir aber erschien sie als die schönste aller Kirchen von Senigallia, schöner sogar als der Dom. Ich weiss noch, wie verzweifelt ich vor der Statue der heiligen Lucia geweint habe, als ich begriff, warum sie eine Heilige war. Sie hatte wunderschöne blaue Augen gehabt, aber die waren ihr ausgerissen worden, und nun waren sie in einer goldenen Schale, welche sie in der Hand hielt, um uns Mädchen von der Kinderkrippe, die wir bestimmt nicht für unseren Glauben sterben wollten, an ihre Marter zu erinnern.

Und was soll ich von Sankt Agnes sagen und von dem Bildnis des Sankt Sebastian, das mich in einer der anderen Kirchen so erschüttert hat? Nackt, mit nur einem kleinen Lendenschurz, an eine Säule gefesselt und den ganzen Körper voller spitzer Pfeile. Was ich nicht verstand, war der glückselige Ausdruck seines Gesichtes, das er dem Himmel zuwandte. Wie konnte er lächeln bei einer solchen Tortur? „Das macht sein grosser Glaube”, sagte mir die Nonne.

Als ich die Geschichte vom Martyrium des Sankt Lorenz hörte, bekam ich Gänsehaut. Dieser christliche Märtyrer wurde auf einem grossen Rost regelrecht gegrillt und hatte während dieser Tortur noch die Fassung zu sagen: „Dreht mich doch mal auf die andere Seite, von dieser bin ich gebraten.“ Ich dachte mich so sehr in ihre Leiden hinein, dass ich bereit war, sogleich auf alle Religion zu verzichten, um solchen Torturen zu entgehen.

Aber das Kruzifix der Hafenkirche, von Fischern auf „höchst wunderbare Weise”, wie unsere frommen Schwestern sagten, im Meer gefunden, beschäftigte mich in höchstem Masse. Ich konnte es nicht begreifen, warum man denn Christus immer weiter so an das Kreuz genagelt hängen liess, mit der Dornenkrone auf dem Kopf, die Hände und Füsse voller Blut. Wie viel Leid haben mir doch die Darstellungen der christlichen Märtyrer während meiner Kindheit bereitet, wie viel Tränen habe ich um sie vergossen!

Ich war etwa 5 Jahre alt, als ich zu jammern begann, ich wollte nicht mehr zur Kinderkrippe. Ich begann zu simulieren, es ginge mir so schlecht, ich fühle mich so als ob ich Fieber habe. „Anstatt zu jammern sag mir lieber wie es dir geht”, fragte Grossmutter mich. „Ich fühle mich am ganzen Körper, als ob ich auf einem Grill geröstet würde”, oder „als ob ich überall von Pfeilen gespickt wäre”, antwortete ich. Grossmutter begriff nichts.

„Aber was sind denn das für Krankheiten? Wenn ich jetzt Doktor Mauri rufe, was soll ich ihm denn sagen? Dass die Wilma sich geröstet fühlt? – oder dass ihr lauter Pfeile im Fleisch stecken, von denen man nicht einen einzigen sieht? Wenn deine Schwester sagt, sie habe Halsschmerzen und Fieber, dann ist ihr Hals gerötet, und sie hat Fieber, aber du, mein liebes Mädchen, beschreibst mir Krankheiten, die es überhaupt nicht gibt.” Und dann rief sie alle ihre Heiligen, einen nach dem anderen, zu Hilfe: „Madonna von Loreto, heiliger Pasquale von Bajlon, heiliger Biagio von der goldenen Klamm, heiliger Antonius von Padua, helft doch diesem Kind; ich kann es nicht begreifen.“

Sie hatte deren Lebensgeschichten und Wunderkräfte alle gelesen, und wenn einer von uns mit bestimmten Symptomen erkrankte, hatte sie sogleich ihren Heiler zu Hand, für jede Krankheit einen.

In jedem Jahr einmal, im Dezember nachts um halb 12, holte sie uns zu unserem Leidwesen aus den warmen Betten, weil über uns im Himmel die Engel das „Heilige Haus der Madonna” zum Hügel von Loreto trügen. Meine Schwester und ich, die wir schlaftrunken hinter den Fenstern in den Himmel schauten, antworteten im Chor auf ihre Gebete.

Wenn es nicht allzu kalt war, huschte ich ins Speisezimmer und machte das Fenster auf. Ich suchte den ganzen Himmel ab, sah aber nichts. Eines Morgens, nach einem der nächtlichen Transporte des „Heiligen Hauses”, konnte ich nicht widerstehen, der Grossmutter zu sagen: „Wisst Ihr, Grossmutter, letzte Nacht, als Ihr kniend gebetet habt, habe ich im Esszimmer das Fenster aufgemacht, um die Engel mit dem Haus zu sehen; aber ich hab nichts gesehen!”

„Was, du hast bei der Kälte aus dem Fenster geguckt?! Du hast es nicht sehen können, weil die Engel viel höher fliegen”.

„Aber Ihr, Grossmutter, habt Ihr es denn auch nie am Himmel fliegen sehen?”

„Auch ich bin, gerade so wie du, ans Fenster gegangen, habe es aber nie sehen können. Meine Mutter, deine gütige Urgrossmutter, sagte mir, dass nur Heilige es sehen können, kraft ihres grossen Glaubens. Ich sag dir, mein Schatz, wenn die Madonna es will, kann sie auch für uns sichtbar werden, die wir doch nun wirklich keine Heiligen sind.”

Grossmutter erinnerte uns immer an alle religiösen Feste, auch an solche, die weniger bekannt sind: an den Tag der Bitte an die Madonna von Pompeji, an den Heiligen Donnerstag, an dem man zwar kein Fleisch essen durfte, aber Fisch, so viel man wollte. Wir Kinder verfolgten ihre Gebete und ihre religiösen Riten mit Aufmerksamkeit und wenn ich krank in hohem Fieber glühte, brachten mir ihre Gebete und ihre Hände, die sie mir auf die Stirn legte, Ruhe.

Es konnte passieren, dass sich mein Zimmer ganz plötzlich mit all jenen Heiligen, den von der Grossmutter gerufenen Glückseligen, füllte, und dann halfen sie mir, ganz schnell wieder gesund zu werden.

Meine Mutter hatte eine heitere Gelassenheit, die mir gut tat: wenn wir ängstlich das Ablesen des Thermometers verfolgten, schlug sie es lächelnd wieder hinunter und sagte: „Gut, gut, jetzt haben wir die 40 ° erreicht.”

Es war ihre Art, uns die Ängste zu nehmen, die eine, mit ihrem grossen Glauben, die andere, auch Halsschmerzen heiter zu nehmen, die damals durchaus Angst machten, weil sie leicht in Diphtherie ausarteten. Es gab noch keine Antibiotika, und viele Kinder erreichten damals nicht einmal das Jugendalter. Jedoch die seltsamen Krankheiten, die ich erfand, um nicht in die Kinderkrippe gehen zu müssen, waren nicht diagnostizierbar.

Als ich zu behaupten begann, es risse mir in den Augen und ich hätte ein solches Ziehen in den Brüsten, kombinierte meine Mutter, dass ich in der Kinderkrippe irgendwelche Traumata erlitten hätte. „Aber ich bitte dich”, sagte Grossmutter, „deine Brüste, du hast ja noch gar keine!” Wäre es nicht besser, zu Ger zu gehen und mit den frommen Schwestern zu sprechen, was meinst du, Adda?” „Ger” tat Gutes und schützte das Haus vor Unheil. Für die Alten war es die Heilige Rita und eben „Ger”.

Meine Mutter beschloss, erst einmal zu Schwester Elena zu gehen. Diese sagte, dass ich einmal weinend von ihr verlangt habe, Christus sofort vom Kreuz abzunehmen. Gefragt, warum, habe ich geantwortet, es sei höchste Zeit, dass er ausruhen dürfe. „Das Mädchen”, fuhr Elena fort, „ist lebhaft und kontaktfreudig, spielt und vergnügt sich, aber eine Unruhe zeigt sich beim Gebet in der Kirche. Und dann steht sie lange vor den Votivtafeln der Schiffsleute in der Nähe des Heiligen Herzens.” Meine Mutter solle mich aufmuntern und mich wieder zur Kinderkrippe bringen.

Es gab eine grosse Anzahl von Votivtafeln, welche die Schiffer selbst gemalt hatten beziehungsweise hatten malen lassen, aus Dankbarkeit, heil und gesund vom Fischfang wieder heimgekommen zu seien. Sie waren einfach gemalt, quasi kindlich, dabei aber sprechend und sehr bunt: Männer, ins Meer geschleudert, in haushohen Wellen schwimmend, finstere Himmel, von Blitzen durchkreuzt, gekenterte Boote, die ihnen von der Wut des Meeres entrissen waren, Verletzte, die gegen das Ertrinken kämpften. Mit diesen Darstellungen bezeugten sie das Wunder ihrer Errettung.

Es waren eindrucksvolle Darstellungen ihres schweren Lebens, vom Wind geblähte Segel und unendlich viel Wasser, die Fischer immer im Kampf mit schlechtem und wüstem Wetter; ihre schweigsame Art es zu ertragen war in dem lapidaren Satz zusammengefasst: „Schlechte Nacht und wenig Fische.“ Das Meer war unendlich fischreich, aber die Mühsal gross.

Nach der Besprechung mit Schwester Elena beschlossen die Meinen, mich einstweilen zu Hause zu lassen, es weihnachtete und ich konnte Grossmutter bei den Vorbereitungen helfen.

 

Weihnachten am Hafen

Weihnachtsfeste und Schnee, viel Schnee, die ganze Verwandtschaft im Hause, und Festessen mit den traditionellen Gerichten der Marken. Am heiligen Abend Kichererbsensuppe, gebratenen Aal mit Gemüsebeilagen in Sosse, Kranzkuchen. Zuletzt der von meinem Vater bereitete Orangenpunsch. Dieser war ein Ritus für uns alle, die wir im Kreis um den Herd standen, an welchem Papa seine Spezialität mit Orangenschalen, Zimt und Nelken vorbereitete, um dann mit der Herdflamme einen heissen Punsch daraus zu machen.

Damals gab es weder den Christbaum noch den Weihnachtsmann, sondern nur die Krippe und die Tombola vor der Mitternachtsmesse. Danach gingen wir alle hinaus ins Freie. Die engen Strassen waren von Schneehaufen gesäumt. Es gab damals immer viel Schnee, und ich erinnere das Geräusch der Schneeschaufeln. Noch heute genügt dieses Geräusch, um mich ans Fenster zu locken und nachzuschauen, ob wohl Schnee gefallen sei.

Die gesungene Mitternachtsmesse war stets von der Nörgelei meines Vaters begleitet, der nur 2 Mal im Jahr zur Kirche ging, nämlich zu Weihnachten und zu Ostern, und dem ich die Christmesse verdarb, nachdem Don Secondo mich in den Chor aufgenommen hatte. „Das hat er wirklich gut gemacht, ausgerechnet dich in den Chor zu nehmen. Du bist die erste, die anfängt zu singen und die letzte, die aufhört und ausserdem total unmusikalisch. Wenn ich nur deine Stimme höre, wird mir elend!”

Die Männer gingen nicht zur Messe, nach Meinung unserer Grossmutter aus Angst, ihre Manneswürde könne dabei Einbussen erleiden. „Es genügt, wenn ihr geht”, sagte mein Vater, „denn ihr glaubt ja alles, was sie euch dort erzählen.”

Am Weihnachtstag war dann das eigentliche Festmahl. Echte Rinderbrühe, Masthähnchen und Pute, Gesottenes mit Beilagen, frisches Obst und zum Schluss eine Scheibe vom Panettone Motta. Mein Vater verzichtete auf seine Scheibe und legte sie mir auf den Teller, die ich schon darauf lauerte. „Aber iss doch du sie”, sagte meine Mutter, „Panettone gibt es nur einmal im Jahr, und du magst ihn doch auch!” „Aber sie ist die Kleinste und ganz ausgehungert, schau doch ihre Augen”, sagte mein Vater.

Am letzten Tag des Jahres gab es ein Linsengericht, im Anschluss an die in Zusammenarbeit der ganzen Familie hausgemachte Lasagne. Danach beschlossen wir das Fest mit Tombola-Spielen mit den Verwandten und Freunden.

Nachts erwartete uns ein kaltes Schlafzimmer, denn die Fenster vermochten nicht den Eishauch der „Bora”, des Nordwinds, abzuhalten und die Dächer trugen nur mit Mühe die Last des vielen Schnees, der reichlich vom Himmel fiel. Sogar das Töpfchen unterm Bett war morgens eingefroren. Wir hatten rote Nasen und Atemwölkchen vorm Mund, und so waren wir sehr auf die heisse Bettflasche aus Metall oder Terrakotta erpicht, in welche glühende Holzkohle aus dem Grill gefüllt wurde. In der Küche brannte stets der Kamin und im Esszimmer wurde der Kachelofen geheizt.

Wie könnte ich je die Schwelgereien mit den mostcremegefüllten Krapfen vergessen? Immer gelang es mir, Grossmutter Mariettas Versteck ausfindig zu machen, in dem sie in grosse Tücher aus groben Leinen gewickelt aufbewahrt wurden. Es half auch nicht, den Speisekammerschlüssel zu verstecken, denn ich fand ihn, und einmal schlug ich mir derartig den Magen voll, dass ich davon ein fürchterliches Grimmen bekam.

Grossmutter berichtete an der versammelten Tafel von meinem abnormen Verhalten und pflegte anzumerken: ”Diese, eure jüngste Tochter, ist ein Unhold, und heute ist ihr schlecht, weil sie sich mit den Most-Krapfen den Magen überladen hat.” In der Tat jammerte ich die ganze Nacht: „Grossmutter ruft eure Heiligen an, denn ich muss sterben.” „Nein, mein Töchterchen, du stirbst nicht, morgen gebe ich dir einen ordentlichen Becher Rizinusöl, so einen, wie ihn die Faschisten zu trinken geben, und du wirst sehen, dass du wieder gesund wirst. Von da an war die Jagd nach den Krapfen definitiv vorbei.

„Grossmutter, erzählt mir vom Grossvater.”

„Dein Grossvater ist viel zur See gefahren. Mit dem Schiff seines Vaters fuhren sie von Triest bis nach Tunesien alle Küsten entlang, um Gewürze für ihren Handel einzukaufen. Dein Grossvater war ein ruheloser Mensch und ging sogar zum Militär, um mit der Truppe in den Krieg von Adua zu ziehen.” Kaum verheiratet, lockte ihn wieder die See, und er fuhr zusammen mit vielen Freunden von Senigallia nach Argentinien. Zu ihrem Pech gerieten sie dort sogleich in eine verheerende Heuschreckenplage, welche in kürzester Zeit die gesamte Ernte vernichtete, und so kehrten sie wieder nach Hause zurück. Um die Rückreise bezahlen zu können, verdingte er sich, zusammen mit seinem engsten Freund, als Kohlentrimmer auf einem Dampfer. Die Reise brauchte ihre Zeit, und das ständige Öffnen des Heizkessels, um Kohlen hineinzuschaufeln, hatte Folgen, welche die Heimkehr der beiden jungen Abenteurer zu einem Spektakel werden liess.

Marietta, die zum Empfang ihres Mannes nach Genua gefahren war, tröstete sich folgendermassen: ”Nun ja, sie haben ihr Glück nicht gemacht, aber mein Emilio hat die Zeit zwischen Wasser und Himmel überlebt.” Aber es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre auf der Kaimauer in Ohnmacht gefallen, als sie 2 Männer das Fallreep hinunterkommen sah. Auf den ersten Blick glaubte sie, zwei Neger zu sehen, aber dann sah sie in zwei aufgerissene, blaue Augen und erkannte ihren Mann. „2 Skelette, rotgebrannt und kahlköpfig”, wie sie sagte „im gegrillten Zustand.” Brust und Arme kohlschwarz und mit Bläschen übersät, um die Augen weder Augenbrauen noch Wimpern. Zu alledem war der Freund von einer jungen, langhaarigen Argentinierin in grellbuntem Kleidchen begleitet, die sich an ihn drückte. „Und wer ist das?” fragte meine Grossmutter, und der Grossvater sagte schnell beiseite: ”Das ist seine Verlobte.” „Seine Verlobte?, aber er hat Familie, Frau und Kinder!” Und der Freund wandte sich mit Tränen in den Augen an meine Grossmutter: ”Marietta, ich bitte Sie, sie ist mir gefolgt, hat ihre Reise selbst bezahlt; ich merkte es erst, als wir eingeschifft wurden, und was soll ich jetzt machen?”

„Und was sagte Grossvater?” wollte ich wissen. „Er war ganz still, der Tor, und ich liess mich erweichen, habe Juanita, die Argentinierin, als Hausmädchen zu meinen Eltern gebracht.” „Und dann, Grossmutter?” „Der Freund ist aus Angst vor dem Skandal wieder ausgewandert, dein Grossvater blieb hier und arbeitete mit seinem Vater zusammen. Juanita wurde das Kindermädchen für deine Mutter und ihre Schwester, deine Tante.” „Und dann?” „Dann sang sie süsse Schlafliedchen aus ihrer Heimat und kehrte dorthin zurück, als wir das Geld für ihre Heimreise zusammenbringen konnten.”

Die Schlafliedchen von „Juanita l’argentina” wurden später auch mir und meiner Schwester am Bettchen abends zum Einschlafen gesungen, während Juanita mit ihrer unglücklichen Liebe schon lange weit, weit weg war. Was musste das doch für eine mächtige Liebe gewesen sein, die sie aus ihrer Heimat und über den Ozean getrieben hatte, und das für einen Mann, der sein ganzes Leben hindurch nie mehr ihren Namen erwähnt hat. Juanita l’argentina war in ihm vollständig ausgetilgt.

„Ich weiss noch Schlaflieder von Juanita, Grossmutter!” „Ach ja, weisst du auch, wie du gebettelt und mich bedrängt hast, sie dir zu singen, bis ich keine Stimme mehr hatte? Deine Schwester schlief längst, aber du −, gottseidank ist es nun vorbei mit den Schlafliedern.”

Manchmal fragte ich sie auch nach dem Urgrossvater, der, wie auch Grossvater Emilio, sich auf dem Meer besser auskannte, als auf dem Festland. „Wie oft ist er über die Adria gefahren, Grossmutter?” „Dein Urgrossvater war auf seiner ständigen Suche nach Gewürzen und Neuheiten mehr draussen, als zu Hause, aber ich glaube, er war auch verlobt dort drüben“, beendete meine Grossmutter ihre Erzählungen.

Beim Kochen wollte sie mich immer um sich haben und sagte mir alle Namen der Fische, die sie zubereitete. Und so hatte ich bald gelernt, dass es nicht einfach ist, die pannocchie in die Hand zu nehmen, ohne sich zu stechen, und dass die Seezungen sich mit Schlägen ihres platten Schwanzes wehren und dass die Dorsche zappeln. „Wo gibt es wohl so frische Fische, wie bei uns, meine Kleine?” Sie hiessen rombo und orata, l’occhio largo, calamaro, testa grossa und die parazzola zum Grillen und andere mehr.

Wenn die „bora” blies und heulte, dass die Fenster knackten und die Dachziegel schepperten meinte Grossmutter Marietta:” Wenn kein Windhauch geht, ist das Meer heiter, aber man kann ihm nie trauen, es fordert in jedem Jahr seine Opfer. Man muss es gut verstehen, seine Sprache, seinen Geruch und seine Stimmungen kennen. Tief unten ist Ruhe, aber an der Oberfläche ist es immer bereit, wild zu werden. Und beim letzten grossen Sturm, noch bevor du geboren wurdest, kehrten viele Seeleute nicht nach Hause zurück, obwohl sie ihr Meer doch so gut kannten.” „Aber sie konnten doch alle schwimmen, Grossmutter, warum sind sie nicht zurückgekehrt?” „Weil sie ertrunken sind, sie sind zurückgekehrt, aber tot.”

„Was ist denn der Tod, Grossmutter?” „Das ist eine Art von Schlaf, tiefster Schlaf.” „Und dann?” „Dann erwacht man und wird wiedergeboren. Aber du bist ein Kind, und Kinder sterben nicht.” „Aber meine Spielfreundin ist tot. Und sie ist noch nicht wiedergeboren.” „Dann ist sie eben noch nicht gerufen worden, vielleicht ein Fehler. Zur Wiedergeburt braucht es manchmal Zeit. Aber hast du denn heute nichts zum Spielen?” „Ich wollte doch nur wissen, ob man im gleichen Haus wiedergeboren wird und alles wiederfindet, uns alle, das wollte ich doch gern wissen.” „Ja, man findet gewiss alle wieder, da bin ich mir ganz sicher; ob man dabei das Haus wechselt, das ist doch nicht wichtig, findest du nicht auch?” „Na gut, ich bin mit dem Tod einverstanden”, meinte ich, „auch die Seeleute werden in ihren Häusern wiedergeboren.”

Die Fischerfamilien, welche im Hafenbezirk wohnten, das waren die Portavia, die Pasquali, Morandi, Fattorini, Bocconi und Rinaldi. Wenn die Fischer heimkehrten − wir alle vom Hafenbezirk, wir hörten sie, bevor sie an der Strassenbiegung auftauchten; wir hörten im Sommer ihre Holzschuhe auf dem Pflaster klappern. Und jeder von ihnen trug, ausser dem unentbehrlichen Korb mit Fischen, baumelnd in einer Zange einen grossen, roten Krebs, der zappelnd und sich verzweifelt windend ins Meer zurück wollte, den aber statt dessen ein Topf mit kochendem Wasser erwartete, in dem er eine rosa Farbe annahm. „Der Krebs”, sagten sie, „ist besser und geschmackvoller als die Languste.”

Wenn der Geruch von gebratenem und gegrilltem Fisch sich durch unsere Strassen zog, wussten wir, dass die Kutter heimgekehrt waren, und dass der Fang zufriedenstellend ausgefallen war.

Ausser den Namen der verschiedenen Fische lernte ich auch die der Winde und ihre Eigenart: den „maestrale”, die „bora”, den „garbino”. In meiner Kindheit gab es hier und dort am Strand Dünen, mit einem grünen Bewuchs von verschiedenen Pflänzchen. Sie hiessen Dachsbart, Meeresselene, Rapunzel, Mäuseschwanz oder die „zagonette”, die wie eine Seidenraupe aussah, dunkelbraun und mit Stacheln besetzt. Wenn wir in den Dünen Verstecken spielten und barfuss auf die „zagonette” traten, liessen sie ihre schmerzhaften Stacheln in unserer Haut zurück. Sie schmerzten wie die Stacheln vom Petermännchen-Fisch. Wenn sich die grossen, schönen Blüten der Rapunzelblume öffneten, machten sie ein Geräusch wie ein schmatzender Kuss. Das Herumtoben am Strand war voll von immer neuen Eindrücken. Wir waren wie trunken von Meer und Sonne, und nichts entging uns von dem, was die Natur uns bot: wir verfolgten auch die Spuren des Rhinozeros-Skarabäus, der seine Kotkugel zu seiner Höhle rollte. Natürlich war er für uns nicht der Rhinozeros-Skarabäus, sondern unser Freund „rotolamerda” (Scheisseroller).

Der Strand meiner Kindheit lebt unversehrt in meinem Gedächtnis, so dass ich die Wärme des feinen Sandes in meinen Händen fühle. „Nonna, der Wind heult so, ich hab Angst.” „Aber nein, du musst versuchen, ihn zu verstehen, dann fürchtest du ihn nicht mehr, und früher oder später kommt die Flaute, die Windstille, sei nur ruhig.”

Marietta war es zufrieden, wenn ich mit den Fischerkindern spielte, aber sie liess mich nie aus den Augen, wohl wissend, dass ich nur zu gern zum Meer ausrückte, um auf Giorgios Boot zu turnen, wenn es im Hafen lag. Ich lernte auch, Fischernetze zu machen, Diddi und Rolanda waren meine Lehrmeister, die stundenlang damit beschäftigt waren, Meter und Meter von Netzen zu knüpfen. Unter ihren Händen entstanden wunderbare Netze mit vollkommen gleichmässigen Maschen, wie Klöppelspitzen. Wenn diese dann, bevor sie ins Meer kamen, gewaschen und zum Trocknen auf gespannte Leinen gehängt wurden, glitzerten die in den Maschen hängenden Wassertropfen in der Sonne wie Diamanten.

Das Anfertigen der Netze geschah auf dem kleinen Platz, wo wir Kinder spielten, und wenn wir uns müde daneben setzten, hob und senkte der Wind sie wie Theatervorhänge. Dann assen wir in der Sonne gedörrte Melonenscheiben, Johannisbrot, Lupinen- und Kürbissamen. Im Herbst assen wir Brombeeren, die kleinen, grünen Hütchen, die in den Hecken wuchsen und die Samen aus im Feuer gegrillten Maiskolben. Jede Jahreszeit beschenkte uns mit ihren Früchten.

Die grün-golden glänzenden Käfer, die sich von Rosenblättern ernähren, waren unsere Flieger, die wir „zizze” nannten. Wir banden sie unterhalb ihrer Flügel an einen langen Faden und liessen sie fliegen. Sie flogen hoch und um uns herum, bis sie müde wieder zur Erde zurückkehrten. Dann setzten wir sie in eine Schachtel mit vielen Löchern, in welcher wir ihnen ein Bettchen aus Rosenblättern bereitet hatten. Die Rosenkäfer wurden von den Gewürzhändlern auf dem Markt verkauft und kosteten jeweils einen soldo (zirka 5 Cent). Jeder von uns war glücklicher Besitzer einer „zizza”.

 

Epifania

Zum Dreikönigsfest war es jedes Jahr an Onkel Joseph, der mit der Schwester meiner Mutter verheiratet war, sich als Befana zu verkleiden. Als Maurermeister verstand er es vorzüglich, auf den Dächern herumzusteigen. Am Schornstein angekommen, nahm er eine Pappröhre als Megaphon und redete zu uns Mädchen, die wir am Kamin sassen und ängstlich seine Stimme erwarteten. Die Stimme aus dem Kamin setzte uns in höchste Erregung, glaubten wir doch, die Befana sei auf unserem Dach.

Wir hielten uns an den Händen, Anna und ich, während wir das Klappern der Dachziegel hörten, das die Ankunft der alten Hexe ankündigte. Und dann vernahmen wir die Bärenstimme, um so rauer und krächzender, als Onkel Sepp ein eingefleischter Raucher war, und ausserdem verstellt, um nicht von uns erkannt zu werden, klang sie am Ende wie von einem asthmatischen Ungeheuer. „Seid ihr auch brav gewesen?” fragte die Befana. „Ja”, sagten wir wie aus einem Munde. „Du, Anna in der Schule, und du Wilma im Kindergarten, seid ihr wirklich brav gewesen??” „Ja.” „Sprecht ein Ave Maria und ein Vaterunser!” Und während die arme Befana oben wie ein Blasebalg schnaufte, verrichteten wir unsere Gebetchen.

Wenn der Onkel mit Räuspern und Husten aufgehört hatte, schwebte etwas den Kamin herab, ein wundersames Weidenkörbchen mit unserer Bescherung, der „befana”: Ein Tuschkasten mit Giotto-Farben, ein Federwischer, orange-grün, ein Tintenfass mit Ständer aus Bakelit, ein Federhalter mit Federn, davon eine mit quadratischer Spitze für Schönschrift.

Nach diesen notwendigen Utensilien kam das Spielzeug: eine Flickenpuppe mit Papiermachékopf und eine kleine Eisenbahn aus rosa Zelluloid. Für Anna ein grosser Schmetterling aus bunt bemaltem Blech auf einem Brettchen mit 2 Rädern welches mittels eines Stockes geschoben wurde. Dann öffnete und schloss er die Flügel, als flöge er und sprühte Funken in allen Farben. „Die Funken macht der Feuerstein, der sich am Boden reibt”, erklärte mein Vater. Der Schmetterling war unvergesslich schön.

Auf dem Boden des Korbes fanden wir schliesslich 2 Mandarinen, vier getrocknete Feigen und das unvermeidliche Stückchen Kohle. Die kleine Eisenbahn und der funkensprühende Schmetterling haben sich traumhaft in meinem Gedächtnis verankert.

Ein eigenes Haus zu besitzen war für die Bewohner des Hafenviertels gleichbedeutend mit Reichtum; unser Haus in der Via Narente war auf den alten Stadtmauern gebaut: ein zweistöckiges Haus mit Treppen und Treppengeländern aus Holz, das ein gewisses, herrschaftliches Flair hatte, schon weil auf der Eingangstreppe eine grosse Marmorskulptur stand, welche Judith darstellte, die dem Holofernes den abgeschlagenen Kopf darreichte. Ehrlich gesagt war mir dieser Kopf, an dem ich immer vorbeikam nicht sympathisch, aber Judith in ihrem langen Faltengewand und dem freimütig lächelnden Gesicht machte mich den Hauseingang lieben.

Eigentlich fehlte es uns an nichts, und ausser dem Notwendigen brauchte man nicht viel. Die Eltern gingen zur Arbeit, und die Grossmutter, wie alle Grossmütter, war ständig beschäftigt. Die Grossmutter war der Mittelpunkt der Familie, man hörte auf die Alten und respektierte sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten, an denen alle um den Tisch versammelt waren. Die Frauen flickten und reparierten die Sachen zum Anziehen, welche von den Grösseren auf die Kleineren übergingen. Das galt auch für die Schuhe, die Bücher und anderen Sachen. Abends sassen Mütter und Grossmütter bis Mitternacht beim Stricken von langen Unterhosen für die Männer, Unterhemden, Kinderleibchen und Socken für die Fischer aus doppelten Fäden von Naturwolle, die warm, aber auch sehr rau waren.

Im Sommer waren es weisse Baumwollsöckchen für die Kinder, die sie so geschwind stricken konnten, dass sie diese in einer wachen Nachtstunde anfangen und beenden konnten. Unsere hochverehrten, unvergesslichen Grossmütter „vervierfachten sich”, wie man sagte, um mit vier Groschen, die nie reichten, die Tafel für eine zahlreiche Familie zu decken.

Draussen vorm Haus, neben den Eingangsstufen, standen immer grosse Holzbütten mit Wäsche. Die Frauen klagten nie; über den Holztisch beim Bottich gebeugt, wuschen sie Stunde um Stunde Wäsche mit Seife und Wurzelbürste. Nachdem alles von Hand gewaschen war, wurde die grosse Wäsche gespült und gebleicht, indem Kübel mit kochendem Wasser durch ein über den Bottich gespanntes Tuch mit Holzasche gegossen wurden. „Heute machen wir die „ranna” und bleichen die Wäsche”, so hiess es.

Als die düsteren Kriegszeiten mit ihren Einschränkungen näher kamen, begannen wir auch mit dem Färben von Kleidung, besonders Mänteln. Die Frauen, und nicht nur die vom Hafen, lösten in grossen Kupferkesseln mit kochendem Wasser Farbpulver „Super Iride” der gewünschten Farbe, in welchen dann die Kleidungsstücke ständig gerührt wurden, damit sie nicht scheckig wurden.

Aus den Erzählungen von Grossmutter Marietta wusste ich auch von dem Papagei der Urgrossmutter Antonia. Er stand mit seinem Käfig am Fenster, das auf die Via Carducci sah. Wenn die Kinder aus der Schule kamen, blieben sie stehen um ihn zu ärgern, und deshalb schrie er los, sobald er die Kinder nur von weitem sah:” Antonia, Antonia, sie kommen, sie kommen!”

Das Äffchen Moretta, welches von einer der vielen Reisen aus Afrika mitgekommen war, beobachtete immer alle Bewegungen meines Urgrossvaters und äffte sie nach. So hatte er einmal bewundernd beim Rasieren zugesehen, und kaum hatte Urgrossvater Pietro das Bad verlassen, sprang Moretta hinein nahm das Rasiermesser und hantierte damit, wie er es gesehen hatte. Beim ersten Mal schnitt er sich in Maul und Nase, was aber noch mit Verpflastern abging, aber beim zweiten Male schnitt er sich unglücklich die Kehle durch. „Das war sein Ende”, kommentierte Marietta, und dir sag ich, fass das Rasiermesser nicht an, es springt dir von allein an die Kehle und schneidet sie dir durch!”

 

Die Tante Irma

Man zog mir ein rot-weiss-kariertes Blüschen mit einem Pikée-Kragen an, und in meiner ersten Mappe aus brauner Vulkanfiber waren ein Heft und Schreibstifte. Mit einer grossen Tasse Milch musste ich einen Löffel übel riechenden Dorschlebertrans schlucken, und bevor ich noch Anstalten machen konnte, alles wieder auszuspucken, schob man mir eine Apfelsinenscheibe in den Mund.

Als meine Mutter mich zur Schule begleitete, sang sie ein Lied, das die Soldaten sangen, als sie in den Krieg 1915-1918 zogen:

„Am Morgen des 5. August − zogen die italienischen Truppen – nach Gorizia im fernen Land – und wurden dort alle niedergemetzelt. − Oh ihr Feiglinge − die ihr hier mit euren Frauen in den weichen Betten liegt – die ihr so unmenschlich seid – und sie zum Kämpfen in diesen Krieg geschickt habt! − Aber kaum, dass es Frieden wird – werden wir euch versteckt in den Wäldern aufspüren – und werden euch den Dolch ins Herz stossen. – „

„Mamma, was ist das, ein Dolch?” „Eine Blume, eine Chrysantheme, denn wo ein Dolch ist, kommt immer ein Toter dabei heraus”, sagte sie.

Inzwischen brach der Krieg in Spanien aus, dann in Ost-Afrika, um das Kaiserreich zu erobern. Der Faschismus blühte auf und immer mehr Italiener wurden Faschisten.

Als ich grösser wurde, trug ich die Sachen meiner Schwester aus. Auf dem kleinen Platz am Hafen spielten an Sommernachmittagen die Fischerfrauen Karten. Sie sassen im Kreis auf Binsenstühlen und hatten die Holzplatte auf ihren Knien, die sie sonst zum Wäsche waschen benutzten. Sonntags diente sie ihnen als Spieltisch. In ihrem Sonntagsstaat sahen sie so würdig aus, als sässen sie im Salon, aber ihre derben Stimmen mit dem drastischen Dialekt schallten den ganzen Nachmittag bis zum Sonnenuntergang durch das Revier.

Die Männer tranken ihr Gläschen Wein in einer der Kneipen, mein Vater ging zum Rommée-Spielen ins Café Pizzi und wir gingen mit Mutter und Grossmutter, unsere Verwandten besuchen. Ich fand es aber interessanter, auf dem Platz zu bleiben, auf dem so viele Menschen waren. Solche, die politisierten, vorzugsweise Anarchisten, verschwanden heimlich in einem unserer Magazine, welches wir weniger als Mietobjekt, sondern mehr für solche Gäste offen hielten: Die mir bekannten Anarchisten aus Senigallia waren meist Fischersöhne, brave Leute, die sich als Atheisten und Priesterhasser gebärdeten, schon allein, weil ihre Mütter streng katholische Kirchgänger waren. „Portolotti veri e ne siamo fieri”, sangen sie („echte Hafenleute sind wir, und wir sind stolz darauf“), oder: „Wir erstürmen Thron und Altar für das Ideal der freien Anarchie”, oder: „Ade du schönes Lugano, du mein geliebtes Land, uns Anarchisten jagt man davon, und die Schuldigen sind doch nicht wir.”

Einmal sprach mich ein alter, vor seinem Hause sitzender Anarchist an, als ich sonntags in die Messe ging: „Gehst du zur Messe, Kindchen?” „Ja”, sagte ich. „Wenn dieser arbeitsscheue, schwarze Mauersegler dich fragt, wo du nachts im Bett deine Hände hast, dann sag ihm, sie wären an deinen Armen angewachsen”, grunzte er und lachte. Ich begriff nicht, was er da sagte, nahm die Beine in die Hand und sah zu, dass ich wegkam.

„Wilma”, empfahl mir Grossmutter Marietta, „geh den Anarchisten aus dem Wege, denn wenn die bagarozzi da rüber kommen, kann es schlimm ausgehen.” Die „bagarozzi” (Kakerlaken): Sso nannten wir die unbeliebten Faschisten wegen ihrer schwarzen Uniformen. Ich rannte fort zum Spielen und sang aus vollem Halse: ”Ade du schönes Lugano, du mein geliebtes Land ...!”

Das „Mandelspiel” begeisterte mich, bei dem ein geworfener, flacher Stein die in Abständen in die Erde gesteckten Mandeln treffen musste, und der dazugehörige, leidenschaftliche Ausruf war eine Beschwörungsformel. Auch hatte ich einen versteckten Schatz, den nur die Herzensfreundin zu sehen bekam. Ich versteckte ihn unter einem Baum oder neben dem Regenrohr in einem Loch: eine Handvoll Korallen, eine Murmel, ein verblühtes Blümchen, alles sorgsam in Silberpapier eingewickelt. Wir machten uns Fingerringe aus Pfirsichkernen, die wir so lange auf Steinen rieben, bis ein Ring übrigblieb, den wir dann anmalten. Viel Aufwand für einen Fingerring!

Die Jungs sassen oft bei uns und bastelten sich ihre Spielsachen. Sie fertigten sich Funkerhauben mit Deckeln von Schuhcremeschachteln als Hörmuscheln oder sie bauten Panzer aus hölzernen Garnrollen mit Gummiband und Führungshölzchen, die sich langsam über Unebenheiten hinweg bewegten und sich unprogrammässig überschlugen.

Im Sommer begleitete unser Vater uns beiden Mädchen zum Haus von Tante Irma am nördlichen Strand, wo wir einen grossen Teil der Sommermonate verbrachten. Es war das Haus von Grossvater Settimio, und Tante Irma war eine lebhafte Frau mit den blauen Augen meines Vaters. Wir waren den ganzen Tag im Wasser und am Strand, zusammen mit unseren Vettern und Cousinen.

Tante Irma hatte über dem Kopfteil ihres grossen Ehebettes das Jagdgewehr ihres seligen Mannes aufgehängt, welches mich ängstigte, wie alle verletzenden Waffen. Das Haus lag direkt am Strand, und so konnten wir den ganzen Tag im Badeanzug herumlaufen. Grossvater Settimio hatte uns ein schönes Ruderboot mit blau-weissen Rudern geschenkt. Wir waren alle gute Schwimmer und schwammen hinaus bis zur 4. Sandbank. Am Ende des Sommers waren wir braun, wie die Negerlein. „Ihr kommt mir vor wie die ‚tizzi‘, „sagte sie. So nannte man die im Kamin angekohlten Hölzer.

Tante Irma war stolz darauf, dass wir kleinen Wildlinge ihr gut gehorchten. „Ihr Glücklichen”, sagte sie, „die ihr halbnackt herumlaufen könnt. Zu meiner Zeit durften wir nicht einmal ein Bein entblössen. Könnt ihr euch vorstellen, dass mein Mann, als er mich heiratete, nicht einmal meine Beine gesehen hat? Ich hatte ein hübsches Gesicht und ein gutes Benehmen. Man trug lange Kleider, und ich hatte krumme Beine, wie ihr ja seht. Und so sah mich mein Seliger (und sie hob die Augen zum Himmel), zum ersten Mal in der Hochzeitsnacht. Ich kann euch gar nicht sagen, wie enttäuscht er war. Er war so enttäuscht, dass er mich nicht einmal streicheln mochte. Heute ist es besser, viel besser, die heutige Kleidung verbirgt nichts.”

Das Badezeug war wirklich eine Art Prüfstein, an dem etliche unserer schmachtenden Bewunderer scheiterten. Es genügte, sich im Badezeug am Strand zu treffen, um manchen Verehrer sogleich durchfallen zu lassen.

Ach, die vielen Ballspiele, und die grossen, leckeren hausgemachten Nudelportionen! Blätterteigstücke ohne Ende, welche Tante Irma und die Stella produzierten. Stella, unser Mädchen für alles durch so viele Jahre, hatte grüne Augen, einen mächtigen Busen und einen Hintern, so sagte Grossvater, wie eine Mandoline. Es war eine Lustbarkeit, zu der wir uns in der Küche versammelten, wir Mädchen, Grossvater und Onkel Severino, mein Vater und Gastone, wenn Stella Blätterteig machte. Sie knetete den Teig abwechselnd mit dem rechten und dem linken Handteller, wobei sie rhythmisch die rechte und die linke Hinterbacke hob und senkte. Und die Herren stritten sich um den Platz hinter ihr, um dieses Schauspiel zu bewundern. Bei dem dann folgenden Ausrollen mit dem Nudelholz beugte und streckte sie rhythmisch die Arme, und es vollzog sich ein weiterer Platzwechsel der Zuschauer, um sich nicht die mächtig wogenden Bewegungen ihres Busens entgehen zu lassen. Und das war wohl der Hauptgrund dafür, dass Grossvater mindestens 2 Mal die Woche nach Blätterteig verlangte.

Wir Kleineren hatten uns hinterm Haus ein Indianercamp mit 2 oder 3 Zelten und einem Totempfahl gebaut, welchen Francesco angemalt hatte. Er war seinerzeit der bei weitem beste Maler und Zeichner unter uns. Rund um das Camp waren ein Zaun und ein heiliger Erdkreis, ein Tabú, den kein Lebewesen betreten durfte. Alle Insekten wurden sogleich enthauptet und ihre Überreste in Tante Irmas Weingarten beerdigt. Personen, die den Streifen betraten, mussten wir wohl oder übel ziehen lassen.

Wir tanzten den Regentanz, und bevor das Insekt geopfert wurde, riefen wir Manitú an. Als wir damit begannen, die Hühner zu opfern, wurde dies entdeckt, denn Dik, Grossvaters Hund, ein Irish Setter, grub sie wieder aus, brachte sie ins Haus und legte sie Tante Irma vor die Füsse. Dik bekam die Schuld und wurde zur Strafe an die Kette gelegt. Als wir aber Tante Irmas geliebten Hahn köpften, der sich mit grosser Aktivität um seine Hühner kümmerte, kam endlich unser Indianerspiel als die wahre Ursache des Hühnersterbens heraus.

Stella lehrte mich die Namen der wilden Tiere. Sie blätterte in einer Enzyklopädie und sagte in ihrem Dialekt: „Dies ist ein Orangutangu, und das ein Liofant, der mit der Nase trinkt. Siehst du seine Füsse? Wenn der auf dich tritt, bist du eine piadina. Das ist der Tiger, das der Lepardo und dies die Boa.” Und ich Grundschülerin begriff alsbald, dass sie weder lesen, noch schreiben konnte.

Aber Stella ist mir gegenwärtig geblieben, und ich sehe noch ihren grossen, vom ewigen Wäsche waschen deformierten Finger vor mir. Jeden Morgen eilte sie mit Karrenladungen voll Wäsche zum Brunnen. Ich höre noch ihre Stimme, die im Dialekt zu mir sagt: „Sieh mal, dieses ist der Löwe, der Löwe ist zu gar nichts nütze, er frisst Christenmenschen, ohne sie auch nur zu kochen.”

Sie erzählte auch von den Mauerkobolden, klein wie Zwerge und sehr frech, die sich nicht sehen lassen, aber nachts an die Kommoden und die Betthäupter pochen. Und es gab den Nachtmahr, der einen im ersten Schlaf quält, besonders wenn man zuviel gegessen oder genascht hatte. Man kann dann nicht wach werden und sich nicht rühren oder schreien, und man schwitzt erbärmlich. Ich wollte mich bewegen und aufwachen, aber die Beine waren schwer wie Blei, ich sank in ein unendlich tiefes, schwarzes Loch mit unheimlichen Gespenstern. Da gelang es mir endlich, in Todesangst wach zu werden, mich im Bett auf zu setzen und zu schreien. Die Tante und Stella kamen angerannt: „Morgen isst du mal nicht so viel, es ist nichts Schlimmes, und nun ist es ja auch schon vorbei und du schläfst wieder − das ist der Nachtmahr, der besucht die Kinder, die nicht ruhig sind und dicht am Meer leben.”

Eines Nachts im August waren die Älteren mit Tante Irma zur „Rotonda im Meer” gegangen, um beim grossen Militär-Ball zuzuschauen. Grossvater und Stella waren schon schlafen gegangen, aber Francesco und ich konnten nicht einschlafen. Es war sehr warm, und wir beschlossen, an den Strand zu gehen. Wir setzten uns auf unser Ruderboot, das auf den Strand hochgezogen war. Plötzlich sahen wir, wie von der Rotonda lauter bunte Ballons mit Lichtern darin aufstiegen und zu uns herüber schwebten. Sogleich schoben wir das Boot ins Wasser, um uns welche einzufangen. In unseren Pyjamas spürten wir die nächtliche Kühle - jeder Ballon, der ins Wasser fiel, erlosch und ging unter; wir ruderten so schnell wir konnten zu diesem und zum nächsten und wieder zum nächsten, der noch über dem Wasser schwebte. Dabei verschwand das Ufer in der Dunkelheit, und es verschwanden die Lichter, und bald wussten wir nicht mehr, wo wir waren, und wir hatten nicht einen einzigen Ballon gefangen.

An Land war inzwischen eine ungeheure Aufregung entstanden, denn man hatte uns nicht in unseren Betten gefunden. Grossvater, Tante, Vettern, Cousinen und Fischer mit Laternen. Als sie entdeckten, dass unser Boot fort war, schrie die Stella: „Sie sind tot, ertrunken, wie mein armer Mann!” Und während sich an Land Verzweiflung ausbreitete, waren wir schon querab von Cesano und trieben mit Wind und Strömung weiter in Richtung Fano. Die Fischer mit ihren Kuttern fanden uns endlich im Morgengrauen. Das allgemeine Glück uns unversehrt wieder zu haben, die man schon für immer verloren zu haben glaubte, war so gross, dass uns niemand Vorwürfe machte. Die Stella raunte uns ins Ohr, die Mauerkobolde hätten die ganze Nacht an unsere Betten geklopft.

So sehr ich auch das Meer liebte und mich mit seinen Launen auskannte, nun hatte ich die Unendlichkeit des tiefdunklen Wassers gesehen, die Nachtkälte und die Angst gespürt, nie wieder nach Hause zu kommen. Die Vorstellung, dass das Meer wild geworden wäre, liess mich einige Nächte keinen Schlaf finden. Um uns war eine Mauer des Schweigens, und vorwurfsvolle Blicke trafen und überraschten uns immer wieder wie Feuerstrahlen. Grossvater zog unsere Ruder ein und erklärte den Sommer für beendet.

 

Mein Grossvater

Zu meinem Grossvater, dem Vater meines Vaters hatte ich eigentlich kein besonders vertrautes Verhältnis, aber in diesem Sommer suchte ich seine Nähe, schon um ihn wieder zu versöhnen. Im Sommer war er stets weiss gekleidet und trug einen Florentiner Strohhut auf dem Kopf. Statt einer Krawatte hatte er eine schwarze Seidenschleife auf seinem weissen Hemd. Die kirchenfromme Grossmutter sagte, der Grossvater Settimio sei ohne jeglichen Glauben. Er sass unter der weissen Sonnenmarkise, schaute aufs Meer und lachte selten.

Einmal sass ich still neben ihm, wollte aber seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen und begann schüchtern, zu dem grossen, ungläubigen Grossvater von der Seele zu sprechen. 8 Jahre alt war ich und erzählte ihm aus meinem Katechismus-Unterricht, dass wir alle eine grosse, göttliche Gabe besässen, nämlich eine Seele. „Eine Seele, Grossvater, hier, mitten in der Brust. Sie ist immer in uns, und wenn wir gut sind, verlässt sie uns nie. Grossvater, weisst Du, dass wir wiedergeboren werden, wenn wir gestorben sind? Weisst Du das, Grossvater?” Er liess mich reden, von der Seele und vom Tod, von der Finsternis und der Sünde, von der Auferstehung und der Süsse der Seele, die unser christliches Leben erfüllt. Er hatte sein Kinn auf die Krücke seines Stockes gestützt, sah mich an und hörte mir zu. Und da geschah es, dass sich unsere Blicke trafen, dass wir uns ansahen und dass er meiner Seele begegnete.

Der alte Grossvater hatte mich zur Kenntnis genommen, nie zuvor hatten wir allein und so nah beieinander am Meer gesessen, und es war, als hätte ihm ein Engel meine Seele offenbart. Dann sprach er: „Du bist nur 8 Jahre alt und hast das Glück, eine sehr gute Mutter zu haben und eine Grossmutter, eigentlich 2 Mütter. Beide sind sie bewundernswert, aber beide leben sie aufs Haar genau die Religion ihrer Grossmütter. Du bist ja erst 8 Jahre alt, du glaubst was man dir erzählt, du bringst die Dinge noch durcheinander, die Seele und das Gewissen. Aber wenn ich dir in die Augen sehe, glaube ich, dass du nach deinem Gewissen leben wirst, meinetwegen nenne es Seele . . . sei so gut, ruf mir mal Dik, ruf den Hund!” Dik war gerade damit beschäftigt, einen Krebs zu verfolgen, der dem Wasser zustrebte, aber er gehorchte dem Ruf, kam angerannt, setzte sich schwanzwedelnd dem Grossvater zu Füssen und sah ihn an. Im goldenen Widerschein der untergehenden Sonne glänzten seine hellbraunen Augen auch wie Gold. „Sieh Diks Augen an”, sagte Grossvater, „schau sie dir genau an.” Diks Gesicht drückte die lebhafte Erwartung irgendeiner Anrede, eines Befehls aus. „Sie sind sehr schön”, sagte ich, sah dem Grossvater ins Gesicht und bemerkte, dass auch seine Augen diese Farbe hatten. „Grossvater”, fragte ich, „darf ich sagen, dass Dik die gleiche Augenfarbe hat wie Ihr?” „Aber sicher darfst du das sagen, und jetzt darfst du mir auch noch sagen, ob Dik auch eine Seele hat.”

„Aber Grossvater, Dik ist doch nur ein Hund, und ich habe doch Menschen gemeint, die Kirche spricht nur von Menschen.” „Wer, die Pfarrer? Sag deinem Priester, dass mein Hund auch eine Seele hat.” Und alle beide sahen sie mich an, wobei ihre goldfarbigen Pupillen grösser zu werden schienen . . .

Wieder zu Hause, berichtete ich Grossmutter Marietta von meinem Gespräch mit dem Grossvater. Und die weise Grossmutter sprach: „Dik hat eine Seele? Dieser Priesterfresser von Grossvater, was kann der dir schon über die Seele erzählen. Vielleicht hat Dik neuerdings eine, weil er ihm seine geschenkt hat. Und der Hund hat Grossvater Settimio dafür seine Stimme geschenkt, und deshalb bellt er immer so, genau wie sein angebeteter Hund, wenn er über Religion nur spricht. Aber es könnte nicht schaden, wenn seine Stunde kommt, und er erinnert sich an manches liebe Gesicht, das er dann in den Schutz seiner wiedergefundenen Seele nimmt.”

Als der Grossvater alt und kränklich wurde, wollte er immer mit in unser Haus in der Via Narente genommen werden. Er stritt sich nicht mehr mit Marietta über die Religion, er war friedlich geworden und richtete sich, wie es das Alter mit sich bringt, nach den anderen. Er sass am Esszimmerfenster, das Kinn auf die Krücke seines Stockes gestützt. „Hier drinnen ist Frieden – sagte er – und man hört die Glocken der Hafenkirche. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter immer auf das Läuten wartete, um in die Messe zu gehen.” Als er zum letzten Male bei uns war, läuteten die Glocken lange; er rührte sich nicht vom Fenster, war abwesend und schien schon weit weg zu sein.

„Ist Grossvater krank, Grossmutter?” „Nein, mein Liebes, er ist nur sehr alt, und ich glaube, er hat seine Seele wiedergefunden.”

Die neuesten Schlager im Radio waren „Auf einem Weg im Walde”, und „Oh Donna Clara”, und im Kino Centrale zeigte man die Filme von Macario „Siehst du, wie du bist?” und „Angeklagter, antworten Sie!”

Unsere Spiele hatten sich gewandelt, wir machten jetzt Kriegsspiele. Wir bildeten 2 Gruppen, die Matrosen und die Flieger, und manchmal endete es mit blutigen Nasen. Ich kam oft totmüde nach Hause. Grossmutter kochte, und meine Mutter versuchte mir klarzumachen, dass man nicht nur zum Spielen auf der Welt sei. „Du bist so anders als deine Schwester, nie sieht man dich mit einer Puppe im Arm oder in einem Buch lesen. Deine Schwester liest, lernt, geht zu den Cousinen, aber du bist immer nur draussen auf dem Spielplatz. Jetzt prügelst du dich auch schon, wie die Jungen.”

Als ich Rad fahren lernte, wurde es noch schlimmer. Mit Abschürfungen an den Beinen und fliegenden Zöpfen, gehörte mir jetzt ganz Senigallia, vom Theater bis zur Rotonda, vom Sportplatz bis zum Hafen mit seinen Schiffen.

„Wo warst du denn nur, ich habe dich überall gesucht!” „Hier draussen vorm Haus, Grossmutter.” „Ach ja! Komm sofort rauf, du bist verschwitzt wie ein Pferd, heute Nachmittag bleibst du oben in deinem Dachboden.” 

 

Der Dachboden, meine Theaterbühne

Ein Dachboden war es, so gross, wie der ganze Grundriss des Hauses, mit einem Fenster zum Meer und einem zum Fluss Misa. Unterhalb des zum Meer gehenden Fensters, etwa 60 cm tiefer, war der Dachfirst des Nachbarhauses, noch etwas tiefer unser Küchenfenster. Wenn ich wusste, dass die Grossmutter nicht im Hause war, turnte ich aus dem Bodenfenster über den Dachfirst in das offen stehende Küchenfenster.

Meine Spiele auf dem Dachboden waren meine Leidenschaft. Ich vertrieb mir die Zeit damit, Personen aus Filmen oder Illustrierten darzustellen und kleidete mich in alte Kostüme oder gestickte Vorhänge. Vor alten, halbblinden Spiegeln mit Spinnweben konnte ich mich im Handumdrehen aus einer Prinzessin in eine Zigeunerin verwandeln. Meine Phantasie ging mit mir durch: aus Gordon Dales Frau wurde Jane, Tarzans Begleiterin, die an Stricken schaukelte, welche von den Dachbalken herunterhingen und Lianen darstellten. Oder ich war die bleiche, blonde Freundin von Cino und Franco, oder die Schöne des maskierten Edelmannes. Stunden und Stunden verbrachte ich dort oben zwischen alten Möbeln, Hinterlassenschaften von Personen, die es längst nicht mehr gab und verstaubten Gemälden bedeutender Persönlichkeiten.

Da waren ein Garibaldi, ein grübelnder Mazzini und die komplette Familie des Königs Vittorio Emanuele. Königin Margarete, über und über in Spitzen gekleidet mit üppigen Perlenketten um den Hals, ein winziges Kind neben sich, das übrigens auch als späterer König nicht wesentlich grösser wurde. Ein Bild von Papst Pius IX., ganz in Weiss gekleidet, mit segnender Gebärde einem alten, kaputten Schaukelpferd zulächelnd, das ihm gegenüber stand. In einer Ecke gab es eine alte Wiege und einen Heiligen Franziskus aus Holz ohne Arme, welche seinerzeit unter den Trümmern des grossen Erdbebens von 1930 nicht wieder gefunden wurden. „Armer Krüppel Francesco!” sagte meine Grossmutter.

Sie alle zusammen bildeten das Publikum für meine nachmittäglichen Darstellungen. Nie vergass ich, mich vor ihnen zu verneigen, sei es vor Beginn, oder am Ende meiner Vorstellungen, und ihnen mit einem Kopfnicken für ihren frenetischen Applaus zu danken.

Alle alten Koffer hatte ich durchstöbert, eine Quelle immer neuer Freude, wenn ich wieder etwas gefunden hatte. Eines Tages fand ich einen alten Frack. Mandrake! Nun war ich Mandrake. Ich machte mir die Haare nass, kämmte sie straff nach hinten und malte mir mit Kohle einen Backenbart. So stelzte ich hin und her, rezitierend und nach meinem Diener Lothar rufend, dem schwarzen, in Leopardenfelle gekleideten Hünen.

Über diesem Spiel meldete sich mein Magen mit dem plötzlichen Heisshunger, der Kinder befällt und sie veranlasst, augenblicklich ihr Spiel zu unterbrechen. Um keine Zeit mit dem Weg über die Treppe zu verlieren, turnte ich, als Mandrake verkleidet, über den Dachgiebel ins offenstehende Küchenfenster. Grossmutter Marietta war gerade dabei, am Küchentisch die Ausgaben in ihrem Büchlein zu addieren, als ich unvermutet hinter ihrem Rücken erschien. Es dauerte geraume Weile, bis sie sich soweit von ihrem Schrecken erholt hatte, dass sie Worte fand: „Himmel, da kommt sie über den Dachfirst, als ginge sie auf dem Corso spazieren, Jesus, Heilige Maria, Heiliger Pasquale Baylon, der Du von Delle Grazie kommst, Heilige Theresa des Jesukindes, Madonna von Carmine, ich muss es Euch sagen, meine Enkelin Wilma spaziert auf den Dächern herum wie die Katzen, und das Haus ist zweieinhalb Stockwerke hoch. Hat sie denn überhaupt nichts Vernünftiges im Kopf ausser dem Namen für die Fische oder für die Winde? Wie soll man das bestrafen? Dieses Jahr kommt sie nicht ans Meer zu Tante Irma, um Hühner zu köpfen und Columbus auf dem Meer zu spielen. Oh, Madonna von Loreto, sie kommt hier durch die Lüfte geflogen, wie Du. Bring mir schnell die Coramina-Tropfen, bevor mich der Schlag trifft.” Später kam auch der Doktor Mauri und machte ihr eine Kampfer-Injektion zum Stabilisieren ihres Herzens.

Grossmutter war 1869 geboren. In ihren Erzählungen sprach sie mit Begeisterung von der Vereinigung Italiens durch Garibaldi. Sie erinnerte sich daran, im Theater „Fenice” Giuseppe Verdi gesehen zu haben, wie er ein Pianoforte ausprobierte. Meine Mutter und sie hatten sämtliche Aufführungen lyrischer Opern und Operetten besucht. Wenn sie einen berühmten Sopran, wie die Buoninsegna hörte, hätte sie sich, wie sie sagte, „wie trunken von Harmonie gefühlt.”

Sie war überaus fromm und betete abends lange, nur wurde sie leider im Alter schwerhörig. Sie betete leise und auch für alle Verstorbenen; da sie aber sehr alt wurde, waren es der abgeschiedenen Freunde und Verwandte viele, und das Gebet zog sich über eine halbe Stunde und mehr hin und schloss mit der obligatorischen Bitte: „. . . und Herr schütze uns vor den grossen Gefahren des Reichtums !”

Da die Zimmer hellhörig waren, konnte mein Vater sie beten hören, gab aber nie Acht darauf, bis er eines Abends zufällig den letzten Satz mitbekam. Es gab einen gewaltigen Aufstand; er weckte uns alle mit seiner Empörung: „Wisst ihr eigentlich, was die Grossmutter da betet?” und an meine Mutter gewendet: „Vielleicht betet sie schon, seit ich dich geheiratet habe darum, uns vor den grossen Gefahren des Reichtums zu bewahren, und das ist der Grund dafür, dass ich nicht eine Lira mehr verdiene. Geh zu ihr, sie soll ihrem lieben Gott sagen, dass sie sich geirrt habe, dass sie alt und blödsinnig ist, und Gott sie sogleich anhören müsse, sonst bringe ich sie ins Altersheim!”

Am nächsten Tag sprach ich mit Grossmutter darüber; sie war niedergeschlagen und sagte, sie habe nicht daran gedacht, dass der Vater sie hören könne. Sie würde von nun an nur noch flüsternd beten. Wir blieben noch lange beieinander, und sie erzählte mir vieles aus ihrer Jugend.

 

Die Schwindsucht

Mein Erscheinen auf dieser Welt gefiel meiner Schwester gar nicht; sie wollte mir sogar ihr Kindergartenkörbchen über den Kopf stülpen, und nur die Gegenwart meiner Mutter bewahrte mich vor einem Sturz aus der Wiege. Aber das wandelte sich im Laufe der Zeit, sie wurde lieb und zärtlich und ertrug geduldig diesen Wirbelwind von Schwester. In der Hoffnung, mich einzuschläfern, erzählte sie mir lange Geschichten, in denen die Hauptdarsteller stets Lämpchen waren, bunt und leuchtend. Geschichten von Seeräubern, Hexen und südlichen Inseln, bevölkert von Lämpchen-Fräuleins, die in Baströckchen tanzten. Die reitenden Indianer waren leuchtende Lampen mit Federhüten auf den Köpfen, und inmitten all der Lampen und Lämpchen schlief ich dann ein.

Die Kinder vom Hafen holten mich zum Spielen, und ich erzählte ihnen von den Opern, welche meine Grossmutter und meine Mutter gesehen hatten, mit den bekanntesten Arien, wie La Traviata, Tosca und Mimì. Das Ende der Mimì rührte uns immer wieder zutiefst, wenn sie gestorben war, und der Tenor sang: „Cos’é quell‘ andare e venire, Mimì, Mimì, Mimì, dann schluchzten wir alle gemeinsam.

Aber die Mimìs, welche an der Schwindsucht starben, die gab es auch in Senigallia. Kleinkinder starben qualvoll an der Diphtheritis, viele Kinder starben an Tuberkulose, und so war uns die Krankheit der Mimì nichts Unbekanntes. Wir begegneten ihr allenthalben, und nicht alle, die dran erkrankten, kamen zur Heilung in ein Sanatorium.

In vielen Familien lag ein hustendes und Blut spuckendes Kind zu Hause. Ich erinnere mich noch genau des süsslichen Geruchs in solchen Häusern. Er schlug einem beim Eintreten entgegen, ein Gemisch aus Lysoform und Inhalationspulver. Meine Schwester wollte ihrer erkrankten Freundin Mut machen und inhalierte aus der gleichen Maske, was auch ich gleich ausprobieren wollte. Von Ansteckungsverhütung hatten wir alle keine Ahnung.

Als meine Tante Itala und ihr Mann politisch verfolgt wurden, zogen sie nach Rom, wo es eher möglich war, unerkannt zu leben, und wir vermieteten ihre Wohnung im ersten Stock an einen alten Seemann mit Frau und Tochter. Sie lebten in so bitterer Armut, dass wir uns schämten, die Miete anzumahnen. Nachdem aber Monat für Monat verstrich, ohne dass etwas geschah, schickte man mich, um nach der Miete zu fragen. Bei einem dieser Besuche hatte mir die Grossmutter einige Päckchen mit Zucker, Mehl, Brot und eine Flasche Öl mitgegeben. „Grossmutter schickt euch dieses mit einem Gruss”, sagte ich. Stille. Der Alte sass am Fenster mit Blick aufs Meer. „Mich schmerzen meine Knochen”, sagte er, „und meine Tochter ist bettlägerig, sie hat so Atembeschwerden. Schau mal nach ihr!” Ich betrat ihr Zimmer. Die Ärmste war zum Erschrecken bleich, hustete dauernd und hatte rötlichen Schaum in den Mundecken. „Ich habe mir eine schlimme Grippe geholt”, entschuldigte sie sich, als sie mich sah. „Wir haben ein Fläschchen mit Hustensaft, das hole ich dir”, sagte ich, „und dann bringe ich dir auch einen Teller mit Suppe von der Grossmutter und schick dir den Doktor, der nachmittags immer nach meiner Grossmutter sieht.” Und ich machte, dass ich schnell wieder nach Hause kam.

„Und?” fragte Grossmutter, „hast du es geschafft, wenigstens für einen Monat Miete zu bekommen, bei uns geht es jetzt auch knapp zu.” „Nein, die haben nicht eine Lira, und ausserdem ist die Bruna schwer krank, sie hat die Schwindsucht.” „Du lieber Himmel, wer hat das gesagt?” „Das habe ich doch gesehen, sie spuckt Blut und ist sterbensschwach. Ihr müsst eine Suppe für sie kochen, und gebt mir Geld, dass ich so eine Hustenpumpe für sie kaufen kann und ruft den Doktor, dass er nach ihr sieht!” „Und sonst nichts?” rief meine Grossmutter aus, „den Doktor kannst du auch für mich rufen, bevor mich der Schlag trifft.” Damit verschwand Bruna aus meinem Leben.

Auch Giancarlos Vater lag auf den Tod. Giancarlo war unser Spielkamerad. Von Zeit zu Zeit rief ihn seine Mutter: ”Giancarlo, komm rauf, Vater kriegt einen Blutsturz!” Das Spiel wurde unterbrochen, Giancarlo ging, um seiner Mutter zu helfen und wir alle hinterher. Wir betraten das Zimmer ganz leise und stellten uns alle 6 an die Wand zu Füssen seines Bettes. Maria wusch ihm das Antlitz mit einem Mullläppchen: „Siehst du, gleich wird es dir besser gehen.” Das Bett war hoch und breit und mit ganz frischen, weissen Laken bezogen, aber das Gesicht des Vaters war noch weisser, er hustete und wand sich. Das Zimmer war ganz von dem uns schon bekannten Geruch erfüllt. „Schau mal, Giancarlo ist da mit seinen Freunden, sie sehen dich”, stammelte Maria. Aber der Ärmste fuhr fort zu husten und sich zu winden, bis er sich von dem Blut aus seiner Lunge befreite, welches eine Schüssel füllte. Danach fiel er wie tot in seine Kissen zurück. Ich floh aus dem Zimmer, rannte nach Hause und flüchtete mich in meinen Dachboden. Ich steckte mir Reiherfedern in die Haare, zog mir einen langen Kittel an und begann zu tanzen und zu springen, ich drehte mich und wirbelte herum, um alles zu vergessen.

Giancarlos Vater starb. „Denkt nur – sagte Maria – denkt mal, was mein Mann gesagt hat, bevor er starb: Heute ist gerade ein schöner Tag, um ans Meer zu gehen.”

 

Die Welt der Erwachsenen

In diesen Jahren erkrankten meine Schwester und ich des Öfteren an Mandelentzündung. Das war besonders bitter im August, denn dann verpassten wir die grosse Messe des Heiligen Augustin, welche die ganze Stadt überzieht. Als ich mit hohem Fieber im Bett lag, ging Grossmutter zur Eisfabrik und kaufte mir eine Flasche Orangeade „San Pellegrino”, die ich in kleinsten Schlückchen trank, damit sie den ganzen Tag hielt. „Eigentlich Luxus”, sagte Grossmutter Marietta, „aber du hast hohes Fieber.”

Eines Tages ging auch ich zur Eisfabrik, um Eis zu holen, welches wir in der weissen, mit Zinkblech ausgeschlagenen Eiskiste aufbewahrten. Die Fabrik ängstigte mich mit ihrem betäubenden Lärm. Die Arbeiter mit ihren braunen, bis auf die Schuhe reichenden Schürzen zogen mit Eisenhaken Eisblöcke herab, die beim Herunterfallen auf die hölzernen Rutschen Donnerschläge erzeugten, welche die ganze Halle erzittern liessen.

Man betrat eine Dante’sche Höllenszenerie, wie sie Dorè für die illustrierte „Göttliche Komödie” gezeichnet hat, welche in Heften mit der Post kam.

„Darf ich hereinkommen?” fragte ich an der Tür. Niemand antwortete bei dem unaufhörlichen Lärm. Ich trat näher und kam zu der Maschine, aus welcher die langen Eisblöcke herauskamen, welche dann unbeaufsichtigt auf den Boden fielen und zerbrachen. „Hallo”, rief ich und bewegte mich weiter. Da sah ich einen Mann und eine Frau sich auf einem Stuhle schaukeln. Der Mann hatte die Christina auf seinem Schoss, eine beschränkte Fünfundzwanzigjährige mit dem Verstand eines vierjährigen Kindes, die er auf seinem Schoss hüpfen liess. Sie wand sich und lachte dabei. „Wie sonderbar”, dachte ich und begriff nichts von dieser Szene.

„Wieso hast du kein Eis mitgebracht?” fragte Nonna Marietta. Weil der Arbeiter so komisch mit der Christina spielte, die liess er auf seinen Knien hüpfen, und sie fand das toll und juchzte laut. „Ach ja, spielten sie Pferdchen und sie hüpfte und juchzte? Da muss ich wohl gleich mal hingehen, du wirst erleben, wie schnell sie aufhören, Pferdchen zu spielen.”

Ich war damals noch sehr naiv.

Ich lernte, dass die Kohlenhändlerin Gegia beim Wiegen der Holzkohle zum Grillen der Fische mogelte. „Wilma, geh zur Gegia und kauf Kohle bei ihr.” Ich rannte mit dem Holzkohlensack in der Hand den Fluss entlang. Der Schuppen war lang und dunkel mit 2 grossen Haufen, ein Kohle- und ein Holzkohlehaufen. Mir erschien es wie eine Hexenhöhle. Die Alte sass immer auf einem Korbsessel neben einer grossen Dezimalwaage. Ich trat ein und grüsste, sah aber niemanden. Ich ging weiter, und da sah ich die Alte: sie sass auf dem Holzkohlenhaufen, hatte ihre sieben Unterröcke hochgehoben, die Beine gespreizt und pinkelte hinein. Ich floh nach Hause.

„Siehst du, wie die Gegia mogelt? Wer wird denn bei ihr noch Kohle kaufen? Siehst du, was wir beide alles noch miteinander lernen? Die Gegia hat ihre Methode, damit die Kohle mehr wiegt. Und der Mann von der Eisfabrik spielt Pferdchen mit der Christina. Mit deiner Grossmutter kannst du was erleben, mein Schatz.”

Aber es begann damals eine schöne Zeit für uns. Meine Schwester beging die Erstkommunion, ich hatte schon die Firmung gehabt. Im Monat Mai, welcher der Madonna gewidmet war, gingen wir jeden Abend ins Gemeindehaus, und alle Sonntage zur Messe. Ins Gemeindehaus gingen wir der Grossmutter zuliebe. Das Radio übertrug den ganzen Tag faschistische Lieder, wie: „Oh Sonne, die du frei und froh aufgehst, nichts Grösseres siehst du auf der Welt, als Rom, als Rom!”

Ein Ruf, und schon war ich wieder auf unserem Spielplatz; dann liefen wir alle zum Fischkutter von Georgs Vater und kletterten hinauf, um uns hinter Netzen und Tauwerk zu verstecken. Der Meereswind fuhr uns liebkosend durch Kleider und Haare. Das war unsere Luft, die wir mit unserem ersten Atemzug eingeatmet hatten. Zurück wieder zum Spielplatz, wo der Eisverkäufer kam. Armanda und Didi flickten Netze, Pauls Vater, der Briefträger, sang beim Verteilen der Post. Sein Gesang vermischte sich mit dem Klang des Horns vom Müllfahrer. Dieser erschien mit einem blau angemalten Wagen, welcher von dem Eselchen Kecka gezogen wurde. Der Müllmann stiess in sein Horn und rief: „Bringt eure Abfälle, ihr Frauen!” Sogleich war er umringt von Frauen, die ihre Blecheimer in den Wagen entleerten. Sogar der Müllmann sang und war immer vergnügt.

Eines Tages wollte ich mich, wenn auch ängstlich, mit dem Esel anfreunden. Ich hatte ein Stück trocknes Brot in der Hand und näherte mich damit vorsichtig seinem Maul. Kecka öffnete die Lippen und zeigte mir seine grossen, weissen Zähne. Ich schluckte, machte die Augen zu und versuchte meine zitternde Hand ruhig zu halten. Da spürte ich seine leichte Berührung und wie er mir mit sanften Lippen das Brot von der Hand nahm. Als ich hörte, wie er kaute, öffnete ich die Augen. Keckis Augen, gross und goldbraun, sahen mich mit einem unbeschreiblich sanftmütigen Blick an. In dem Augenblick begriff ich, was für ein gutes Tier der Esel ist, und dass sich in seinen traurigen Augen das Leid des Dienens für den Menschen spiegelt, welcher ihn immer wieder bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit ausnützt.

Ich hatte den Esel erkannt und verstanden, und wenn Kecka mich wiedersah, zwinkerte er mit dem Auge, als wolle er sich bedanken, nicht nur für den Brotkanten, sondern für mein Mitgefühl mit seinem schweren Schicksal.

 

Wir vom Hafen

Im Sommer, nachmittags um 5 Uhr riefen die Kinder: „Komm runter, es ist 5!” In Spanien beginnt um 5 der Stierkampf, bei uns begann auf dem kleinen Platz mit dem geliebten, gusseisernen Brunnen die Vorstellung der Tuda, die aus dem Hause kam, um sich ihrer Flöhe zu entledigen. Dieses Ereignis wollten wir nicht versäumen. Die Tuda stieg, leicht schwankend, die eine Stufe von ihrer Haustür herab, bemüht, das Wasser aus der Wanne, welche sie trug, nicht zu verschütten, bevor sie diese auf den Boden stellte. Dann stellte sie sich breitbeinig darüber und begann langsam, ihre 4 Unterröcke anzuheben und auszuschütteln. Anfangs erweckte es den Eindruck, sie wiege sich im Walzertakt, dann aber wurden ihre Bewegungen hektisch, wie zu einem wilden, lateinamerikanischen Tanz, bei dem die Flöhe ihre Unterröcke verliessen und in die Wanne fielen.

Wir standen im Kreis, schauten fasziniert zu und hier und dort begann sich einer zu kratzen. Dann setzte die Tuda sich auf die Stufe vor ihrem Haus, nahm die Wasserwanne mit den Flöhen auf den Schoss und begann sie einzeln am Blech zu zerdrücken. Das hielt ich dann nicht mehr aus und rannte nach Hause.

Wie immer, kam ich verschwitzt und atemlos an: „Sieh einer an, wer nach Hause kommt”, rief Marietta, wenn sie mich so ankommen sah. „Unsere Herumtreiberin erinnert sich daran, dass sie hier wohnt. Wasch dich ordentlich und zieh dich um; deine Schwester sitzt den ganzen Nachmittag an ihren Schularbeiten, und du, kaum hast du damit angefangen, gibt es Abendessen.” „Ich habe überhaupt keinen Hunger!” „Ach so, du hast keinen Hunger, ich wette, du warst mit deiner Schlingelbande bei der Tuda zuschauen. Die Ärmste, sie weiss doch kaum, ob sie tot oder lebendig ist, ihr Mann als Fischer ertrunken, 2 Kinder durch Schwindsucht verloren, aber ihr Kindsköpfe, die ihr doch hoffentlich noch bei Verstand seid; ihr müsst dahin laufen um diesem armen Luder zuzuschauen. Ach Wilma, es gibt hier so bitterarme Familien, Häuser ohne Mutter und Grossmutter, allein gebliebene, mittellose Frauen und Mütter mit vielen Kindern, die nicht wissen, wovon sie sie ernähren sollen. Weisst du denn zu schätzen, dass du hier eine Mutter hast, und eine Grossmutter, die sich den ganzen Tag kümmert, das Haus putzt, die Wäsche wäscht, das Essen bereitet und das Ungeziefer bekämpft, das uns sonst auffressen würde? Warum gehst du nicht zu deinen Cousinen oder machst mit deiner Schwester Schularbeiten? Den ganzen Tag fegst du herum und schlägst nicht einmal ein Buch auf. Eselsohren werden dir wachsen, so lang, wie die von der Kecka!”

Auch meine Mutter, wenn sie nicht im Büro war, versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich an morgen denken müsse, und dass ich, ohne auch nur die geringste Ahnung von etwas zu haben, später nie eine ordentliche Arbeit fände, von der ich leben könne. „Auf dem Feld Garben binden, das wirst du müssen.” „Ich werde Fische verkaufen”, dachte ich bei mir.

Auf dem Spielplatz erfanden wir immer neue Spiele, und als Abenteuerin, die ich war, war meine Neugier auf das Leben und meine Umgebung nie befriedigt, bei den Hafenkindern fühlte ich mich am wohlsten. Die Häuser meiner Verwandten fand ich anziehend, aber dort musste ich mich mit Vorsicht bewegen. Ihre Speisekammern waren „gefüllt mit allem Segen Gottes”, wie Grossmutter sagte, das Bad war voller Parfümflaschen und Fläschchen, Schildpattkämmen, gestickten Handtüchern und farbigen Schwämmen. Fasziniert beobachtete ich meine ältere Cousine am Klavier. Sie war sehr schön, und meine Freunde begannen schon seit einiger Zeit von ihr zu schwärmen. Blond und blauäugig, gross und schlank verzauberte sie mich, wie sie so am Klavier sass und Chopin spielte. Sie trug ein weisses Chiffon-Kleid, bestickt mit rosa Korallen, das sie auch trug, wenn sie in die Rotonda oder ins Hotel Bagni zum Ball der Marineoffiziere ging.

Die Neugierde trieb mich durch ihre Räumlichkeiten, vermischt mit der Furcht, durch mein Temperament und Ungeschick irgendetwas Wertvolles zu beschädigen. Auf einem Schreibsekretär standen etliche Fotos in edlen, glänzenden Rahmen. Auf diesen Fotos erschienen mir meine Cousinen schön wie Filmstars, und ihre Jugend schien unzerstörbar zu sein.

Auch meine Freunde vom Hafen waren jung und hübsch, aber auf Fotos, sei es von ihnen oder von ihren Eltern, verwandelten sie sich mit den Jahren in Scheusale, und ich kam auch dahinter, warum. Es waren die verglasten Rahmen, welche die Fotos konservierten. In den Fischerhäusern dagegen wurden die Fotos an die Kredenz oder an den Spiegel gesteckt, wo die vielen Fliegen sie mit ihrem Fliegendreck verschandelten. So war auf dem Hochzeitsfoto, welches im Wohnraum am Schrankfenster steckte, nach einiger Zeit der Bräutigam einäugig, und die glücklich lachende Braut hatte weisse und schwarze Zähne. Auf dem ersten Foto in Uniform hatte der Sohn des Hauses die Wange voller Muttermale und 3 Nasenlöcher. Das Foto von der Erstkommunion war schon nach 3 Tagen von der Fliegeninvasion so entstellt, dass die Kommunianten aussahen, wie nach einer Pocken-Epidemie.

Heranwachsend, wurde mir der soziale Unterschied in den Lebensgewohnheiten deutlicher, und wie sehr die Brücke über die Misa die Gruppen voneinander unterschied.

Zum Gedenktag der Toten begaben sich die Verwandten meiner Mutter zum Friedhof Delle Grazie. 3 Wagen voller Verwandtschaft. Silvio und ich, als die Kleinsten, sassen auf dem Trittbrett und liessen die Beine baumeln.

Der Friedhof im steilen Hang beeindruckte mich stark und erzeugte in mir eine geheimnisvolle, beinahe quälende Faszination. Die vielen marmornen, Ehrfurcht erweckenden Grabstätten, dicht bei dicht aneinander, liessen mir die Augen übergehen. Der Windhauch, welcher die Zypressen bewegte und zwischen den Steinen, Kreuzen und Grabhäusern raunte, verwandelte sich für mich in ein flüsterndes Stimmengewirr. „Stille – Frieden – wir sind da, wir sind da. Wir schlafen, aber wir sind nicht tot.” Ich las die Inschriften, hier war jemand schon 1880 gestorben, ja, und? War er schon wiedergeboren, wie Grossmutter Marietta mir erklärt hatte? War er schon in sein Haus zurückgekehrt, und für wie lange? War man ganz starr, oder wachte man wieder auf? Ich zog es vor, nicht weiter zu fragen. Was ich begriff, war, dass alle unsere Lieben, hinunter- oder aufsteigend hier in Delle Grazie ruhten.

Sie kannten sich sicher alle untereinander, so wie wir Lebenden an allem in der Stadt Anteil nahmen: „Oh, weisst du, wer gestorben ist?” - „Wer tot ist, der Ärmste, aber er muss sich nicht mehr plagen.” Oder: „Weisst du, wer heute morgen geheiratet hat?” „Wer hat denn geheiratet?” „Die Tochter von der Giovanina, aber einen Reichen!” „Die Glückliche!”

„Wilma, lass uns zur kleinen Schwester von Cesarina laufen, die an Diphtherie gestorben ist!” „Wieso, gestorben, kleine Kinder sterben nicht. Das war sicher ein Irrtum, sie abzurufen. Wo ist sie denn jetzt?” „Sie ist oben im Hospital, im Sterbezimmer.” Alle rannten wir los, der Spielplatz entleerte sich. Das Hospital war weit, aber wir rannten so schnell, dass immer mal jemand stehen bleiben musste, um wieder zu Atem zu kommen. „Wilma, was ist los, warum bleibst du stehen?” „Ich habe fürchterliche Schmerzen, hier links in der Seite.” „Das wird die Leber sein.” „Nein, da sitzt der Magen.” „Ach wo, der Blinddarm!” Wir waren fürchterliche Ignoranten, die Jungen wie die Alten.

Die arme, kleine Schwester der Cesarina, irrtümlich abberufen, wie Marietta sagte, hier lag sie auf einem steinernen Lager, wir reichten gerade bis zur Hälfte an ihre Füsschen. Sie trug ihr Kommunionskleid und mir fiel sofort ein, wie sie bei der Erstkommunion in der Prozession direkt neben mir gegangen war, und wie wir gemeinsam gesungen hatten: „Oh, welch glücklicher Tag, den uns der Himmel schickt, oh, welch glücklicher Tag, vivat Jesus, vivat Jesus.”

Jetzt lag sie hier aufgebahrt mit ihrem weissen Schleier, der nicht mehr im Winde wehte, sondern sie ganz zudeckte. Es war sehr warm in dem kleinen Raum mit den vielen Kerzen, deren Geruch sich mit dem Blumenduft, dem Atem des Todes und der vielen Menschen vermischte. Verwandte, Mutter und Geschwister weinten in ihrem hemmungslosen Schmerz. Ich drückte mich an die Wand, heftig bedauernd, dass ich nicht am Meeresstrand war. Das Atmen wurde mir schwer und es schien mir, dass der Schleier sich bewegte und hinabzurutschen begann. „Vielleicht wird sie schon wiedergeboren?” überlegte ich. Aber die Stimme einer Frau vom Hafen liess mich zusammenzucken: „Arme Kleine, arme Kleine, hoffentlich bricht deine Ader mit den Läusen nicht auf.” „Was für eine Ader mit Läusen?” flüsterte ich erschrocken, „wo haben wir die denn?” „Im Kopf, wie eine Krone läuft sie rundherum um den Schädel, und wenn ein Toter kalt und steif wird, platzt die Ader und die Läuse kommen alle heraus und verlassen die Leiche.” „Beim Jesus Christus, das ist wirklich wahr”, tönte es im Chor, „wir haben es mehr als einmal gesehen, es ist so, es ist so!” Wieder bewegte sich der Schleier, ich wollte auf keinen Fall erleben, dass sie sich aufsetzte oder dass die Ader mit den Läusen platzte.

Ich rannte in panischem Schrecken nach Hause, verhielt, um wieder zu Atem zu kommen, an den Gleisen der kleinen Bahn, welche die Zementsäcke von der Fabrik mit dem rauchenden Schornstein nach Vallone brachte. Mir tat die Milz weh, oder vielleicht das Herz, die Lunge oder die Aorta? Ich war völlig durcheinander, hätte gern vom nächsten Telefon meine Mutter angerufen, aber sie war ja im Büro. Um zur Ruhe zu kommen, trat ich in meine Hafenkirche. Drinnen war es still, ich war allein, Santa Lucia stand dort und trug ihre Augen in der Schüssel, Sankt Agnes hielt die eine Hand auf ihrer Brust, und Christus schaute auf mich, immer und ewig fest ans Kreuz genagelt. „Müssen wir denn wirklich sterben?” fragte ich laut in die Stille hinein. Die vielen Kerzenflämmchen zitterten leise, niemand gab Antwort. So floh ich nach Hause.

Meine Schwester war in der Schule, mein Vater verkaufte Schuhe, aber Grossmutter war da, mit dem Blasebalg fachte sie das Feuer im Herd an, und ihre Hände waren noch von Kohle geschwärzt. „Grossmutter, sag mir sofort, warum bei den Toten die Ader mit den Läusen platzt!” „Lieber Himmel, Wilma, wo kommst du denn her? Lebst du auf dem Mond? Wer hat dir denn solchen Unsinn erzählt? Kein Mensch hat eine Ader voll Läuse um den Kopf herum. Begreifst du, wohin die Dummheit führt, und warum wir dir sagen, dass du etwas lernen sollst? Es ist doch überhaupt nichts Wahres an dem, was die unwissenden Leute reden, und womit sie sich den Tod interessant machen. Törichter Aberglaube, sag ich dir. Setz dich hin und lern, damit du nicht ewig dumm bleibst.”

„Ich, Grossmutter? Wenn ich gross bin, werde ich Ärztin!” „Ach ja, warten wir es ab, bei deinem Lerneifer bin ich nicht sicher, ob du überhaupt die 5. Grundschulklasse erreichst. Und nun gleich Ärztin, warum das denn?” „Ich will wissen, warum die Frauen bei der Geburt sterben, wie viel Venen wir haben und wo die Organe sitzen.” „Wenn ich dich so reden höre, möchte ich sagen, dass du mit dem Lernen keine Minute mehr zu verlieren hast.”

Die Unwissenheit war damals wirklich gross, wenige vollendeten auch nur die Volksschule, viele blieben Analphabeten, und die Kinder mussten frühzeitig arbeiten und mit verdienen. Das war noch in den 30er-Jahren so und betraf die Generation, welche Mühsal, Hunger und Armut noch kennen gelernt hatte.

Ich sehe noch die Frauen laufen, mich eingeschlossen, wenn ein fliegender Händler auf dem Platz erschien. Man konnte bei ihm für einen Groschen gemalte Heiligenbilder kaufen, so gross wie eine Heftseite: San Giovanni Bosco, den Heiligen Antonius von Padua, das Heilige Herz Jesu, die Heilige Rita und viele andere. Ein solches Bild musste man ganz fest mit den Augen fixieren und bis 50 zählen. Sodann schlagartig hoch in den Himmel schauen, und es ertönte ein Chor von Ausrufen: „Ich sehe Jesus, ich die Heilige Rita. Ich sehe die Madonna!” Für diese Illusion waren wir bereit, 2 Groschen auszugeben

Ein anderer Händler hatte Puppen, wie wir Kinder sie noch nie gesehen hatten. Gewiss, besonders wertvoll waren sie nicht mit ihren Stroh gefüllten Körpern und den Papiermaché-Köpfen, aber mit den weit geöffneten, starren Augen und Lockenfrisuren, waren sie für uns ein Traum. Sie hatten grosse, weite Taftkleider an, mit Glasperlen in leuchtenden Farben und Strohhüte mit bunten Bändern. Damen, so erschienen sie uns, wie sie vornehm in Parks spazieren gehen. Wir Kinder waren hingerissen. Der Händler wollte kein Geld für sie, sondern irgendeinen kleinen Schmuckgegenstand, möglichst Gold, und die Mütter, um ihren Kindern diesen heissen Wunsch zu erfüllen, trennten sich von einem Kettchen, einer Spange oder einem Ring. Und während der Mann unauffällig verschwand, kehrten wir in unsere Häuser zurück, die Puppe fest an die Brust gedrückt. Es war ein unvergesslich schönes Geschenk.

Sowie für unsere Mütter der gute und tapfere Lehrer Saraghina unvergessen bleibt, welcher beim grossen Erdbeben die panisch und kopflos flüchtenden Kinder um sich sammelte und schützend in seine Arme nahm, so blieb mir meine Lehrerin Frau Rochetti unvergessen.

In meiner Grundschulzeit versetzten wir täglich kleine, italienische Steckfahnen auf einer Landkarte von Afrika, um die Fortschritte unserer Armeen bei der Eroberung des Kaiserreiches zu markieren. Bei allen schulischen und sportlichen Veranstaltungen hatte wir den Treueschwur für den Duce im Chor zu sprechen: „Ich schwöre bei Gott und meinem Vaterland die Befehle des Duce zu befolgen und notfalls mit meinem Blute für die faschistische Revolution einzustehen!”

Natürlich wussten wir nicht, was wir da im Chor schworen, wir empfanden es als irgendein Gedicht, das wir auswendig können mussten, so wie später das Büchlein mit den Regeln der faschistischen Erziehung. Es ging um die Wirkung auf die Zuhörer, den Effekt des Synchronen, ähnlich, wie bei den Gymnastik-Vorführungen, den wir Kinder und Jugendliche „Avantgardisten”, „Kinder der Wölfin” und wie wir sonst noch betitelt wurden, demonstrieren sollten.

Es gab ständig Streit mit meinem Vater, der seinen Kampf gegen den Faschismus im Hause austrug. Er warf das Halstuch, das in die Weste gehörte, auf den Boden und polierte sich mit dem von der Mutter gerade frisch gebügelten Schwarzhemd die Schuhe. Er war einer der letzten Senigalliesen, der das Parteibuch erwarb, und das auch nur, weil er sonst keine Geschäftsreisen mehr hätte unternehmen können.

Um ihre Stellung als Telefonistin nicht zu riskieren, schickte unsere Mutter uns immer in tadelloser Uniform zu allen politischen Manifestationen, und wir beiden marschierten in Reih und Glied − „wie Marionetten”, sagte mein Vater. Es passierte, dass wir ihn in der Menge bemerkten, wie er uns mit einer unmissverständlichen, missbilligenden Kopfbewegung nach Hause befahl. Dort mussten Anna und ich uns dann seine Schmähreden anhören: „Ihr 2 Puppen, da marschiert ihr mit diesen törichten Gänsen und seid auch noch stolz darauf!” Und das ging dann oft endlos so weiter, bis Kater „Cipolla” zu gähnen anfing, und Grossmutter sich erhob, weil sie „wegen ihrer alten Beine nicht immer so weiter stillsitzen” könne.

Unser Vater ging grundsätzlich nicht zum Faschisten-Samstag, und das bescherte uns Unannehmlichkeiten. Als er an einem Samstagnachmittag mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, wurde er auf der Brücke von 2 Faschisten in Uniform angehalten: „Halt, Genosse, warum bist du nicht beim Dienst im Stadion?” „Ich war zur Apotheke, weil ich eine Leberkolik habe und brauchte ein Medikament.” „Gib uns mal deine Adresse, du wirst von jetzt an immer eine Einladungskarte bekommen, dann kannst du deine Krankheit auf einen anderen Tag legen.”

Mein Vater war ein wahrheitsliebender Mann und schlechter Lügner. Er verdrehte stammelnd seinen Namen: „Ich heisse Rualdo Durietti,” sagte er anstatt Arnoldo Durpetti. „Und deine Adresse?” Eine weitere Lüge fiel ihm nicht ein, und er nannte seine wahre Anschrift: „Via Narente 7.” „Du kannst gehen, Genosse, kuriere deine Kolik aus, wir erwarten dich nächsten Samstag!”

Von nun an kamen an jedem Donnerstag 2 Einladungskarten ins Haus, eine an Rualdo Durietti und eine an Arnoldo Durpetti mit dem kategorischen Befehl, am kommenden Samstag zum Dienst zu erscheinen. Meine Mutter musste sich vor Schreck hinsetzen: „Und wo sollen wir jetzt diesen Rualdo Durietti hernehmen? Ist dir klar, was du mit deiner Dickköpfigkeit angerichtet hast? Wenn wir unsere Arbeitsstelle verlieren, was soll ich dann unseren Kindern zu essen geben? Deine Fahrradreifen vielleicht? Du musst jetzt eine Weile nach Rom zu meiner Schwester Itala gehen, und am Ende des Schuljahres bringe ich auch Wilma, damit sie sich nicht ewig auf dem Spielplatz herumtreibt, und dann werden wir sagen, dass Rualdo nach Rom verzogen ist.”

Ich kehrte zu meinen Spielkameraden zurück, aber man hörte die Alten sagen, es röche nach Krieg. Die Jungen waren irgendwie unruhig und streitbar, den ersten Weltkrieg kannten sie allenfalls aus Erzählungen. Sie fühlten das Bedürfnis, sich im Sinne der faschistischen Propaganda als heldisch darzustellen. Die noch auf Italien lastenden Sanktionen nährten rachsüchtige und feindselige Gefühle.

Glücklicherweise dämpften die ständigen, sportlichen Anforderungen, denen wir unterworfen waren − die Italiener sollten eine „starke Herrenrasse” sein − diese Unruhen. Der Sport als allgemeine Verpflichtung tat den Schülern und Studenten gut. Auch die Erwachsenen mussten sich an jedem Samstag sportlich betätigen, sie machten Gymnastik, liefen und mussten durch brennende Reifen springen. Kinder aus den Bergen wurden an die Küsten verschickt, um das Meer kennenzulernen, und umgekehrt lernten die Kinder von den Küsten die Gipfel der Berge kennen.

Auch bei uns Hafenkindern begann das Odium der Kriegslüsternheit unsere Spiele zu wandeln. Wir waren jetzt Flieger oder Mariner, die sich bekämpften.

Zu der Zeit stellten sich bei mir gewisse körperliche Veränderungen ein, ich fühlte mich anders, und der Umgangston der Jungen veränderte sich mir gegenüber. Ich bekam Komplimente zu hören, und Giancarlo zog jedes Mal die Jalousie im Parterre hoch, wenn ich mich näherte, um mich zu sehen. Bis sie mir eines Tages beim zu heftigen Hochreissen auf den Kopf fiel und ich fast bewusstlos auf dem Bette seines seligen Vaters landete, wo mir seine Mutter Umschläge mit essigsaurer Tonerde machte. Eine Beule auf der Stirn verblieb mir noch 2 Wochen lang, es war Giancarlos erste Liebe, und für mich die erste Beule meines Lebens.

Paolo sang mir unterm Schlafzimmerfenster mit seiner schönen Tenorstimme eine Serenade und Sandro, der schon aufs Gymnasium ging, raunte mir mit verführerischer Stimme zu. „Quo vadis, demén?” Er lernte schon Latein und Französisch, die einzige moderne Fremdsprache, die zu lernen uns damals erlaubt war.

Im Kino spielte der Film „Die eiserne Krone”, den sich alle Schüler ansahen, und „Das Abendessen der Narren” mit Amadeo Nazzarri und Clara Calamai, den sich alle meine Freunde bis zu dreizehn Mal ansahen, weil für den Bruchteil einer Sekunde Clara Calamai ihren Busen ein wenig entblösste.

Im Radio spielte man Schlager wie: „Sposi” und „Verliebtes Mädchen”. Wir schlichen uns in die hinteren Plätze des Kino Centrale, wenn zwischen den Vorführungen die Türen zum Lüften geöffnet wurden. Nur einer von uns kaufte eine Eintrittskarte, 5 oder 6 von uns mogelten sich gratis hinein. Oft genug wurden wir auch wieder schändlich hinausgeworfen, aber viele Male hatten wir auch Glück und sahen uns in bequemen Stühlen sitzend den ganzen Film an.

 

Bei meinen Verwandten in Rom

„Wilma, kommst du spielen?” Nein, ich kann nicht, ich muss Koffer packen. Ich verreise mit meinem Vater nach Rom. Zu meiner Tante nach Rom!”

Es war ein wichtiger Moment für mich, und ich bereitete mich auf eine weite Reise vor, um Italiens Hauptstadt zu sehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es in meinem Leben nur kleine Ausfahrten in die Nachbarschaft gegeben: 2 Pilgerfahrten im Bus nach Loreto und 2 Fahrten zum Karneval nach Fano.

Die Reise nach Rom aber wurde ein unvergessliches Erlebnis. Der Zug war unendlich lang mit seinen zahllosen Holzbänken, die schaukelten und rüttelten, und die Lokomotive stiess weisse Dampfwolken aus. Ich wollte nichts von dem versäumen, was draussen vor dem Fenster vorbeizog: Bäume, Dörfer, Felder, Bahnhöfe und die aus- und einsteigenden Personen.

Ab und an schaute ich hoch zum Himmel und versuchte seine Unendlichkeit zu begreifen und eine Antwort auf das Rätselhafte meiner Existenz zu finden. Mir war, als entferne mich der Zug von den Ursprüngen meines Lebens, als würde ich nie wieder in diesen Zustand von kindlich-unbekümmerter Geborgenheit zurück können, von dem die Erwachsenen, mögen sie die Welt auch noch so sehr lieben, ausgeschlossen sind. Es ist die Welt der Spiele und der Märchen, in der ein Kindergesicht sich im selben Moment vom Weinen in Lachen wandeln kann.

Ganz übermächtig wurde mir bewusst, dass dieser Teil meines Lebens abgeschlossen und vorüber war. Weit weg waren meine Gespielen vom Hafen, und ich stellte mir jeden Einzelnen vor, um sie so für immer in meinem Gedächtnis zu tragen.

Mein Vater war viel geschäftlich auf Reisen und konnte in der Eisenbahn schlafen. Ich dagegen war ständig in Bewegung. Bei jedem Pfiff der Lokomotive sprang ich ans Fenster um Bahnübergänge oder die nächste Station zu sehen, und in der grossen Kurve vor der Stadt Orte konnte ich den Zug in seiner ganzen Länge sehen. Wie eine lange, braune Raupe sah er aus. „Papa, wach auf, wir sind gleich in Rom. Denk mal, vielleicht sehe ich den Duce.” „Das fehlte uns gerade noch, wenn ich daran denke, könnte der Rualdo Durietti gleich den nächsten Zug zurück nehmen und nach Hause flüchten.” Aber still sitzen konnte ich nun gar nicht mehr.

Kaum dass ich in Rom vorm Hause Onkel und Tante begrüsst hatte, war ich nicht bereit, in die Wohnung hinauf zu gehen. Ich blieb im Vestibül, magisch angezogen vom Anblick eines Verkehrs, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Das Haus, in dem die Tante wohnte, lag direkt an der Ecke Piazza Venezia, an welcher der Corso Umberto anfängt. Und ich, gewohnt an unseren Hafenplatz, setzte mich auf die Hausstufe zum Corso. Von hier konnte ich den berühmten Balkon des Duce und das Grabmal des unbekannten Soldaten sehen.

In Senigallia gab es wenige Autos, einige Balilla und 2 oder 3 Topolinos, dann die Pferdekutschen und die Wagen von Bucci. Ausserdem einige Guzzi-Motorräder und viele, viele Fahrräder. Im Sommer lebte und promenierte man in Senigallia draussen auf den Strassen und dem Corso, in der kalten Jahreszeit aber fiel die Stadt in den Winterschlaf. Wenn mein Vater abends nach Hause kam, sagte er: „Wenn jetzt auf dem Corso eine Kanonade losginge, käme niemand zu Schaden, nicht einmal ein Hund ist unterwegs.”

Hier gab es unentwegt etwas zu sehen, Strassenbahnen fuhren hin und her, Motorräder, viel grösser als das von Onkel Joseph, viele Uniformierte. In Senigallia hatte ich oft im Haus von Tante Irma, das direkt am Strand lag, mit einem deutschen Jungen gespielt. Jetzt hörte ich seine Sprache wieder von Deutschen in Rom. Sie marschierten in Kolonnen vorbei, hatten Hitlerjugend-Uniformen an und waren halbe Kinder.

Ich fühlte mich elend, dachte an die am Vorabend gegessenen, gegrillten Fische und bekam Magenschmerzen. Die Tante, gerade so wie Grossmutter Marietta und meine Mutter, begann augenblicklich ihre Heiligen anzurufen. Mein Vater unterbrach sie: „Der Wilma steckt Senigallia in den Knochen. Beim Anblick dieses Verkehrsgetümmels wird sie krank nach dem Meer. Es ist weiter nichts; versteht ihr, sie glaubt, in Senigallia auf ihrer Stufe am Spielplatz zu sitzen − sieh nur, Itala, sie hat sogar ihre Holzlatschen an den Füssen. Aber Wilma, wir sind doch hier in Rom!”

Am nächsten Tag war es vorüber, und der Onkel ging mit mir aus, um Rom zu entdecken. Ich trug mein kürzer gemachtes Kommunionskleid aus Organdi, von Grossmutter gestrickte, weisse Baumwollstrümpfe, schwarze Lackschuhe, einen Florentiner Strohhut mit Vergissmeinnicht-Sträusschen und einem schwarzen Samtband, das auf meine Schultern fiel.

Erste Station: Zoologischer Garten. Die Strassenbahn beeindruckte mich zutiefst; wie eine Eisenbahn fuhr sie auf Schienen, aber mit der Antenne oben an den elektrischen Drähten, wobei es farbige Funken gab, grösser als die von unserem Schmetterling, den wir zur Befana geschenkt bekommen hatten.

Und schon stiegen wir am Zoo aus. Die grossen Vogelkäfige, die Löwen, die Seerobben, die Bären, alles wie in dem dicken Buch, das die Stella mit uns durchgeblättert hatte. In einem grossen Käfig aus langen Eisenstäben ein mächtiger, schwarzer, haariger Affe mit roten Augen, „Orangotango” hatte Stella ihn genannt. Dieser betrachtete mich mit einem gewissen Interesse, vielleicht war es der Gegensatz meines schneeweissen Kleidchens zu seiner Schwärze, er kratzte sich die Nase und stiess gleichzeitig wenig Vertrauen erweckende, grunzende Geräusche aus. Ich wich zurück. „Du brauchst keine Angst zu haben, siehst du, wie stark die Käfigstäbe sind?” Aber der grosse Affe fuhr fort, sich zu kratzen und mich anzustarren. Dann griff er sich mit seiner schwarzen, haarigen Hand in den Hintern, holte etwas hervor und warf mir mit aller Kraft eine Handvoll stinkendem Popo auf mein Kleid. Obwohl total beschmutzt, verkniff ich mir das Weinen, denn wir waren ja in Rom, aber von diesem Tage an hatte ich für alle Zeit begriffen, dass ich dem „Orangotango” nicht sympathisch war.

Wie aus Senigallia gewohnt, verbrachte ich auch hier die meiste Zeit ausser Hause. Ich sah die Wachablösung am Palazzo Venezia und stieg die Stufen zum Ehrenmal hinauf, um auf dem antiken, römischen Gemäuer herumzuspazieren. Der Verkehr interessierte mich nun kaum noch, aber Tante Itala achtete genau darauf, dass der Schutzmann an der Ecke mich nicht aus den Augen verlor: „Rom ist nicht Senigallia, mein Mädchen.”

Die deutschen Jungen waren alle blond, grossgewachsen und hatten meist blaue Augen. Sie unterschieden sich sehr von meinen Hafen-Gespielen. Aber unser Spielplatz fehlte mir.

Sonntags ging ich mit Onkel und Tante ins Illustrierten-Kino im Juvinelli-Theater und amüsierte mich köstlich bei Zeichentrickfilmen, Schnulzensängern und beinewerfenden Ballettmädchen. Was würde ich alles zu erzählen haben, wenn ich wieder nach Hause komme!

„Tante Itala, ein ganz schöner Mann war hier, mit einem Motorrad, sicher ein Parteifunktionär. Ich habe ihn mit dem römischen Gruss gegrüsst, da hat er angehalten, ist abgestiegen, hat mir den Kopf gestreichelt und mich nach meinem Namen gefragt.” „Aber wieso sprichst du mit Personen, die du nicht kennst; bleib immer hier im Hauseingang, wer weiss, wer das nun wieder war?” „Ettore Muti war das, er sagte, er hiesse Ettore Muti.” „Ja, das wird er gewesen sein, er kommt immer abends zur Wachablösung.” „Und den Duce habe ich auch gesehen, er hat sich auf dem Balkon gezeigt, ich habe ihn genau sehen können.” „Erzähl mir nicht, dass er so schön sei wie die deutschen Jungen, die dich begeistert haben, oder wie Muti.” „Nein, so schön ist er nicht, aber wenn er sich auf dem Balkon sehen lässt, laufen alle Leute zusammen und klatschen.” „Vorsicht, Vorsicht, du weisst, warum der Onkel und ich nach Rom gegangen sind? Weil dein Onkel, gerade so, wie dein Vater, diese Regierung nicht wollen. Deshalb ist er auch nicht in die Partei eingetreten. Wir sind aus Senigallia nach Rom gegangen, weil diese Stadt so gross ist, dass man hier anonym leben kann. Später wirst du es begreifen.”

Der Lärm eines Studentenumzuges rief mich wieder nach draussen. An der Spitze des Zuges trugen 4 Studenten eine Bahre, auf der ein Stock mit einer schwarzen Melone befestigt war. Alle Studenten trugen die farbigen Mützen ihrer Fakultät und riefen im Chor: „Ein Bofke ist tot. Ein Bofke ist tot.” „Tante Itala, komm schnell, guck mal, ein Beerdigungszug für den Herrn Bofke.” „ Nein, Wilma, da wird niemand zu Grabe getragen, und Bofke heisst so viel wie Dummkopf, und der Stock mit der Melone soll eine Karikatur von Chamberlain sein, dem englischen Premierminister, der gerade im Palazzo Venezia mit den Faschisten spricht. Es sind böse Dinge, mein Kind, das Meer gehört uns nicht mehr, die Sanktionen sind bedrückend, und die Menschen sind in Aufruhr. Lass uns morgen zum Vatikan zum Beten gehen.“

Der Petersdom mit dem Papst, das Colosseum, das Forum Romanum, die Plätze und die Brunnen, wie ist Rom so schön! „Tante Itala, heute hat mich die Wache aus dem Eingang des Palazzo Venezia weggeschickt.” „Na ja, das muss sie doch, was hattest du denn dort zu suchen, wolltest du hinein?” „Nein, ich wollte nur die Treppe sehen, die der Duce hinunter kommt.” „Hör du mal auf mit dem Duce, gut, dass die Wache dich weggeschickt hat.” „Aber ich habe einen anderen, sehr schönen Parteifunktionär kennen gelernt.” „Ach ja, und hat er sich dir vorgestellt?” „Nein, er hat mir übers Haar gestreichelt und gesagt, sei glücklich, du Kleine, dass du jetzt dein Leben beginnst. Der Schutzmann hat mir gesagt, er hiesse Ciano.” „Ciano? Na, wenn du so weiter machst, kennst du bald den König und den Papst persönlich.”

Es kursierten Witze, wie der vom Duce, welcher zusammen mit Hitler fotografiert wurde und sich, um grösser zu erscheinen, auf einen Kekskasten gestellt hatte. Als das Foto entwickelt war, konnte man die Inschrift auf dem Kasten lesen: „Gebrüder Schurke”, (eine bekannte Bisquitfabrik). Oder beim Besuch von Aussenminister Ribbentrop beim Duce (der Name erzeugt im Italienischen unweigerlich Assoziationen mit „ruba tropp”) rief der Zeitungsverkäufer: „Die letzte Nachricht, rubbano tropp a Roma (sie klauen zuviel in Rom).”

So wie ich in Senigallia die Lieder der Anarchisten gesungen hatte, sang ich in Rom, wenn ich auf der Piazza Venezia umherlief, „Gitarren aus Rom” oder „Du schöne Römerin”. Anfang Juni pflegten wir des Abends, um etwas frische Luft zu haben, auf den obersten Stufen des Ehrenmals zu sitzen und miteinander zu reden. „Wilma, spürst du den Abendwind, der dir Gesicht und Haar fächelt? Das ist der weiche, römische Wind. Wie fühlst du dich hier?” „Danke, gut, Onkel, ich habe Sehnsucht nach dem Meer, aber ich versuche, mir alles zu merken, was ich sehe und erlebe, damit ich es nachher meinen Freunden erzählen kann, die noch nie in Rom waren.”

„Als dein Onkel möchte ich dich jetzt um etwas bitten, dass du nicht jeden Abend zum Balkon gehst, um diesen aufgeblasenen Ballon zu sehen; Du könntest ins Gedränge geraten und Schaden nehmen, du bist doch noch ein kleines Mädchen.” „Aber Onkel, ich gehe doch dahin, weil ich den Kapellmeister von der Musik so gern sehe, wenn die Wache abgelöst wird. Er kommt mir wie ein Zauberkünstler vor; alles bezaubert mich hier, die Menschen, die Luft, das bunte Leben. Und dann, Onkel, denke ich, dass ich auch mehr Lust zum Lernen haben werde, denn ich werde später einmal Ärztin.” „Gut, sehr gut, aber beeile dich, denn mit diesem Verrückten hier hinter uns auf dem Balkon werden wir bald jede Menge Ärzte und Mediziner brauchen.”

Danach war es bald vorbei mit den ruhigen Abenden in der weichen Luft; es gab immer mehr Menschenaufläufe auf der Piazza, in den Nebenstrassen und auch auf den Stufen des Ehrenmals. Die Menge war aufgeregt und rief: „Duce, Duce, Duce!” und es wurde auch gerufen: „Wir wollen Krieg, wir wollen Krieg!”

Anfang Juni 1940 zeigte sich der Duce eines Abends auf dem Balkon, aber er hielt keine Ansprache, sondern machte beschwichtigende Bewegungen mit den Armen, als wolle er sagen: beruhigt euch, nun wartet doch einmal ab. Aber die Menge wogte und schrie, dass man Angst bekommen konnte. Meine Tante ergriff mich fest am Arm und zog mich zurück in den Hauseingang. Wir stiegen mühsam die vielen Stufen hoch. Wir schliefen über dem Altan. Erst jetzt fiel mir auf, wie düster dieser Raum war. Wenige, alte Möbel, ein Spiegel, ein Waschbecken, ein kleiner Schrank und ein etwas schiefes Ehebett. Ich schlief auf einem Bettrahmen vor dem Bett der Tante. Ich bemerkte, dass die Tante viele weisse Haare hatte und bleich im Gesicht war. Der Onkel tat, als schliefe er. Es erschreckte mich, dass keiner der beiden ein Wort sprach.

Durch das Oberlicht konnte ich ein Stückchen Sternenhimmel sehen. Auf dem Balkon stand ein grosser Eimer als Klo. Das nächste, richtige Klo war unten im Parterre, 8 Treppen tiefer.

Ich wagte nicht, die Stille im Zimmer zu unterbrechen; man hörte noch immer das Geräusch der lärmenden Menge. Die Tante seufzte, der Onkel seufzte auch, dann sprach die Tante das Abendgebet für uns drei. „Vater unser, der du bist im Himmel . . .”

 

Der Krieg bricht aus

10. Juni 1940. Von morgens an hörte man das Stimmengewirr der Menge, das sich steigerte bis zum Ruf: „Der Duce spricht, der Duce spricht.” Und wieder drängte die Menschenmenge auf die Piazza Venezia.. Aus Lautsprechern tönten andauernd faschistische Hymnen. Sie waren über ganz Rom verteilt, um die Rede des Duce zu übertragen. Die Chöre: „Wir wollen den Krieg, wir wollen den Krieg!” machten mich ganz elend. Warum konnte man denn nur den Krieg wollen? Mein Vater und mein Onkel hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft und sprachen davon als von etwas Entsetzlichem. Unsere Mütter und Grossmütter hatten manchmal versucht, uns zu erklären, was dieses schreckliche Wort bedeutet. War es möglich, dass diese vielen Menschen davon keine Ahnung hatten?

Während die Tante mit Hilfe eines Schutzmannes angstvoll nach mir suchte, stand ich in der ersten Reihe unter dem Balkon in meinem geblümten Baumwollkleidchen, die Holzlatschen vom Strand an den Füssen und schaute erwartungsvoll nach oben. Für lauter verrückte Menschen, die ihn beklatschten, hielt Mussolini seine berühmte Rede, in welcher er England den Krieg erklärte. In den darauf folgenden Tagen hörte man allenthalben die Meinung, dass der Krieg höchstens 3 Monate dauern könne, denn er wäre sehr schnell gewonnen. Und ich kehrte nach Senigallia in eine vollkommen andere Umgebung zurück.

Kriegslieder und Hymnen tönten auch dort aus dem Radio und die Begeisterung für das Bündnis mit Deutschland war allgemein. Die Stimmung in unserem Hafenbezirk war angespannt wie vor Stürmen und schweren Wettern. Die Männer wurden eingezogen und an verschiedene Frontabschnitte verschickt, die Frauen sangen nicht mehr bei ihrer Hausarbeit. Man lief an die Mauern gedrückt, wie im kalten Wintersturm, und man lief dem Postboten entgegen in Erwartung von Nachrichten.

Für mich begann die Schule wieder. Es war die Schule Fagnani. Wir hatten ein Tintenfass, einen Federwischer und eine angespitzte Schreibfeder. Das Schreibpapier war grob, und wir trugen einen schwarzen Schulkittel mit weissem Kragen. Meine Schwester besuchte schon die Lehrerbildungsanstalt, denn sie wollte Volksschullehrerin werden.

Die ersten Luftschutzkeller wurden unter den Häusern der Altstadt eingerichtet, einschliesslich des unseren, welches auf den alten Stadtmauern erbaut war. Auf dem Rathausturm wurde eine Fliegeralarm-Sirene installiert und mit Probealarmen getestet. Nachmittags gab ich noch immer meine Schaustellungen auf dem Dachboden vor den Bildern und Statuen der verdienstvollen Begründer von Italiens Einheit.

Anstelle der gewohnten fliegenden Händler begannen sich jetzt Zauberkünstler und zweifelhafte Existenzen auf unseren Plätzen einzufinden, die wir nie zuvor gesehen hatten. Sie sahen aus wie Zigeuner, dabei aber ordentlich und sauber. Sie führten einen grossen, braunen, gezähmten Bär an einer schweren Eisenkette mit sich. Dazu gehörten schöne Frauen, die lange Gewänder in grellen Farben mit Volants trugen und sich Blumen ins Haar gesteckt hatten. Die Männer trugen bunte Hemden und Pumphosen. Die Frauen und der Bär tanzten nach der Musik einer Geige, die Frauen schlugen dazu auf Tambourins. Nach dieser Vorstellung gingen die Frauen mit einer Holzschale herum und baten um eine Gabe.

Mit dem Auftreten dieser Zigeuner begannen sich seltsame Gerüchte zu verbreiten: Es seien Spione, einer von ihnen sei schon erschossen worden. In dem Bär stecke ein Mensch mit Kamera, der die Kasernen und Truppenbewegungen fotografiere. Uns Kinder interessierten solche Reden wenig, uns begeisterten die leuchtenden Farben der langen Gewänder, die Tänze und die Musik, die wir immer wieder erleben wollten.

Die eingezogenen Jahrgänge wurden immer jünger, Plakate tauchten auf: „Vorsicht, Feind hört mit.” In den Feldpostbriefen waren ganze Passagen mit schwarzen Strichen unleserlich gemacht. „Das ist die Zensur”, sagte mein Vater, „arme Kerle, niemand darf wissen, wo sie sind.”

Noch aber war der Krieg weit, nur sein Echo erreichte Senigallia, und manche Frau begann jetzt, schwarze Kleider anzuziehen.

Wir Jugendlichen vertrieben uns die Zeit auf einem kleinen Zirkus beim Stadion, bei dem es auch Schiffschaukeln gab. Ich ging jetzt immer mit Cicci, meiner Freundin von der Oberschule. Cicci, die mollige, immer fröhliche, wurde mir lieb wie eine Schwester. Wir gingen oft zum Schaukeln, auch weil die Jungs uns mit aller Kraft anschoben und so ihr Interesse an uns offenbarten. Es waren unsere ersten Erfahrungen neuartiger Empfindungen, die uns auch veranlassten, mehr Wert auf unser Äusseres zu legen, unsere Zöpfe aufzumachen und uns Bänder ins Haar zu stecken.

Die Frauen vom Hafen fuhren fort, sich ganze Vormittage mit Wäschewaschen zu beschäftigen, auf den hölzernen Wäschebrettern einzuseifen, zu bürsten und in den Wannen zu spülen. Man begann sich Seife selbst herzustellen aus Rinderknochen und ätzender Soda. Die alten Frauen fachten das Feuer im Herd sparsamer an und trachteten, die ganze Familie mit einer Mahlzeit aus 2 Handvoll Mehl und einer Fischsuppe zu sättigen. Und man glaubte immer noch an die Vene im Kopf, die keinen anderen Zweck hätte, als Läuse zu beherbergen.

Abends patroullierte eine Aufsicht, um die Verdunkelung zu kontrollieren. Wir hatten schwere, schwarze Vorhänge, durch die kein Licht nach draussen fallen durfte, denn es gab schon Luftangriffe. Abends nach 20:30 Uhr durfte man nicht mehr draussen auf der Strasse sein, es sei denn, man hatte eine Sondergenehmigung zur Berufsausübung.

Für die Versorgung mit Essen hatte jede Familie ihre Lebensmittelkarten, von denen bei den Einkäufen Coupons abgeschnitten wurden. Natürlich waren die Lebensmittel rationiert; es stand jedem nur eine bestimmte Menge zu.

Am Ende unserer Strasse, der Via Narente, wurden in alten Fabrikgebäuden Kasernen für Soldaten eingerichtet. Im Hafenviertel gewöhnten wir uns daran, beim Weckruf der Soldaten aufzuwachen und beim Zapfenstreich schlafen zu gehen. Bald kannten wir alle Hornsignale und ihre Bedeutung.

Wir jungen Mädchen bekamen von den Soldaten Komplimente, die sich sehr von denen unserer alten Freunde unterschieden.

Immer mehr Frauen sah man jetzt in schwarzen Kleidern, nachdem sie Briefe erhalten hatten, direkt von den Carabinieri überbracht: „Ihr lieber Ehemann (oder Sohn) ist auf dem Felde der Ehre gefallen.” Im Radio hörte man andauernd die Faschistenhymne: „Siegen, Siegen, Siegen”, und Soldatenlieder wie: „Mädchen, schaut nicht den Matrosen nach” und andere. Im Kino lief die Wochenschau „Licht”, welche Siege, Heldentum und die Eroberungen der Soldaten zeigte, die Erfolge „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“. Alle Filme sahen wir uns an, manche mehrmals, die damaligen Filmschauspieler waren grossartig und sehr italienisch.

Die Alten prophezeiten, dass uns noch harte Zeiten bevorstünden, aber zum Glück würde der Krieg ja nicht länger als 3 Monate dauern. Seltsame Namen lernten wir, Orte, an denen viele Italiener fielen: Tobruk, El Alamein und Giarabub. Die Kasernen leerten sich nach und nach, alles wurde an die Frontabschnitte transportiert.

Es wurde Frühling, einer unserer zauberischen Frühlinge, die Meeresluft vermischt mit Blütenduft, Felder und Wiesen grünten, die Bäume sprossen, es war wie ein Ausbruch von Lebensfreude, eine Hymne der Natur. Aber die Seele der Menschen war bedrückt und belastet, sie konnten sich an dem Wiedererwachen der Natur nicht freuen. Das Leid der Mütter und Frauen über das Fernbleiben ihrer Söhne und Männer, Trauer und Bestürzung der Väter, die am eigenen Leibe erfahren hatten, was es bedeutet, Frontsoldat zu sein.

Die Erwachsenen lebten in Angst, die Jugend sah keine Zukunft, in der Stadt gab es keine jungen Männer mehr, die Alten waren still geworden. Wir Kinder spürten dieses Erlöschen der Lebensfreude in unserem Hafenbezirk und waren nicht mehr so froh, nicht mehr so lebhaft, man hatte uns etwas von unserem Lebensfrühling genommen. Es wurde uns immer mehr bewusst, dass wir in einer tragischen Zeit lebten.

Wenn Soldaten in die Kasernen am Hafen zurückkehrten, hörten wir sie wundervolle Liebeslieder singen. Manchmal unter unseren Fenstern, und dann erwachte unser alter Spielplatz wieder zum Leben. Jedes von uns Mädchen glaubte, das Lied sei für sie gesungen, gleich einer Botschaft von Hoffnung, einer Aufforderung zum Träumen. Und dann kam für den jungen Sänger auch schon wieder der Befehl zum Abmarsch.

Die bedrückte Stimmung nahm zu, besonders, als wir hörten, dass jetzt in Russland gekämpft wurde. Mein Vater sagte konsterniert: „Die armen Kerle kommen grösstenteils aus dem Süden, singen „O sole mio” und werden mit Schuhen aus Pappe bei 40 °C unter Null in den Kampf geschickt.” „Ach, die Ärmsten”, sagte meine Mutter.

An einem Abend vorm Abmarsch der Kompanie sang ein Soldat für uns ein schönes Liebeslied: „Ohi Marì, Ohi Marì, lass mich eine Nacht in deinen Armen bleiben!” Wir begaben uns alle zum Fenster, als sei es eine Serenade für uns allein, und so fanden sich Töchter, Mütter und Grossmütter aus dem Fenster gelehnt, um besser zuhören zu können. Für uns alle war dieser junge Soldat, der nun hinaus musste in Leid und Kälte, vielleicht in den Tod, wie ein Sohn, Bruder, Bräutigam oder Gemahl. Und ins Bett zurückgekehrt, drückte ihn jede von uns ans Herz.

Am nächsten Morgen standen alle Maultiere im Kreis auf unserem Platz, jedes einen Soldaten neben sich. Die Maultiere waren schwer beladen, man sah auch Kanonenteile, und die Soldaten waren ausser mit ihrem Tornister, Decke und Feldflasche ebenso beladen, fast wie ihre Tiere. Es waren auch Zwillinge aus Neapel unter ihnen, die man nicht voneinander unterscheiden konnte.

Auf dem Kasernenhof war das ganze Bataillon marschbereit. Wir Kinder waren bei den Maultieren und ihren Soldaten, während die Erwachsenen still am Fenster zusahen. Vom Bahnhof her hörte man den schrillen Pfiff der Güterzuglokomotive. All diese schöne Jugend sollte nun nach Russland transportiert werden, in die endlosen Steppen, wo der grausame Winter sie empfangen und bald mit Schnee bedecken würde, die Lebenden und die Toten.

Inzwischen hatten die Flächen-Bombardements auf viele italienische Städte begonnen. Blut und Tränen im eigenen Lande. Nun lebten auch wir in Angst, der Tod könnte vom Himmel kommen. Faschisten und Partisanen inszenierten gegenseitige Meuchelmorde. Zusammen mit den Faschisten organisierte die deutsche SS die Judenverfolgung und die Eliminierung der Antifaschisten. Die deutsche SS war nun in allen wichtigen öffentlichen Stellen gegenwärtig.

Der Keller unseres Hauses wurde Luftschutzkeller für den Hafenbezirk, aber bei Fliegeralarm während der Schulzeit mussten wir die Kellerräume unter der St. Martinskirche aufsuchen. In diesen Räumen bekam ich Platzängste. Die Feuchtigkeit und der Schimmelgeruch verursachten mir Atembeschwerden, ich glaubte ersticken zu müssen. Dazu kam die Angst um meinen Kopf. Eine Schädelverletzung musste furchtbar sein. Ich versuchte deshalb immer, einen Platz neben einer grossen, dicken Person zu finden, und wenn ich das Getöse der Fliegerabwehrkanonen hörte, presste ich mich, ungeachtet des Schimmelgeruchs, an die Mauer und möglichst nah an ein gut gepolstertes Hinterteil. So fühlte ich mich etwas sicherer, wenn es auch nur eine Illusion war.

Über uns waren die grossen Altstadthäuser, die schon manches Erdbeben überstanden, aber nur einen einzigen Hauseingang hatten. „Wenn eine Bombe den Hauseingang trifft,” sagte meine Mutter, „verrecken wir wie die Mäuse.” Ich wandte mich sogleich an die Grossmutter: „Grossmutter, ihr habt aber immer gesagt, wenn man stirbt, wird man wiedergeboren.” „Ja, ja, Wilma, man wird wiedergeboren, keine Sorge.”

In dieser Zeit, als wir nie mehr eine ruhige Nacht hatten, beteten wir ein neues Gebet, von dem wir nicht wussten, wer es wohl erfunden hatte:

„Ave Maria, du Gnadenreiche,
mach, dass die Sirenen nicht heulen,
mache, dass die Flieger nicht kommen,
lasse uns schlafen bis zum Morgen.
Wenn wir in Rom ein Rindvieh haben
und in Berlin ein Esel wütet,
wie wird das Jesuskind dann behütet?”

Es kam der 8. September 1943, Italien hatte mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen, woraufhin die Deutschen ganz Italien besetzten, unnachgiebig und herrisch. Ihre öffentlichen Aufrufe an allen Mauern und Wänden sind mir noch deutlich erinnerlich:

„Warnung an alle Italiener! Für jeden Deutschen, der auf italienischem Boden umgebracht wird, werden 10 Italiener erschossen! Auf Waffenbesitz steht die Todesstrafe. Wer Partisanen, Juden oder alliierte Soldaten verbirgt oder schützt, wird standrechtlich erschossen!”

Diese Plakate sind unvergesslich, nicht nur, weil alle Strassen und Plätze damit tapeziert waren, sondern auch wegen ihres brutalen Wortlauts.

Das Leben in Senigallia war gelähmt und die Stadt begann, sich zu entvölkern. Mein Vater ging nicht mehr auf Geschäftsreise, denn der Personenzugverkehr wurde nach und nach eingestellt. Auch die Fischerboote blieben im Hafen. Das Büro meiner Mutter wurde jetzt von der SS überwacht, die Telefonistinnen waren verpflichtet, ihren Dienst auszuüben wie zuvor. Lebensmittel wurden jetzt knapper, und man begann zu hamstern. Auf den Rat meines Vaters hin legten wir Vorräte von im Backofen getrockneten Brotscheiben an.

Die ganze Familie arbeitete zusammen beim Einweichen von Zeitungen, Illustrierten und alten Schulbüchern im grossen hölzernen Waschtrog. Aus dieser Masse formten wir dann feste Bälle, die an der Sonne getrocknet wurden. So streckten wir unsere schmaler werdenden Vorräte an Feuerholz.

Immer mehr Stadtbewohner begannen, das Notwendigste zusammenzupacken und aufs Land zu ziehen. Viele hatten in der ländlichen Umgebung von Senigallia Verwandte, und es war nicht schwer, weiter ausserhalb der Stadt eine ländliche Bleibe zu finden.

„Es ist nicht mehr, wie im Ersten Weltkrieg”, sagte mein Vater, „die Kämpfe machen nicht mehr an den Grenzen Halt, sondern werden hier im Lande ausgefochten, Strasse für Strasse, Haus für Haus. Wir müssen uns auch aufs Land zurückziehen. Lieber Gott, wir haben ja schon jetzt mehr Tote als 1918. Diese Schweinehunde haben uns einen Blitzkrieg versprochen, jetzt dauert er schon 3 Jahre, unsere Soldaten sterben wie die Fliegen, und unsere Städte liegen in Trümmern. Eine Marter für unser ganzes Volk. Ich hätte es nie für möglich gehalten.” Und dann erzählte er uns zum x-ten Male die Geschichte aus den Schützengräben von Asiago:

„Ich habe es erlebt, tagein, tagaus, monatelang in den Schützengräben, die zu Wasser- und Schlammgräben geworden waren. Mit geröteten Augen suchten wir immer wieder den Todesstreifen ab, wo der Feind kein Lebenszeichen gab, es sei denn, etwas Artilleriebeschuss. Aber Soldaten waren keine zu sehen. Der Sommer ging zu Ende, es kam der Winter. Als ich Wache stand, sah ich hinter dem Drahtverhau einen schönen Weinstock voller Trauben. Die Trauben fielen herab, und ein erster, vorzeitiger Schneefall überfror sie.

Ich war 20 Jahre alt, und der Gedanke an die Trauben liess mir keine Ruhe; ich stellte sie mir vor, blank, süss und saftig, während wir auf unsere magere Essensration warteten. Es wurde sehr kalt, die Schneedecke gefror augenblicklich. Ich kannte die Nachtstunden genau, in denen Waffenruhe gehalten wurde. In der nächsten Nacht, als ich keine Wache hatte, kletterte ich aus dem Schützengraben und kroch wie eine Schlange unter dem Drahtverhau durch auf den Todesstreifen. Als ein feindlicher Scheinwerfer aufleuchtete, lag ich schon unbeweglich in einem Granattrichter. Dann schob ich mich mit dem Bajonett bis zum Weinstock und füllte meinen Helm mit Trauben. So, wie ich gekommen war, gelang mir auch der Rückzug, ich teilte die Trauben mit meinen Kameraden und war bereit, diesen Zug noch einmal zu wiederholen.

Beim 3. Male war ich plötzlich nicht allein am Weinstock, nur einen halben Meter von mir entfernt, durch den Granattrichter verdeckt, war ein österreichischer Soldat dabei, seinen Helm mit den Trauben zu füllen. Ich zog mein Bajonett, der Österreicher hob die Faust, aber keiner von uns griff an, sondern wir mussten beide plötzlich lächeln. Was sollte es auch, wenn wir uns gegenseitig umgebracht hätten! Wir sahen uns stumm an, kamen uns vor wie 2 Buben beim Soldatenspiel. Wir sagten gleichzeitig „Ciao, austriaco, ciao italiano” und tauschten unsere Trauben gegen grössere aus.

Es blieb unser Geheimnis, und ich traf mich noch 2 Mal mit dem Österreicher dort im Todesstreifen, immer zur gleichen Nachtstunde unter dem schneebedeckten Weinstock. Beim Abschied reichten wir uns die Hand.

Eines Tages, als die Spannung und unsere Situation immer unerträglicher geworden waren, befahl unser Kommandant, die Schützengräben zu verlassen und im gegnerischen Schützengraben alles niederzumachen. Ich war vor Schreck wie gelähmt, Gewehr, Mantel und Munition waren schwer wie Blei, und ich bewegte mich mit grösster Mühe. Alle in Reihe standen wir im Schützengraben, und mir wurde klar, dass ich jetzt Österreicher umbringen sollte. „Bajonett aufpflanzen, Kampf Mann gegen Mann!” Und auf den Ruf: „Vorwärts, meine Soldaten, Attacke, viva l‘Italia !” sprangen wir alle aus der Deckung.

In diesem Augenblick bedeutete Italien für uns die Mutter, die Heimat, unsere Familie oder unsere Frauen. Aber kaum draussen ohne Deckung, fielen auch schon die Kameraden um mich herum. Ich rannte weiter, mit dem Bajonett vor mir, Granaten schlugen ein, Rauch, Schreie und Stöhnen. Ich wurde umgerissen, ausgerechnet neben dem Weinstock, ich sah dem Feind ins Gesicht: Es war der Österreicher, mit dem ich Trauben geerntet hatte. Wir standen direkt voreinander, aber keiner stiess dem anderen das Bajonett in den Leib.

Wir trennten uns, ich rannte weiter, Hiebe nach links und rechts austeilend, jemand fiel mir vor die Füsse; es war ein sterbender Feind, aber von einem anderen erhielt ich einen Schuss in die Brust. Ich hatte nur das Gefühl, einen Faustschlag vor die Brust bekommen zu haben, ich spürte keinen Schmerz und marschierte kämpfend weiter, aber plötzlich bewegten sich meine Füsse nicht mehr, und es kam mir vor, als sei ich in den Erdboden eingepflanzt wie ein Baum, als hätte ich Wurzeln bekommen in dem schneebedeckten Boden, festgebunden wie ein Schössling vom Wein. Ich blickte auf den Boden und sah aus meinen Stiefeln Blut herausquellen, es sah aus wie Rotwein, der aus dem Fass in die Flasche rinnt. Ich konnte noch denken: dir haben sie die Füsse zerschossen, dann fiel ich zusammen, wie ein leerer Gummischlauch. Ich dachte: „Armer italienischer Soldat, da liegst du mit ausgebreiteten Armen im Schnee in deiner graugrünen Uniform, schwimmend in deinem Blute.”

Am Ende des Gemetzels kehrte Waffenruhe ein. Die Einheiten bargen zuerst die Verwundeten, dann ihre Toten. Unter den Krankenträgern, die über das Schlachtfeld liefen, war auch ein Senigalliese, Olivetti, und dieser rief einem Kameraden zu: „Halt mal, hier liegt ein Bekannter von mir, hilf mir, ihn zum Lazarett zu tragen!” „Lass ihn liegen, siehst du denn nicht, dass er tot ist?” sagte der andere, „er ist ja weisser als der Schnee.” „Auch wenn er tot ist, bringe ich ihn runter, wenigstens kann ich dann seinem Vater sagen, dass ich ihn nicht hier oben liegen gelassen habe. Ihn kennt hier kein Mensch, keiner von den Lebendigen und den Toten.”

Der starke Frost hatte bei meinem Vater die Blutung zum Stillstand gebracht, er hatte einen Lungendurchschuss, das Geschoss war wieder ausgetreten. Der Mut und das Mitleid seines Bekannten und Mitbürgers hatten ihm das Leben gerettet.

Nie hat mein Vater den jungen Österreicher vergessen können: „Er hat nicht auf mich geschossen, ganz bestimmt nicht, die hinter ihm waren es. Und ich habe ihm auch nichts getan. Wir Jungen wollten doch den Krieg nicht. Könnt ihr mir sagen, warum man jemanden ermorden soll, der einem nichts Böses getan hat? Wir sprachen verschiedene Sprachen, wir kamen wiederholt zum Weinstock, um uns Trauben zu holen, aber auch, um uns wiederzusehen. Wilma, versprich mir, dass du einmal dorthin reist, an die Stelle, an der dein Vater gekämpft hat.”

Viele, viele Jahre später erfüllte ich dieses Versprechen. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, als ich auf den Hochebenen von Asiago ankam. Kleine, weisse Wolken zogen schnell über mir dahin. Sie wirkten vor dem tiefblauen Himmel wie freigelassene Kinderdrachen. Ein frischer Wind rauschte in den Bäumen. Ich suchte auf den Ebenen zwischen Vertiefungen und Rinnen nach einem Weinstock, fand aber stattdessen nur Gräberfelder voller Kreuze, Gedenkstätten für die Schlachtfelder. Ich versuchte mir vorzustellen, was sich unter den Kreuzen verbarg, nicht Überreste und Knochen, sondern die Gesichter der jungen Soldaten, denen es verwehrt war, älter zu werden und Lebensträume zu verwirklichen, denen keine Liebe, kein Kuss und keine Zärtlichkeit mehr zuteil wurden. Ich blieb bei ihnen, bis die Schatten länger wurden, gedachte meines Vaters und überbrachte ihnen seine Grüsse, insgeheim hoffend, dass es wirklich ein Weiterleben für sie gab, ein Wiedergeborenwerden, wie Grossmutter Marietta gesagt hatte. „Gewiss”, hatte sie gesagt, „es gibt ja viel mehr Tote, als jetzt Menschen auf der Erde leben, du musst dir das nicht so vorstellen, mein Töchterchen, als ob sie alle gleichzeitig wiedergeboren würden, sie werden langsam, nach und nach erweckt.” Beim Gedanken an die unendlichen Gräberfelder des Ersten Weltkrieges hatte Grossmutters Erklärung etwas Tröstliches.

Auf unserem Spielplatz spielte nun niemand mehr. Die Zeit des Spielens war vorbei und vorüber. Hinter den Fenstern der Schule Fagnani, die auf den Domplatz gingen, sahen wir die Verwundeten. Das zentral gelegene Gebäude war in ein Lazarett verwandelt worden. Meine Schwester und ihre Klassenkameradinnen korrespondierten als „Kriegsmütter” mit Soldaten an den verschiedenen Fronten, und es kamen viele Antwortbriefe.

Die Schulklassen besuchten im Turnus die Verwundeten in den Lazaretten, von denen sich auch eines am Strand hinter der roten Brücke befand. Wir gingen in unserer Tracht der Faschistenjugend und brachten den Soldaten Gaben: daheim gestrickte Handschuhe, Strümpfe, Schals, hausgebackene Kekse und Kuchen. In diesem Lazarett lagen fast nur Verwundete aus dem Russlandkrieg, die zur Genesung nach Senigallia verlegt waren.

Ich erinnere mich eines Soldaten, der grosse Mühe hatte, sich ein wenig aufzurichten, um mein Geschenk in Empfang zu nehmen. Er war vielleicht 30 Jahre alt, hatte ein junges, aber erschreckend mageres Gesicht mit übergrossen Augen darin. Er versuchte, sich dabei von einem hinderlichen Schlauch zu befreien, der von einem Laken mit einer Holzabdeckung verborgen war. Das war mir sehr unheimlich, wenn der Schlauch nun hervorkam, und vielleicht war sein Körper an der Stelle schon zu Ende?

Ich konnte es an seinem Bett nicht lange aushalten, aber schon am nächsten Bett wartete ein neuer Schrecken auf mich. Ich überreichte dem Verwundeten ein Paar besonders schöne Strümpfe aus feiner, weicher Wolle, auf die ich stolz war, aber er nahm sie nicht. „Vielen Dank, mein Fräulein, aber sie nützen mir nichts, ich habe keine Füsse mehr, sie sind mir abgefroren und in den Stiefeln geblieben.” Der grausame Satz meines Vater fiel mir ein: „Die Soldaten, sie sind nur Metzgerfleisch, abgeschossene Gliedmassen, Beine und Arme, das ist der Krieg.”

Der Krieg spielte sich nun nicht mehr nur in der Ferne ab, sondern rückte durch den Kriegseintritt der Amerikaner immer näher. Deutsche, Italiener, Japaner, sie alle kämpften auf Kriegsschauplätzen, die nicht mehr weit von Italiens Boden entfernt waren. Unsere Heere waren versprengt und zerstreut, und die Deutschen zwangen alle geeigneten Männer zum Aufbau von Verteidigungslinien.

Auch mein Vetter Francesco war eingezogen worden, „herausgekämmt”, wie viele andere Jugendliche. Tante Irma, die immer davon überzeugt war, dass ein am Bahnhof eingesteckter Brief schneller befördert würde, hatte, nachdem sie wusste, dass er in Rimini stationiert war, einen langen Brief an ihn geschrieben. Sie übergab ihn mir mit der Ermahnung, ihn nicht in irgendeinen Briefkasten in der Stadt, sondern nur am Bahnhof einzuwerfen. Also fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Bahnhof.

Ich hatte gerade den Brief eingeworfen, als plötzlich, ohne dass die Sirenen Alarm gegeben hatten, 2 Flieger über dem Meer auftauchten und mit Maschinengewehren einen im Bahnhof haltenden Zug beschossen. Sie flogen so tief, dass sie den Himmel über mir verdunkelten und schossen auf alles, was sich bewegte. Um mich herum Schreie, Rauch und panische Flucht. Ich liess mein Rad fallen, rannte vom Bahnhof weg und versteckte mich hinter der Statue des Vespasian bei der Markthalle. Es war der einzige Schutz, den ich so schnell finden konnte, und ich kauerte mich auf den Boden dahinter. 20 Minuten lang dauerte das Inferno; entsetzt presste ich meinen Kopf zwischen die Hände. Kaum dass es ruhig wurde, raffte ich mich tropfnass auf, denn meine Blase hatte nicht dicht gehalten, holte mein Rad und, ohne mich umzusehen, radelte ich fluchtartig im Zickzackkurs nach Haus.

Von nun an lernten wir, das Brummen der verschiedenen Flugzeuge zu unterscheiden, das der fliegenden Festungen, die in grösserer Höhe flogen, das der deutschen Jäger und der Stukas und das der englischen Spitfire. Die Nächte verbrachten wir jetzt mehr in den Kellern mit Feuchtigkeit und Schimmelgeruch als in der Wärme unserer Betten. Auch während der Schulzeit trafen wir oft unsere Vettern und Cousinen mit Tinte an den Fingern unter der St. Martinskirche.

Senigallia blieb während dieser Zeit von Flächenbombardements verschont, aber einen ganzen Monat hindurch hielten uns ständige, spürbare Erdstösse in Angst und Schrecken.

Kaum den Ängsten in den Kellern entronnen, waren es über der Erde die Erdstösse, die Putz und Stuckteile von den Fassaden fallen liessen. Runter und rauf, rauf und runter, wir mochten nicht mehr leben.

Alle Kommunikation war unterbrochen; Personenzüge verkehrten nicht mehr, man sah auf dem Bahnhof nur noch Militärtransporte. Mein Vater begann, sich nach einem Haus auf dem Lande umzusehen, nicht zu weit weg vom Büro meiner Mutter, die nach wie vor als Telefonistin arbeitete.

Meine Mutter dramatisierte die Situation nie; sie war immer optimistisch und voller Vertrauen. Sie sagte: „Ihr müsst nicht mit Leuten umgehen, die jammern und klagen und an allem etwas zu meckern haben, sucht euch Menschen, die Mut haben und fröhlich sind. Man muss das Leben nicht wie eine bittere Medizin nehmen, sondern wie ein Geschenk.” Stella, die zugegen war, weil wir gerade Wäsche hatten, meinte dazu, an meine Schwester und mich gewendet: „Eure Mutter hat vollkommen Recht, es lohnt sich doch, zu leben, wenn man froh ist, und Alda, gerade deine beiden, wenn sie in Frieden leben wollen, sollen sie sich nicht um die Schwänze anderer Leute kümmern.” Betretene Stille. Unsere Mutter vermied es, weitere Ratschläge in Stellas Gegenwart zu geben, wenn auch ihr freimütiger Kommentar im Grunde beherzigenswert war.

Ab und zu ging ich mit Cicci ans Meer, aber wir durften nicht auf den Strand, es waren Verbotsschilder und lange Stacheldrahtzäune aufgestellt. Es hiess, die Deutschen hätten auch die Strände als Verteidigungslinie vermint. Den Strand nur aus der Ferne zu sehen, war sehr melancholisch für uns.

Cicci war dabei, mit ihren Eltern in einen kleinen Nachbarort, Vallone, zu ziehen; sie hatten schon Decken und Mäntel für den kommenden Winter in das Häuschen von Verwandten gebracht.

Auch mein Vater hatte ein Quartier für uns bei Vallone gefunden, 2 Zimmer, die den Bauern früher als Kornboden gedient hatten. Vor unserem Umzug trugen wir alle Wertsachen in einen Bodenraum, dessen Dachfenster auf das Nachbardach ging: antike Kleinmöbel mit Intarsien, Koffer mit Geschirr und schwerem, altem Tafelsilber, 2 Truhen mit der Aussteuer für meine Schwester, auch ein wenig schon für mich, alles Handarbeiten.

Nachdem alles gut verstaut war, schloss mein Vater das Fenster, mauerte den Eingang zu und weisselte die ganze Ecke. Nach 3 Tagen war nichts mehr zu sehen, so, als ob dort nie ein Raum gewesen wäre. Die Bodentreppe führte jetzt nur noch zu dem verbliebenen Teil des Bodens, in dem nur Gerümpel war. Es war Mitte September, als wir alles Lebenswichtige für den Umzug aufs Land gepackt hatten.

Die Schulen waren noch geschlossen, und das neue Schuljahr war noch nicht angefangen. Die Deutschen begannen, die landwirtschaftliche Genossenschaft zu öffnen und einen Sack Getreide pro Person zur Abholung freizugeben. Die Männer, es gab ja nur noch die Älteren, getrauten sich nicht hinzugehen, aus Angst requiriert und an die Fronten geschickt zu werden. So holten die Frauen mit Wägelchen und Schubkarren ihren Getreidesack, um für ihre Familien etwas zu essen zu haben, wobei sie die Säcke durch ein Spalier von schwer bewaffneten, deutschen Soldaten ziehen mussten. Meine Schwester konnte den Sack nicht heben, um ihn auf die Karre zu legen, mit der Stella sonst die Wäsche zum Brunnen brachte. Ein Deutscher anerbot sich, ihr zu helfen, als er sie so jung und niedlich sich mit dem grossen Sack abmühen sah.

In unseren Schulen durften die Juden nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Wir lebten in Senigallia mit vielen Juden zusammen, und man wäre nie darauf gekommen, dass es andere Menschen als wir seien. Auch meine Mutter war mit einer Jüdin eng befreundet. Bei meiner Schwester wurden 2 Schülerinnen auf Grund dieser schändlichen Rassengesetze aus der Klasse entfernt. Die ganze Klasse protestierte laut, aber vergeblich. Weder unsere Erziehung, noch der Anstand unserer Eltern und die tiefe Religiosität unserer Grossmütter hätten eine Kluft zwischen ihnen und uns zugelassen.

In unserem Hafenviertel hatte niemand auch nur eine Ahnung von der Deportation und Vernichtung der Juden. Das galt auch für mich, bis ich in eigener Anschauung einen dieser Züge des Grauens erleben musste, welcher aus Rom kam.

Am letzten Tage vor unserem Umzug aufs Land ging ich mit Anna ans Meer, um Abschied zu nehmen. Auf unserem eiligen Weg zum Strand begegneten uns kaum noch Zivilisten, und diese waren mager, bedrückt und ängstlich. Dagegen sah man reichlich Faschisten und Deutsche in Uniform. Inzwischen gab es davon mehr als Einwohner. Dauernd war Fliegeralarm, feindliche Jagdflieger beschossen sich gegenseitig über der Adria. Es war tieftraurig zu erleben, wie in unserer Stadt die vertrauten Mitbewohner durch uniformierte Fremde ersetzt worden waren. Wir dachten nicht mehr an den nächsten Tag, am Morgen wussten wir nicht, ob und wie wir den Nachmittag erleben würden. In den Nächten ängstigte uns der Vollmond noch mehr als die Dunkelheit, unsere Heimat war ohne ihre Menschen.

Anna und ich waren gerade in der Bahnhofsunterführung angekommen, als wir das Gerassel eines Zuges hörten. „Das ist ja seltsam”, sagte Anna, „ein Zug. Komm, wir gehen mal hoch, ob wir ihn sehen.” Der Zug fuhr langsam und war im Begriff, anzuhalten. Da hörten wir ein Stimmengewirr, und als wir uns näherten, schwoll es an zu lautem, klagendem Geschrei und flehenden Hilferufen. Wir dachten an einen Verwundetentransport, aber von wo kam er? Deutsche Soldaten waren zu sehen, aber keine Zivilisten, Sanitäter oder Krankenschwestern auf dem Bahnsteig. Auch kein Bahnpersonal. Was dort herankam, war ein Güterzug. Auf jeder Seite der Lokomotive standen 2 grosse SS-Männer auf den Trittstufen in ihren grün-schwarzen Uniformen mit hohen Stiefeln und Maschinenpistolen im Anschlag. Auf dem ersten Güterwagen befanden sich lauter bewaffnete, deutsche Soldaten. Sie sassen unbeweglich wie Statuen. Danach kamen geschlossene Güterwagen, die auf jeder Seite ein hochgelegenes, vergittertes Fenster hatten.

Aus den Fenstern reckten sich Hände, viele weisse Hände, grosse, kleine, viele durchscheinend wie aus Wachs. Dazu hörten wir Klagen und Schreie, Seufzer und Weinen, gebrochene Stimmen von Frauen, Männern und Kindern, aber kein Gesicht.

Während ein Wagen nach dem anderen langsam an uns vorüberfuhr, flogen Zettel und Papierfetzen, weisse und bunte um uns herum wie Konfetti, und Stimmen hörten wir: „Sagt meiner Mutter, dass sie uns abtransportieren.“ „Wir haben hier Kinder, sie haben Durst.” „Luft, wir ersticken.” „Hier, meine Adresse, sagt es, dass wir hier sind.” „Helft uns, helft uns.” „Mamma, Mamma.” „Sammelt die Zettel auf und gebt Bescheid!”

Das waren keine Feinde, sie sprachen ja unsere Sprache, und Kinder hörte man weinen. Es waren auch keine Wagen vom Roten Kreuz, keine Verwundeten darin; aber wer waren sie denn? Wohin fuhren sie? Wir sammelten die Zettel, so schnell wir konnten, schürzten die Röcke, um sie hineinzutun, und es gelang uns auch, viele zu erhaschen, aber einige fielen hinunter auf die Geleise, hier und dort hin, und immer mehr Wagen rollten vorbei, und in dem fortdauernden Geschrei fingen auch wir zu schreien an, zur Station, zur Strasse und den Häusern gewendet: „Helft uns, kommt her, hier sind viele Menschen, die brauchen Hilfe!, wo seid ihr denn alle?” Keine Antwort, alle Türen und Fenster blieben geschlossen; es zeigte sich niemand. Der Zug begann jetzt zu beschleunigen; immer noch flogen die Zettel und die Schreie übertönten das Rollen der Räder. Am Ende des Zuges standen wieder deutsche Soldaten auf den Trittbrettern.

2 von ihnen sprangen ab, mit Jutesäcken in den Händen. Als sie vor uns standen, kamen sie uns riesig vor. Sie sammelten schnell alle Zettel auf, die sie noch fanden, dann rissen sie uns wortlos die Zettel aus den geschürzten Kleidern. Wir versuchten, zu entkommen und hielten die Zettel fest in unseren Fäusten, aber die Soldaten griffen unmissverständlich zu den Maschinenpistolen und stiessen sie uns in den Rücken, dann kräftiger in die Seiten, und weinend mussten wir die Hände öffnen und die letzten uns von den Fremden anvertrauten Zettel hergeben. Und „raus!, raus!” schrieen sie, so dass wir flüchteten, ohne uns noch einmal umzusehen. Wir hörten noch den Zug und die letzten Schreie verhallen.

Die wächsernen Hände aus den Gitterfenstern blieben uns ewig im Gedächtnis haften, und später erfuhren wir, was das alles zu bedeuten hatte. Immer wieder drängte sich das Bild des Güterzuges auf, dem wir nicht entkommen konnten.

„Aber Anna, wie ist es denn möglich, dass keiner den Zug sieht und den Leuten hilft? Hoffentlich lassen sie sie in Fano alle aussteigen.” „Wilma, es war riskant, dass wir bis auf den Bahnsteig gegangen sind, lass es uns nicht zu Hause erzählen. Es ist eine schlimme Zeit, und ich durfte eigentlich nicht mit dir gehen. Jetzt gehe ich eine Weile in die Bibliothek und du gehst nach Hause!”

Zu Hause traf ich die Grossmutter an; ich war so erschüttert, ich musste reden: „Grossmutter.” „Sag, wo warst du denn?” „Anna und ich wollten zum letzten Mal ans Meer.” „Du lieber Himmel, da sind doch überall Sperren. Deine Eltern sind im Landhaus, um die beiden Zimmer zu weisseln.” „Grossmutter, es verkehren Züge, die sind voll mit Leuten.” „Was du nicht sagst, es verkehren schon monatelang keine mehr, die Linien sind unterbrochen, die Deutschen sind die Herren auf dem Bahnhof und machen was sie wollen. Sie haben alle Automobile requiriert, und auch alle Pferde. Sie essen sie auf, haben sie verschwinden lassen. Benzin gibt es auch nicht mehr, und alles wird immer knapper. Du glaubst nicht, wie mir mein Kaffee fehlt.” „Grossmutter, ich sage Euch, es verkehren Züge voller Menschen.” „Was weisst du schon, bist du auf deinen Streifzügen etwa am Bahnhof gewesen? Wehe dir, deines Vaters Verbote nicht zu befolgen, es gibt zurzeit viele Menschen, die nicht mehr wieder nach Hause zurückkommen. Willst du uns alle zu Grunde richten?” „Ihr habt Recht, Grossmutter, es gibt keine Züge auf dem Bahnhof mehr.”

Aber ich habe doch noch einige bekannte Personen, die ich draussen traf, gefragt. Keiner von ihnen hatte etwas gesehen oder gehört. Wer am Strand wohnte, war längst ausquartiert. Später, nach Kriegsende, erfuhren wir, dass die Deutschen keinen Italiener auf den Bahnhöfen duldeten, damit es für ihre Transporte keine Zeugen gab.

Meine Schwester Anna, die später als Stenotypistin in der Nähe des Bahnhofes im amerikanischen Hauptquartier arbeitete, hat dort Informationen über die Judenvernichtungen und die für die Konzentrationslager bestimmten Todeszüge gesehen, welche an alle amerikanischen Truppeneinheiten in Italien durchgegeben wurden. Dabei war auch der Zug erwähnt, den wir beide erleben mussten. 

 

Unser Auszug

Der Bauer kam mit einem Karren vorgefahren, der von 2 grossen, weissen Kühen gezogen wurde. Wir beluden ihn mit unseren Bettrahmen und Matratzen, Bettzeug und Handtüchern, Decken und Kissen, Mänteln, Jacken, Schuhen und warmen Strümpfen, denn wir hatten damals sehr kalte Winter mit viel Schnee.

Meine Eltern fuhren auf Fahrrädern voraus, sie wollten uns mit geöffneten Türen erwarten, um uns die Illusion zu geben, wir kämen in eine Art Zuhause. Vor der Abfahrt halfen sie uns, unsere Grossmutter auf dem Karren unterzubringen. Sie sass in ihrem mit grünem Samt bezogenem Sessel, der in einer Ecke des Karrens sorgfältig festgebunden war. Zu ihren Füssen befanden sich Töpfe, Geschirr und die restlichen Vorräte. Meine Schwester verschloss die schwere Haustüre mit dem grossen, langen, eisernen Schlüssel, und dann begaben wir uns an die beiden Seiten des Wagens.

Grossmutter spannte ihren Sonnenschirm auf, den sie, ebenso wie ihre Handtasche, fest in Händen hielt. So hatte sie, neben einem Schutz gegen die warme Septembersonne auch das Gefühl, sich mehr Ansehen zu geben. Sie wandte sich an den Bauern: „Wir, mein Herr, sind bereit. Fahren Sie nur!”

Wir waren nicht die Einzigen, welche die Stadt verliessen. Wir befanden uns bald in einer ganzen Reihe von Bauernwagen und Handwagen. Frauen, Alte und Kinder kehrten der Stadt den Rücken. Zwar schien die Sonne, aber in unserem Innern war es dunkel. Man grüsste sich mit Bekannten, aber ohne Fröhlichkeit. Es war ein trauriges Lächeln in dem Bewusstsein, dass wir unser Haus hinter uns liessen, in das jeder hinein konnte, der es wollte. Wir dachten daran, wie wir es einmal wieder finden würden – und ob wir überhaupt jemals wieder alle gemeinsam dorthin zurückkehren würden.

Es war ein schmerzlicher Abschied wider Willen, ohne das „Warum” zu begreifen. Um das Leben zu retten, was vielleicht nur eine Illusion war, verliessen wir unser liebes, gesichertes und ruhiges Leben unter dem gemeinsamen Dach, ohne zu wissen, was für eine Zukunft vor uns lag. Aber wir versuchten, uns zu trösten: „Wenn wir zurückkehren, lassen wir die Hausfassade ganz neu malen, Grossmutter, Ihr werdet sehen, dass man dann dem Haus sein Alter nicht mehr ansieht.” „Tun wir doch mal so, als gingen wir aufs Land, damit vor allem eure Mutter frische Landluft hat. Ich habe euch immer erzählt, wie viel Arbeit die Bauern auf dem Lande haben. Nun werdet ihr es mit eigenen Augen sehen, und euer Vater wird euch ermuntern, ihnen auf dem Feld zu helfen.”

Keiner unserer Begleiter jammerte und klagte, und beim freimütigen, lauten Planen einer fernen Zukunft bekamen wir Kinder die Hoffnung, dass doch noch viele Jahre vor uns lägen. Wenn in verzweifelter Situation die Erwachsenen hoffnungsvolle Zukunftspläne machen, so ist das gut und weise, denn dann kehrt bei der Jugend Liebe, Lebenslust und Frohsinn zurück.

Man hatte alles getan, um den alten Kornboden wohnlich zu gestalten. Ein Vorhang in leuchtenden Farben trennte die Küche von den beiden Zimmern. Vater hatte die Küche praktisch eingerichtet; Wäsche und Kleidung waren in einem grossen Schrank untergebracht, und aus den Federrahmen waren einladende Betten geworden. Wir Mädchen schliefen in dem einen Raum zusammen mit Grossmutter. Im Eingangsbereich stand ein Tisch mit 5 Stühlen und Grossmutters Sessel.

Die Petroleumlampe brannte die ganze Nacht, denn im Gebälk des Kornbodens wohnten Mäuse, die das Entsetzen meiner Mutter waren. Ihre Schatten huschten manchmal als Riesenmäuse über die Wand, und wir stiegen des Nachts aus Angst nicht aus unseren Betten. So hatten wir immerhin ruhige Nächte.

Meine Schwester und ich freundeten uns schnell mit den Bauernkindern der Umgebung an, und zu meinem grossen Glück fand ich auch meine Freundin Cicci wieder.

Die Giorgini, unsere Bauern mit ihrem Landbesitz unterhalb des „Troccolo”, einem Hügel mit einer Zementgrube, hatten unter dem Hügel hindurch einen begehbaren Stollen angelegt, um den Razzien der Faschisten und der SS entkommen zu können. Sie kannten alle Verstecke, und wir lernten sie auch bald kennen.

Wir Kinder entdeckten mit Vergnügen, dass sich in einem Häuschen beim Brunnen hinter der Zementgrube eine schöne und elegante Dame angesiedelt hatte. Bei Tisch hörten wir unseren Vater zur Mutter sagen: „Das ist eine P. P., die in Fano wohnte.” „Und wieso kennst du die?”, fragte meine Mutter argwöhnisch. „Der Bauer hat es mir gesagt“, nuschelte der Vater. Grossmutter beschloss diese Unterhaltung, an uns gewendet: „Ich rate Euch, nicht mit dieser schlechten Person umzugehen.”

Cicci und ich waren fasziniert von ihren exzentrischen, knöchellangen Kleidern aus buntestem Taft, dem Rot ihrer Haare und ihren lackierten Fingernägeln. Und ausserdem, wenn wir ihr am Brunnen begegneten, wo sie ihre Wasserflaschen füllte, war sie immer fröhlich und sang dabei. Eines Tages begrüsste sie mich und sagte: „Ciao, ich bin Piera, und wie heisst du?” Ich sagte ihr nur meinen Namen, aber nichts weiter, denn ich erinnerte mich an Grossmutters Worte von der „schlechten Person”. Vielleicht hatte sie schon jemanden umgebracht, hatte im Gefängnis gesessen oder war eine Diebin. Das konnte ja vieles bedeuten, ich musste mich vorsehen.

Grossmutter hatte ihre Putzsucht mit aufs Land genommen. Sie hatte allen Insekten den Kampf angesagt und mit Hilfe etlicher Mäusefallen die Mäuse vertrieben. Sie schrubbte den Fussboden und klopfte 10 Mal am Tag die Fussmatte vorm Eingang aus. Aber eines Tages hatte ein heftiger Windstoss ein Fenster aufgerissen und Grossmutter, die gerade wieder die Fussmatte ausklopfte, bekam dabei einen derartigen Stoss in den Rücken, dass sie das Gleichgewicht verlor, ausrutschte und den Abhang hinunter in die Jauchegrube rollte. 4 Bäder in der grossen Wanne waren nötig, bis Grossmutter endlich den Jauchegestank wieder abgelegt hatte.

Als von weitem Motorgeräusche zu hören waren, Lastwagen, Autos und Motorräder, die nur von deutschen Truppen stammen konnten, flüchteten die Männer von den Feldern in das Schilf unterhalb von Giorginis Haus und von dort in den Stollen unterm Troccolo.

Als danach Senigallia vom Meer aus beschossen wurde, und Fliegerbomben auf verschiedene Bezirke der Stadt fielen, denen u.a. auch das Haus meiner Grosseltern zum Opfer fiel, beschloss mein Vater, einen Unterstand für uns zu bauen.

Mit seinen im ersten Krieg gemachten Erfahrungen baute er ihn am Ende der Tenne, wo das Feld anstieg. Zu viert konnte man sich, auf Strohsäcken liegend, gut darin aufhalten. Für meine Grossmutter, welche die steilen Erdstufen nicht hinabsteigen konnte, baute unser Vater ein Gehäuse, Typ Beichtstuhl, das er mit Zementsäcken abdeckte und mit Gezweig tarnte. Hier hielt sie sich bei Fliegerangriffen auf.

Bei Artilleriebeschuss genügte es, den tiefen Keller des Landhauses aufzusuchen, der aus Basaltblöcken gebaut war.

Es kam der Sommer des Jahres 1944. Unser Vater arbeitete mit uns auf den Feldern mit den Bauern. Wir lernten Getreide mähen und Bohnen ausdreschen. Wir lernten auch Brot backen, Kleidung mit Naturfarben färben und auf dem Haublock Holz hacken. Ich brachte die einzige Kuh, die man dem Bauern gelassen hatte, zur Tränke. Während unsere Mutter nach wie vor im Büro arbeitete, wurden wir fleissige Bauern. Wir wurden mit Naturalien bezahlt, mit Mehl oder Eiern. Meine Schwester unterrichtete die Kleinen, die eigentlich auf die Grundschule hätten gehen müssen. Sie brachte manchmal Wein, Öl oder Kartoffeln mit, aber dann kam die Zeit heran, in der es nichts mehr gab, ausser Kartoffeln und magere Gemüsesuppe.

Unsere Fahrräder waren unsere Transportmittel für alles, und wenn wir keine Reifen mehr hatten, montierten wir Taue oder Vollgummi, die so entsetzlich hart waren, dass schon kleine Löcher in der Strasse ausreichten, um zu stürzen.

Die italienischen Städte wurden jetzt immer öfter bombardiert, es gab schwere Zerstörungen, z.B. in Bologna, und viele Tote.

Unsere Bauern begannen jetzt abends auf Spatzenjagd zu gehen, und wir halfen ihnen dabei. Wir erfuhren, dass die Spatzen in kalten Nächten in Strohhaufen übernachten. Wir hielten uns still im Hintergrund, während die Männer ein dichtes Netz über den Strohhaufen legten. Dann leuchteten sie mit Taschenlampen hinein, und wir machten Krach. Alle Spatzen flogen ins Netz, und die beiden Brüder töteten sie einen nach dem anderen mit einem kleinen Druck auf den Kopf. Dann wiederholten sie ihre Jagd an einem anderen Strohhaufen, und am Ende wurde die reichliche Beute gerecht unter uns alle verteilt.

Anna und ich graulten uns zuerst davor, die kleinen Vögelchen zu töten; wir wollten sie lieber leben lassen. Nachdem wir aber dabei viele Bisse abbekommen hatten, haben wir später mit verpflasterten Händen doch mitgeholfen, sie zu töten.

Für unsere Grossmutter waren die Spatzen wie das Manna für Moses in der Wüste. Nachdem sie sie gut gekocht und zubereitet hatte, sagte sie, es sei heute Jägersmahlzeit und stellte die kleinen gebratenen Gerippe auf den Tisch. Der Hunger fragt nicht viel nach Sentimentalitäten.

Jeden Abend zur gleichen Zeit erschien ein kleines Flugzeug und schoss Leuchtraketen, die das ganze Tal taghell erleuchteten. Wir nannten es familiär „Pippo” und erkannten sein Motorengeräusch mit geschlossenen Augen. „Er macht Erkundungsflüge, ob hier versteckte Truppenteile sind”, sagte unser Vater. Wir sassen bei russenden Petroleumlampen und bekamen schwarze Nasenlöcher.

Die Deutschen kamen auch in unser Dorf und requirierten alles. Sie holten die letzte Kuh, das Schwein und die Hühner, alles, was essbar war. Wir erkannten sie schon an ihren Schritten, und um uns Angst zu machen, hatten sie immer das Gewehr im Anschlag. Am Himmel tönte Tag und Nacht das Brummen der Bomberverbände. „Unsere Befreier kommen”, sagte unser Vater, „sie befreien uns, indem sie die Zivilbevölkerung umbringen, Mailand, Turin, Bologna, Genua, die armen Menschen!” „Papa, werden sie ganz Italien zerstören?” „Jetzt bombardieren und zerstören sie erstmal ganz Deutschland.”

Im Keller hörten die Männer Radio London, das verschlüsselte Nachrichten für die Partisanen sendete. Langsam drang durch, dass die italienische Armee sich mit den Partisanen in den Bergen vereinte. Vater sagte: „Das hört man so, aber ihr wisst von nichts, verstanden? Ich gehe mit einem Freund nach Ostra, es ist uns gelungen, dort eine Milchkuh und ein Lamm zu finden.”

Das Lamm wurde ein Schaf, aber niemand getraute sich, es zu schlachten. Als die Deutschen ins Dorf kamen, versteckten wir es im Schilf, machten ihm aber vorher Hassos Maulkorb um, damit es nicht blöken konnte. Die Kuh tauften wir Bianchina, und sie gab viel Milch, aber die Freude währte nicht lange. Es erschienen schwer bewaffnete Deutsche mit einem Lastauto, als ich Bianchina zur Tränke führte. Sie rissen mir den Strick aus den Händen, verluden unsere schöne Milchkuh und fuhren mit ihr davon.

Die Kämpfe spielten sich jetzt in Sizilien ab, man sprach von einer bevorstehenden Landung der Alliierten. Ihre Tieffliegerangriffe galten den Deutschen, und es gab nur wenig Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die Deutschen legten überall Minen aus, und der Ziehharmonikaspieler, der beim letzten Erntefest Musik gemacht hatte, wurde so zerfetzt aufgefunden, dass man ihn in einem Korb für die Traubenernte abtransportieren konnte. Es war der erste Tote im Dorf, den ich sah.

Von neuem klebten die Deutschen an alle Mauern und Wände Plakate mit Drohungen: „Achtung, Achtung, wer im Besitz von Waffen angetroffen wird, wird standrechtlich erschossen. Wer Waffen besitzt, hat diese sofort bei der nächsten deutschen Dienststelle abzugeben.”

„Achtung, Achtung, wer Partisanen oder Häftlinge aus den Konzentrationslagern bei sich aufnimmt oder versteckt, wird mit dem Tode bestraft.”

Unsere Mutter kam bestürzt nach Hause: „Lieber Himmel, habt ihr die Plakate gelesen, wegen Waffenbesitz?” „Na und, mein Liebes, was regt dich daran so auf?“ „Dass wir alle erschossen werden.” „Und warum?” „Weil hier in unserem Zimmer in einem Sack das Jagdgewehr von Onkel Joseph liegt, bestens eingeölt. Er hat es uns mitgegeben und unten in die Truhe unter die Wäsche gelegt. Wir sind verloren; wenn sie eine Durchsuchung machen, finden sie es garantiert. Es muss weggebracht werden, am besten ins Haus in Senigallia.”

Ich schaltete mich ein: „Das mache ich, Mamma, ich bringe es nach Senigallia, und dann verstecke ich es auf dem Boden unter dem Kohlenstaub, der da noch liegt.” „Das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee, sagte mein Vater, bei ihr vermutet man nichts und wird sie nicht anhalten. Ich fahre in gewisser Entfernung hinter ihr her, damit sie notfalls nicht allein ist. Ich ziehe mich so an, dass ich wie ein Grossvater aussehe. Wenn sie das Ding bei uns finden, sind wir tot, bevor wir noch den Mund aufmachen können.”

Es war ein grauer Tag, als ich meinen apfelgrünen Mantel anzog, den ich so gern hatte. Ich stellte fest, dass er zu klein geworden war, auch die Ärmel zu kurz. Meine Haare bürstete ich mir und liess sie lang bis auf die Schultern. An den Füssen hatte ich alte Schuhe von meiner Mutter. Vater hatte das Gewehr auseinander genommen, die Einzelteile in ein altes Kleidungsstück gewickelt und in einen alten, braunen Koffer getan.

Beim Hinausgehen sah ich mein Spiegelbild in der Glasscheibe der Tür und fand mich verändert. Gross und dünn, aber ganz gut proportioniert, hatte ich das Kindliche verloren. Ich kam mir so fremd vor, dass ich noch einmal verhielt, um mich genauer anzusehen. Dabei kam mir der Gedanke, dass ich dabei war, mein Leben zu riskieren.

„Pass auf die Strassenlöcher auf”, ermahnte mich meine Mutter, „damit du nur nicht stürzest.” Sie umarmte und küsste mich: „Ich habe Vertrauen in dich.” „Der Herr möge dich behüten, mein Töchterchen”, sagte Grossmutter und setzte sich zu ihren Heiligenbildern, um zu beten. Mein Vater erklärte mir: „Binde den Koffer nicht fest, sondern lege ihn dir auf den Lenker, so dass du, wenn du eine Streife siehst, ihn schnell ins Gebüsch neben der Strasse werfen kannst.”

Das Fahrrad hoppelte und stiess sehr, kaum dass ich auf der Hauptstrasse war, und diese war voller deutscher Soldaten, die zu Fuss in Richtung Senigallia gingen. Die Truppen schienen in Auflösung zu sein, ich sah auch ältere Soldaten, viele wirkten müde und hatten keine soldatische Haltung. In ihrer nachlässigen Unbekümmertheit um die Zivilbevölkerung machten sie den Eindruck, als seien sie dabei, das Land zu verlassen. Es waren Truppenteile der Wehrmacht, nicht der SS.

Nach der sommerlichen Feldarbeit war ich dunkelbraun gebrannt. Ich hatte einen Busen bekommen, der sichtbar die Stösse des Fahrrades mitmachte, während der zu klein gewordene Mantel kaum die Beine bedeckte. Wie sehr ich mich verändert hatte, wurde mir bei den Reaktionen der Soldaten bewusst, deren Blicke ich auf mich zog.

„Lili Marleen” sang der eine, und „ich liebe dich, Fräulein” oder „signorina bella”, Ich wagte nicht, mich umzudrehen um nach meinem Vater zu schauen, aber als die lange Reihe der Soldaten endlich vorbei war, war mir wohler. Auch sah ich Zivilisten mit Karren und Ziehwagen, und auch diese kamen mir fremd vor.

Etwa 4 Kilometer vor Senigallia sah ich einzelne Soldaten im Gras des Strassengrabens sitzen. Sie sassen in Abständen und mancher machte ein Schläfchen. Wer weiss, wie viele Kilometer sie schon marschiert waren.

Eifrig tretend nahm ich eine enge Kurve, geriet in ein Loch in der Strasse, verlor die Balance und stürzte mit dem Rad direkt neben einen älteren, dort sitzenden deutschen Soldaten. Der Koffer ging auf, und es wurde ein Stück vom Gewehr sichtbar. Der Soldat sah mich an, dann das Gewehr, bewegte sich aber nicht. Er atmete schwer, und der Schweiss stand ihm im Gesicht, er wirkte sehr erschöpft. Ich war in panischer Angst, sah den Revolver an seinem Koppel und dachte nur: „Jetzt erschiesst er mich, jetzt erschiesst er mich!” Ich sprang auf die Füsse, packte das Teil vom Gewehr wieder in den Koffer und machte ihn schnell wieder zu. Dann hob ich mein Rad wieder auf, immer noch in Erwartung eines Schusses aus seiner Feuerwaffe. Aber der Soldat bewegte sich nicht und sah mich unverwandt an. Ich setzte mich auf den Sattel, denn mir zitterten die Knie so sehr, dass ich mich nicht auf den Beinen halten konnte. Die Schrammen auf ihnen, die ich mir beim Sturz zugezogen hatte, begannen zu bluten. Ich verhielt, der Soldat sah mich an, dann sah ich weitere Soldaten sich nähern, und ich fuhr los, über die Schienen der Zementbahn hinweg, immer noch in der Angst, dass er mich nun von hinten erschiessen würde. Stattdessen rief er laut: „Auf Wiedersehen, Fräulein!”, und ich, ohne mich umzudrehen, „Danke schön, danke schön, danke schön!” und trat wie besessen in die Pedale, ängstlich darauf achtend, nicht wieder durch ein Loch zu fahren.

Ich erreichte unser Haus, ohne mich auch nur einmal umzusehen. Immer noch war ich so aufgeregt, dass es mir kaum gelang, die Tür mit dem grossen Schlüssel aufzuschliessen. Das Gewehr begrub ich unter dem Kohlenstaub auf dem Boden, und jetzt endlich brach ich in Weinen aus und wischte mir mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht.

Mein Vater fand mich so, auf einer Stufe sitzend, das Gesicht von Kohlenstaub geschwärzt. Auch er war erschreckend bleich. „Das war ja eine schlimme Sache, mein Kind, ein entsetzlicher Augenblick. Wenn dir etwas zugestossen wäre, hätten wir alle nicht überlebt.” „Aber, Vater, warum hat denn der Soldat nicht geschossen?” „Er war so alt wie ich, vielleicht hat er in Deutschland auch so eine Tochter. Oder er hat schon zu viele Tote sehen müssen, zu viele Tote. Sie sind dabei, diesen verfluchten Krieg zu verlieren. Aber, siehst du, wir beide, wir werden nicht sagen, alle Deutschen seien herzlos.”

Aber dieser schlimme Tag war noch nicht zu Ende. In der Abenddämmerung ging ich zum Brunnen, um 2 Flaschen mit Trinkwasser zu füllen. Ich rief Cicci, die gleich bereit war, umso mehr, als die Ihren in ein benachbartes Dorf gegangen waren, um nach Mehl zu fragen. „Komm Cicci, wir machen einen kleinen Weg zusammen, wir gehen bis zu Pieras Haus, und von da begleitest du mich nach Hause und bleibst bei uns, bis deine Familie wieder zurück ist.”

Auf dem Rückweg füllten wir die Flaschen und sahen Piera. Sie sass unter einem Maulbeerbaum, rauchte und las in einem Buch. Als Cicci so neben mir stand, fiel mir auf, dass auch sie sich verändert hatte. Etwas kleiner als ich, aber molliger, hatte sie einen unübersehbaren, vollen und schönen Busen bekommen. „Hallo, Cicci, weisst du eigentlich, dass du inzwischen ein Fräulein geworden bist? Du hast dich ganz schön verändert.” „Ja, du hast Recht, und ich habe auch nichts mehr anzuziehen, mir passt nichts mehr. Du hast eine ältere Schwester, von der du etwas erbst, aber meine Schwester ist kleiner.”

Wir schlugen den Weg nach Hause ein, als wir ein Motorrad hörten, das durch das Dorf in unsere Richtung kam. In unserer Nähe hielt es an, und 2 Deutsche stiegen ab. Sie waren offensichtlich betrunken, denn sie wankten und nuschelten. Sie stiessen ihre Gewehrkolben auf den Boden und versuchten, mir klarzumachen, dass sie meine Weinflaschen haben wollten, von denen ich eine in jeder Hand trug. Es war niemand in der Nähe; wir waren allein, und Cicci ergriff meinen Arm. In dem Moment fiel mir auf, dass die Spatzen schwiegen, die gerade zuvor noch einen unglaublichen Lärm gemacht hatten.

„Oh Gott, Wilma, die sind böse, ich habe Angst.” „Sei ruhig, Cicci, ich rede mit ihnen.” Ich zeigte auf die Flaschen: „Das ist kein Wein, das ist Wasser, das ist Wasser!” „Nein, nein, kein Wasser, Wein, schönes Mädchen.” Cicci war wie gelähmt und hing bleischwer an meinem Arm. „Cicci, bitte, bewege dich, komm, wir laufen in euer Haus, du siehst doch, dass die sich kaum auf den Beinen halten können. Los, komm hoch!” In dem Moment sah ich, dass der andere Deutsche fasziniert auf Ciccis schwer atmenden Busen stierte. Ich dachte, jetzt ist es dem auch aufgefallen! Der neben mir Stehende schrie mich an. „Her mit dem Wein, her mit dem Wein!” Ich schrie zurück: „Das ist kein Wein, das ist Wasser!” Kaum, dass ich das gesagt hatte, liess er das Gewehr auf den Boden fallen, zog seine Pistole und schoss erst in die eine, dann in die andere Flasche. Ich hatte nur noch die Flaschenhälse in der Hand, Wasser und Glassplitter flogen umher. Ich schrie: „Lauf, lauf, schnell weg von hier!” Aber Cicci schrie jetzt nur noch, als der Deutsche sie in Ciarlonis Strohhaufen zog. Ich versuchte, mit Fäusten und Fusstritten mir den anderen Deutschen vom Leibe zu halten, der versuchte, mich an sich zu pressen. Cicci lag schon am Boden, gelähmt und mit entsetzt aufgerissenen Augen. Ihre Röcke waren hoch gerutscht, man sah ihre nackten Schenkel, Schenkel einer Frau, während der Deutsche dabei war, sich die Hosen auszuziehen. Jetzt schrie ich mit aller Kraft. „Hilfe, Hilfe!!!!”

In dem Moment hörte ich eine bekannte Stimme: „Aber, aber, Kameraden, was macht ihr denn hier für einen Aufstand mit den beiden Mädchen? Braucht ihr eine Frau? Hier, ich bin eine Frau.” Und bei diesen Worten öffnete Piera ihr wundervolles, geblümtes Kleid und liess einen Busen hervorquellen, gross, wie 2 Melonen: „Hier, ich bin eure Lili Marleen!”

Die beiden Deutschen rappelten sich auf und folgten lachend Piera, die sich an uns wandte: „Seht zu, dass ihr weg kommt und schliesst euch zu Hause ein. Ich gebe den beiden jetzt eine Korbflasche voll Wein zu trinken und rufe einen Bekannten, der mir helfen wird. Lauft, lauft!”

Nachdem die Gefahr vorüber war, steckten die Leute wieder ihre Nasen aus dem Haus, und die Strasse belebte sich. Als wir beiden in höchster Not waren, und ich mich aus Leibeskräften gegen die betrunkenen Unholde wehrte, hatte sich keiner sehen lassen.

Ich zog Cicci ihre Röcke hinunter; sie war in der Tat zu schnell gewachsen und umgefallen wie eine überreife Birne. Wir kamen nach Hause; weder meine Mutter noch die Grossmutter oder meine Schwester hatten etwas gehört, nicht einmal die Pistolenschüsse.

Niemand vergass jemals die Grosstat der Piera, mit der sie uns gerettet hatte, „eine monströse Aktion”, wie Grossmutter sagte, und sie ging persönlich zu ihr, um sich zu bedanken.

Für Cicci und mich war nun die Zeit des Spielens, des Verkleidens und des Träumens definitiv vorüber. Auch wenn wir beide nicht begriffen, was uns eigentlich beinahe geschehen wäre, wir dachten an eine Art griechisch-römisches Tragödienspiel, so fanden wir doch in dieser Nacht keinen Schlaf.

Es gab einen strengen Winter mit viel Schnee und Kälte, in dem die Menschen von weitem wie Schemen aussahen; an den Bäumen glänzten Tausende von gefrorenen Wassertropfen, und die Spatzen schüttelten sich die Nässe aus dem Gefieder. Graue, dunkle Tage, in denen auch der Ofen nicht richtig zog, und der Rauch uns Augen und Hals reizte. Durch die blinden Fensterscheiben konnte das Tageslicht kaum die Dunkelheit aus den Räumen vertreiben.

An einem solchen Tag sass ich am Fenster und schrieb meinen Namen auf die Fensterscheibe, welche durch die Kälte von aussen und die Wärme im Zimmer beschlagen war. Ich sah zu, wie die Schrift zerrann und wischte sie dann wieder weg. Da sah ich eine Hand, die von aussen die gleiche Bewegung machte. Ich wischte noch einmal, die Hand wischte ebenfalls. Da sah ich ein Auge, das mich beobachtete. „Hier ist jemand draussen!” schrie ich. „Jesus, Madonna von Brugnetto”, sagte Grossmutter, „wer kann das sein?” „Bleibt ruhig und seid still”, sagte meine Schwester und öffnete die Tür.

2 Männer traten ein, noch nicht alt, etwa 30 Jahre, mit braunen Haaren und Augen. Sie waren nicht in Uniform, aber ihre Jacken und Hosen waren offensichtlich nicht ihre eigenen, die Ärmel hingen lang herunter. „Hunger, Hunger und kalt”, sagten sie fast gleichzeitig. „Ach, ihr Ärmsten”, sagte Grossmutter, „setzt euch, ich mache euch eine Tasse heisse Milch.” „Nein, keine Milch, Eierpfannkuchen, frittata.” „Frittata?” fragte Anna, „wer seid ihr denn?” „Abgestürzte Piloten, feindliche Linien, geflohen aus Konzentrationslager Rimini, Engländer.” „Englische Piloten? Ja, wie seid ihr denn von Rimini hierher gekommen, es wimmelt doch von Deutschen und Faschisten?” „Wir geflüchtet, am Tag immer versteckt, Gräben, leere Häuser, Felder, hohes Gras. Nachts immer laufen, laufen, Schilder ‚Ancona’. Amerikaner in Anzio.” „Was sagt ihr, in Anzio sind schon die Amerikaner? Mussolini hat doch gerade eine neue Regierung gebildet und ein neues Heer aufgestellt.” „Ist der Krieg vorbei?” rief Grossmutter Marietta. „Die Alliierten Rom und kommen. Hier bald Krieg und Hölle. Kommt Armee.” „Aber von was für einer Armee redet ihr denn?” fragte Anna ganz verwirrt. „Wer soll hierher kommen?” „Polnisches Heer, Italiener, Amerikaner, Engländer, Australier, viele, viele.” „Aber woher wisst ihr das denn? Seid ihr wirklich Engländer?” „Yes, miss, ich von Galles, er von London.” „Heiliges Kreuz vom Hafen! Engländer, Gefangene. Uns erschiesst man alle, Heilige Gabriele Adolorata, hier sind die Deutschen und die Faschisten!” „Wisst ihr, dass man uns umbringt, wenn man euch hier findet?” „Ja, Miss Anna, aber sobald es dunkel wird, gehen wir weiter.”

Vater war in die Nachbarschaft gegangen, um bei den Bauern nach etwas Brot und Mehl zu fragen. Mutter war im Büro, wo die Deutschen waren. Für mich kleine, dumme Italienerin waren die Engländer unsere Feinde, die Bomben warfen, und die uns unser Meer weggenommen hatten. Aber jetzt war es besser, ihnen zu helfen, um sie schnell wieder los zu werden.

„Man hält es nicht für möglich, was uns so alles passiert. Madonna von Carmine, wegen der Engländer sehe ich mich sterben, ohne die Sakramente empfangen zu haben. Ich werde jetzt Eierkuchen von 4 Eiern machen, vielleicht gehen sie dann eher. Aber ich habe solche Magenschmerzen, und die Oblaten sind alle, mit denen ich die Medizin nehme”, klagte meine Grossmutter. „Ich gehe gleich morgen und hole euch Hostien von den frommen Schwestern, Grossmutter, das mache ich.” „Hostien?” fragte der eine Engländer. „Nein, Eierkuchen, Eierkuchen”, sagte Grossmutter.

Dann wuschen sich die Engländer, machten sich heisses Wasser, um sich mit Vaters Rasierapparat zu rasieren, ohne zu wissen, dass dieser die Flieger immer „unsere Befreier, die A . . .” nannte. Er pflegte allerdings für das böse Wort die Abkürzung „AL” zu verwenden.

Die beiden Piloten waren dann mit den Köpfen auf dem Tisch eingeschlafen, und wir respektierten ihren Schlaf. „Sie sind auch Söhne”, sagte Marietta.

Anna machte ein Päckchen mit Lebensmitteln fertig. Wir hatten zwar Kartoffeln und Äpfel, aber sonst so gut wie nichts. „Ich bringe sie bis zum Drahtverhau hinterm Schilf; du Wilma, sprich mit Mutter und sag ihr, sie solle dafür sorgen, dass Vater heute nicht nach Hause kommt, er soll über Nacht bei den Bauern bleiben. Aber sag sonst nichts, was ihn argwöhnisch machen könnte. Mutter ist klug genug und wird richtig reagieren, und du, nimm deinen Verstand zusammen.”

„Heilige Madonna, was habe ich für Magenschmerzen gekriegt”, sagte Marietta.

Anna ging mit den beiden Engländern zum unterirdischen Gang. Ich rannte zur Telefonkabine im Dorf und rief Mutter an: „Mamma, ich bin es.” „Ciao, mein Schätzchen, was gibt es?” „Kann ich dir was sagen?” „Sie sind in der Leitung.” Ich zögerte. „Sag Vater, er brauche heute Abend nicht nach Hause zu kommen, er kann dem kranken Gegio Gesellschaft leisten.” „Ja, gut, und wie geht es euch?” „Bestens, Grossmutter ist dabei, die Ausgaben ins Buch einzutragen und zählt dabei wie Vater, der ja nur bis 10 zählen kann. Du zählst ja bis 2.

Vater konnte in Englisch bis 10 zählen, es war alles, was er in Englisch konnte. Mutter verstand, es musste sich um Englisch oder Engländer handeln, und sie sollte bis 2 zählen: 2 Engländer, aber wo?

„Wo hast du das Kontobüchlein gefunden?” „In der Küche, aber wir haben es verbrannt, es war ja voll, und jetzt ist es weg. Rufst du Vater an?”„Ja, mein Schatz, ich habe verstanden, ich komme bald nach Hause.”

Ich hoffte, alles so erklärt zu haben, dass niemand etwas daraus entnehmen konnte. Aber alles war überwacht, auch von den Faschisten, und vielleicht hatte doch jemand etwas mitgekriegt. Aber was konnte man schon aus dem entnommen haben, was ich meiner Mutter gesagt hatte?

Auf dem Wege vom Telefon blieb ich noch 20 Minuten bei Cicci, dann ging ich nach Hause, um mit Anna den Tisch zu decken. Aber ich hatte noch nicht einmal die Tischdecke auf dem Tisch, als die Tür aufgestossen wurde, und Deutsche erschienen. Sie stellten sich neben die Türöffnung mit Gewehren im Anschlag: „Raus, raus, raus, alle aus dem Hause, mit dem Gesicht zur Mauer und die Hände hoch!” Die Befehle klangen kalt und bösartig. Wir standen alle draussen an der Mauer mit erhobenen Händen, ausser uns noch der Bauer Ciarloni mit seiner Frau Julia und 2 kleinen Kindern (Zeugen, die noch heute leben). Der Kettenhund Moretto, sonst immer laut bellend, wenn sich jemand dem Tor näherte, spürte die Gefahr, in der wir alle uns befanden und schlich mit eingeklemmtem Schwanz in seine Hütte. Dann fuhr auch noch ein Kleinlaster mit fünf Faschisten vor.

„Heilige Madonna von Sankt Martin, wie lange muss ich denn noch so hier stehen?” jammerte Grossmutter, „ich habe doch solche Magenschmerzen und Durchfall!” „Ruhe”, sagte einer von der Miliz und untersuchte jeden von uns. „Ich habe Magenschmerzen”, wiederholte Grossmutter. „Ruhe, und alle umdrehen. Wer ist im Haus?” „Niemand”, sagten wir alle gleichzeitig. 3 von den Faschisten gingen sowohl in unseres als auch ins Haus der Bauern und durchsuchten alles. „Ich habe gefragt, wer im Hause ist. Und ob ihr verdächtige Personen gesehen habt. 2 Kameraden haben uns berichtet, dass sie hier in eurer Nähe verdächtige Personen herumstreichen gesehen haben. Vielleicht Partisanen, und ausserdem sind 4 Engländer aus dem Konzentrationslager von Rimini entwichen.” „4?” fragte Grossmutter, „wieso 4?” „Seid still, Grossmutter, morgen hole ich euch die Oblaten, damit eure Magenschmerzen weggehen.” „Ach, wie tut mir der Magen weh, was habe ich für Bauchschmerzen!” jammerte meine Grossmutter wieder. „Wenn ihr nicht redet, können wir euch nicht helfen, unsere deutschen Kameraden machen keine Scherze. Ihr seht, dass die Gewehre geladen und entsichert sind. Los, redet jetzt!”

Da erkannte meine Schwester in einem der Faschisten einen ehemaligen Schulkameraden. „Ciao, kennst du mich nicht mehr? Ich bin Anna Durpetti, wir waren doch in derselben Schule und haben immer miteinander unseren faschistischen Dienst und die Märsche gemacht. Erinnerst du dich? Ich war doch Wettkämpferin bei der Leichtathletik, zusammen mit der Vignoli, bin ihre Kameradin. Erinnerst du dich an uns?” Und Anna fuhr fort: „Glaubst du, dass wir beiden, die wir immer bei der faschistischen Jugend waren, euch nicht Bescheid sagen würden, wenn sich hier verdächtige Personen herumtrieben? Wir leben schon seit 2 Jahren hier.”

„Ja, sicher, ich erkenne dich wieder, aber man hat uns gemeldet, dass hier solche Leute gesehen wurden.” „Also”, sagte Anna entschlossen, „jetzt lass mir deine Telefonnummer hier, eine Nummer, über die ich sofort mit dir Kontakt aufnehmen kann, wenn wir hier etwas bemerken, ich werde dich augenblicklich anrufen. Du kannst dich auf uns beide verlassen.”

„Anna, ich glaube dir”, und an die anderen gewendet: „Diese Leute sind mir persönlich als zuverlässig bekannt, hier ist falscher Alarm, wir können umkehren. Ruft mich an”, und mit einem bewundernden Blick auf Anna: „Ruf mich an, Anna!”

Die Deutschen gingen voran, dann die anderen, er sprang als Letzter auf den Wagen, und während dieser anfuhr, richtete er sich mit dem Faschistengruss auf und rief: „Viva il Duce!” Sie waren kaum aus dem Tor, als Grossmutter sagte: „Der Schlag soll dich treffen, und ihn auch gleich. Ich habe meinen Durchfall nicht halten können.”

„Grossmutter, ich fahre heute zu den Schwestern hinterm Dom.” Ja, mein Töchterchen, wenn du wüsstest, was für eine Sehnsucht ich nach einem guten Kaffee habe, und nach einem gegrillten Fisch. Ist dir klar, wie fabelhaft sich gestern unsere Bauern Ciarloni benommen haben? Glaubst du, sie hätten nicht gemerkt, dass wir hier 2 Engländer im Hause hatten? Aber sie haben dicht gehalten. Die Bauern, auch wenn sie keine studierten Leute sind, sie haben ihre Weisheit und kennen sich aus, so wie mit dem Boden, den sie bearbeiten. Ach, mein Kleines, mir geht es nicht gut.”

„Grossmutter, ich helfe Euch, wieder gesund zu werden, und Ihr werdet es erleben, dass wir alle wieder nach Hause kommen, zum Hafen. Auch Tante Itala wird sich melden und gesund und munter zurückkommen. Und dann machen wir einen guten Kaffee aus Kaffeebohnen und kaufen einen frischen Fisch vom Kutter und bleiben immer zusammen. Und jetzt nehme ich mein Rad und fahre nach Senigallia.” „Komm schnell wieder, Wilma, ich brauche die Medizin.”

Ich zog meinen viel zu klein gewordenen Mantel an, nahm das Fahrrad und hoppelte los, immer darauf bedacht, den schlimmsten Löchern in der Strasse auszuweichen. Während der Fahrt musste ich an meine geliebte Heimatstadt und an meine vielen Freunde denken. Wo mochten sie jetzt sein, und wie mochte es ihnen ergangen sein in den vielen Kriegsjahren, von denen wir nun schon bald 2 auf dem Lande lebten. Ich hörte im Geiste ihre Stimmen, sie fehlten mir so sehr. Und die Fischer mit ihren baumelnden Krebsen, die sie an ihren Scheren anfassten. Und die Fischkutter mit den grünen Öffnungen im Bug, die wie Augen aussahen, ob sie wohl noch im Hafen lagen? Und an meine Lesehefte und die von Anna dachte ich, aus denen wir Papierkugeln zum Heizen gemacht hatten: „Mandrake und Lothar”, „Gordon und Dale”, „Cino und Franco” hatten sie geheissen. Es waren nur die Bücher von Salgari und von Verne übrig geblieben, alle anderen waren vernichtet.

Es begegneten mir Faschisten und Deutsche, einige mit Kindergesichtern, die mich überraschten; sie mochten kaum älter sein, als ich. Ihre Stahlhelme waren viel zu gross, und wie kamen sie überhaupt hierher?

Ich fuhr sogleich zur Apotheke Mancini, wo mir Herr Petronilli entgegenkam: „Die Medizin für deine Grossmutter habe ich vorbereitet, wie geht es ihr denn?” „Nicht gut, sie klagt viel. Und die Oblaten hole ich jetzt von den Schwestern; wir haben schon lange keine mehr.”

Dann fuhr ich zu den unsichtbaren Schwestern vom Dom. Grossmutter nannte sie „die lebendig Begrabenen“, denn einmal in den Konvent eingetreten, konnten sie ihn nur tot wieder verlassen.

Die Schwestern machten Flickarbeiten, Steppdecken und bestickten Aussteuerwäsche und verdienten damit ihren Lebensunterhalt. Aber sie hatten auch Gemüsegärten und Obstbäume, sie buken ihr Brot und machten Öl und Butter. Aber niemand durfte sie jemals sehen.

Die Kommunikation mit ihnen ging durch ein drehbares Rad vor sich, das in die Mauer beim Eingang eingelassen war. Auch die Empfangsschwester blieb ein Schemen, niemand hatte sie je gesehen.

Als ich an diesem Morgen in den Hof trat, befand ich mich zu meiner Verwunderung ganz allein. Sonst waren dort immer viele Menschen. Der Konvent grenzte an der einen Seite an die Militärkaserne, an der anderen Seite an die Einfassungsmauer des Flusses Misa. Beim letzten Hochwasser stieg der Fluss bis in die ersten Stockwerke. Das Militär brachte uns mit Booten Lebensmittel, die wir ihnen aus den Händen nahmen.

Ich zog die Glocke, und eine Stimme fragte: „Bist du es? Kommst du, um nicht geweihte Oblaten für deine Grossmutter zu holen? Wie geht es ihr?“ „Nicht gut, sie klagt.” „Warum bringt ihr sie nicht ins Krankenhaus, auch wenn es mit Verwundeten belegt ist, man würde ihr dort helfen.” „Grossmutter sagt, dass sie dort sofort sterben würde.” „Das ist Vorurteil und Dickköpfigkeit, sie würde dort geheilt. Warte hinter dem Rad, ich komme gleich wieder.”

In diesem Moment heulten die Fliegeralarm-Sirenen und hörten gar nicht wieder auf. „Hier sind die Oblaten, lauf schnell in den Luftschutzkeller!” „Der ist aber weit weg”, sagte ich, und hatte den Satz kaum beendet, als sich schon Tiefflieger direkt über uns befanden, und ein Inferno begann. Geschosse und Splitter bohrten sich in die Mauer, Detonationen und Mauerstücke krachten und splitterten, eine Maschinengewehrsalve fegte in die Wand neben dem Rad, an dem ich stand. Ich war schutzlos gefangen und bekam die Panik: „Lasst mich schnell rein, ich sterbe hier!” „Du kannst nicht rein, ich bleibe hier bei dir, direkt hinter der Mauer.” „Nein, ich will rein, ruft die Oberin, ich muss hier sterben, und ihr seid schuld daran.”

Neue Tieffliegerangriffe liessen Geschosshagel in Wände und Decke spritzen. Ich schrie: „Ihr seid herzlos und erbarmungslos, ihr habt eure Mutter und eure Familien verlassen, um euch hier zu verschanzen. Ich hätte meine Familie nie im Stich gelassen. Die frommen Schwestern vom Hafen sind viel besser, als ihr!” Und ich begann verzweifelt zu schluchzen.

Jetzt kam die Oberin: „Beruhige dich, ich bin ja auch hier bei dir.” Neue Geschosshagel und Explosionen. Ich warf mich auf den Boden: „Macht mir auf, macht mir auf!” „Ich übernehme jetzt die Verantwortung, wir öffnen das Tor, aber du musst mir versprechen, uns nicht anzuschauen, schau auf unsere Füsse und folge uns. Wir lassen die böse Welt draussen.”

Ich hielt mich ans Versprechen und folgte ihnen über einen Gang und 3 Stufen hinauf. Der Geruch von Kerzen und Blumen umfing mich, ich war in der Kirche und setzte mich in eine hölzerne Kirchenbank. „Bleib hier still sitzen, wir werden jetzt für alle beten, die leiden und sterben müssen.”

Eine der Schwestern kniete sich hin, die anderen legten sich mit ausgebreiteten Armen auf den Boden, so dass ihre Körper die Form eines Kreuzes hatten. Ich konnte mein Weinen nicht anhalten, und meine Tränen liessen das Kerzenlicht in lauter farbigen Funken schillern. Ich machte es wie sie, kniete auf dem Boden mit ausgebreiteten Armen und folgte ihrem Gebet. „Domine, vultus tuus super nos, mane nobiscum Domine.” Dieses Gebet, gesungen wie eine Kantilene, beruhigte mich trotz des fortdauernden Getöses über uns. Und nie wieder habe ich erlebt, dass die Aussenwelt mir so entrückt war.

Als die Schiesserei vorbei war und die Sirenen Entwarnung gaben, bemühte ich mich, mein Versprechen einzuhalten und keiner der Schwestern ins Gesicht zu sehen. Ich entschuldigte mich für meine Schimpfworte und bedankte mich bei den Schwestern auch im Namen meiner Familie.

Draussen auf der Strasse war Rauch, Geschrei und ein grosses Durcheinander. Ich war verwirrt und merkte jetzt, dass ich einen Absatz vom Schuh verloren hatte und hinkte. Ich konnte mich nicht erinnern, wo und wann das passiert war. Mich überfiel ein würgendes Heimweh, sogleich in den Konvent zu den Schwestern zurückzukehren. Aber es ging Grossmutter so schlecht, und sie hatte mich gebeten, schnell wiederzukommen.

Ich musste in unsere Welt zurückkehren. Ausgerechnet ich hatte die Klausur des Konvents gebrochen, nach Jahrhunderten hermetischer Abgeschlossenheit.

Nach dem Ende des Krieges liess mich der Bischof Ravetta zu sich rufen. Ich hatte damals Namen und Adresse bei den Schwestern hinterlassen. Er war gekommen, um dem Orden seinen Segen zu erteilen, und bei dieser Gelegenheit schloss ich Freundschaft mit der Oberin. Als später durch päpstlichen Erlass die Klausur des Ordens aufgehoben wurde, sah ich auch ihr Gesicht. An dem Tag, als ich Senigallia verliess, ging ich zu ihr, um mich zu verabschieden. Sie sagte: „Wenn die Welt draussen dir Leid und Schmerz zufügt und du Hilfe brauchst, so komm her und läute nach uns, wir werden dich wieder hineinlassen.”

Je weiter die alliierten Truppen vordrangen, desto knapper wurden die Lebensmittel, und desto mehr Menschen starben in Italien: Zivilisten, Partisanen, Faschisten und Deutsche. Wir zogen uns immer mehr in den Keller zurück, wo wir oft ganze Tage verbrachten. Immer öfter konnte man Geschützdonner hören, wie Sommergewitter. Es gab keine Särge mehr für die Toten, und die bedauernswerte Dina Olivetti, die mit einem kleinen Granatsplitter im Herzen starb, hatte nur einen Kasten aus den Brettern ihrer Anrichte.

In Zeiten der Waffenruhe konnten wir bisweilen Luft schnappen und spazierten um den Kornboden herum. Auf den Nebenstrassen durch die Dörfer war Tag und Nacht ein ununterbrochener Rückzug von deutschen Truppen. Wer es nicht gesehen hat, kann sich die Bilder eines Heeres im Rückzug nicht vorstellen. Männer, die grauenvolle Schlachten hinter sich hatten, Augen, die jahrelang Verwüstung, Tote und Sterbende gesehen hatten, Bauernkarren mit Verwundeten und Proviant, Soldaten mit verbundenen Köpfen und Gliedern, und immer wieder mitgeführte Schafe und Kühe, die ununterbrochen blökten und brüllten.

Der Zug dauerte 3 Nächte ununterbrochen an, sowie auch der alliierte Geschützdonner. Auf ihrem Rückzug nach Rimini benutzten die Deutschen nicht die Hauptstrassen, weil diese unter ständigem Beschuss lagen, sondern sie nahmen die Nebenstrassen. Von Ancona gingen sie über Marzocca und Montignano.

Ein schwerer Panzer ruinierte einen Teil der Strasse und den von meinem Vater geschaffenen Unterstand. Wir waren in den stockfinsteren Kellern versteckt und hatten die Eingänge getarnt. Es war Hochsommer, und wir hatten im Haus Fenster und Türen offen gelassen, damit es einen verlassenen Eindruck machte. Während 4 Tagen kamen die Deutschen nur des Nachts durch unser Dorf. Dann hörten wir öfters das Geräusch der Kette, mit welcher der Wassereimer aus dem Brunnen gezogen wurde, Schritte im und hinterm Haus, deutsche Stimmen und bisweilen Salven aus Maschinenpistolen.

Schliesslich wurden das Blöken der Schafe und das Brüllen der Kühe seltener, das Wagenrollen und Marschieren der Soldaten hörte auf, und eines frühen Morgens blieb es still. Wir krochen nacheinander auf allen Vieren hinaus und fanden beim Brunnen seltsame Essensreste und Zigarettenkippen mit nie gesehenen Aufschriften. Mein Vater rätselte mit dem Bauern, woher sie stammen könnten: „Deutsche sind es nicht, unsere auch nicht.” Dann fanden wir einige längere, die, kaum angezündet, weggeworfen worden waren und lasen: „Camel Navy Cut, Chesterfield.” „Also, jetzt verstehe ich nichts mehr”, sagte mein Vater – „aber der Tabak ist gut, sie haben einen fantastischen Duft.” „Hört doch auf”, sagte meine Mutter, „ihr habt ja sogar Heu und Stroh geraucht, werft das Zeug weg, womöglich ist es explosiv!”

Beim ersten Kanonendonner zogen wir uns wieder in den Keller zurück. Wir besassen noch Äpfel, Kartoffeln, Zwiebeln und etwas Speck, und Vaters berühmtes Trockenbrot. Der Bauer hatte noch Salami und Polentamehl. Und so assen wir Polenta mit Kartoffeln, Kartoffeln mit Polenta.

Deutsche kamen keine mehr; die Partisanen wussten, dass wir uns im Keller versteckt hielten, aber keiner von ihnen kam zu uns. So verhielten wir uns still und hatten während des Tages die Türe halboffen stehen, aber immer mit Strauchwerk gut getarnt. Das Kanonenfeuer aber hielt Tag und Nacht an, nachts bisweilen wie ein Feuerwerk. „Sie scheinen das Feuer verstärkt zu haben, vielleicht sind sie schon in Marzocca, und die Deutschen auf dieser Seite der Misa”, sagte mein Vater horchend. Seit 2 Wochen waren wir nun schon unter der Erde und fühlten uns wie lebendig begraben.

Zum Glück war es Sommer, und der Keller war nicht feucht. Unsere Matratzen hatten wir auf getrocknete Maisblätter gelegt, es gab einen Tisch und Stühle, Kannen mit Wasser, sonst nichts. Warmes Essen gab es nur, wenn die Bäuerin hinterm Stall in einem eisernen Herd Feuer machte. Polenta und Kartoffeln.

Eine weitere Nacht verging, andauernd hörten wir das Rasseln der Brunnenkette, und morgens fanden wir wieder die fremden Zigarettenkippen. Tagsüber zeigte sich niemand, nur das Pfeifen und Detonieren der Granaten dauerte ununterbrochen an.

Meine Grossmutter war todmüde und quälte sich mit ihren Magenschmerzen, mein Vater und der Bauer hatten lange Bärte und zerzauste Haare, weite Hosen wie Clowns, zerlumpte Hemden und alte Sandalen an den Füssen.

Ich sah sie an und hörte mich schreien: „Wir wollen hier raus, los, lasst uns doch mal was machen!” Was machen? Meine Mutter war erbleicht, meine Schwester machte ein Gesicht, als hätte man sie geprügelt, und ich? Was war mit mir? Mit den ewigen Holzlatschen vom Strand an den Füssen, befand ich mich in einer Art von Panik. Die Vorstellung von unserer grossen Waschwanne voll sauberen, warmen Wassers machte mich ganz elend, und die Erwartung einer weiteren Nacht hier unten war zum Verrücktwerden.

Gegen Abend gingen wir ein wenig vor die Türe, um Luft zu schnappen, tranken etwas Brunnenwasser und zogen uns wieder in unser Versteck zurück. Es waren Momente, in denen wir uns und unser Leben nicht mehr wiedererkannten, wir waren verkommen und müde; niemand fand Schlaf, obgleich seltsamerweise die Kanonen schwiegen.

Da hörten wir, wie das Tarngestrüpp an der Türe bewegt wurde. „Macht auf, Italiener, wir euch sehen, wir wissen ihr hier, wir Freunde!” „Madonna von Pompei”, rief Grossmutter aus, „du Schmerzensreiche!” „Lasst uns öffnen”, sagte meine Mutter, „es werden Partisanen sein.” „Nein”, sagte mein Vater, „die Partisanen kennen doch meinen Namen. Deutsche sind es auch nicht, die hätten schon die Tür eingeschlagen. Kommt alle hinter mich, ich mache auf.” Und er öffnete.

5 seltsame Gestalten in Tarnanzügen und hohen Stiefeln kamen herein, auf dem Helm Zweige, das Gesicht hinter einem Netz verborgen, das vom Helm herunterhing. Sie brachten einen seltsamen Geruch nach Kampfer und Phenol mit sich und hatten flache, kurze Gewehre mit grossen Kolben.

„Nicht Angst haben, Netz ist gegen Mücken, auch Geruch, wegen Malaria.” „Malaria? Hier hat es noch nie Malaria gegeben”, murmelte mein Vater verblüfft. Dann näherte sich einer von ihnen meiner Mutter und küsste ihre Hand. „Haben wir hier Karneval?” murmelte wieder mein Vater. Der Soldat wandte sich meinem Vater und dem Bauern zu, und auf sie zeigend: „Ihr Brüder?” „Brüder? Der Krieg hat schon fast Brüder aus uns gemacht, wir sind Zivilisten.” „Arme Zivilisten, arme Zivilisten!” Dann wandte er sich an meine Grossmutter, steckte ihr ein Bonbon in die Hand und sagte. „Ciao nonna, alles vorbei, alles vorbei.” „Und wer bist du, mein Sohn? Wir sind vom Hafen, von Senigallia, aber du lächelst, Gott segne dich!”

„Wir sind polnische Patrouille. Unser Lager Marzocca, bei Kirche. Ihr morgen früh alle weg von hier. Immer Strasse nehmen bis Marzocca, nicht auf Feld, sind Minen. Hier kommen morgen wieder Deutsche und machen Krieg, capito? Schlacht hier. Unsere Kanonen machen bum, bum, 20 Minuten, dann still zwanzig Minuten. Wenn still, du gleich losgehen, Strasse nach Marzocca. Wenn wieder bum, bum, du in Löcher legen. Grosse Löcher überall, du hineinlegen. Jetzt ciao, bevor kommt deutsche Patrouille, Schluss!”

„Ich weiss zwar nicht, wer sie sind, aber sie sagen, dass dieses hier Frontgebiet wird, und das kann lange dauern, wenn es sich von Ancona bis Senigallia erstreckt. Machen wir, was sie sagen, wir steigen hoch nach San Silvestro und dann hinunter nach Marzocca. Wir machen es so, wie sie sagen.” „Aber ich kann doch nicht viel laufen”, sagte Grossmutter. „Wir werden dir helfen, wir sind zu viert”, sagte mein Vater entschlossen.

Wir bereiteten uns darauf vor, das Haus zu verlassen, das uns als Flüchtlingen so gut gedient hatte, wenn es auch nicht gerade ein Ferienaufenthalt gewesen war. Der Bauer entschloss sich, zu bleiben; er wollte sein Land nicht im Stich lassen, und im Notfall würden die Partisanen ihm helfen. Das deutsche Heer war zwar in voller Auflösung begriffen, aber Bomben und Granaten fielen nach wie vor, wie ein andauerndes Feuerwerk.

Ich konnte keine Schuhe anziehen; der Winter war extrem kalt gewesen, und meine Füsse waren immer noch voller Blasen und Frostbeulen. Ich konnte wieder nur die Holzlatschen vom Strand anziehen, in denen ich nur mit Mühe laufen konnte.

Wir hatten alle eine leichenblasse Gesichtsfarbe, und eine hierzulande so ungewöhnliche Blässe würde sicher auf uns aufmerksam machen. Vater rieb sich deshalb etwas Kohlenstaub ins Gesicht, welches dadurch ein scheussliches Grau annahm. Grossmutter sah wie ein Leichnam aus. „Lasst sie so”, sagte Vater, „ersparen wir ihr das. Nehmt alles getrocknete Brot mit, das wir noch haben, und einen Fiasco Wasser. Und auch eine Wolljacke. Ich werde immer ungefähr 50 Meter vor euch gehen und ihr geht am Strassengraben entlang, der ja jetzt in der Hitze trocken ist. Wenn ich irgendeine Gefahr entdecke, klatsche ich 3 Mal in die Hände, und ihr verschwindet im Strassengraben. Wilma und Anna, ihr wechselt euch ab mit dem Stützen von Marietta.”

Langsam begannen wir den Anstieg; erst einmal ging es nur bergauf. Die Grossmutter mühte sich ab, klagte aber nicht. Dann kam ein Abstieg, und auf beiden Seiten hörten wir Schüsse und Detonationen. Wir fanden 2 deutsche Stahlhelme; der eine hatte einen Durchschuss direkt auf der Stirn. „Setzt sie euch auf”, rief mein Vater, „und runter in den Graben; helft Grossmutter!”

Es war die Hölle. Aber wie Grossmutter immer gesagt hatte, unsere Stunde war noch nicht gekommen, so wie es für jeden von uns im himmlischen Buch geschrieben steht.

Als die Schiesserei in diesem Gebiet aufhörte, welches weder den Siegern, noch den Verlierern gehörte, begannen wir wieder mit unserer Wanderung. Meine Füsse bluteten, aber wir sprachen nicht mehr. Nur Grossmutter versuchte, sich von Zeit zu Zeit mit Singstimme Mut zu machen: „Ohi, vita, ohi vita mia, o cuore, o questo cuore!” (Oh Leben, mein Leben, oh Herz, dieses Herz!).

Elend und verkommen wanderten wir dem Ziel Frieden und Freiheit entgegen, die wir uns nicht vorstellen konnten und von der wir nicht wussten, wer sie uns verschaffen könnte. Wir Kinder vom Hafen, wir waren doch frei geboren und aufgewachsen. Als wir damals mit dem Boot auf dem Meer vagabundierten, das uns der Grossvater geschenkt hatte, da war das Meer unser. Was waren das denn für Befreier, die jahrelang unsere Feinde waren? Und wo waren die freundlichen Männer mit den Zweigen an den Helmen?

Noch 2 oder 3 Mal mussten wir uns in die Gräben werfen, aber das war auch immer eine kleine Ruhepause. Und plötzlich hörten wir Grossmutter ausrufen: „Haltet mal an, ihr Heiligen im Paradies, ich weiss nicht ob es die Agonie ist und ich sterbe, aber ich rieche Kaffee, den richtigen, guten, der gerade aufgegossen ist. Oh lieber Gott, ich empfehle dir meine Seele, meine Stunde ist gekommen!”

Da tauchten Männer auf, die uns umstellten, und welche die gleichen Tarnanzüge trugen: „Polski, Polski, kommt mit uns, kommt rein!” Wir befanden uns im Lager der ersten polnischen Frontlinie. Wir bekamen sogleich Suppe und Brot, und die Grossmutter eine Tasse Kaffee. Ich wurde in ein Zelt mit rotem Kreuz begleitet, meine Füsse wurden mit einer roten, stark brennenden Flüssigkeit desinfiziert und dann mit gelbem Verband verbunden. Dinge, die ich noch nie gesehen hatte. Dann wurden unsere Namen in ein grünes Buch geschrieben, so dass man unsere Familienzugehörigkeit ersah. Dann gaben sie uns einen Passierschein und schickten uns zu den Brüdern vom Marzocca-Konvent, welche Flüchtlinge aufnahmen. Ich war nun ein italienisches Flüchtlingskind.

Wir kamen zu den Brüdern des Konvents. Neben der Kirche war ein grosses Gebäude mit einem riesigen Saal, der in lauter kleine Zimmer unterteilt war, in denen Militärdecken an Stricken aufgehängt waren. Auf dem Boden Rosshaarmatratzen oder Strohsäcke mit Maisstroh. In den Bädern des Konvents wuschen wir uns gründlich und schliefen dann einen ganzen Tag und eine Nacht.

Die Beschiessungen hatten ein Ende genommen. Es schoss niemand mehr, aber ein endloser Zug von Fahrzeugen und Truppen zog sich Tag und Nacht über die Landstrasse. Nach einer Woche machten sich meine Eltern nach Senigallia auf, sie wurden von Fahrzeugen mitgenommen. Sie berichteten uns, dass die Bevölkerung noch nicht zurückgekehrt sei, und dass in der Stadt noch hier und da geschossen würde. Unser Haus stehe noch ohne äusserlich sichtbare Schäden, solide auf dem Fundament der alten Stadtmauern. Das waren die Neuigkeiten, die sie uns mitbrachten. Mein Vater schloss: „Wir werden wohl hier noch den Winter verbringen, der Frühling wird uns dann Mut geben, wieder neu anzufangen.”

Von den Polen bekamen wir jede Woche Pakete mit Lebensmitteln; sie waren sehr freundlich und wohlerzogen, wie es Menschen sind, die Mangel und Leiden durchgemacht haben. Die heilige Messe begingen sie mit rührender Anteilnahme.

Das nächtliche Schnarchkonzert der in dem grossen Saal versammelten Flüchtlinge ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Dann schlichen die Seminaristen, hungrig und abgemagert nach Jahren des Mangels heimlich umher, um nach etwas Essbarem zu suchen. Viele hatten den gleichen Husten, den ich vom Vater des Giancarlo und der Freundin meiner Schwester aus meiner Kindheit her kannte.

Die Frauen kümmerten sich um die Wäsche der frommen Brüder und der Soldaten und hielten die Kirche in Ordnung. Wir Jugendlichen halfen beim Herstellen und Backen der Hostien, von denen wir viele assen, denn sie waren noch nicht geweiht, und wir waren immer hungrig.

Ich erinnere mich an einen jungen Seminaristen, der in der Kirche so wunderbar Orgel spielte; ich hörte ihm verzaubert zu, und bisweilen tauschten wir Blicke miteinander, wie es junge Menschen tun.

„Glaubst du, weil ich alt bin, sei ich auch blind?” sagte Marietta zu mir. Wieso machst du dem Priester schöne Augen? Weisst du nicht, dass Priester und fromme Brüder von Fleisch und Blut sind, wie andere Menschen? Lass das Flirten mit ihnen, hörst du?” „Aber was redet Ihr denn, Grossmutter, er ist doch noch gar kein Priester, und er wird die Weihen nicht bekommen.” „Und du, woher willst du das wissen? Hat er es dir gesagt?” „Nein, er hat mir einen Zettel in die Hand gedrückt, und darauf stand, dass er kein Priester werden will.” „Alle Heiligen des Himmels, was muss ich mir da anhören – und sie rief sie alle namentlich an, - der Krieg hat dir den Verstand geraubt. Kein Wunder nach allem, was wir hinter uns haben. Gottseidank werden wir nach Senigallia zurückkehren. Ich werde hier alt, und sie bekommt Liebesbriefe vom Priester!” „Ach Grossmutter, wenn ihr wieder den Saltarella tanzt, dann seid Ihr nicht alt.” „Das ist wahr, aber den tanzte ich unter den Arkaden bei der Messe des Sankt Augustin, als ich so alt war wie du.”

Je weiter die Frontlinien sich entfernten, desto mehr Flüchtlinge nahmen wieder ihre Heimat in Besitz, krempelten die Ärmel auf und fingen an zu arbeiten. Als die Polen, gemeinsam mit den Engländern, Amerikanern und Australiern Rimini wieder in Besitz nahmen, beschloss mein Vater, mit uns wieder nach Hause zurückzukehren.

Von den Bauern bekamen wir einen Karren mit Deichsel geliehen, in den wir eine Wolldecke legten. Vater half meiner Grossmutter, sich so bequem wie möglich hineinzusetzen, dann fuhr er mit meiner Mutter per Fahrrad davon. Anna und ich, nachdem wir uns bei allen, die uns geholfen hatten, verabschiedet und bedankt hatten, ergriffen die Deichsel und begannen, auf der Landstrasse in Richtung Senigallia zu ziehen. Grossmutter, wenn auch dieses Mal ohne Sonnenschirm, sass würdevoll mit erhobenem Haupt, als sässe sie in einer Kutsche.

Wir zogen die Landstrasse entlang und sahen das Meer zu unserer Rechten. Es war so schön wie eh und je, von einem dunklen Blau, so wie damals, bevor alles anfing, und ich konnte meinen Blick nicht davon wenden. „Anna, schau nur, das Meer, wir kehren zu ihm zurück.”

„Jetzt pass nur gut auf und lass das Schwärmen, es wird schon heiss, und bis nach Hause ist es noch weit.”

Auch wenn unsere Grossmutter inzwischen mager geworden war, so war das Karrenziehen in der Sonne doch schwer, und ich war durstig. Grossmutter fragte von Zeit zu Zeit, ob sie nicht aussteigen könne. Sie wandte sich zum Meer und atmete tief. „Ich glaube, ich könnte besser Luft bekommen, wenn ich auf meinen Füssen stände.”

Ab und zu sah man zwischen der Strasse und der Eisenbahnlinie verlassene Bauernhäuser ohne Fensterläden und mit eingeschlagenen Fenstern. Sie hatten rundherum und auf dem Zuweg bunte Drähte und rot-weisse Streifen, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Immer, wenn die Strasse durch Militärfahrzeuge blockiert wurde, warteten wir am Strassensaum, bis wir weitergehen konnten.

Anna und ich, wir hatten uns in den letzten Jahren offenbar sehr verändert, denn die vorbeifahrenden Soldaten warfen uns Handküsse zu, sangen und machten uns Komplimente: „Bella signorina, bella signorina, ciao Rosamunda!” Rosamunde war damals bei den alliierten Soldaten der meistgesungene Schlager. „Grossmutter, hört ihr, was die Soldaten sagen?” „Ich bin doch nicht taub, die Ärmsten, nach allem was sie hinter sich haben, sehen in 2 gerupften Hühnern, wie euch 2 Sterne. Seid bescheiden und haltet eure Blicke im Zaum.”

„Signorina, ciao bella. Machen fick fick mit mir.” „Hörst du, Anna, sie wollen mit uns tanzen, fick fick ist sicher ein neuer Tanz.” „Ach Wilma, man versteht sie nicht. Sie müssen wieder in die Schlacht ziehen, aber sie machen auch Spass, sie sind jung, schau nicht nach ihnen. Willst du nicht mehr ziehen? Sieh, Grossmutter ist eingeschlafen, wir müssen aufpassen, dass sie nicht runterfällt.” „Uff, der Wagen ist so schwer, ich habe solchen Durst und ich muss was trinken.” „Ja aber wo denn? Hier sind keine Brunnen. Warte, dort an dem Haus mit den roten und weissen Bändern ist ein Schild. Ich gehe einmal hin. Da steht: „Off Limits. Mines.” Ich weiss nicht, was es heisst, aber es ist jedenfalls abgesperrt, man darf nicht hinein.” „Aber guck mal, da ist ein Haus!” Ich nahm die Flasche und rief im Laufen: „Warte, ich bin gleich zurück!”

Am Weg waren etliche Schilder, aber ich konnte sie ja doch nicht lesen und beachtete sie nicht. Ich trat in die Küche, liess das Wasser laufen, trank, badete mir Kopf und Hände und füllte die Flasche. Es war eine melancholische Stimmung von Verlassenheit um mich. Als ich wieder aus dem Haus kam, liess mich die Stimme meiner Schwester zusammenfahren: „Bleib wo du bist, geh keinen Schritt weiter, die Soldaten haben mir gesagt, dass der Weg vermint ist!” „In ihr Schreien mischte sich das Lamento der Grossmutter: „Erst geht sie über die Dächer, wie die Katzen, und jetzt läuft sie über Bomben. Ach ich sterbe noch, bevor ich mein Haus wieder sehe.”

Neben Anna hatte ein Militärjeep mit Soldaten angehalten, die eine Armbinde mit der Aufschrift MP trugen. 3 weitere Soldaten hatten seltsame Geräte, wie Töpfe am Stiel in den Händen. Ich weiss nicht mehr, wie viel Zeit darüber verging, aber ich weiss noch genau, dass sie 12 Minen entschärften, bis sie bei mir angelangt waren, während ich wie eine Kasperpuppe ohne Drähte auf der Stufe zusammengesunken war. „Unmöglich, unmöglich, du nicht geflogen, du gelaufen, kann nicht möglich sein.” Sie konnten sich nicht erklären, dass ich über diesen Weg gelaufen war, ohne dass eine der Minen unter mir explodierte. Vielleicht, weil ich so mager, oder so schnell war? Oder weil, wie Grossmutter Marietta sagte, in meinem Buch, welches im Himmel liegt, mein Tag noch nicht gekommen war.

„Gib mir zu trinken”, sagte Anna und nahm mir die Flasche aus der Hand, „bist du jetzt zufrieden? Konntest du nicht warten? Du wärest besser verdurstet, denn so wäre es dir gegangen wie dem Ziehharmonikaspieler auf dem Hof von Ciarloni, in kleine Stücke zerrissen und in einem Weidenkorb transportiert. Und wo hätte ich einen Weidenkorb hernehmen sollen, um dich nach Hause zu bringen? Zum Glück schlafen die Alten immer mal ein, Grossmutter schläft, lasst uns den Eltern nichts erzählen, sie haben es jetzt sowieso schwer genug mit dem Neuanfang.”

Und wirklich, es war sehr schwer. Ohne Licht, ohne Holz und ohne Kohle, keine Büros, kein Bahnhof und keine Verkehrsmittel, keine Geschäfte und keine Apotheke. Man zersägte die Bäume, sogar die vom Friedhof. Wir hatten überlebt, aber um welchen Preis. Wie viele von uns waren begraben und lagen oben auf dem Friedhof von Delle Grazie. Mütter, Frauen und Kinder warteten vergeblich auf die Rückkehr ihrer Lieben von den verschiedenen Fronten. Von den in Russland Verschollenen erfuhr man nie wieder etwas.

In unserem Haus in der Via Narente blieben wir nur eine Woche, in der wir kaum recht begriffen, wo wir waren, dann wurden wir ausquartiert. Unser Haus wurde von den Engländern beschlagnahmt, man liess uns 3 Stunden Zeit, um es zu räumen. Wir wurden im Quartier der neuseeländischen und englischen Truppen untergebracht. Kriegsbefehl.

Vater überzeugte sich, dass die zugemauerte Öffnung auf dem Boden noch intakt war, und wir verliessen das Haus. Dann nahm uns eine Schwester unserer Grossmutter auf. Die Mauern ihres Hauses waren von Granatsplittern und Bombeneinschlägen beschädigt; wenn es regnete, lief das Wasser durch das undichte Dach, und wir spannten die alten Sonnenschirme vom Strand auf.

Die Mäuse hatten das Haus in Besitz genommen und ihre Nester auch in der Küche gebaut. Die Katzen waren hungrig und verwildert. Wir nahmen uns ihrer Jungen an, die noch kaum laufen konnten. Sie gewöhnten sich an uns, die wir Überlebende wie sie waren.

Von 1945 bis 1947 waren es harte Jahre. Die Amerikaner brachten uns Hilfeleistungen, neue Schlager, neue Tänze und die Nylonstrümpfe. Das Radio begann wieder mit seinen Sendungen, und neue Schlager ersetzten die Kriegslieder und die Hymnen des Faschismus: „Buona sera, signorina, buona sera.”

Wenn die Engländer eines ihrer Quartiere räumten, warfen sie alle Lebensmittel in den Fluss Misa, Dosen mit Fleisch und Schinken, Tütensuppen u.a.m. Nichts überliessen sie den Zivilisten, die sie immer noch als Feinde betrachteten. Sie wollten im Stadion gegen eine Mannschaft junger Senigalliesen Fussball spielen, aber die erste Halbzeit war noch nicht vorüber, da begannen sie, unsere Jungen zu verprügeln. Diese waren anfangs überrascht, aber mein Vater konnte berichten, dass sie sich dann erfolgreich verteidigt hätten. „Die Engländer sind Windbeutel”, sagte er, „sie erschlagen die Menschen mit Stöcken, die aussen mit Baumwolle getarnt sind.”

Die Telefonlinien waren noch zerstört oder unterbrochen, es fuhren keine Eisenbahnzüge, und wir versuchten, zu überleben. Der schwarze Markt bereicherte einige wenige, während wir unser letztes Erspartes hintrugen. Meine Schwester begann, im amerikanischen Generalquartier zu arbeiten; meine Cousine und ich gingen zu Tante Irma, die zurückgekehrt war und wieder in der Via Carducci wohnte. Während die Tante die Wäsche für die amerikanischen Offiziere wusch, stickten wir mit Gold- und Silberfäden auf hölzernen Rahmen Rangabzeichen und Wappen, welche die polnischen Soldaten der Division Karpazca auf ihren Uniformen trugen.

Mein Vater begann, zusammen mit einem Freund, mit dem Rest seines Geldes Leder in der näheren Umgebung einzukaufen und charterte einen Lkw für den Transport. Sie zahlten den Transport und kehrten nach Senigallia zurück. Es war noch die Zeit, in welcher Menschen spurlos verschwanden, sei es auf Grund persönlicher Racheakte, oder wegen der chaotischen Zustände. Der Lkw kam nie in Senigallia an, und auch der Fahrer blieb verschwunden. Eine Woche später setzten die Alliierten ihr Geld in Umlauf, die „Amlira”, und unser Geld hatte kaum noch einen Wert.

Es gab 2 extrem kalte Winter; wir mussten den Schnee von den Dächern schaufeln, damit sie nicht einbrachen. Lange Eiszapfen hingen wie Spiesse von den Dachkanten, und auf den Strassen wuchsen die zusammengeschaufelten Schneehaufen meterhoch.

Mit Grossmutters Ersparnissen gingen wir, zusammen mit meiner Mutter, das erste Nachkriegs-Radio einkaufen. Vater protestierte. „Wir haben überhaupt kein Geld mehr, und das Radio kommt mir nicht ins Haus.” Wenn wir es einschalteten, verliessen sowohl mein Vater als auch die Katze das Zimmer und kamen den ganzen Tag nicht wieder herein. Später kam es dann so, dass sie alle beide sich nicht mehr von dem Radio wegrührten. Vater sass daneben im Sessel, die Katze lag darauf und schlief.

Die beiden Brücken von Senigallia, welche die Deutschen in die Luft gesprengt hatten, wurden jetzt von den Alliierten als Stahlkonstruktionen mit Fahrbahnen aus hölzernen Bohlen wieder errichtet. Über sie ergossen sich Ströme von Menschen aller Rassen der Welt: Polen, Engländer, Amerikaner, Neuseeländer, Zyprioter und Maori, Inder, Australier u. a. m. Wir lernten, statt „va bene” nun „ok” zu sagen.

Tanzlokale wurden eröffnet, in denen die hinreissende, amerikanische Musik erklang. Meine Schwester und ich, wir gingen unter den Arkaden und auf dem Dach des Gymnasiums tanzen. Wir trugen von Grossmutter gestrickte, wollene Socken und aus Militärdecken genähte Mäntel, die wir in Kupferkesseln mit Tuben „Super Iride” färbten. Und wir hatten ein grosses Vergnügen dabei. Wir trugen auch unsere ersten Nylonstrümpfe, und auf den Kinoleinwänden flimmerten die ersten amerikanischen Filme und machten uns ganz krank vor Sehnsucht.

Eines Tages pilgerten wir hinaus aufs Land, um unsere Bauern, die Giorgini und die Ciarloni, zu besuchen. Unterm Troccolo, dem Hügel mit dem unterirdischen Gang, kampierten indische Soldaten. Sie trugen bunte Turbane zu Khaki-Uniformen. Ihre weissen Zähne leuchteten aus den lachenden Gesichtern, und wenn wir vorbeigingen, versteckten sie sich wie Kinder hinter der Hecke. Dann leuchteten die Turbane wie Blüten im Grün.

In diesen 2 Jahren nach dem Kriege wurde uns das grosse Geschenk bewusst, noch am Leben zu sein. Es war ein immer neues Geschenk, vom Heraufziehen des Morgens bis in den vollen, sonnigen Tag. Nach 5 Jahren konnten wir Jugendlichen endlich wieder an den Strand und ans Meer. Es war als spürten wir die Wärme des Lebens. Das Meer war still und schön und spiegelte herrliche Farben. Wir lagen geniesserisch im Sand oder schwammen im Meer und holten uns augenblicklich einen Sonnenbrand, der uns 3 Tage nicht schlafen liess.

Grossmutters Schwester, Tante Theresa, bekam seltsame Beschwerden. Klein und mager, mit lebhaften, blauen Augen, wollte sie immer, dass ich sie zur Kirche begleitete. Einmal, wir waren gerade eingetreten, wollte sie wieder nach Hause. Sie war schweissgebadet und hatte Atemnot. „Sie hat den Kopf verloren”, sagte meine Mutter. Aber das war es nicht, sie war in höchstem Masse zuckerkrank, und niemand hatte bis dahin etwas von Insulin gehört. Als die Kontrollen gemacht wurden und wir erfuhren, dass sie schon seit vielen Jahren Diabetikerin war, war es schon zu spät. Tante Theresa war der erste Mensch, den ich bei uns zu Hause sterben sah.

Damals starb man noch zu Hause, umgeben von den Familienangehörigen. Tante Itala und ich wuschen den Leichnam und kleideten sie in ihr schönstes Kleid. Am Kopf befestigte ich einen schwarzen Spitzenschleier. Vater bereitete das Totenzimmer. Er legte ein Brett auf das Bett und bedeckte es mit weissem Leinen. Darauf legten wir die Tote und zündeten 2 hohe Kerzen zu ihren beiden Seiten an, welche Don Secondo uns gegeben hatte. „Heute Nacht bleibt sie noch bei uns, und wir halten abwechselnd die Nachtwache”, sagte mein Vater.

An dem Morgen, an welchem Tante Theresa starb, standen meine Schwester und ich vor unserer Haustüre und sprachen miteinander. Plötzlich hielt ein Fahrzeug mit Maori-Soldaten, die im Gefolge von neuseeländischen Truppen hier waren. 2 von ihnen sprangen herab und versuchten, uns an den Armen und Kleidern mit Gewalt auf ihr Fahrzeug zu ziehen. Es gelang uns, zu entkommen und uns im Hause zu verstecken. Vater schimpfte: „Was sind hier auch alles für fremde Rassen, deren Sprache man überhaupt nicht versteht; die waren doch betrunken, und das schon morgens um 9 Uhr.” „Zeigt euch nicht draussen”, sagte Grossmutter Marietta.

Am gleichen Abend, während wir den Rosenkranz beteten, hörten wir, wie wieder ein Fahrzeug vor unserem Hause hielt. Draussen wurde geschrieen: „Wir wollen Fräulein, raus Fräulein, raus Fräulein!” „Versteckt euch oben auf dem Boden”, sagte mein Vater, und zu meiner Mutter und zur Grossmutter: „Geht hinten zur Tante Itala. Um die da unten kümmere ich mich.”

Draussen standen wieder die beiden Maori und waren so betrunken, dass sie sich kaum auf ihren Füssen halten konnten: „Guten Abend, Freunde, guten Abend, was wollt ihr von uns?” „Wir wollen Fräulein, heute morgen hier Fräulein gesehen.” „Gut, kommt mit, ich zeige euch Fräulein.” Er führte sie nach oben ins Totenzimmer mit der bleichen, starren Tante Theresa. Einen Augenblick waren sie still und starr, dann flüchteten sie die Treppe hinab aus dem Hause und kamen nicht wieder.

„Bedankt euch bei der Tante Theresa, ihr beiden, heute abend hat sie euch vor den Trunkenbolden gerettet. Und ausserdem hat sie euch beiden ihr Haus vererbt. „Was hast du ihnen eigentlich gesagt?” fragte meine Mutter. „Nichts, aber ich wusste, dass die Farbigen Angst vor den Toten haben und habe sie nur zu der armen Tante Theresa gebracht.”

Onkel Joseph restaurierte das ganze Häuschen, in dem wir wohnten, aber die Zeiten waren noch unruhig. Noch immer wurden Leute erschossen, und am Abend verliess keiner das Haus. Die fremden Soldaten tranken sich voll wie die Schwämme, sicher noch immer wegen des verfluchten Krieges. Die Stadt wimmelte von unbekannten Menschen; es schien mir so, als ob sogar der marmorne Neptun auf dem Marktplatz den Kopf darüber schüttelte.

Wir bedauerten alle in unserer Familie, dass wir ausser ein wenig Französisch keine Fremdsprachen gelernt hatten. Aber die Faschisten hatten nur das Studium von Latein und Französisch erlaubt.

Eines Nachts wachten wir von einer rauen Stimme auf, die „Help! Help! Help!” rief. Vater gebot uns Ruhe und dass wir uns nicht am Fenster zeigen sollten, es seien betrunkene Soldaten. Nach der halben Nacht ging es noch einmal los, und es schien uns ein Gurgeln in der Stimme zu sein. „Ein Säufer, der nicht aufhört mit Saufen und uns nicht schlafen lässt.”

Gegen Morgen hatte er aufgehört zu rufen. Aber kaum hatten wir unsere Haustür geöffnet, sahen wir Leute am Ufer stehen und in den Fluss gucken. Direkt unter unserem Fenster lag ein Soldat im Fluss, mit dem Körper im Wasser, den Kopf halb auf dem Trockenen: es war ein englischer Korporal, den Bauch voller Wasser und Whisky, die gebrochenen Augen gen Himmel gedreht. Ach du lieber Himmel, der war nun von England gekommen, hatte im Krieg gekämpft und sein Leben riskiert, hatte marschiert und gesungen, bis er hier in Senigallia unter unserem Fenster angekommen war. Die ganze Nacht hatte er um Hilfe gerufen und kein Mensch hatte ihm geholfen, weder wir, noch die Nachbarn. Wir waren ja noch so verschreckt von allem, was wir in 5 Jahren Krieg erleben mussten und konnten nicht glauben, dass es nun wirklich vorbei war. Immer noch lebten wir in der Angst, dass etwas Schreckliches passieren könnte.

Unser Vater liess sich von uns versprechen, dass wir Fremdsprachen lernen würden. „Nicht nur, dass ihr einen Hilferuf verstehen könnt, sondern so, dass ihr euch mit Ausländern richtig unterhalten könnt.”

Wir waren aus unserem Maulwurfsleben wieder aufgetaucht, aber vieles war nicht mehr so wie früher, und viele unserer Mitbürger gab es nicht mehr. Aber man begann überall mit dem Wiederaufbau. Ich rettete einen kleinen Hund, er wurde mein unzertrennlicher Freund und schwamm mit mir im Meer.

Endlich kam der Tag, an dem wir wieder in unser Haus in der Via Narente zurückkehren konnten. Als aber unser Vater die zugemauerte Bodenkammer öffnete, standen wir alle wie versteinert vor dem vollständig ausgeraubten Raum.

Von den Nachbarn erfuhren wir, dass sich die Engländer immer Frauen ins Haus geholt, und im Wohnraum Orgien veranstaltet hätten. Dann ist einer von ihnen einmal auf dem Dach herumgeklettert, so wie ich es früher getan hatte, und hatte das Dachfenster entdeckt. Dort fand er nun alles, was er brauchte, um die Nutten zu bezahlen.

Nach und nach verschwand alles, was sich aus dem Fenster übers Dach transportieren liess: die antiken Kleinmöbel, die Koffer mit unserer Aussteuerwäsche, alles mit gestickten Monogrammen, die Kristallgläser und das Tafelsilber der Mutter. Sie hatten auch das Schaukelpferd mitgenommen, die kleine Eisenbahn und den bunten Blechschmetterling. Alle meine Kindheitserinnerungen waren verschwunden.

„Wilma, zieh dich an, komm mit mir, ich gehe jetzt zur englischen Kommandantur, um mich zu beschweren. Die Gentlemen haben uns beraubt, ich halte es nicht aus, von diesen verhassten Briten an der Nase herumgeführt zu werden. Ich will mich beschweren, und sie werden mich anhören”, sagte mein Vater.

Es war einer der Wintertage, in denen die Regentropfen in dem kalten Nordostwind in der Luft zu Eis wurden und mit jeder Windbö uns schmerzhaft ins Gesicht flogen. Meine Mutter überzeugte meinen Vater, sich die langen Unterhosen anzuziehen. „Ich will sie nicht, sie kratzen, lass mich”, sagte mein Vater. „Das sind doch nicht die, die wir auf dem Land hatten, sieh mal, diese sind aus feiner Wolle, ich hab sie auf dem Schwarzmarkt gekauft, schau, es sind englische, hier steht: ‚Made in England‘, sie sind ganz weich. Nun zieh sie an.” „Auf dem Schwarzmarkt kaufst du?” „Wieso, kaufst du nicht auch die Zigaretten auf dem Schwarzmarkt?” sagte meine Mutter, und so gingen wir los.

Auf der Kommandantur fanden wir uns in einem Wartesaal voller Leute wieder und mussten eine Stunde warten, bevor wir empfangen wurden. Dann kamen wir in ein grosses Bürozimmer, in welchem wir vor einen Tisch traten, hinter dem ein englischer Major in einem Lehnstuhl sass. Auf dem Tisch lagen zwischen etlichen Papieren eine Tabakspfeife und ein Handstock. Auf dem Fussboden lag ein grosser Schäferhund, rechts sass der Dolmetscher. So weit war es mit uns in Senigallia gekommen, die Engländer als Herren in unseren Häusern. Lange war es her, dass ich als kleines Mädchen in Uniform: „Siegen, siegen, siegen, wir siegen zu Lande, zu Wasser und in der Luft” und „Giarabub, das ist der Anfang von Englands Ende”. Damals hatte meine Grossmutter ein italienisches Sprichwort zitiert: „Non si dice gatto finché non è nel sacco.” (Man soll nicht von der Katze reden, bevor man sie nicht im Sack hat.) Wir waren die Besiegten.

Der Major fragte uns, was wir vorzubringen hätten. Vater berichtete das Vorgefallene, der Dolmetscher übersetzte Satz für Satz. Ein kurzes Kopfnicken des Majors, und mein Vater fuhr fort: „Gestern durften wir wieder in unser Haus ziehen und fanden unser ganzes Eigentum gestohlen.” Stille und Übersetzung.

Dann sprach der Major und sah uns dabei in die Augen. Er sprach sehr betont, und mir ging durch den Kopf, ob ich ihn nicht unterbrechen könne, ihm von den 2 englischen Piloten erzählen, die wir versteckt hatten und dabei unser Leben riskierten. Dass meine Schwester den beiden den Weg in die Freiheit gezeigt habe, und meine alte, kranke Grossmutter mit erhobenen Händen an der Mauer hat stehen müssen.

Aber er liess sich nicht unterbrechen, und dann übersetzte der Dolmetscher: „Liebe Leute, es ist mir sehr unangenehm, unsere Soldaten haben sich schlecht benommen und Unrecht getan. Aber glauben Sie mir, wir haben auch einiges von den Italienern zu erleiden. Es verschwinden in diesem kalten Winter ganze Lastwagen voller Kleidung und Lebensmittel spurlos. Die wollene Unterwäsche für unsere Soldaten verschwindet und bleibt unauffindbar. Wir sind sicher, dass in vielen Häusern der Italiener unser Eigentum zu finden wäre. Im Krieg werden die einen zu Helden und andere zu Dieben. Wir haben Truppeneinheiten aus den verschiedensten Nationalitäten, und Sie können mir glauben, dass das für uns nicht einfach ist.”

Mein Vater war blass geworden. Er flüsterte mir mit fast geschlossenen Lippen zu: „Jetzt fehlt nur noch, dass sie mich ausziehen und die Unterhosen finden.” „Ach Vater, hier zieht dich keiner aus, mach dich stark, erzähle ihnen das mit den Piloten.” „Deine Mutter hat Schuld, sie hat mir die verfluchten Dinger angezogen.” Wegen der wollenen Unterhosen war ihm nun sein ganzer Mut geschwunden, denn Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit waren ihm immer Ehrensache. Bei seinen Geschäften genügte ihm ein Handschlag, und für Verträge mit seinen Freunden brauchten weder er noch sie einen Notar. In seiner Generation galt der Satz „Er hat mir sein Wort gegeben, und er ist ein Mann von Ehre.”

„Vater, es sind doch Engländer”, versuchte ich, ihn zu beschwören, aber mein Vater gab sich einen Ruck, erhob sich und sagte: „Ja gut, Krieg ist Krieg, ich habe auch im Ersten Weltkrieg gekämpft, aber anderer Leute Eigentum habe ich nicht gestohlen. Wenn wir dieses Mal am Leben geblieben sind, trotz der Bomben, die ihr auf uns geworfen habt, so ist das wichtiger als alles andere. Und das übersetzen Sie bitte, Dolmetscher, in Italien gibt es mehr Helden als Diebe.”

Dann wandte er sich zum Gehen und raunte mir zu: „Deck mir den Rücken, dass man die Unterhosen nicht sieht!”

Wieder zu Hause angekommen, beschimpfte er meine Mutter: „Es war deine Schuld, ich wollte mein Recht durchsetzen, und deine verdammten Unterhosen haben mich blockiert.” Und meine Mutter, wie immer gelassen und sanftmütig, aber mit der Schlagfertigkeit unserer Hafenleute: „Du warst doch zur alliierten Kommandantur gegangen, oder etwa zu einer Arztvisite? Waren da Ärzte? Wollten sie wissen, ob du Hämorrhoiden hast?”

So beharrlich, wie er seinerzeit seinem Ärger über die Faschisten in blumigen Reden Luft machte, so konnte mein Vater seinen Misserfolg wegen der vermaledeiten Unterhosen monatelang nicht verschmerzen und, während er mit den englischen Unterhosen seine Schuhe zu putzen pflegte, gab er seinem Hass auf dieses Volk stets neuen Ausdruck: „Die Snob, die feinen Herrschaften, seht sie euch nur an, wie die Unterdrücker mit den Farbigen und den armen Indern umgegangen sind. Und uns haben sie alles geklaut, was wir noch besassen, die ganze Aussteuer unserer Töchter.”

Es waren schlimme Zeiten. Um zu überleben mussten wir unser Haus in der Via Narente und das Haus des Grossvaters am Strand geradezu verschleudern.

Über den Abschied von unserem Haus waren wir tieftraurig. Hier blieb meine Kindheit zurück, und ich nahm lauter wehmütige Erinnerungen mit: an die Stimmen und das Lachen meiner Spielkameraden, die mich zum Spielen herunterriefen, an meine Schauspiele auf dem Boden, an das Geräusch von den Holzschuhen der Fischer und ihre in der Sonne zum Trocknen aufgehängten Netze, und an die vertrauten Gerüche nach gebratenem Fisch. Mein Vater sagte kopfschüttelnd: „Ja, der Krieg, wie viele hat er ins Elend gebracht, aber etliche sind reich dabei geworden.”

Wir wohnten jetzt am Ufer der Misa, fühlten uns aber weiterhin als „portolotti” (Hafenbewohner). Wieder trat der Fluss über seine Ufer, aber die Überschwemmung war nicht so verheerend wie damals, als uns die Soldaten in Booten mit Lebensmitteln versorgen mussten.

Dennoch waren es meine schönsten Jahre im Bewusstsein der wiedergewonnenen Freiheit und Sicherheit nach den dunklen, schweren Jahren und im Glauben an eine lebenswerte Zukunft.

Keiner von meiner Generation wird jemals das Grauen der Konzentrationslager vergessen, die Namen von Montecassino und der vielen zerbombten Städte, die Gräber von Katyn, die schrecklichen Schilderungen derer, deren Heimat in die Hände der Russen fiel, die gefallenen und vermissten Soldaten – die Erinnerung daran ist uns in die Haut eingebrannt, wie die Nummerierungen der verschleppten Juden. Wir werden davon sprechen müssen, in der Hoffnung, dass zukünftige Generationen uns anhören.

Wir begannen, uns wieder aufzurappeln. Mein Vater stellte wieder Musterkollektionen von Schuhen zusammen, meine Mutter kehrte in ihre Arbeitsstelle als Telefonistin zurück, meine Schwester ging wieder zur Schule, und ich versuchte mit meiner Grossmutter zusammen, unseren Haushalt wieder herzustellen.

Don Secondo organisierte, zusammen mit alliierten Soldaten, Messen im Kirchlein von Bedini. Ich hatte bis zum Krieg nur einmal einen farbigen Soldaten gesehen. Nun aber eine ganze Kirche voll von solchen. Von diesen schwarzen Riesen eine Messe singen zu hören, kam mir wie ein amerikanischer Film vor. „Ihre Stimmen dringen durch 7 Mauern,” sagte Grossmutter Marietta. Don Secondos Messe war grossartig, so wie er es immer für uns gewesen war: „Ich habe euch alle grossgezogen; bleibt schön auf dem Boden, denn ich kenne alle eure Sünden. Sonst mache ich sie auf dem Marktplatz bekannt, verstanden?” Er kannte uns wirklich alle genau, und wir vom Hafen gingen gern in seine handfesten Messen. Besonders die Beichten bei ihm mit seinen Kommentaren, die aus dem Beichtstuhl tönten, waren unvergesslich. Er sprach immer laut und nannte uns auch beim Namen, während wir ihm unsere Sünden beichteten. „So so, du hast deiner Grossmutter 2 Groschen geklaut. Ich sag es der Gigia, die zieht dir die Ohren lang.” Und zur Armanda: „Du Duckmäuser, du schwänzt die Messe? Willst du vielleicht so ein gotteslästerlicher Anarchist werden wie dein Vater?” Wenn wir Kinder am Samstagnachmittag alle miteinander zur Beichte gingen, versuchten wir recht leise zu sprechen, aber darauf ging Don Secondo nicht ein.

„Geht nur an den Strand”, predigte er zur Sommerzeit, „um euer nacktes Fleisch zu zeigen, anstatt euch um eure Seele zu kümmern. „Besser, ihr kämet in die Kirche zum Beten, der Sensenmann meldet sich nicht vorher an, plötzlich ist er da und basta.” So war unser Pfarrer. 

 

Die Zeit der Werbungen

An einem Frühlingstag bemerkte ich, dass aus mir nun wahrhaftig ein Fräulein geworden war. Eines Nachmittags ging ich mit Cicci ins Pfarrkino Sacro Cuore; neben mir sass ein polnischer Soldat. Im Dunkeln berührte seine Hand die meine; ich wollte sie zurückziehen, denn ich dachte an Grossmutter Marietta, tat es aber nicht, sondern liess sie ihm und duldete, dass er sie drückte. Ich schloss die Augen und spürte, dass diese Hand ganz anders war als die meiner Kameraden: grösser, wärmer und beschützender, eine Hand, welche meine ganz umschloss, die mir Botschaften sandte, Fragen, Bitten, aber welche? Sie schien zu sagen, „Mädchen, bitte, drehe dich um, schau mich an, es gibt mich.” Und ich wendete mich, um ihn anzuschauen und sah das Gesicht eines Mannes, ein sehr schönes Gesicht mit hellen, strahlenden Augen, die mir zu sagen schienen: „Ich komme von weit her, ich möchte lieben und geliebt werden.” Unsere Blicke sanken für einen Moment ineinander, der mich zutiefst verwirrte. Ich rang nach Luft und begriff nicht, wie mir geschah. Eine Hitze überflutete mich, ich sprang auf und sagte: „Cicci, komm, wir gehen.”

Draussen verabschiedete ich mich von meiner Freundin und entfloh. Ich rannte, wie in meiner Kindheit am Hafen, nur um schnell weit von diesem polnischen Soldaten entfernt zu sein. Zu Hause angekommen, sah ich mir meine Hand an; sie war nicht anders als die andere, aber waschen wollte ich sie nicht. „Zu Tisch!” sagte die Grossmutter. Da wusch ich wehmütig meine Hände und tilgte ein wunderbares Erlebnis.

Ich hatte einen harmlosen Sommerflirt mit einem Jungen aus Bologna, Giorgio. Er wartete halbe Stunden lang auf mich am Ende der Kabinen, mit einem Eis in der Hand. Wenn ich endlich kam, war das Eis in der Tüte halb geschmolzen und aufgeweicht und lief ihm am Arm herab. Meine Cousine Anna Maria und ich, wir schwammen wie die Fische und ruderten mit dem Boot hinaus, auch wenn der Bademeister pfiff, weil schlechtes Wetter im Anzug war. Wenn Anna Maria ihre Kabine für die Saison beim Hotel Bagni nahm, blieb ich meinem „Barbarenstrand” auf der anderen Seite des Hafens treu. Aber jeden Morgen schwamm ich hinaus bis zur 2. Sandbank und von dort aussen um die Hafenmole herum. Damals kannte man noch keine Schwimmflossen, aber ich erreichte auch ohne sie den Strand am Hotel Bagni. Für den Rückweg nahm ich die Abkürzung durch das Hafenbecken, in das ich von der Kaimauer sprang.

Die ersten Stelldichein, der erste Kuss? Am Drahtzaun beim Stadion, er war Universitätsstudent und anvseinen Namen erinnere ich mich noch so gut wie an seine Augen. Der Stacheldraht verfing sich in meinen Haaren, sein geöffneter Mund auf meinem fest geschlossenen fühlte sich schrecklich an. Ich entfloh sogleich bis zum nächsten Brunnen, um mir die Lippen zu waschen. Ich konnte gar nicht aufhören mit dem Waschen. Zu Hause begegnete ich meinem Vater: „Was hast du denn mit deinen Lippen gemacht, sie sind ganz rot und geschwollen, und überhaupt siehst du aus wie eine gerupfte Ente.” Das Herz klopfte mir bis zum Halse; konnte er gemerkt haben, dass ich mich hatte küssen lassen? „Ich habe ein zu kaltes Eis gegessen, meine Lippen waren gefroren, aber sonst geht es mir gut.”

Ich hatte auch einen Verlobten, mit dem ich seit meinem 15 Lebensjahr versprochen war. Ein in Senigallia stationierter Marineoffizier aus bester Familie, der mich ebenso abgöttisch wie besitzergreifend und eifersüchtig liebte. Wenn ich ihn besuchen ging, immer in Begleitung meiner Mutter, meiner Schwester oder Cousine, empfing er mich stets mit einer Überraschung. Einmal schoss er mit Raketen meinen Namen in den Himmel: „WILMA.”

Als seine Basis nach Venedig verlegt wurde, kam er, um mir Blumen und Buchgeschenke zu bringen. Er war ein feiner und liebenswürdiger Mann, dessen Gegenwart mir angenehm war, weil er meine Naivität respektierte und mir nie zu nahe trat, aber seine Eifersucht war zum Fürchten. Er verlangte von mir, dass ich keinen Badeanzug tragen, nicht an den Strand gehen und mich nie am Fenster zeigen dürfe. Auch dürfe ich nicht zulassen, dass sich im Kino ein fremder Mann neben mich setze. Diese Art, mich zu isolieren, erstickte mich förmlich. Aber auch das Erlebnis mit dem polnischen Soldaten wiederholte sich nicht.

Als ich mich von diesem Verlobten trennte, litt er entsetzlich, und sein Leid lag mir lange schwer auf der Seele. Aber ich war 15 Jahre alt und hatte den Krieg hinter mir. Ich wollte springen, schwimmen, am Strand herumtollen und in das Jugendheim, welches mein Vater mit gegründet hatte, zum Tanzen gehen. Ich war nicht bereit, Klosternonne zu werden, wenn auch mein Vater in Dingen der Moral sehr streng war.

Einmal hatte ein Fotograf unaufgefordert am Strand ein Foto von mir gemacht, was ich sogleich vollständig vergass. Einige Tage darauf kam mein Vater ernst und wortkarg zum Essen, so dass meine Mutter ihn gleich fragte, ob ihm etwas fehle. „Du, Mutter, weisst du, wo sich deine jüngere Tochter befindet?” „Aber ja, sie sitzt hier mit uns am Tisch.” „Nein, sie ist nackt ausgestellt, nur im Badeanzug, im Schaukasten des Fotografen am Corso. Ich gebe dir 10 Minuten diese Schändlichkeit von Foto dort zu entfernen. So etwas machen die Badegäste, die wieder fortgehen. Aber deine Tochter bleibt hier. Und für diesen Sommer ist die Saison für euch alle beendet, verstanden?”

Eines Tages liess ganz unerwartet der Bischof meine Mutter und mich zu sich rufen. Meine Mutter war aufgeregt: „Was will denn der Bischof von uns, was könnte er wollen?” Im Empfangsraum erklärte er uns, warum er uns hatte rufen lassen: „Der brave Junge, dieser Leutnant, ist vollkommen verzweifelt zu mir gekommen, ich habe mich über ihn informiert; fragen Sie doch Ihre Tochter, Signora, ob sie sich nicht für ihn entscheiden will, es wäre eine sehr gute Entscheidung.” Meine Mutter war starr vor Verwunderung, sie stand geneigt vor dem Bischof, ehrfürchtig bereit, ihm nicht zu widersprechen und mich zu überzeugen: „Hörst du, meine Tochter, was Seine Eminenz sagt? Warum sollten wir es nicht versuchen? Du musst nur wissen, dass du ihn liebst, dann könntest du doch tun was Seine Eminenz vorschlägt.

Ich war fassungslos, draussen lärmten die Spatzen im Baum, ich beabsichtigte, eine grosse Runde im Meer zu schwimmen, um zu meinen Freunden zu kommen und sagte leise zu meiner Mutter: „Warum heiratet er ihn nicht?” Totenstille. Meine Mutter verneigte sich noch mehr: „Verzeihen Sie, Eminenz, bitte verzeihen Sie, sie ist noch so jung.” Sie war den Tränen nahe. Der Bischof wandte sich nun an mich: „Warst du das nicht, die seinerzeit im Krieg den Frieden der frommen Schwestern gestört hat, die in den Konvent gelangt ist? Ich erkenne dich jetzt wieder. Ich glaube, es wäre wohl doch besser, wenn der brave junge Mann dich vergässe,” sagte er.

Meine Mutter rang noch auf der Strasse um Fassung: „War das nötig, eine solche Antwort, dem Bischof, bist du verrückt geworden?” „Ich habe doch nicht gedacht, dass er es hören würde, ich hatte es doch leise zu dir gesagt.”

So ging auch diese Episode vorüber. Die Verehrer verschwanden während der Saison. Sie wollten sich amüsieren und wussten, dass das nichts für uns war. So vergnügten sie sich mit den Badegästen, während wir mit den Vettern und den dazugehörigen Müttern zum Tanzen gingen. Wir tanzten im Hotel Bagni, in der Villa Sorriso oder in der „Grünen Muschel”. Es gab so wunderbare Schlager in dieser Nachkriegszeit, und es waren die schönsten drei Sommer meines Lebens.

 

Der Weg ins Berufsleben

Im März 1948 reiste ich zu meinem Onkel Joseph und Tante Itala. Der Onkel baute zusammen mit dem Ingenieur Bonanni in der Romagna eine Staumauer. Ich reiste im Linienbus, noch über zum Teil zerstörte und mit Trümmern bedeckte Strassen; bisweilen mussten wir aussteigen und zu Fuss über gefährliche Passagen gehen.

Ich kannte ein Mädchen, Renata, welches im Krankenhaus von Cesena arbeitete, und dessen Beruf mich begeisterte. Während sie sich auf das nächste Examen vorbereitete, leistete ich ihr Gesellschaft und las die Bücher von Cronin. Über „Liala” war ich nun hinausgewachsen. Das Buch „Die Zitadelle” interessierte mich glühend und entschied, zusammen mit Renatas Erzählungen aus dem Krankenhaus, meine Berufswünsche für die Zukunft.

„Renata, ich möchte studieren; als Kind habe ich immer gesagt, ich würde einmal Ärztin.” „Meinst du, dass du dafür geeignet bist?” „Ja, ich bin nicht weggelaufen, wenn die Schwindsüchtigen sich erbrachen.” „Das nennt man nicht Erbrechen, das ist der Auswurf.” „Ja, genau das wollte ich sagen. Und eine Tante von mir, eine wunderhübsche Komtesse, starb achtzehnjährig bei der Geburt ihres ersten Kindes. Und dann . . .” „Und dann?” fragte Renata. Nun hätte ich beinahe angefangen von den Adern voller Läuse zu erzählen, die man wie eine Aureole um den Kopf herum trägt. Aber ich zog es vor, zu schweigen, und das war auch gut so. Wenn ich einmal den Leidenden helfen wollte, musste ich diese Ignoranz ablegen. Ich hatte im Krieg Menschen erlebt, die nichts anderes, als Leiden kannten, und dagegen musste ich mich wirklich glücklich schätzen.

„Du kennst dich doch so gut im Krankenhaus aus, meinst du, dass man dort Hebammen braucht?” „Willst du Hebamme werden? Das ist ein sehr schöner Beruf! Ich fahre nächstens nach Bologna, die dortige Hebammenschule ist eine der besten Italiens. Ich werde zur Universität gehen und dir alle Unterlagen, die du für die Einschreibung brauchst, zuschicken. Und jetzt komm mit, wir gehen in den Wiesen spazieren.”

Während des Spazierganges erzählte sie mir von ihrer Arbeit als OP-Schwester: Viele Stunden eingeschlossen im Operationssaal mit dem betäubenden Ätherdunst, langdauernde Anästhesien, komplizierte Operationen und viele gerettete Leben. Wie war mir Senigallia ferngerückt, und wie verschieden erschien mir mein dortiges Leben von dem ihren hier. (Staunen konnte ich auch über die weissen Schweine in der Romagna; in den Marken waren sie immer und überall schwarz).

An einem Sonntagmorgen gerieten wir bei einer Ausfahrt in eine riesige Schafherde. Ein Schäfer war nicht zu sehen, nur ein Schäferhund bewachte die Herde. Die Herde machte einen Lärm, der mich an den Rückzug der deutschen Soldaten über die Landstrassen erinnerte. Plötzlich fiel mir ein grosses Schaf auf, mit dem man sich offenbar einen bösen Scherz gemacht hatte. Man hatte ihm rosa Hosen angezogen und mit Schnüren befestigt, so dass das Tier auf seltsame Art nur mühsam laufen konnte. Ich liess Renata voranlaufen und begab mich mitten in die Herde, um das arme Tier von seiner Behinderung zu befreien. Umgeben und bedrängt von Schafen, gelang es mir schliesslich, dem Tier die Hosen auszuziehen, worauf es einen fröhlichen Satz machte. „Schau, Renata, ich habe das Schaf befreit!” Renata stiess einen Schrei aus: „Was hast du gemacht, hast du denn nicht gesehen, dass das ein Schafbock ist? Ausgehungert, wie der ist, nimmt der sich jetzt alle Schafe vor.” „Wieso, nimmt sich vor? Das Schaf hat doch ein grosses Euter, das ist doch ein Schaf?” „Und du ausgerechnet willst nach Bologna und Hebamme studieren?”

Jetzt erschien auch der Schäfer, angelockt vom notvollen Blöken der Schafe. Er raufte sich die Haare: „We hast du das denn nur fertiggebracht, dem die Hosen auszuziehen. Der bespringt mir jetzt alle Schafe, und es ist noch nicht die Zeit dafür. Hast du denn überhaupt keine Ahnung von Schafen?” „Nein, wir nicht”, sagte ich eilig. In dem Moment drehte sich der Schafbock um, sah uns und kam mit blutunterlaufenen Augen und gesenktem Kopf auf uns zu gesprungen. „Los, weg, Wilma, sonst nimmt der uns noch für 2 Schafe.”

Am nächsten Tag sprach man im ganzen Dorf davon, dass wahrscheinlich wir es waren, die dem Schafbock die Hose ausgezogen hatten. Man war sich nicht sicher, aber die Hose war doch gut befestigt gewesen, und der Bock hatte keine Hände.

Ich kehrte zurück nach Senigallia, nicht zuletzt zur Beruhigung des Onkels, blieb aber in engem Kontakt mit Renata.

Zu Hause sprach ich sogleich mit meiner Mutter: „Es sind nur 3 Jahre, Mamma, es ist eine Ausbildung an der Universität, ein Kurs, der 3 Jahre dauert. Dann mache ich mein Examen und kehre sofort nach Hause zurück.” „Meine Tochter, deine Schwester wollte Grundschullehrerin werden, und sie ist wirklich eine gute Lehrerin geworden. Und du willst Hebamme werden? Versprich mir, dass du eine gute Hebamme wirst.”

Meine Grossmutter war ständig magenkrank; sie verbrachte ihre Tage zusammengekauert in ihrem grünen Samtsessel und litt. Auch mit ihr sprach ich über meine Pläne. „Aber, mein Kind, so weit von zu Hause willst du weggehen?” Dem Vater war es am schwersten beizubringen; er war eine Festung, die erst erobert werden musste. „Du, Mutter, willst deine Tochter nach Bologna schicken?” „Aber, Arnoldo, sind in Bologna die Kannibalen?” „Für eine, die vor wenigen Jahren noch glaubte, die Esel hätten 5 Beine, und vor wenigen Tagen, die Schafe hätten Hosen an, weil sie sich genierten, allerdings.” „Aber Vater, erlaube mir zu sagen, dass ich nicht zu Hause sitzen möchte, bis ich zum Bratapfel werde. Es gibt viele Menschen, die meine Hilfe brauchen.” „Wenn es das ist, deine Grossmutter kann deine Hilfe gut brauchen, und wenn du Hebamme spielen willst, die Katze wirft bald Junge.” Die Festung wankte nicht.

Meine Eltern diskutierten und diskutierten und ich verlor ein Jahr darüber. Jeden Morgen, mit dem Handtuch umgelegt wie eine Toga, als sei er ein römischer Senator, begann der Vater von neuem, und ich horchte an der Tür: „Wo schickst du sie hin, wo schickst du sie hin, und wenn sie nicht zurückkommt?” „Aber wer sagt denn so was, ausgerechnet Wilma, die wie eine Schnecke ihr Haus mit sich herumträgt, ihr Senigallia, ihre Leute. Sie kann hier sofort eine Stelle in der inneren Abteilung im Krankenhaus antreten, und dann bist du beruhigt.” „Und ich hoffe, dass ihr diese Idee vergeht. Du weisst doch wie es im „Sacro Cuore” mit ihr ging. Sie verlor die Lust, und es war vorbei damit.” „Die Lust vorzutragen, hat sie wohl oder übel verlieren müssen, denn sie hätte nach Ancona gehen müssen, und du hast ein grosses Lamento gemacht. Sie wäre sonst vielleicht eine gute Vortragskünstlerin geworden. Glaub mir doch Arnoldo, die Kinder müssen sich ihren Weg selber suchen.”

Ich sprach wieder mit meiner Grossmutter. Sie hatte doch immer meine Probleme gelöst. „Nonna, ich möchte nach Bologna zu den Ursulinen, ich möchte studieren, um Hebamme zu werden, helft mir dabei.” „Bologna ist eine grosse Stadt”, sagte zweifelnd meine Grossmutter, „aber Kinder auf die Welt zu bringen ist etwas Schönes. Es ist ein liebenswerter Beruf, ich finde ihn wunderbar. Ich werde mit deinem Vater sprechen. Wir haben dich aufgezogen, du wirst nichts Falsches machen. Wenn du mir doch nur diese Schmerzen nehmen könntest, die mich nie verlassen.”

Im Jahr 1948 konnte ich mich nicht mehr auf der Universität einschreiben. Anfang 1949 wurde es mit Grossmutter Marietta schlimmer, sie begann, nun auch die Nächte hindurch zu klagen, und wir litten mit ihr. Und dann hörten wir sie eines Nachts mit lauter Stimme sagen: „Ja Mutter, hier bin ich.” Ich ging zu ihr, fand sie allein und sagte zu ihr: „Aber Nonna, mit wem sprecht Ihr? Es ist niemand hier:” „Das sagst du, Wilma, es sei niemand hier. Meine Mutter hat mich beim Namen gerufen, es war wirklich sie, ich habe sie gleich wieder erkannt. Ich war so wach, wie ich es jetzt bin, und ich habe es nicht geträumt. Ich habe verstanden, es ist ein schlimmes Leiden, das mich nicht verschonen wird. Wenn man von seiner eigenen Mutter gerufen wird, die schon gestorben ist, dann bedeutet das, dass man auch bald sterben wird.”

„Ich werde nicht nach Bologna gehen, ich bleibe bei Euch.” „Du wirst nach Bologna gehen. Dieses Mal sieh, dass du dich rechtzeitig einschreibst, denn deine Grossmutter wird im Monat Mai sterben, im Monat der Madonna.”

Dr. Mauri kam täglich und versuchte, mich in die Behandlung mit einzubeziehen. Er liess mich die grossen Tumore in ihrem Darm ertasten: „Sieh mal, niemand hätte sie operieren können, sie lebt nur noch, weil sie ein so gutes Herz und eine kräftige Konstitution hat. Aber die Tumore sind bösartig.”

Man sprach damals nicht von Krebs, bösartige Krankheit sagte man, so wie auch das Wort Tuberkulose gemieden wurde, um die Krankheitsbezeichnung in „Schwindsucht” zu mildern.

„Durch Höhen und Tiefen”, wie Grossmutter sagte, erreichte sie den April und fiel ins Koma. Sie sprach und sie bewegte sich nicht mehr. Wenn wir, die wir sie ständig bewachten, in die Küche hinunter gingen, stellten wir ihr eine Glocke auf den Nachttisch, welche sie den ganzen Monat hindurch nicht einmal läutete.

Eines Tages, noch vor Ostern, als wir bei Tisch sassen, läutete ihre Glocke, und wir liefen alle in ihr Zimmer. Grossmutter sass lächelnd aufrecht in ihrem Bett und schien ganz gesund zu sein. „Es ist mir eingefallen, dass keiner von euch Vieren weiss, wie man den Osterkuchen backt. Nehmt Papier und einen Bleistift, ich sage euch die Zutaten, denn sonst wird niemand in diesem Hause jemals mehr den Osterkuchen backen.”

Sie diktierte uns ihr ganzes, altes Rezept. „Und nun ruft mir Don Secondo, ich möchte die letzte Ölung, und du, meine Kleine, bleibe ein bisschen bei mir.”

Ich blieb bei ihr und baute einen kleinen Altar auf der Kommode auf. Ich breitete eine feine Spitzendecke aus, auf der zwei brennende Kerzen und ihr Kruzifix standen.

Sie erhielt die Sakramente und die letzte Ölung, grüsste lächelnd den Priester und legte sich wieder zurück. Ich nahm ihre Hand, sie lächelte, und ich fragte sie: „Nonna, ist es wirklich wahr, dass man wiedergeboren wird?” „Was ist heute für ein Tag?” fragte sie mich. „Der erste Mai, Nonna.” „Bleib du bei mir, morgen weiss ich, ob man wiedergeboren wird.”

Meine Grossmutter starb am 2. Mai. Bevor sie ihren letzten Atemzug tat, hörte ich sie flüstern: „Ich bin hier, ich erwarte euch.”

Ich merkte, dass sie weinte, als sie starb. Vielleicht in der Erkenntnis, mir durch viele Jahre die Unwahrheit über den Tod gesagt zu haben, der doch eine unabänderliche Trennung ist und von dem es keine Rückkehr in die vertraute Umgebung gibt. Vielleicht erkannte sie, dass sie mein Vertrauen missbraucht hatte. Um meine Kindheit nicht zu belasten, hatte sie mir das Märchen von der Wiedergeburt nach einer Weile des Schlafes erzählt.

Ich trocknete ihr die Tränen und hielt ihre Hand, auch noch, als diese kalt und weiss wie Marmor zu werden begann. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ihre Hände schon lange nicht mehr vom Umgang mit Kohle geschwärzt waren.

Als sich der Sargdeckel über ihr schloss, wurde mir schlagartig klar, dass mit ihr eine Generation von uns ging, und dass nichts mehr so sein würde, wie in den Zeiten, als sie unsere Familie zusammenhielt.

Die Trauer über ihren Tod wurde durch die Maiensonne gemildert und durch meine Zukunftsprojekte. Ich musste sogleich alles für die Einschreibung an der Hebammenschule in Bologna vorbereiten. Ich hoffte im Stillen auf irgendeine Hilfe, die mir die Trennung von den Meinen erleichtern würde. Ich lernte Seppi kennen, den Anführer unserer Gruppe, und es wurde ein wunderbarer Sommer. Morgens am Meer, nachmittags Spaziergänge, und abends schwelgen in Nudelgerichten bei Roccati.

Nichts fiel vor zwischen Seppi und mir, kein Kuss und keine Zärtlichkeit, aber im Geheimen merkten wir beide, dass zwischen uns etwas anderes, als nur eine Freundschaft sich anbahnte. Ende September schenkte Seppi mir ein französisches Parfüm und trug mir ein erstes Rendezvous an: „Ich weiss, dass du nach Bologna gehst, aber ich möchte dich nicht verlieren. Auch ich muss mich entscheiden und Senigallia verlassen. Wir treffen uns morgen Nachmittag um 5 Uhr unter der Porta Maddalena. Wenn du nicht kommst und mich nicht triffst, reise ich ab.”

Am nächsten Nachmittag zog ich mein schönstes Kleid an, aber gerade hatte sich ein Sturmwind erhoben, so stark, dass sich die Bäume bogen. „Aber wohin willst du denn bei diesem Wetter, siehst du nicht, dass es ein Gewitter gibt?”, fragte mich meine Mutter, als ich mich aufs Rad schwang. „Ich bin gleich zurück!”

Kaum hatte ich die Brücke überquert und näherte mich dem Dom, als der Himmel seine Schleusen öffnete, es blitzte, donnerte, der Regen klatschte mir ins Gesicht, aber ich trat unerschütterlich und erreichte nass bis auf die Haut die Porta Maddalena. Es war eines dieser unvermutet losbrechenden Gewitter, welche das Ende des Sommers ankündigen. Aber so stand es nun einmal in meinen Sternen.

Natürlich war Seppi nicht gekommen, wer geht denn schon bei solchem Wetter los?

Ich zog mir eine Erkältung zu, die mich für einige Tage ins Bett zwang. Da ich ihn auch nicht anrief, reiste er nach Rom ab. Als er erfuhr, dass ich trotz des Unwetters zur Verabredung gekommen war, tat es ihm sehr leid, aber zu dem Zeitpunkt hatten wir alle beide schon eine andere Wahl getroffen.

Am letzten Tag vor meiner Abreise lief ich durch unser Hafenviertel, um unser früheres Haus herum, an der alten Kaserne und an den Häusern meiner Freunde vorbei. Das Innere einer alten Mauer trug noch in grossen, schwarzen Buchstaben die Aufschrift: „WILMA” und darunter „HÖHLE”. Sie stammte noch aus der Zeit unserer kindlichen Versteckspiele.

Bewegt schaute ich zum ehemaligen Fenster meiner Grossmutter hinauf, das über die Dächer ging. Ach, wenn sie sich doch noch einmal zeigen würde, wenn ich sie hören könnte: „Wilma, komm rauf, ich bin wiedergeboren, wir alle kehren wieder zurück.”

Ich trat in die Kirche, alles war wie ehemals, niemand hatte den Gekreuzigten herabgenommen, die Heilige Agnes, das Heilige Herz und die Votivtafeln hingen an ihrem Platz. In der leeren Kirche rief ich laut um ihre Hilfe beim Ertragen der Trennung von meiner Familie, von meinen Menschen und meinem Haus. Was erwartete mich draussen? Die Güte, die Klarheit und der Anstand meiner Lieben, ihr Beispiel und ihre Lehren hatten einen Schutzwall um mich herum geschaffen, der auch in der Ferne unzerstörbar blieb.

Mein wunderbarer Vater, den wir liebevoll „Dodo” nannten, begleitete mich nach Bologna. Nach Bologna war es damals eine Reise, als ginge man nach Amerika. Von meiner Mutter und meiner Schwester bekam ich tausend Ratschläge mit auf den Weg: „Schreib und ruf an. Wenn es dir schlecht geht, komm gleich wieder nach Hause.”

Als der Zug anfuhr, wurden sie immer kleiner und kleiner, bis sie verschwunden waren. „Ist dir kalt?”, fragte mein Vater. „Ja, sehr”, sagte ich. Er gab mir die Zeitung, die er lesen wollte, und ich schob sie mir unter den Mantel. „Da wird dir warm, und wenn du möchtest, steigen wir in Fano wieder aus, und du reisest ein anderes Mal ab.” „Nein, Papa, wenn wir ein anderes Mal abreisen, wird mir genau so kalt sein.”

Der Zug beschleunigte, die Lokomotive pfiff, wir fuhren über die Brücke und ich sah die Misa, die Zementfabrik, die Porta Fano, die Friedenskirche und den Cesano. Und auf der rechten Seite das weite, das endlose Meer, in dem sich mein Blick verlor. Um mein Weinen zu verbergen, schloss ich die Augen, lehnte mich zurück und gab mich den Bewegungen des fahrenden Wagens hin. Grossmutter Mariettas Wiegenlied ging mir durch den Sinn: „Din-don, din-don, é mort Baldon, sul campo di fava, la vecchia filava, filava l’coton, din-don, din-don.“

* * *


 
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