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     23. Juli 2018, 19:22 Uhr
 


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Grundsätze als Entscheidungshilfen

Richtig entscheiden - dies ist in allen Lebenslagen meistens das Entscheidende. Täglich steht jede Person mehrmals vor der Aufgabe, aufgrund vielfältiger und oft gegensätzlicher Informationen, Wünschen, Vorgaben das Zweckmässige einzuleiten, Weichen zu stellen. Eine Ansammlung von falschen Massnahmen kann sich verhängnisvoll auswirken. Oft kann selbst eine einzelne Fehlentscheidung verheerend sein - etwa im falschen Moment die Strasse zu überqueren.

Entscheide wachsen immer aus dem gegenwärtigen Stand des Wissens mit mehr oder weniger vielen Unbekannten heraus. Man hat seine Kenntnisse, seine Erfahrungen, braucht eigentlich bloss noch Veränderungen, Neuerungen einzubeziehen. Wissen und Erfahrungen addieren sich mit zunehmendem Alter, was der begrenzten Informations-Verarbeitungskapazität des Menschen dienlich ist. Die Handlungskontrolle bietet eine Grundlage für zukünftige Entscheidungen (lernen am Irrtum). Viele Leute handeln unüberlegt, "spontan", manchmal auf äussere Impulse hin, und wenn es trotzdem gut herauskommt, fühlen sie sich in dieser von der Bequemlichkeit diktierten, geistsparenden Verhaltensweise bestätigt. Die Dynamisierung des Lebens kommt dieser Impulsivität entgegen und erklärt auch die vielen Fehlleistungen, die es überall gibt, wo Menschen tätig sind. Man hat das Gefühl, dass sie sich immer häufiger einstellen.

Einzelne Fragen können manchmal nicht seriös entschieden werden, weil zu wenig oder zu viele Daten zur Verfügung stehen oder weil sich die Rahmenbedingungen ununterbrochen ändern. Es kann sinnvoll sein, in solchen Fällen nicht oder noch nicht zu entscheiden, auch um der Wissensvermehrung eine Chance zu geben. Denselben Effekt bringen Zögerer hervor, Menschen, die unter einer Entscheidungsschwäche leiden - oder sich zum Zögern entschliessen. Sie warten, bis sich der Entscheid von selbst einstellt und verweisen auf die Blätter eines Baumes, die im Herbst ja auch nicht den Stamm fragen, wann sie abfallen sollen.

Um sinnvolle Resultate zu erzielen, wird man nicht um Grundsätze herumkommen, will man sich nicht einfach von diffusen Gefühlen, Absichten und Wünschen oder durch die ins Unterbewusstsein eingeschleusten Werbebotschaften leiten lassen. Das soll am Beispiel des geplanten Einkaufs eines Meerfischfilets dargelegt werden; selbst bei einem solch banal anmutenden Vorgang können die Entscheidungsabläufe komplex sein.

Im Gehirn des konsumkritischen Menschen können sich folgende Abläufe einstellen: Im Prinzip ist ein frischer Fisch unübertroffen. Nun ist die Schweiz aber weit von Meeren entfernt, so dass die Frische wegen der Zeit, die für den Transport verloren wird, zwangsläufig leidet. Ist deshalb ein tiefgekühlter vorzuziehen? Wir bleiben dem Prinzip der Frische treu, weil das Tiefkühlen einen Eingriff in die Zellstruktur bringt, die Qualität etwas vermindert und die Kühlketten inkl. Lagerung im Frischeis recht zuverlässig sind; einen kleinen Haut-Goût nehmen wir in Kauf. Da haben wir also aufgrund von einem Prinzip ("Frische über alles") entschieden - war das vielleicht zu voreilig?

Überprüfen wir den Entscheid: Wir müssen den Umstand, dass das Waschwasser an Bord von Fischfangschiffen zur Verbesserung der Haltedauer der Fische ozonisiert wird, im Auge behalten; unser Wissen darüber kann unseren Entscheid noch nicht beeinflussen. Die Massnahme ist wohl harmlos. Aber viele Fische werden einer radioaktiven (ionisierenden) Bestrahlung unterzogen, welche ihre Haltbarkeit verlängert und wertgebende Inhaltsstoffe schädigt. Sie ist nicht deklariert. Die Sache liegt im Dunkeln und wird allmählich fragwürdig. Der weitere Entscheid betrifft die Herkunft des Frischfisches: Wir schliessen alle Erzeugnisse aus Zuchtanlagen aus, weil diese nicht ohne Chemikalien zur Seuchenbekämpfung auskommen. Also kommen nur Tiere aus freier Wildbahn in Frage.

Auch daraus ergeben sich wiederum Konflikte: Fischzuchtanlagen können Wildbestände erhalten helfen; die Meere sind erwiesenermassen überfischt, bald einmal leergefischt. Müsste man deshalb nicht auf Zuchtfisch ausweichen? Wir tun das nicht, weil das Leben der Zuchtfische in den engen Käfigen in überdüngten Buchten Aspekte des Tierschutzes aufwirft und wir keine Produkte aus irgendwelcher Intensivproduktion mögen; jede Form von Monokultur erzwingt eine Seuchenvorbeugung oder -bekämpfung. Also: Frischfisch aus dem offenen Meer, wenn möglich aus dem noch einigermassen sauberen Atlantik, lieber nicht aus der hoch belasteten Nordsee... Ich denke ans seinerzeitige Robbensterben, das ich aus eigener Anschauung kenne...

Bei so vielen Vorbehalten ist die Intuition gefragt - eine innovative Strategie, um es zeitgemäss auszudrücken. Das Denken sollte sich aus den vorgegebenen Bereichen lösen: Muss es unbedingt Fisch sein? Könnte nicht ein Tofu erster Güte ("Fleisch des Feldes") in Bio-Qualität eine Alternative sein, die uns zu höheren gastronomischen Leistungen aufschwingt? Wir kaufen frischen Tofu und bleiben bei einer fernöstlichen Tradition: wir bereiten uns ein Curry-Tofu zu.

Je umfangreicher unsere Kenntnisse sind, um so komplexer vernetzt sind die Entscheidungsabläufe, um so spannender wird die Lebensgestaltung. Wir verbessern die Kenntnisse, trainieren die Entscheidungsfindung, und allmählich verbessert sich unsere Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und zum Grundsätzlichen vorzustossen. Wenn es uns gelingt, Grundsätze zu finden, werden wir wesentliche Orientierungshilfen haben.

Welches aber können denn solche Grundsätze sein? Ein Grundsatz kann lauten, die Natur habe in der Regel Recht. Dementsprechend ist es empfehlenswert, sich an der Natur (und ihrer Funktionsweise) zu orientieren. Es gibt sogar einen technischen Fachbereich, der das ebenso hält: die Bionik, d.h. Konstruktionen und Verfahrensweisen der Natur werden für die Technik nutzbar gemacht; von der Natur werden die Ideen für das eigene technologische Gestalten übernommen. Der Umkehrschluss führt zur Erkenntnis, dass die Monokultur nicht die ideale landwirtschaftliche Produktionsform sein kann, da es eine solche in der unberührten Natur kaum gibt.

Die Naturheilkunde und die Baubiologie setzen ebenfalls die Prinzipien einer Annäherung ans Vorbild der Natur um. Und beim Gärtnern sowie bei der Ernährung kann es zweckmässig sein, eine möglichst weitgehende Naturbelassenheit anzustreben - die Eingriffe in die Natur und die Naturprodukte sollten minimiert sein. Man sollte sich aufs diesbezüglich unbedingt Notwendige beschränken. Darauf müsste sich auch die Gesetzgebung ausrichten, auch zur Erhaltung von vielfältigen Lebensräumen.

Die Natur als Vorbild ist ein brauchbarer Grundsatz. Ein anderer wäre die Erhaltung von Werten. Sie kann sich auf materielle Güter wie Dörfer, Städte, Gebäude, Verkehrsanlagen, Kunstwerke, technische Geräte, aber auch auf immaterielle Werte beziehen. Letztere können Naturwerte, persönliche Freiheit, Erfahrungen, Wissen oder ein zufriedener Kundenstamm sein; also gehören auch betriebswirtschaftliche Werte dazu. Durch Gebrauch und Pflege kann die Lebensdauer der Güter oft verlängert werden. Und es wäre falsch, sie blindlings Neuem zu opfern und abzuschieben, in der Meinung, man könne unter den neuen Vorzeichen der globalisierten Wirtschaft und des Handels noch heute Glasperlen in Edelsteine umtauschen. Wer herkömmliche Werte aufgibt, tauscht meistens Edelsteine in Glasperlen um, Folgen infantiler und unbegründeter Allmachtsphantasien. Das auf Stabilisierung ausgerichtete Baukastensystem ist für die Lebensgestaltung tauglicher als ein ständiges Umschichten, trendiges Loslassen und Abtauchen in die Leere, ins Nichts, in die Verzweiflung. Neues hat aber dann seine Berechtigung, wenn es Verbesserungen herbeiführt. Man soll nichts um der Veränderung willen verändern, wohl aber verbessern.

Über alledem sollten die Grundsätze der Ethik[1] stehen, die keineswegs den Religionen und religionsähnlichen Gruppen überlassen werden dürfen und die sich nicht allein auf den Menschen, sondern auch auf die gesamte Natur zu beziehen hat (ökologische Ethik) - im Sokratesschen Sinne: "Tut niemand freiwillig Unrecht." Das muss sich auch auf Pflanzen und Tiere beziehen. Daraus und aus der Erziehung - eine solche ist nur beim Menschen nötig - kann sich ein persönlich gefärbtes Moralsystem entwickeln. Es ist eine Leistung der Vernunft, die das Verhalten diktiert, weil uns Menschen die Rückbindung an den Instinkt, ein angeborenes Verhalten, das sich an den biologischen Notwendigkeiten orientiert, verloren gegangen ist.

Wir sind in Bezug auf unser Handeln biologisch nicht mehr festgelegt und deshalb als Kompensation auf die praktische Vernunft angewiesen. Der Verlust bzw. die Verkümmerung des Instinktes hat sich keineswegs als Vorteil herausgestellt. Das selbst bestimmte Verhalten müsste wenigstens dergestalt sein, dass man vor dem eigenen Gewissen bestehen kann und auch die Welt des Rechts, der Gesetze, der Sitten nicht verletzt. Dies gelingt nicht immer.

Entscheidungsabläufe folgen keinem festgefügten Muster, sondern auf Bahnen, die von den individuellen Strukturen vorgegeben sind, und da sind offenbar doch noch Instinkt-Überreste dabei, wenn man Jean Cocteau Glauben schenken darf: "Man wählt instinktiv den Standpunkt, bei dem man selbst besser wegkommt." Undefinierte und undefinierbare Werthaltungen wie "gut und böse", "richtig und falsch" sind zu banal; sie können nur für einfache Gemüter in Frage kommen. Sie bergen die Gefahr in sich, dass sie zu einem undifferenzierten Fundamentalismus hinführen, der sich auf ein nicht kritisierbares Ideal oder Idol abstützt.

Die heutige Zeit ist von Orientierungslosigkeit, Informationsüberhäufung, Schnelllebigkeit geprägt. Daraus erklären sich die vielen teuren Pannen, Fehlleistungen, Fehlentwicklungen, Verzweiflungsakte - und Abstürze. Es gelingt, ob all des Rummels kaum noch, zu den Fundamenten vorzustossen, um dort, wo es darauf ankommt, Stabilisierungsmassnahmen einzuleiten. Da das Entscheiden, ähnlich wie bei der Physik, ein Zuordnen von Grössen zu Orten und Zeitpunkten ist und im speziellen Falle das Abwägen aufgrund der eigenen Wahrnehmung hinzukommt, kann das Chaos komplett werden. Unsere Sinne schränken die Erkenntnisfähigkeit stark ein, und was noch erkannt wird, kann nicht vollständig und nicht unvoreingenommen verarbeitet werden. Daraus kann nur eine Zuflucht zur Welt der wohlüberlegten, nicht blindlings nachvollzogenen Prinzipien helfen.

Wir wünschen viel Glück dabei. Dieses Quentchen Glück muss seine Rolle nach wie vor auch beim Definieren der Grundsätze spielen. Dann kann nichts mehr schief gehen...

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[1] Die Ethik (von griechisch Ethos = Sitte) war früher ein Teil der Philosophie, die keinen Bezug zu Glaube und Religion hatte. Heute ist sie die Theorie der menschlichen Lebensführung als moralische Praxis.

Walter Hess

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