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Tierversuche: Von wegen aufgehört…

Von Lislott Pfaff

„Ich glaubte wirklich, wir Schweizer hätten mit diesen Tierquälereien mehr oder weniger aufgehört“, sagte entsetzt eine Kollegin, als ich ihr ein Beispiel eines sich über Jahre erstreckenden Tierversuchs-Projekts beschrieb, das in unserem Land mit Katzen durchgeführt wird.

Von wegen „aufgehört“ musste ich sie darüber aufklären, dass laut eidgenössischer Tierversuchs-Statistik [1] im Jahr 2003 in den Laboratorien der Pharmaindustrie, der Universitäten und anderer Forschungsinstitute insgesamt über 475 000 Exemplare dieses lebenden Experimentiermaterials verbraucht worden waren. Diese Zahlen beziehen sich ausschliesslich auf jene Experimente, die den Tieren gesetzlich sanktionierte Angst, Schmerzen, körperlich-psychische Schädigungen zumuten. Dazu gehören auch die Versuchsprojekte mit gentechnisch veränderten Mäusen und Ratten, die seit 1992 stetig zugenommen haben und über 60 000 Tiere (Jahr 2003) umfassen. Wie gross bei all diesen Zahlen die Dunkelziffer ist, bleibt im Dunkel der Laborkäfige verborgen.

Im Jahr 2003 wurden 910 Gesuche fürTierversuchs-Projekte neu bewilligt, während ganze 6 Gesuche eine behördliche Ablehnung erfuhren, eine mehr als bescheidene Zahl, die sich seit Jahren immer gleich bleibt. Schwierig abzuschätzen ist, wieviele Tiere für Mehrfach-Experimente herhalten müssen. „Statt gebrauchte Tiere einfach wegzuwerfen, ist es doch besser, sie nochmals zu verwenden“, meinte eine haushälterisch gesinnte Angestellte der Roche-Laboratorien lakonisch, um das Recycling des noch lebenden Testmaterials zu begründen. So ging zwar in den letzten Jahren der Versuchstierverbrauch zurück, nicht aber der Tierversuchsbetrieb. Ob den Labortieren diese kostensparenden Multitorturen behagen, ist von ihnen nicht zu erfahren. Ihre Angst- und Schmerzschreie gehen unter im Wachstums- und Fortschrittsrummel unserer Welt.

Zwar sehen die entsprechenden statistischen Zahlen in anderen europäischen Ländern viel schlimmer aus als in der Schweiz: 2,2 Millionen Labortiere wurden im Jahr 2002 in Deutschland verbraucht, darunter über 1800 Affen, fast 800 Katzen und über 5000 Hunde. Unter den bekanntlich oft grausamen Gifttests mussten über 200 000 Versuchsobjekte leiden. [2] Ähnlich stellt sich die Situation für 2002 in Grossbritannien dar: 2,7 Millionen Versuchstiere – davon 710 000 genetisch manipulierte Objekte – betrug hier der Verschleiss. Sehr hoch war auch der Anteil der für Gifttests auserwählten Tiere; über 480 000 mussten diese mit grossen Schmerzen verbundenen Versuche über sich ergehen lassen. Ferner ereilte fast 4000 Affen, fast 8000 Hunde und über 1000 Katzen das Laborschicksal [3]. Aber haben wir in der Schweiz angesichts unserer „besseren“ Statistik das Recht, mit stolz geschwellter Brust und anklagend auf das Ausland zu zeigen? Kaum. Man sollte zuerst immer vor der eigenen Tür wischen.

Um zu der in der Schweiz herrschenden Situation zurückzukehren: Der immer wieder angeführte „langjährige Trend“ des rückläufigen Tierverbrauchs bezieht sich auf einen Zeitraum von zirka 30 Jahren: In den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde jede neue Substanz im so genannten Screening an zahllosen Tieren ziellos auf ihre Wirkung gegen irgendeine Krankheit geprüft, bis die Forscher jeweils auf eine Fährte stiessen, die sie für verfolgungswürdig hielten. Diese Try-and-error-Strategie wurde seit der offiziellen Erfassung der Tierverbrauchszahlen (1983) allmählich durch andere Methoden ersetzt, weil sie effizienter und kostengünstiger sind, vor allem durch Zellkultur-Tests, computerunterstützte Mikrobiologie sowie mathematische Modelle. Deshalb die starke Abnahme der Verbrauchszahlen seit 1983 – und nicht dank dem fraglichen 3R-Konzept, wie von Pharmaindustrie und Behörden immer wieder behauptet wird. Dieses Konzept ist eher ein Feigenblatt als die Ursache der reduzierten Tierzahlen und beruft sich prinzipiell auf die „Unerlässlichkeit“ des Tierversuchs, die wissenschaftlich noch nie bewiesen wurde.

Verwendungsbereich
Nur 21 % aller behördlich bewilligten Versuche dienten 2003 der Erfüllung von ausländischen sowie schweizerischen Vorschriften für die Zulassung von Medikamenten und anderen Chemikalien. Über 2/3 hingegen standen in keinerlei Zusammenhang mit solchen Vorschriften. Die Pharmaindustrie wird also für den Einsatz von Labortieren einen anderen Vorwand als den der Erfüllung behördlicher Bestimmungen hinsichtlich Medikamentenwirkung und -sicherheit erfinden müssen – was ihr schwerfallen dürfte. Die Erfahrungen mit Millionen von Tierversuchen, hielt schon vor Jahren ein in Basel tätiger Humanpharmakologe fest, hätten immer wieder gezeigt, dass diese Tests nur sehr beschränkt aussagekräftig seien. Ohne Versuche am Menschen gebe es keine therapeutischen Fortschritte. Und diese so genannten klinischen Prüfungen sind schliesslich ausschlaggebend für die behördliche Zulassung oder Ablehnung eines neuen Medikaments.

Knapp 1/3 des gesamtenTiermaterials wurde an schweizerischen Universitäten und Spitälern für die „wertfreie medizinische Grundlagenforschung“ verschwendet. Eine „rein akademische Beschäftigung“, wie Bernhard Hirt , Leiter des Schweizerischen Instituts für experimentelle Krebsforschung in Epalinges VD, schon 1990 festhielt. Da staunt der Laie und ärgert sich, dass er diesen grösstenteils vom Schweizerischen Nationalfonds subventionierten akademischen Unsinn auch noch mit seinen Steuern in Gang halten muss.

Die übrigen 2/3 der bewilligungspflichtigen Versuche dienten der Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente in der Pharmaindustrie sowie den Gifttests mit Arzneimitteln, landwirtschaftlichen und industriellen Produkten usw. So wurden über 7000 Fische – davon rund 2000 in Versuchen des höchsten Leidensgrades – gezwungen, in verseuchtem Wasser dahinzusiechen, damit die betreffenden Gifte mit Grenzwerten etikettiert werden konnten. Die Giftstoffe sind zwar nach solchen Tests nicht weniger giftig als zuvor, und besser wäre es, sie erst gar nicht in die Umwelt zu entlassen.

Pharma Basel
Die Basler Pharmakonzerne rechnen für die Zukunft nicht wie in den letzten Jahrzehnten mit einer relevanten Abnahme der Tierversuche, sondern reden recht nüchtern davon, den „unteren Plafond“ der Verbrauchszahlen erreicht zu haben, dies offenbar besonders wegen des grossen Bedarfs an Nagern in der Genforschung. So entfällt der grösste Teil des Versuchstier-Verbrauchs jedes Jahr auf den kleinsten Kanton der Schweiz: Basel-Stadt hielt auch 2003 mit fast 200 000 Labortieren den Rekord. Die Mäuse, Ratten, Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen, aber auch Katzen, Hunde, Affen usw. litten und verendeten hauptsächlich in den Kellergeschossen von Novartis und Roche sowie des Biomedizinischen Zentrums der Basler Universität. In künstlich beleuchteten und belüfteten unterirdischen Räumen befinden sich praktisch alle Tierhaltungs-Einrichtungen und auch ein grosser Teil der Tierforschungslabors in der schönen Stadt am Rheinknie.

Gemäss Auskunft von Novartis verbrauchte der Konzern im Jahr 2003 weltweit insgesamt 292 840 Tiere, was einer Reduktion um 2,2 % gegenüber 2002 entspricht. Von diesem Verbrauch entfielen 156 000 Tiere auf Labors in der Schweiz (vor allem Basel-Stadt und Baselland) und 71 440 Tiere auf andere europäische Länder. Wieviele Versuche auf den höchsten Schweregrad des zugefügten Leidens (siehe unten) entfielen, konnte oder wollte der zuständige Animal Officer von Novartis nicht sagen [4]. Ebensowenig erfuhr ich von ihm, ob auch Novartis – wie Roche und andere Pharmakonzerne – Tierversuche im berüchtigten Forschungsinstitut Covance im norddeutschen Münster durchführen lässt.

„Nachhaltiger“ Tierverbrauch bei Roche?
Während Novartis mit einer gewissen – wenn auch beschränkten – Offenheit über ihre Daten in der Tierforschung Auskunft gab, wollte die Konkurrentin Roche in dieser Hinsicht keine Zahlen nennen. Höflich verwies mich die Medienstelle auf ihren Internettext über Nachhaltigkeit [5]. „Ein Anspruch, den wir bei Roche ernst nehmen“, rühmt sich der Pharmakonzern auf seiner Website und meint mit dem banalen Modewort „Nachhaltigkeit“ den „nachhaltigen“ Gebrauch von Labortieren. Wie nachhaltig dieser früher war und sicher auch heute noch ist, zeigt unter anderem die jahrelange Suche nach einem Malaria-Impfstoff bei Roche in den 80er-Jahren: Nachdem unzählige Totenkopfäffchen für diese Forschung geplagt und geopfert worden waren, sagte schliesslich der zuständige Roche-Studienleiter für die klinische Prüfung am Menschen: „Die eigentliche Schutzwirkung eines Malaria-Impfstoffes lässt sich im Tierversuch nicht prüfen, denn die Malaria ist artenspezifisch.“ Indessen zeitigte die Prüfung am Menschen offenbar kein befriedigendes Ergebnis, und heute redet bei Roche niemand mehr von einem Malaria-Impfstoff.

So wenig Leiden als möglich werde den Versuchstieren zugefügt, heisst es weiter auf der Roche-Website. Und doch kann die Firma nicht leugnen, dass auch in ihren Labors – trotz Einsatz von „Animal welfare Officers“ (Tierschutz-Beauftragten) – Versuche der Schweregrade 2 und 3 (siehe unten) vorgenommen werden, so dass sich Leiden und Ängste für einen grossen Teil der gebrauchten Tiere gar nicht vermeiden lassen.

Ethische Normen seien auch für jene Firmen gültig, die Versuche im Auftrag von Roche ausführen, wird ferner versichert. Zu diesen Firmen gehören unter anderem die Forschungsinstitute Covance in Münster (Deutschland) und RCC (siehe unten). Wie es Covance mit der Ethik hält, weiss man spätestens, seit die Bilder veröffentlicht wurden, die Friedrich Mülln , ein „Walraff“ der Tierversuchswelt, in den Vivisektions-Laboratorien dieser Firma im Versteckten aufgenommen hat: Primaten (die „Herrentiere“ unter den Affen) wurden so brutal behandelt, dass die Verhaltensforscherin Jane Goodall, nachdem sie einen der Videofilme gesehen hatte, sich „schwer geschockt“ fühlte. „Diese Brutalität, die Gefühllosigkeit, das Witzereissen und Lachen, völlig ohne Würde…“, so äusserte sich die weltbekannte Affenkennerin und meinte: „Was vor allem so schrecklich anzusehen ist – wie diese kleinen Äffchen und auch trächtige Weibchen aus ihren Käfigen gezerrt werden, sich in Terror, Angst und Panik mit aller Kraft sträubend…“ [6]

Research & Consulting Company (RCC)
Pharmariesen wie jene von Basel betreiben nicht nur Tierforschung in den eigenen Labors, sondern geben auch entsprechende Aufträge an auswärtige Institute wie die oben erwähnte Covance Ltd. In der Schweiz übernimmt die berüchtigte RCC im Baselbiet solche Aufträge. Zweck dieses Unternehmens ist die Durchführung von Gifttests an Tieren mit pharmazeutischen und anderen Produkten, was der Firma schon vor 10 Jahren einen Umsatz von über 100 Millionen Franken bescherte.

Ende 1989 reichte die Schweizer Liga gegen Vivisektion aufgrund von Aussagen von RCC-Mitarbeiterinnen eine Anzeige wegen Tierquälereien gegen die RCC ein. Unter anderem wurde den verantwortlichen Forschern vorgeworfen, bei jungen Beagle-Hunden seien nach Ende der Versuche die zur Ausblutung nötigen Achselschnitte bei ungenügender Narkose vorgenommen worden, worauf die Tiere mit „gellenden Schmerzlauten“ reagiert hätten. Nach Verurteilung der zuständigen Forscher durch die erste Instanz wurde dieses Urteil jedoch in zweiter Instanz wieder aufgehoben. Rund 10 Jahre später wurde die RCC (jetzt erweitert um die ehemaligen Roche-Labors BRL) erneut wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz angeklagt, diesmal vom Schweizer Tierschutz STS . Wieder sagten Zeugen aus, dass Brutalitäten gegen Versuchstiere vorgekommen seien, und wieder gaben die so genannten Experten ein Gefälligkeitsurteil zugunsten der Tierquäler ab. So konnte die RCC im Herbst 2002 in aller Ruhe die Aufrichte eines Erweiterungsbaus für ihre weiteren Tierquälereien feiern.

Die wichtigsten Tierversuchs-Kantone
Grossverbraucher in der tierexperimentellen Forschung ist auch der Kanton Zürich: Mit rund 71 500 Labortieren – 20 % mehr als 2002 – besetzten die Zürcher im Jahr 2003 den zweiten Rang in dieser makabren Branche. Aber auch das Baselbiet lässt sich nicht lumpen; über 63 000 Tiere schmachteten 2003 in den Labors des ländlichen Nachbarn von Basel-Stadt. Weitere eifrige Verbraucher von Versuchstieren sind die Kantone Genf (fast 50 000 Tiere, Zunahme gegenüber 2002 um 24 %) sowie Waadt (über 38 000 Tiere, Zunahme um 11 %). Ein äusserst grausames und wissenschaftlich nicht vertretbares Forschungsprojekt mit Katzen an der Universität Genf, das an die Öffentlichkeit gedrungen war, gab übrigens vor einigen Jahren zu einem landesweiten Skandal Anlass. „Wenn eine Atombombe auf Genf gefallen wäre, es hätte nicht schlimmer sein können“, beklagte sich der damalige Bundesrat Flavio Cotti gegenüber dem Genfer Parlamentarier Jean Ziegler .

Schweregrade
Die Statistik, die jedes Jahr über verschiedene Aspekte des Tierversuchs-(Un)wesens in unserem Land Auskunft gibt, teilt unter anderem die Verbrauchszahlen auf nach Experimenten der Schweregrade 1,2 und 3. Der (höchste) Schweregrad 3 bezeichnet jene Versuche, die bei den Tieren schwerstes Leiden und/oder grosse Ängste hervorrufen. Über 17 600 Tiere – 2 % mehr als im Vorjahr – wurden 2003 solchen qualvollen Manipulationen bei Bewusstsein des Versuchstiers unterzogen, zu denen vor allem Gifttests gehören, aber auch die Erzeugung von Krampfanfällen, das Hervorrufen akuter bakterieller Blutvergiftungen, Erzeugung von Tumoren, erzwungenes Inhalieren von Testpräparaten während einer Stunde pro Tag über eine Periode von bis zu 3 Monaten (bei Ratten) oder Organverpflanzungen bei Affen und Hunden. Als Kriterium für starke Schmerzempfindungen wird beispielsweise das sich vor Schmerzen Winden und die „Vokalisation“ (Lautäusserungen) bei Mäusen angeführt, bei denen durch Injektion von verdünnter Essigsäure eine starke Pfotenschwellung hervorgerufen wird. Wer schon rheumatische Schmerzen selbst erlebt hat, weiss, wovon hier die Rede ist.

Der grösste Teil der Experimente des Schweregrads 3 entfällt auf die so genannte angewandte Forschung (Medikamentenforschung) in der Pharmaindustrie. Dies, obwohl vor allem Novartis beteuert, grosse Anstrengungen zur Reduktion dieser schlimmsten Versuche zu machen. Allerdings sind auch Experimente des so genannten mittleren Schweregrads 2 (Tierverbrauch 112'000) für die Tiere kein Schleck. Die entsprechende Kategorisierung ist ohnehin fraglich, da ja die Betroffenen selbst nicht gefragt werden können, in welche Stufe sie ihr Leiden einordnen würden. So ist schwer zu begreifen, dass die Verpflanzung eines Zweitherzens in die Bauchhöhle eines Tieres lediglich als Versuch mittleren Schweregrads bezeichnet wird.

Diese Leiden sind umso bedrückender, als sie oft buchstäblich für die Katz' waren und sind – siehe Krebsforschung, wo seit etwa 40 Jahren im Tierversuch erfolglos ein wirksames Heilmittel gesucht wird. Siehe Aids-Forschung, die als Medikamente nur armselige Krücken, aber keine eigentlichen Heilmittel hervorgebracht hat. Gegenwärtig wird am Universitätsspital Lausanne ein Aids-Impfstoff auf seine Unschädlichkeit und eventuelle immunologisch bedingte Nebenwirkungen an freiwilligen (menschlichen) Probanden geprüft. Wieder einmal zeigt es sich, dass unzählige Tierversuche, unter anderem an Schimpansen, auch hier sinn- und zwecklos waren. Schon vor mehr als 10 Jahren bestätigte Luc Montagnier , der Entdecker des Aids-Virus, dass Experimente mit Affen in der Aids-Forschung kaum helfen können, da ihr Organismus keine dem Menschen entsprechenden Symptome zeigt. So wird schliesslich der Mensch als Versuchsobjekt herangezogen, wenn auch – im Gegensatz zu den Versuchstieren – auf freiwilliger Basis und gegen ein Honorar von CHF 1200, das im Fall von Lausanne jedem Probanden ausbezahlt wird.

Tierarten mit Beispielen
In den Communiqués des eidgenössischen Veterinäramtes, welche jeweils die Statistiken begleiten, wird immer wieder betont, dass der Grossteil der Versuchstiere Mäuse und Ratten seien, ohne zu erwähnen, dass vor allem Ratten sehr intelligente Tiere und entsprechend sensibel sind. Ich habe in einem Forschungslabor gesehen, wie verzweifelt die Ratten sich wehrten, als ihnen im akuten Gifttest eine Sonde durch den Schlund bis zum Mageneingang gestossen wurde, mit deren Hilfe der Laborant ihnen das Versuchspräparat reihenweise verabreichte. Eines der Tiere ergriff die Flucht über den ganzen Labortisch und wurde vom Laboranten am Schwanz zurückgezogen, kurz bevor es auf den Boden springen konnte. Allein diese Prozedur zu Beginn des Tests ist schon angst- und schmerzauslösend für die Tiere – gar nicht zu reden von den Schmerzen, Krämpfen, Lähmungen und anderen Leiden, welche im akuten Giftversuch durch die meist sehr hohen, toxisch wirkenden Dosen der Prüfsubstanzen verursacht werden.

Auch Katzen werden immer noch in Experimenten eingesetzt. So weist die neue Statistik 64 Katzen aus, die in Versuchen des Schweregrads 2 (und 2 Katzen sogar in Versuchen des Schweregrads 3) gebraucht wurden. Solche Experimente umfassen unter anderem Operationen, die zu Schmerzen, Leiden oder Störungen des Allgemeinbefindens führen, künstlich herbeigeführte Blutleere in den Herzkranzgefässen oder operative beziehungsweise medikamentöse Hirnschädigungen. Ich frage mich, ob derartige Schädigungen nicht in den höchsten Schweregrad 3 einzuteilen wären. Dazu gehören auch Versuche, bei denen das Rückenmark der Tiere beschädigt wird, um künstlich eine Querschnittlähmung herbeizuführen. In einer DRS-Sendung vom November 1999 sagte Prof. Volker Dietz von der Zürcher Balgrist-Klinik, weder in 3 noch in 10 Jahren sei aus dieser Tierforschung ein Erfolg für den Menschen – d.h. den Paraplegiker – zu erwarten, da jeder Patient anders sei. Er vergass anzufügen, dass Katzen erst recht anders sind als Menschen. Dazu ein Beispiel: Morphin wirkt beim Menschen beruhigend, bei der Katze stimulierend.

In den Labors der Pharmaindustrie kommen auch Exoten zu akademischen Weihen, darunter die bewegungsfreudigen Mongolischen Rennmäuse (Gerbils), die, auf kleinem Raum eingesperrt, darauf warten müssen, dass ihnen der forschungseifrige Mensch durch Abklemmen einer Arterie experimentell einen Hirnschlag beschert. Die malträtierten Tiere dürfen dann noch so lange weiterleben – das heisst weiterleiden –, bis alle erwarteten Resultate des Medikamententests, der gerade mit ihnen angestellt wird, aus ihnen herausgeholt worden sind. Auch 2003 wurde für solche Versuche eine unbekannte Zahl von Gerbils „geopfert“, wie es im Forschungsjargon heisst. Selbst das für Rennmäuse harte Wüstenleben ist diesem Elend vorzuziehen.

Alternativen
Mir ist, nach Veröffentlichung dieser offiziellen Daten über die Tierversuche in der Schweiz, es müsste ein Aufschrei der Empörung durch das ganze Land gehen, müssten Hunderttausende von Leserbriefen die Zeitungsredaktionen überschwemmen. Aber alles, was ich höre, ist das grosse Schweigen. Das grosse Schweigen über ein Elend, das grösstenteils sinnlos ist und vermeidbar wäre. Abgesehen davon, dass viel zu viele Konkurrenzpräparate für jeweils eine bestimmte Krankheit auf dem Markt lanciert werden, stehen für die wirklich notwendige Forschung schon seit Jahrzehnten technisch hochstehende Alternativmethoden zur Verfügung.

Vielversprechend ist vor allem die Computersimulation ganzer menschlicher Organe oder Organsysteme, die virtuell so funktionieren wie beim lebendigen Menschen. Die Pharmaindustrie sei an dieser „in silico“-Technologie sehr interessiert, war kürzlich in einer Sendung von Radio DRS zu erfahren. Als ich aber den „Globalen Tierschutzbeauftragten“ von Novartis darauf aufmerksam machte, dass in seiner Firma eine Informatikabteilung sich mit dieser Forschungsmethode beschäftige, meinte er, diese Technik sei noch in den wenigsten Fällen anwendbar, und es würden damit nur „falsche Hoffnungen geweckt“. Dabei wies der amerikanische Arzt Dallas Pratt schon 1980 in seinem Buch über Alternativen zum Tierversuch darauf hin, dass die Computersimulation auf verschiedenen Gebieten der Medikamentenforschung bereits zur Anwendung komme. Sie liefert Resultate, die vom menschlichen statt vom tierischen Organismus stammen, wodurch ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit dem Tierversuch weit überlegen ist. Überdies könnte die Erforschung und Entwicklung eines neuen Medikaments viel rascher vor sich gehen - Experten reden von bis zu drei Jahren Zeitersparnis – als mit den bisher angewandten Tiermodellen.

Es ist nicht durchschaubar, aus welchen Gründen die Grossen der Branche nicht auf diese zukunftsträchtige Forschungsmethode eingehen wollen. Sie könnten daraus einen enormen Image-Gewinn ziehen. Denn bestimmt würde die Öffentlichkeit positiver darauf reagieren als auf die ständigen Beteuerungen, Tierversuche seien für den Fortschritt der Medizin unverzichtbar. Nicht nur der wissenschaftliche, sondern auch der kommerzielle Erfolg würde kaum auf sich warten lassen. Wer hier die Nase vorn hätte, der hätte gewonnen – besonders ein Grosskonzern, der sich „Novartis“ – „Neue Kunst“ – nennt. Auch ist es völlig unverständlich, weshalb in der Schweiz praktisch alle Tierversuche trotz der vorhandenen Alternativen von den zuständigen Behörden nach wie vor bewilligt werden, obwohl dies eine grobe Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen darstellt.

Völlig zu Recht schrieb der britische Neurologe und ehemalige Tierexperimentator Richard D. Ryder in seinem Buch Victims of Science (1975):

„Leiden zu verursachen, angeblich um Leiden zu lindern, und Leben zu vernichten, angeblich um Leben zu retten, das sind Forderungen, die sich selbst widersprechen. Noch zweifelhafter erscheinen solche Forderungen, wenn man sich bewusst ist, dass ein eventuell daraus entstehender Nutzen eine blosse Hypothese darstellt.“

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[1]  Tierversuchs-Statistik des Eidgenössischen Veterinäramtes, 2003

[2] Tierversuchs-Statistik des deutschen Ministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, 2002

[3] Home Office Statistics of Scientific Procedures on Living Animals 2002 ( Great Britain )

[4]Mitteilung von Dr. Alfred Schweizer, Global Animal Officer von Novartis, vom 1.7.04

[5] Roche-Website über Sustainability (Nachhaltigkeitsbericht) vom 24.3.04

[6]Website Menschen für Tierrechte.de (www.tierrechte.de), 13.12.04

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