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Der Ersatz von Tierversuchen lässt auf sich warten

Im Internet finde ich eine leider weitgehend überholte Website von OnlineReports.ch vom November 1997, in welchem der Journalist Peter Knechtli „2 Basler Chemie-Pioniere“ als „Lieblinge der Versuchstiere“ vorstellt, da sie im Rahmen ihres „Biografik-Labors“ Software entwickeln, die es „Pharmafirmen und Hochschulen erlauben, Wirkstoffe am Computer zu testen statt am lebenden Körper von Ratten, Affen oder Katzen“. Das „Biografik-Labor“ existiert immer noch und arbeitet weiterhin auf zellulärer bzw. molekularer Ebene, obwohl diese Forschungsmethode, soweit ich es beurteilen kann, als Tierversuchs-Alternative überholt ist. Zur Reduzierung der Tierversuche hat sie jedenfalls bisher nicht beigetragen.

Die computergestützte Wirkstoff-Selektionierung (Screening), die im oben genannten Beitrag als pionierhaft dargestellt wird, ist längst kalter Kaffee, denn diese Methode wird von der Pharmaindustrie spätestens seit den 80er-Jahren durchwegs angewandt. Der Grund ist nicht etwa ethischer, sondern finanziell-wissenschaftlicher Natur: Solche Methoden für das Wirkstoff-Screening sind viel kostengünstiger, schneller und effizienter als das längst überholte Screening am Tier (das sog. trial and error testing). Es handelt sich dabei jedoch nur um die allererste Phase in der Forschung und Entwicklung von neuen Wirkstoffen. Der Novartis-Sprecher Felix Räber bezeichnete denn auch die Arbeit des Biografik-Labors als eine „sinnvolle Ergänzung“ und meinte damit eine Ergänzung zum Tierversuch, der dann erst recht einsetzt, da durch das Computerscreening eine viel grössere Zahl von Wirkstoffen zur Verfügung steht als nach dem früheren tierexperimentellen Screening.

So hat im Jahr 2003 die Zahl der schwerst belastenden Tierversuche (Schweregrad 3) um 2 % zugenommen; im Jahr 2004 hat sich sogar die Zahl sämtlicher der in Versuchen verbrauchten Tiere erheblich erhöht. Ich frage mich deshalb, wo die behauptete Erleichterung durch die im Bericht erwähnte „3R“-Strategie („reduce, refine, replace“ des Tierversuchs) zu sehen ist. Spricht man Pharmavertreter auf die Arbeit des „Biografik-Labors“ und ähnlicher privater Institute an, so haben sie für solche Arbeiten nur ein mildes Lächeln übrig. Längst wird die erforderliche Software bei Novartis selbst hergestellt oder extern eingekauft. Da die Stiftung Biografik-Labor vom Tierschutz finanziert wird, sind die betreffenden Forscher nicht gezwungen, konkurrenzfähig zu bleiben ─ ein bequemer und einträglicher Job auf dem Buckel der Tierschützer, die dafür das nötige Geld spenden.

Was die auf der Website ebenfalls zitierte RCC in Ittingen (Baselland) anbelangt, so führt dieses Unternehmen im Auftrag der Pharma- und anderer Industriebranchen lediglich Toxikologietests durch, für das sich das computerunterstützte „molecular modelling“ nicht unbedingt eignet. Hier wäre die virtuelle Darstellung ganzer menschlicher Organe oder Organsysteme auf dem Bildschirm angezeigt, mit deren Hilfe unbekannte Substanzen auf ihre Nebenwirkungen (wie auch auf ihre Hauptwirkungen) geprüft werden könnten. Diese Technologie könnte die Medikamentenforschung völlig auf den Kopf stellen und wird bei Novartis sogar von einem Informatiker entwickelt und propagiert: Im Verlauf einer Radiosendung von DRS2 vom Juni 2004 sprach Manuel Peitsch, Head Informatics von Novartis Basel, über diese Methode in der angewandten Pharmaforschung (Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente), unter anderem über virtuell durchgeführte Nebenwirkungs-(Toxikologie-)Tests mit neuen Medikamenten, was bis zu 3 Jahren Einsparung in deren Erforschung/Entwicklung bedeuten würde. Ferner erwähnte Peitsch das Prüfen neuer Substanzen auf ihre Hauptwirkung mittels Simulation ganzer Organe, die virtuell auf dem Bildschirm funktionieren. Ferner könne das Zusammenspiel einzelner Organteile virtuell sehr realistisch dargestellt werden. Bei der Pharmaindustrie bestehe grosses Interesse für die virtuelle Darstellung ganzer Organe in der angewandten Pharmaforschung.

Leider konnte ich selbst bisher bei Novartis kein solches Interesse feststellen, obwohl ich mich bei Daniel Vasella schriftlich erkundigt habe, wie weit diese Technologie für eine praktische Anwendung vorgesehen sei. Meine Anfrage wurde tunlichst ignoriert. Dieses Desinteresse ist mir rätselhaft. Ich kann es mir nur damit erklären, dass die Züchtung bzw. der Kauf von Versuchstieren viel zu billig ist. Jedenfalls halte ich diese Technologie im Sinne des Tierversuchs-Ersatzes für vielversprechend; denn mit ihr könnten Tierversuche in der Biomedizin tatsächlich ganz ersetzt und nicht nur „ergänzt“ werden, wie es bei der „3R“-Ideologie der Fall ist, die übrigens von der Basler Chemie gerne als Feigenblatt benützt wird.

Ebenfalls erfolgversprechend ist die Grundlagenforschung am menschlichen Gewebe. Leider wird die allgemeine Grundlagenforschung (zum Teil auch im Auftrag der Pharma) an den Universitäten immer mittels unsäglicher Tierqualen vollzogen. Es gibt jedoch u. a. in Basel den Lungenforscher Michael Tamm, der seit Jahren ohne Einsatz von Versuchstieren mit grossem Erfolg auf dem Gebiet der Lungenkrankheiten forscht. Am Basler Universitätsspital hat er zusammen mit dem Molekularbiologen Michael Roth Zellen aus Gewebeproben der menschlichen Lunge sowie Muskelzellen von Asthmatikern in Kulturen gezüchtet, um Krankheitsbilder und neue Therapien untersuchen und testen zu können. Er arbeitet vollständig ohne Tiere und bekommt für seine Arbeit grosse Anerkennung. Das von Tamm geleitete Team war die weltweit erste Forschergruppe, der es gelang, Muskelzellen von Asthamtikern in Kulturen zu züchten (siehe „Basler Zeitung“ 16. 7. 2005). Das nenne ich echtes „Replacing“ von Tierversuchen in der Grundlagenforschung. Die Leistung von Tamm et al. kann deshalb nicht genug geschätzt werden.

Es wäre zu wünschen, dass auch andere Forscher sich für diese effizienten und zuverlässigen Technologien interessieren und ihre Finger endlich von den geplagten Labortieren lassen. Nicht nur diese wären dankbar dafür, sondern auch jene Patienten, die oft auf gewisse Medikamente angewiesen sind, sie aber mit extrem schlechtem Gewissen einnehmen, weil sie aufgrund von Tierversuchen (allerdings auch aufgrund von Menschenversuchen) erforscht und entwickelt wurden. Mit dem vollständigen Ersatz der Tierversuche durch tierversuchsfreie Forschungsmethoden wäre allen – den Tieren wie auch den Patienten – geholfen.

Lislott Pfaff

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