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BLOG vom 24.08.2005


Endlosgestelle, Endloskette: Verkaufspersonal-Mangel

Autor: Emil Baschnonga

Nach dem Schwund der kleinen Fachgeschäfte ist der Mangel an geschultem Verkaufspersonal in England besonders eklatant. Ich nehme an, dass sich dieser selbst in der Schweiz mehr und mehr kund tut.

Verloren stehe ich etwa in einer der B&Q- oder Homebase-Riesenhallen und verliere viel Zeit, um das, was ich suche, in den Endlosgestellen zu finden. Weit und breit ist kein Verkaufspersonal in Sicht. Selbst die Kassen beim Ausgang sind unterbesetzt. Man steht dort in der Endloskette. Verdammt noch mal! Warum bin ich schon wieder in diese gleiche Falle geraten! – werfe ich mir vor, bloss einiger Schrauben wegen. Nur wenige brauche ich, nicht 100 Gramm vorverpackte, die für ein ganzes Bastlerleben ausreichen würden. Aber Schrauben sind Sammelbegriffe. Das ist auch der Haken bei den Haken. Immer wieder braucht man eine kürzere oder längere, dickere oder dünnere Schraube.

Immerhin habe ich noch einen der letzten Eisenwaren-Handlungen in meinem Wohnumfeld entdeckt. Im Laden herrscht ein heilloses Durcheinander, aber mit sicherem Griff pflückt der Besitzer die rechte Kartonschachtel und entnimmt ihr genau die Stückzahl, die ich brauche. In seinem Laden habe ich Kurzweil. Mir fällt ein, dass ich noch dieses und jenes brauche, zum Beispiel einen altmodischen Reisigbesen für die Gartenwege. Wie ich dies schreibe, hat der Gärtner nebenan eben seine aggressive laute Fegmaschine angekurbelt. − Einen Augenblick bitte, ich muss das Fenster schliessen, ehe er meine Gedanken wegfegt. – Also denn: Mit dem Reisigbesen geht es lautlos und beinahe mühelos; ich säubere mit rhythmisch-schwungvollen Armbewegungen.

Es ist ein Glücksfall, dass ich in meiner Wimbledoner B&Q-Filiale den Sam gefunden habe. Er ist 85 Jahre alt und weiss Bescheid. In der lokalen Presse war ein Kurzprofil über ihn erschienen. Der Pensionierte hatte einst eine Management-Funktion bekleidet. Das merkt man ihm an. Kurzgewachsen und etwas rundlich, glitzern seine Augen zwar autoritär, doch hilfsbereit hinter seiner stahlumrahmten Miniatur-Brille.

Ich erkläre ihm mein Anliegen, und prompt führt er mich nicht nur zum richtigen Regal, sondern berät mich obendrein fachgerecht. Im Artikel stand vermerkt, dass Sam als Tatenmensch nicht müssig bleiben wollte, sondern Kontakt zu den Menschen braucht. Den hat er jetzt im B&Q: Er wird von verlorenen Schafen wie mir umdrängt.

Sam hat seine B&Q-Zweitkarriere bei den Topfpflanzen begonnen und sein Revier nach und nach erweitert. Ich frage ihn nach einem kompetenten Mechaniker, der meinen alten Rasenmäher revidieren kann, ohne ein Vermögen zu „heuschen“ (Helvetismus für: zu verlangen). Er schreibt mir die Adresse auf und erklärt: „Am Ende der Strasse rechts in die Gap Road abbiegen, und Sie finden ihn kurz nach der Brücke wiederum rechts.“

In wenigen Wochen werde ich ihn wieder aufsuchen, wenn die müden Topfpflanzen ausverkauft werden. Sam hat die Handlungsvollmacht und hatte mir das letzte Mal fast für nichts u. a. einen lebensmüden Hibiscus syriacus (Blue Bird) zum Aufpäppeln vermacht. Dieses Jahr beschert mich diese Pflanze mit ihrem blauen Blütensegen schon seit Wochen.

Aber Sam und die letzten überlebenden Fachhändler sind rare Ausnahmen. Im Brillengeschäft sichte ich eine Verkäuferin, die noch vor wenigen Tagen in einem Blumengeschäft verkauft hatte. Dieser Dame ist weder bei Blumen- noch bei Brillen-Beratungen zu trauen: Sie weiss rein gar nichts und steht gelangweilt im Laden herum.

In den Selbstbedienungsläden ist man ebenfalls aufgeschmissen. Einwanderer aus Polen, Rumänien, Serbien – und sonst wo – sprechen kein verständliches Englisch, andere (Einheimische) verschlucken die Silben … Kaum weiss ich ein wenig Bescheid, wo Öl und Essig sind, wird die Auslage umgekrempelt. Damit glaubt die Kette, Impulskäufe auslösen zu können. Damit kommt sie bei mir nicht durch. Ein verärgerter Kunde wie ich öffnet das Portemonnaie höchst unwillig, kauft allenfalls eine Zeitung und verschwindet.

Nun will ich mit meiner Litanei nicht weiterfahren – sondern wacker Ausschau nach Wegabkürzungen im Detailhandel halten. Schliesslich muss es doch noch mehr als einen Sam in Wimbledon geben. Der einfachste Ausweg aber wäre, die Verkäufer und Verkäuferinnen zu schulen und besser zu entlöhnen, selbst wenn das für mich einen Batzen mehr kosten sollte.

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