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BLOG vom 15.10.2005


Bahnerlebnisse: Hunde, Handys, Bush und Red Bull

Autor: Heinz Scholz

Als ich vor einigen Tagen das Blog von Rita Lorenzetti über ihre Bahnerlebnisse las, erinnerte ich mich an einige Ereignisse von meinen eigenen Bahnfahrten. Wer mit der Bahn reist, kann in der Tat manchmal sein blaues Wunder erleben, und er bekommt Unterlagen zur Ausarbeitung von Psychogrammen gratis mitgeliefert.

Das grösste Ärgernis sind Verspätungen. Aber auch andere Dinge gehen einem auf die Nerven, so etwa die „Handymanie“. Dazu eine Episode: Als ich vor einigen Jahren zu einer Presseveranstaltung von Schopfheim nach München fuhr, musste ich in Karlsruhe und Stuttgart umsteigen. In Stuttgart ging es mit dem ICE flugs nach München. Im Grossraumwagen sass ein Mensch, der mit dem Handy ununterbrochen Freunde anrief. Er sprach so laut, dass jeder Schwerhörige ihn verstanden hätte. „Der spricht schon seit Frankfurt ununterbrochen; dem müsste man das Maul stopfen“, empörte sich eine Dame. Ein Mitreisender schlug vor: „Das Telefonieren im Grossraumwagen müsste verboten werden.“ Vielleicht hatte der Handyverrückte von unserem Gespräch etwas mitbekommen, denn bald hörte der plappernde Zeitgenosse mit seinem Herumtelefonieren auf.

Der Hund brauchte einen teuren Fahrschein

Vor einigen Jahren wurde von der Deutschen Bundesbahn das „Schöne-Wochenend-Ticket“ angeboten. Mit diesem Fahrschein können mehrere Personen für einen geringen Betrag herumfahren. (Seit kurzem gibt es das „Baden-Württemberg-Ticket“: Es können bis zu 5 Personen für einen Betrag von 25 Euro im ganzen Land herumfahren, aber nur zu bestimmten Tageszeiten).

„Endlich mal eine vernünftige Aktion der Bahn AG. Wir können bequem und billig reisen und entlasten die Umwelt“, meinte Marina P. aus Freiburg i. Br. zu ihrem Mann. Frohen Mutes ging sie zum Bahnhof und wollte sich ein Ticket besorgen. Wie die „Badische Zeitung“ am 26. 7. 1996 berichtete, erlebte die Frau dabei eine böse Überraschung. Sie bekam zwar für 2 Erwachsene und 2 Kinder ein Ticket für 35 Mark. Als sie jedoch fragte, ob ihr Hund auch mitreisen könne, erwiderte der Beamte: „Für den Hund brauchen Sie einen Hunde-Regelfahrschein, der kostet 60 Mark.“ Zähneknirschend nahm die Frau den Fahrschein mit dem Vermerk „Kinderfahrschein, halber Preis“ entgegen.

Nix verstanden

Während einer Zugfahrt von Frick nach Zürich – ich musste 1999 zu einem Podologen-Kongress nach Horgen – stieg in Brugg eine mit einem Pelzmantel bekleidete Frau mit ihrer Tochter in den Zug ein. Sie nahmen mir gegenüber Platz. In Baden, dem nächsten Halt nach Brugg, stieg eine Schweizerin ein und fragte, ob der Platz neben mir noch frei sei. Kaum hatte sie sich gesetzt, bemerkte sie, dass sie nicht in Fahrtrichtung sass. Im reinsten „Schwiizerdütsch“ sagte sie, zur feinen Dame im Pelzmantel gewandt: „Würden Sie bitte den Platz mit mir tauschen, mir wird sonst schlecht.“ Die Angesprochene antwortete in einem östlich angehauchten Deutsch (die Frau stammte entweder aus Tschechien oder Polen): „Ich nix verstehen, ich sprechen nur Deutsch.“ Da sprang die Schweizerin auf und verliess pikiert das Abteil. Nun mischte ich mich ein. Ich gab der angesprochenen Dame zu verstehen, dass die Schweizerin nur ihren Platz mit ihr hatte tauschen wollen. Da meinte die Frau aus Osteuropa: „Habe schon verstanden. Aber Platz brauch’ ich selber!“

Red Bull mit Mineralwasser

Am 12. September 2005 war wieder eine Bahnfahrt mit den SBB fällig. Ich fuhr von Frick über Baden nach Zürich und von dort nach Bad Ragaz zur Vernissage des Buchs von Elsbeth Stoiber (Blog vom 20. 9. 2005: „Moulageuse Elsbeth Stoiber: Auf und Ab eines Lebenswerks“). Frohgemut stieg ich in ein Nichtraucherabteil und setzte mich zu einer älteren Frau, die intensiv in der Gratiszeitung „20 Minuten“ las. Sie las wohl so intensiv, dass sie mein höfliches „Guten Tag. Ist der Platz hier noch frei?“ nicht hörte. „Die ist aber unfreundlich“, dachte ich, liess mich in den Sitz fallen und begann ebenfalls, in derselben Zeitung, die überall herumlag, zu lesen. Plötzlich schaute die Frau auf, machte ein freundliches Gesicht, und dann begann sich ihre Miene zu verfinstern. Ich dachte schon, ich hätte ihr wohl nicht gepasst, aber dann deutete sie auf die Schlagzeile „Atomwaffen-Einsatz: Freipass für Bush.“ Dann sprudelte es aus ihr heraus, indem sie sagte, dass George W. Bush noch die ganze Welt in Schutt und Asche legen würde. Ich stimmte ihr zu.

Dann las sie weiter und schien wiederum die Welt um sich zu vergessen. Sie wurde erst wieder lebendig, als sich ein Mittsiebziger zu ihr setzte. Die beiden unterhielten sich über alle möglichen Dinge. Als ein Kellner mit einem Getränkewagen vorbeikam, bestellte der Mann eine Dose Red Bull und eine Dose Mineralwasser. „Ich brauche dieses Zeug als Muntermacher. Ich bestelle immer Mineralwasser dazu, verdünne den Energy-Drink, weil er mir zu süss ist.“ Dann fummelte er am Dosenverschluss herum, konnte die Dose aber nicht öffnen. Anschliessend griff die Dame ein und versuchte krampfhaft mit ihren verkrüppelten Fingern, es besser zu machen. Aber es gelang auch ihr nicht. Endlich kam ich an die Reihe. Ich hantierte herum, brachte die Dose zunächst nicht auf; dann kam ich auf einen Trick: Den Verschluss drehte ich in eine andere Richtung und dann nach oben und „klack“ ... war die Dose offen.

Kurz darauf bemerkte der Mittsiebziger auch die Schlagzeile über Bush. Seinen sehr diplomatischen Kommentar dazu: „Es hat schon bessere Präsidenten als Bush gegeben.“ So erfährt man Essentielles über die Weltpolitik.

Bei Fahrten mit der Eisenbahn kann man also etwas erleben. Man lernt alle möglichen und unmöglichen Leute kennen. Die einen bearbeiten ihr Handy und schicken fortlaufend SMS, die anderen lesen, wiederum andere dösen vor sich hin oder sitzen schweigsam da und geniessen die vorbeiziehende Landschaft.

Es gibt aber auch Leute, die ihren seelischen Müll loswerden wollen und ununterbrochen quatschen. Dies erlebte meine Frau Paula vor einigen Jahren als sie zur Fortbildung mit dem Zug nach Freiburg i. Br. fuhr. Auf einer Rückfahrt fing eine ihr gegenüber sitzende Frau gnadenlos zu quatschen an. Und sie hörte nicht mehr auf. Paula konnte sich dem Wortschwall dieser Frau nicht entziehen. Beim Aussteigen in Schopfheim gelang es ihr endlich, sie abzuschütteln. Die wortgewaltige Dame konnte den schnellen Schritten meiner Frau zum Glück nicht folgen. Vielleicht hätte die Redselige sie bis in ihre Wohnung verfolgt ... Das Mitteilungsbedürfnis ist oft nicht zu bremsen.

Hinweise auf Blogs zum Thema Bahnreisen

14. 10. 2005: „Reise nach Genf: Beobachtungen und Begegnungen“

09. 10. 2005: „Unter Kontrolle: Rückreise Köln–Zürich und Reise-Allerlei“

11. 09. 2005: „Streiche von damals: Die Würze des Schülerlebens (II)“

17. 08. 2005: „Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten“

23. 04. 2005: „Hier dreht sich alles um den Gotthard-Mythos“

 

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