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BLOG vom 17.10.2005


Lena Konstante – Von Mut und Treue zu sich selbst

Autorin: Margrit Haller-Bernhard

Es gibt unzählige Frauen, welche den Nobelpreis verdient hätten, bekannte und unbekannte. Zu den hier in der Schweiz unbekannten Frauen mit Nobelpreisformat gehört die Rumänin Lena Konstante. Für mich ist sie die faszinierendste und mutigste Frau, der ich je begegnet bin.

Erstmals traf ich sie 1995 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. „Du musst sie unbedingt zum Essen einladen, sie wird dich interessieren“, sagte meine Freundin Catherine Cellier, deren Mann Marcel in regelmässigen Radiosendungen und vielen Schallplatten die rumänische Volksmusik weltweit bekannt gemacht hat. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute haben sich Celliers über 50 Mal unter teils schwierigen Umständen nach Rumänien begeben, um dort die mitreissenden Klänge von Panflöte, Taragot und anderen alten Instrumenten aufzunehmen. Diese Volksmusik war dem damaligen kommunistischen Diktator Gheorghe Gheorghiu-Dejs, wie übrigens auch dessen Nachfolger Nicolae Ceausescu, ein Dorn im Auge. Er wollte sie, wie ganz allgemein den Reichtum an rumänischer Volkskunst, ausrotten.

Wandbilder aus Stickplätzchen

Auf meine telefonische Einladung zum Essen reagiert die 85-jährige Lena Konstante mit einer liebenswürdigen Gegeneinladung: „Kommen Sie doch zu mir. Ich würde sie gerne hier empfangen“. Mein Einwand, ich sei nicht allein sondern mit 11 Frauen unterwegs, wischt sie vom Tisch. „Dann freue ich mich, sie alle in meiner Wohnung zu empfangen.“

Eine Frau ohne Alter öffnet uns die Türe der Blockwohnung. Unter ihrem indischen, langen Gewand lässt sich ihre Gestalt vermuten: schmaler, eingefallener Brustkorb, aufgedunsener Bauch. Das Gesicht scharf geschnitten, die Augen lebhaft und klar, das Haar hübsch hergerichtet.

Die Vierzimmerwohnung ist geschmückt mit aussergewöhnlichen Wandteppichen. Das Rohmaterial hierzu stammt aus einem Dorf im Süden Rumäniens von den ausgetragenen Blusen der dortigen Bäuerinnen. Jeden Winter verzieren sie in monatelanger Vollstickerei eine neue Bluse, die traditionsgemäss erstmals am orthodoxen Osterfest getragen wird. Sie gilt als Bestandteil der überlieferten Tracht. Die Stickmuster sind unterschiedlich und repräsentieren eine alte, hochstehende Volkskunst, welche leider heute vom modernen Lebensstil bedroht ist.

Lena erkannte früh den Wert dieses gefährdeten Kulturguts. Während 20 Jahren sammelte sie die ausgetragenen Blusen und verarbeitete das darauf enthaltene Stickgut zu bezaubernden Wandteppichen. Diese als Patchwork zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung. Jedes der Kunstwerke, aus mindestens 1000 kleinen Teilen zusammengesetzt, trägt einen Namen, welche die dahinter stehende Idee ausdrückt. Die Werke sind von ausserordentlicher Aussagekraft, Poesie, Schönheit und Harmonie. Lena hat sich damit im In- und Ausland als vielbeachtete Künstlerin einen Namen gemacht.

Nachts von der Geheimpolizei entführt

Lena Konstante und ihr Mann Harry Brauner, der Musikwissenschaftler und Direktor des folkloristischen Instituts in Bukarest war, versuchten zu Beginn des kommunistischen Regimes die Volkskunst zu retten. Dies wurde ihnen zum Verhängnis. In einer Nacht im Jahr 1948 wurden sie getrennt von der Geheimpolizei abgeholt und in Einzelhaft genommen. Der Grund war vorerst nicht ersichtlich. Erst im Verhör wurde es Lena klar, dass man versuchte, sie zu einer Denunziation gegenüber ihrer Freundin, der Frau des Justizministers, zu zwingen. Sie hatte mit ihr zusammen ein Folklore-Marionettentheater aufgezogen, um den Leuten die Volksmärchen nahe zu bringen und sie damit vor dem Vergessen zu retten. Nach dreimaligem Auftritt wurden die Vorstellungen staatlich verboten und dem Justizminister und dessen Frau ein Prozess angedroht. Dafür aber brauchte das Regime falsche Aussagen. Lena weigerte sich, sich auch nur mit einem Wort gegen ihre Freunde zu wenden – dies 12 Jahre lang!

In der Folge wurde Lena unzähligen Verhören unterworfen. Man versuchte es mit Peitschenhieben: „Wenn sie einen Laut von sich geben, werden die Hiebe verdoppelt“, drohte ihr Peiniger. Lena biss die Zähne zusammen, obschon ihr Körper zu brennen schien. Mit den Jahren wechselten ihre Behausungen; manchmal waren sie klein, manchmal grösser, aber immer unwohnlich, heiss im Sommer, kalt im Winter, ohne Sonne, mit schmucklosen Wänden, einer Pritsche und einem betonierten Fussboden. Sonst war nichts da, kein Lesestoff, kein Radio, kein Papier und kein Bleistift. Sie, die hochbegabte Künstlerin und Intellektuelle, war zum totalen Nichtstun verurteilt.

Ihre Standfestigkeit reizte die Kommunisten bis aufs Blut. Sie versuchten es mit verschiedenen „Therapien“. Sie liessen Lena hungern, gaben ihr für den ganzen Tag nur einen Bissen Brot, den sie in winzigsten Krümmelchen in den Mund steckte. Vollkommen unterernährt erhielt sie plötzlich warme, gute Mahlzeiten mit Fleisch und Gemüse. Man wollte ihr zeigen, wie gut es ihr gehen könnte, wenn sie nur endlich das Geständnis unterschreiben würde, das man ihr bei jedem der zahlreichen Verhöre vorlegte. Als diese Versuchung erfolglos an Lena vorbeiging, kam der Schlafentzug an die Reihe. Alle zwei Stunden wurde sie aus dem Schlummer gerissen und musste für weitere 2 Stunden an einem Wächter vorbeidefilieren, hin und her und her und hin. Dann durfte sie wiederum zwei Stunden schlafen, um sich auf Kommando erneut wie ein Raubtier im Käfig zu bewegen – wochenlang!

Auch diese Qual überlebte Lena, nicht etwa stumpf vor sich hinbrütend, sondern mit wachen Sinnen. Sie kannte das Datum eines jeden Tages und beschäftigte ihren Geist mit selbst verfassten Gedichten. „Wenn mir pro Tag ein Vierzeiler gelang, war ich zufrieden“, erinnert sie sich. Daneben schrieb sie in Gedanken Bücher und Theaterstücke. Obschon sie keine Ahnung hatte, ob sie je aus dieser Gefangenschaft entlassen würde, behielt sie ihre menschliche Würde.

Nach 8 Jahren Einzelhaft wurde sie plötzlich in ein Frauengefängnis verlegt, wo sie mit 40 Leidensgenossinnen den gleichen Raum teilen musste. Als Betten dienten übereinander geschichtete Bretter. Hatte man sich abends dort hinein gezwängt, so konnte man wegen des fehlenden Abstandes zum nächst höheren Brett den Kopf nicht mehr drehen. Lena wurde so etwas wie die Mutter dieser eingesperrten Frauen aus allen Schichten des Landes. „Hier wurde mir bewusst, wie wichtig eine glückliche Kindheit als Fundament des Lebens ist. Ich vernahm so viele traurige Schicksale und war froh, dass ich bis zu meinem 7. Altersjahr ein unbeschwertes, fröhliches Kind sein durfte.“

Weder verbittert noch nachtragend

12 Jahre hatte Lena im Gefängnis verbracht, als man sie aus der Haft entliess. Die vielen Misshandlungen hatten ihren Körper gezeichnet, ihr Geist jedoch war ungebrochen geblieben. Da es ihr verboten wurde, in Bukarest als Künstlerin tätig zu sein, wählte sie als Wohnort ein Dorf, wo sie die abgetragenen Blusen der Bäuerinnen sammelte und die Stickereien zu Wandteppichen verarbeitete. Damit rettete sie ein untergehendes Kulturgut.

Heute ist Lena, die ich in den vergangenen Jahren 6 Mal besuchen durfte, über 90 Jahre alt. Nach einem Sturz wurde sie bettlägerig, ist aber wie immer hellwach, witzig und damit beschäftigt, aus den Stickmustern Wandteppiche von kleinerem Format zu gestalten. Nach ihrem Wohlergehen befragt sagt sie: „Der Körper ist unwichtig, so lange der Geist über ihm steht. Er hat mich vor dem Untergang bewahrt, hilft mir heute, mit den Altersbeschwerden zurechtzukommen und mich am Leben zu freuen. Ich bin weder verbittert noch trage ich meinen Peinigern etwas nach. Im Gegenteil. In mir ist eine tiefe Dankbarkeit meinem Schicksal gegenüber. Mir geht es gut. Ich kann heute meine Türe von innen schliessen und manchmal reicht mein Geld sogar für ein Stücklein Schokolade“.

Lena Constante hat ihre Gefängnisjahre im längst vergriffenen Buch „L’évasion silencieuse“ niedergeschrieben. Ihre während der Haft im Kopf ausgedachten Theaterstücke wurden aufgeführt und ihre Gedichte veröffentlicht.

Weitere Blogs von Margrit Haller-Bernhard 

19. 09. 2005: „Lehrstück: Die Milchbüchleinrechnung der Kirdis“

13. 09. 2005: „Kerala: Hotels, die wissen, worauf es ankommt“

 

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