Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     17. Januar 2018, 00:13 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 25.11.2005


Die Landfrauen von heute: Zwischen Pflug und Partyservice
Autor: Heinz Scholz
 
Am 12. November 2005 wurden in der SWR-Fernsehsendung „Landesschau unterwegs“ 3 Landfrauen vorgestellt, die den Aufbruch aus dem klassisch Ländlichen in eigene berufliche Existenzen schafften. Überraschend für mich war, dass heute schon 70 % der Landfrauen keine Bäuerinnen mehr sind. Viele gehen einer geregelten Arbeit in Firmen nach oder machten sich selbstständig. Diese Frauen sind sehr erfindungsreich, um ihr Haushaltsgeld aufzubessern. Die Aktivitäten werden inzwischen von der jeweiligen Dorfbevölkerung und den Ehemännern voll akzeptiert. Früher herrschte ja die Meinung vor, die Frau gehöre an den Herd und solle den Haushalt in Ordnung bringen. Die fleissige, moderne Landfrau ist heute sowohl Hausfrau als auch Unternehmerin. Die Produktion des Fernsehjournalisten Helmut Frei über Landfrauen zeigte in eindeutiger Weise auf, dass eine Image-Änderung im Gange ist.
 
Heilkräuter und Ayurveda
Eine der 3 Landfrauen ist Maria Magdalena Müller aus D-79837 Ibach im südlichen Schwarzwald, die ich gut kenne und auch in meinem Buch „Arnika und Frauenwohl“ vorgestellt habe. Sie hat sich auf Heilpflanzen und fernöstliche Heilweisen spezialisiert. Die Ausbildung zur Ayurveda-Spezialistin erfolgte in Indien. Seit 25 Jahren vermittelt sie in Kursen der Volkshochschule und im Kneipp-Verein St. Blasien und seit 1998 in ihrem Haus „Tannenhof“ die Heilwirkungen von Heil-, Wild- und Küchenkräutern. Im Gästehaus können sich Urlauber, aber auch Personen, die nicht hier im Haus wohnen, mit Ayurveda-Behandlungen verwöhnen lassen.
 
Eine nicht hoch genug zu schätzende Tätigkeit von der Kräuterexpertin sind Kräutertouren für Kinder. Bei der im Fernsehen gezeigten Tour waren 12 Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren dabei. Die Kinder sammelten Löwenzahn, Labkraut, Roter Klee und wilden Thymian (Quendel). Die Kräuter lieferten dann zusammen mit Butter einen sehr schmackhaften Brotaufstrich. Magdalena Müller ist immer wieder erstaunt, wie wissbegierig und aufnahmefähig die jungen Heranwachsenden sind. Es ist bemerkenswert, wenn die Kleinen ihr Wissen bei Wanderungen mit ihren Eltern kundtun. Es sind oft Kräuter, die manche Eltern nicht einmal kennen.
 
Die Resonanz nach der Sendung war dementsprechend gross. „Es war bestimmt keine Minute nach der Sendung, da stand das Telefon nicht mehr still und auch übers Internet kam eine E-Mail nach der anderen“, teilte mir Magdalena Müller mit.
 
Der Sommerferienort Ibach besteht aus mehreren Dörfern und befindet sich auf dem Hotzenwald unweit von Todtmoos und St. Blasien (hier ist die drittgrösste Kuppelkirche Europas zu bewundern). In dieser idyllischen, ruhigen Gegend, in der noch einige charakteristische Schwarzwaldhäuser zu sehen sind, gibt es etliche Moore und Naturschutzgebiete. Ich kenne die Landschaft mit ihren reizenden kleinen Orten und den wildromantischen Mooren von Wanderungen her sehr gut.
 
Als Gästeführerin unterwegs
Brigitte Ströbel aus D-74585 Rot am See war eine weitere Landfrau, die im Film zu sehen war. Sie wurde im Rahmen eines Förderprogramms zu einer Gästeführerin ausgebildet. Wie sie mir in einer E-Mail mitteilte, betreut sie im Jahr 60 bis 80 Reisegruppen, die hauptsächlich aus dem Agrarbereich kommen.
 
„Wir haben das die vergangenen Jahre systematisch aufgebaut. Ich bin wirklich stolz darauf. Es sind viele Tagesfahrten, aber auch einige Mehrtagesfahrten. Ich arbeite hier mit zirka 80 Partnern zusammen, die Reisegruppen aufnehmen, bewirten und Betriebe zeigen“, betonte die freundliche Brigitte Ströbel.
 
Sie hat durch ihre Tätigkeit eine Menge nette Leute kennen gelernt, zu denen sie schon seit vielen Jahren Kontakt hat. Ein Höhepunkt ihrer Arbeit war eine Reise nach Salzburg zum dortigen Adventssingen. Die Einladung erfolgte durch den Salzburger Bauernbund. Der Film wurde, wie sie betonte, gelobt, da er keine negativen Untertöne zum Thema Landfrauen hatte.
 
Übrigens erschien jetzt der neue, sehr ansprechende Katalog „Gruppenreisen Hohenlohe“(www.gruppenreisen-hohenlohe.de). Im Angebot sind Busreisen, Studienreisen, Agrartourismus, Bauernhoferlebnisse, Weinreisen auf Winzerhöfe, Tagesausflüge, Biker-Touren, Wanderungen, Ausflüge zum UNESCO-Welterbe Limes, Geniesser- und Themenreisen. Viele der Reisegruppen werden von Landfrauen, die zu Gästeführerinnen ausgebildet wurden, betreut. Die Gäste erfahren etwas vom Alltag, bekommen originelle Geschichten zu hören und viele versteckte Sehenswürdigkeiten in dieser wunderbaren Landschaft um Öhringen, Künzelsau, Schwäbisch Hall und Crailsheim zu sehen. „Auch die eine oder andere verschlossene Türe öffnet sich auf wundersame Weise“, ist im Katalog zu lesen. Der Besucher kann Bauerngärten, eine Bonbon-Fabrik, alte Mühlen, einen Weinlehrpfad, Bauerncafés, Bauernstuben, Käsereien und vieles mehr kennen lernen. Für die reibungslose Abwicklung der Reisen sorgt der Reiseservice Vogt aus Schrozberg als Vertragspartner.
 
Die gestohlenen Edelsteine
Übrigens wird das ehemalige Fürstentum „Hohenlohe“ (heute zu Baden-Württemberg gehörend) als das Land der Burgen und Schlösser bezeichnet. Es hat prächtige Residenzen wie die von Weikersheim, aber auch mittelalterliche Burgen (Hornberg) und fürstlich-hohenlohische Residenzen (Kirchberg) zu bieten.
 
Dazu ein Beispiel: Im Münster von Komburg hängt ein riesiger romanischer Radleuchter mit einem Durchmesser von 5 Metern. Aus derselben Zeit, um 1130, stammt auch eine Bildtafel am Altartisch, die aus Kupfer getrieben, vergoldet und mit Edelsteinen geschmückt ist. Als König Karl von Württemberg und Enkel des Königs Friedrich die Komburg besuchte und sich darüber wunderte, dass viele Edelsteine herausgebrochen waren, sagte der Mesner unverblümt: „Majestät, Ihr Grossvater selich hat’s g’stohle.“
 
10 000 Essen im Jahr
Die Dritte im Bunde in der Sendung war die Landfrau Elfriede Elser aus D-88524 Uttenweiler-Sauggart (Südwürttemberg/Oberschwaben). Sie gründete einen Partyservice. Sie bietet Rezepte aus der Region bei den verschiedensten Veranstaltungen, wie Familienfeiern, Jubiläen und Betriebsfesten, an. Insgesamt bereitet sie mit ihren Helferinnen die beachtliche Zahl von 10 000 Essen im Jahr zu. Inzwischen hat sie das Kochbuch „Gutes aus Gottes Garten – bäuerliche Küche rund um den Bussen“ mit originellen, einheimischen Rezepten zusammengestellt.
 
Der 767 m hohe Bussen, der „heilige Berg Oberschwabens“, liegt in der Nähe des Federsees bei Bad Buchau. Die Gegend unweit von Biberach an der Riss ist mir übrigens gut bekannt, war ich doch zwischen 1968 bis 1976 in der pharmazeutischen Firma Thomae als Analytiker tätig und lernte so die nähere und weitere Umgebung von Oberschwaben kennen und schätzen. Das sanft gewellte Hügelland ist ein Produkt der Eiszeit und liegt zwischen Donau und Bodensee.
 
Wie mir Elfriede Elser telefonisch mitteilte, war auch bei ihr die Reaktion auf die Fernsehsendung überwältigend. Sie hatte auch ein besonders erfreuliches Erlebnis: Eine Frau, die bei ihr vor 35 Jahren in Ausbildung war, meldete sich wieder.
 
Fazit: Es ist wirklich erstaunlich, zu welchen Leistungen Landfrauen, die heute keine Bäuerinnen mehr sind, fähig sind. Sie entwickelten Geschäftskonzepte und schafften sich neue berufliche Existenzen, ohne ihre anderen Verpflichtungen im Haushalt zu vernachlässigen. Die geschilderten Biographien zeigen dies in aller Deutlichkeit, dass ein Aufbruch aus dem klassisch Ländlichen möglich ist. Die grössten Profiteure sind die Gäste, die viel über Heilpflanzen erfahren, sich kulinarisch verwöhnen lassen können und viele Erlebnisse in einer landschaftlich schönen Gegend bekommen. Solche Ideen und Aktionen, wie im Film geschildert, sind nachahmenswert.
 
Infos und Adressen
Maria Magdalena Müller, Unteribach 21, D-79837 Ibach,
 
Brigitte Ströbel, Wiesenbacherstrasse 14, D-74585 Rot am See,
Infos über „Gruppenreisen Hohenlohe“: www.gruppenreisen-hohenlohe.de
 
Elfriede Elser, Oberdorf 10, D-88524 Uttenweiler-Sauggart,
Kochbuch “Gutes aus Gottes Garten – bäuerliche Küche rund um den Bussen“ von Elfriede Elser (für 16 Euro bei Elfriede Elser zu bekommen). ISBN 3-00-007131-8.
 
Buch über Baden-Württemberg
„Baden-Württemberg“ (Vielfalt und Stärke der Region), herausgegeben anlässlich des Ereignisses „50 Jahre Baden-Württemberg“, DRW-Verlag, Leinfelden-Echterdingen 2002 (ISBN: 3-8781-481-4).
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Landfrauen-Bezug
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier