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BLOG vom 18.12.2005


Gottlieb Duttweiler: Kämpfernatur, Menschenfreund, Wohltäter
Autor: Heinz Scholz
 
Als ich 1976 von Biberach an der Riss wegen meiner damaligen beruflichen Tätigkeit als Arzneimittelanalytiker nach Wehr (Baden) wechseln musste, wurden mir von Kollegen sofort die günstigen Einkaufmöglichkeiten bei Migros ans Herz gelegt. Damals war der Kurs von der DM zum Schweizer Franken sehr günstig, und es strömten in langen Autokolonnen die Badener über den Zoll nach Stein bei Bad Säckingen. Zu jener Zeit konnte man noch die 400 Jahre alte, einspurige 200 Meter lange Holzbrücke über den Rhein benutzen. Damals durfte man pro Person nur für 20 CHF Lebensmittel, einschliesslich 1 Pfund Kaffee ohne Zoll ausführen. Schokolade zählte nicht zu den üblichen Lebensmitteln, sondern wurde gesondert vom Zoll in Augenschein genommen. Wir kauften Nudeln, Butter, Kaffee und andere preiswerte Produkte wie Glühbirnen, Batterien und Schreibwaren ein. Wir waren schon damals von der exzellenten Qualität der Schweizer Produkte begeistert.
 
In den Fängen des Zöllners
Zu Zeiten des niedrigen Franken-Kurses achteten die Zöllner in Bad Säckingen besonders auf zu viel eingeführte Waren. Auch ich geriet einmal nach einem Einkauf bei Migros in die Fänge eines peniblen Zöllners, der den Spitznamen „scharfer Hund“ hatte.
 
„Haben Sie etwas zu verzollen?“, war seine Frage. Dann folgte meine vielleicht etwas zweifelhafte Antwort. „Nein, ich glaube, ich bin im Rahmen der Freigrenze.“ Das war für den Zöllner schon verdächtig. Ich musste an die Seite fahren. Dort durchwühlte er meine Tüten und rechnete die Preise zusammen. Er schaute blöd drein, als er nur eine Überschreitung der Freigrenze für Lebensmittel um 50 Rappen ermittelte. Wohlwollend durfte ich dann ohne Entrichtung eines Zolls weiter fahren.
 
Andere Grenzgänger waren schlauer. Sie luden eine Menge Leute in den Wagen und fuhren dann zum Einkaufen. War das Auto beispielsweise mit 5 Personen besetzt, konnte man 5 Mal so viel Waren über die Grenze schaffen. Wiederum andere fuhren täglich mehrmals über die Grenze.
 
Was für ein Mensch war Gottlieb Duttweiler?
Schon lange wollte ich einmal Näheres über den Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler (1888–1962), wissen. Als ich Chroniken und Geschichten über Industriepioniere bzw. Unternehmerpersönlichkeiten durchforstete, stiess ich auch auf diesen ungewöhnlichen Menschen.
 
Im Rahmen dieses Blogs werde ich den Menschen Duttweiler vorstellen, dann den mühevollen Aufbau der Migros dokumentieren und auch Ungewöhnliches aus dem Leben eines Ruhelosen und Kämpfers aufzeichnen.
 
Gottlieb Duttweiler, in der Schweiz kurz „Dutti“ genannt, war eine der bedeutendsten Schweizer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, ein Sozialpionier, Politiker und der Gründer der „Migros“, das heute grösste Detailunternehmen der Schweiz. 1940/41 wandelte er die Aktiengesellschaft in Genossenschaften um. Der kinderlose Firmengründer verschenkte die Migros an über 75 000 Hausfrauen (mit Anteilsscheinen à 30 Franken). Der damalige Verkaufswert betrug etwa 16 Millionen Franken.
 
Nun zur Charakterisierung seiner Persönlichkeit: Wie Karl Lüönd in seinem Werk „Gottlieb Duttweiler. Eine Idee mit Zukunft“ erwähnt, wurde der "Dutti" von seinen Mitarbeitern unterschiedlich bezeichnet. Hier eine kleine Auswahl: „Ein Menschenfischer!“, „Ein Kämpfer!“, „Ein starker Kommunikator!“, „Ein Romantiker, manchmal ein verkappter Poet!“. Andere bezeichneten ihn als Choleriker und als einen Menschen, der nicht gut verlieren konnte. Er war ein harter Chef, ein Menschenfreund und Wohltäter. In unserer Zeit wäre er eine Kultfigur.
 
„In Gottlieb Duttweilers Charakter war eine merkwürdige Mischung angelegt: visionär im Geschäft, vorsichtig bei den Finanzen, abenteuerlustig und manchmal mit einem auffallenden spielerischen Einschlag in der Politik. Den Händler hat er nie verleugnet. Er drang auf Tempo und dachte in Umsätzen. Er bestand auf knappen Margen, weil er glaubte, dass mit niedrigen Preisen bei guter Qualität am schnellsten Marktanteile zu gewinnen sind“, bemerkte Karl Lüönd in seiner Schrift.
 
Und was sagte Frau Adele Duttweiler über ihren Mann? Hier die Antwort: „Mein Mann konnte gelegentlich auch ungerecht sein, doch man konnte ihm entgegnen. Wenn er eine Rechtfertigung als angebracht erkannte, akzeptierte er sie. Mutige Menschen machten ihm Eindruck. Andere, die den Kopf einzogen, die ihm schmeichelten oder zu untertänig waren, mochte er nicht. Auch ich ertrage es nicht, wenn man seine Frömmigkeit übertrieben darstellt, wenn er wie ein Missionar oder ‚Tempelschänder’ hingestellt wird. Die solche Behauptungen aufstellten, schrieben, kannten ihn ja kaum. Er war auf seine Art gesellig, menschenfreundlich, gesprächig.“
 
Nach dieser Charakterisierung möchte ich seine unglaubliche Leistung näher beleuchten. Was dieser Mann alles aushalten musste, geht nicht auf die bekannte Kuhhaut. Wie der Fels in der Brandung überstand er Boykotte und öffentliche Anprangerungen.
 
Vor 80 Jahren startete er mit 5 Verkaufswagen
1925 startete Duttweiler mit 5 Verkaufswagen in Zürich. Auf einem Flugblatt bot er nur 5 Artikel zum Verkauf an. „Renner“ waren damals Zucker, Teigwaren (Nudeln, Spaghetti, Hörnli), Kaffee, Reis und Kernseife. Auf Bestellung lieferte Migros auch Kokosnussfett.
 
„Um die letzten Verkaufsstellen mit Sicherheit bedienen zu können, verkaufen wir einstweilen höchstens zweimal die Mindestmenge jeden Artikels an denselben Käufer“, war auf dem Flugblatt zu lesen. Des Weiteren wurde „An die intelligente Frau, die rechnen kann!“ appelliert.
 
Da die qualitativ guten Produkte zu einem niedrigen Preis angeboten wurden, organisierten sich die Verbände der Teigwaren-, Fett- und Seifenfabrikanten. Sie riefen zu Liefersperren gegen die Migros auf. Zeitungsredaktionen wurden aufgefordert, keine Annoncen von Migros mehr zu veröffentlichen. Abgesandte des Detailhandels fotografierten sogar Migros-Kunden. Waren Beamte oder Handwerker darunter, wurden diese mit Boykotten oder öffentlichen Anprangerungen belästigt. Ein Leser eines katholischen Pfarrblatts wollte wissen, wer hinter Migros stecke. Die Redaktion antwortete daraufhin: „Man darf vermuten, dass es sich um ein grosses jüdisches Unternehmen handelt, bei dem die Christen wieder einmal gehörig hereinfallen.“
 
Kunden an den Pranger gestellt
Ein Landposthalter beklagte sich in einem Brief an die Migros, dass die Landbevölkerung seines Dorfes ihn nach einem Einkauf bei Migros boykottiert hatte. „Dadurch werde er schwer geschädigt, indem sein Lohn sich nach dem Verkehr in dem von ihm geleiteten Postbüro bemesse.“
 
Die „Spezereihändler-Zeitung“ veröffentlichte einen Bericht des „Kompass“ mit den Namen eines Hoteliers, der bei Migros Waren eingekauft hat. Dann kam die unmissverständliche Drohung: Das genannte Blatt kündigt an, dass es nach Bedarf weitere ‚interessante Migros-Kunden’ publizieren werde.
 
Die „Südschweiz“ fordert Beamte und Angestellte auf, keinesfalls bei Migros einzukaufen, da sonst „dieses System den Untergang des Mittelstandes in sich birgt“. In einer Anzeige wurde ein „tüchtiger, ehrlicher Maler für interne Arbeiten“ gesucht. Unglaublich die Einschränkung: Bewerber werden nur berücksichtigt, die nicht bei Migros oder einem Warenhaus einkaufen.
 
Eine Leserin schilderte in einem Blatt einen Vorfall, der schier unglaublich war. Sie kaufte bei Migros eine Kleinigkeit ein, dann verliess sie mit ihrem Kleinkind das Geschäft. Als sie den Kleinen in den Wagen setzte, kam ein Unbekannter angerannt, versetzte ihr einen Puff und sagte: „So, Du gehst auch billig und gut einkaufen da drin, und die anderen gehen kaputt daneben. Du verdammtes Weib, wenn sie nur alle verrecken würden, die Sauweiber.“ Ein weiterer Mann gesellte sich dazu und schimpfte wie ein Rohrspatz auf die „arme“ Frau ein.
 
Wie mir Walter Hess berichtete, war seine sparsame Mutter sehr froh, vor, während und nach den Kriegsjahren eine günstige Einkaufsmöglichkeit zu haben; denn die übrigen Händler gaben die Waren zum Teil zu völlig übersetzten Preisen ab. Und das war bei den damals üblichen kleinen Löhnen schmerzlich. Die Kunden hatten keine Ausweichmöglichkeit, zumal die Detailhandelspreise das Resultat von Absprachen waren. Die Migroswagen mit ihrem Preisbrecherangebot hielten meistens ausserhalb der Siedlungen, möglichst an schwer einsehbaren Stellen, und wer dort kaufte, kam sich unter dem Druck der Verhältnisse fast kriminell vor ...
 
Wagen wurden beschlagnahmt
Die Migros wurde in den ersten Jahren nach der Gründung mit Spott und Nichtbeachtung bedacht. Die Gegner erreichten jedoch das Gegenteil. Migros wurde überall bekannt, und das Volk sympathisierte mit dem Unternehmen, das sich für seine Interessen einsetzte.
 
Als 1927 die Aargauer Regierung die Verkaufswagen von Migros verbot, antwortete Duttweiler mit der Gründung eines Ladens in Aarau. Nach dem Zürcher Geschäft war dies der 2. Laden in der Schweiz. In Baden war dem Gründer kein Erfolg beschieden. Dort musste er den Laden schliessen, weil das Gerücht ausgestreut wurde, die Migros stehe „im Solde von Brown Boveri und wolle mit gesenkten Lebensmittelpreisen einem geplanten Lohnabbau den Weg ebnen.“ In anderen Städten wurden Migros-Wagen beschlagnahmt.
 
Die Gegner waren sehr erfinderisch. Aber letzten Endes siegte die Vernunft. Die „handelsmessianische Besessenheit“ des Gründers ebnete den Weg zu einem Grossunternehmen. Der Weg war dornenreich, aber erfolgreich.
 
Duttweiler als Politiker
Auch in der Politik sorgte Duttweiler mit Furore für Veränderungen. Er wollte ein günstigeres Klima und Verbesserungen schaffen. „Lange lebte er in der Illusion, die Verwaltung sei so rasch wandelbar wie ein neu gegründetes Unternehmen. Ein solcher Mann musste sich von der Politik angezogen fühlen“, bemerkte Sigmund Widmer 1985. 1935 war es so weit: Er wurde als Spitzenkandidat in den Kantonen Zürich, Bern und St. Gallen aufgestellt. Seine „Unabhängigen“ (Mitglieder des Landesrings der Unabhängigen) erzielten auf Anhieb 18,3 % der Stimmen und wurden zur zweitstärksten politischen Kraft. Später wurde das Gesetz geändert, und man durfte nur noch in einem Kanton kandidieren. Anfang dieses 21. Jahrhunderts ist der Landesring von der politischen Bühne verschwunden.
 
Duttweiler wurde Nationalrat und 1949 dann Ständerat für den Kanton Zürich. Aber auch in der hohen Politik eckte er an. Seine revolutionären Ideen fanden nicht immer das nötige Gehör. „Geschmeidigere und Genehmere ebneten hinterher oft seinen Ideen in erstaunlichem Umfang den Weg. Manche Reden Duttweilers wurden zu parlamentarischen Ereignissen. Man horchte auf. Seine Stimme brachte immer wieder einen willkommenen Unterbruch in den doch oft etwas langweiligen und routinehaften Ablauf der Verhandlungen“, so Nationalrat Dr. Hans Munz in der Trauerrede vom 13. Juni 1962.
 
Als 1948 seine Motion für eine bessere Landesversorgung abgelehnt wurde, war er sehr erzürnt. Die lahmen Kollegen hatten seinen Vorstoss in dieser Sache schon um mehr als 4 Jahre verschleppt. Er reagierte seinen Ärger durch eine ungewöhnliche Aktion ab. Er liess sich aus der Aare 2 faustgrosse Steine bringen, die er dann in eine Scheibe des Bundeshauses in Bern warf. Das Echo klirrte durch das ganze Land. Die Weltpresse berichtete ausführlich über den prominenten Werfer.
 
„Der Göring von Rüschlikon“
Auch in der Politik waren seine Gegner aktiv. Feige Burschen streuten das Gerücht aus, der Millionär Duttweiler habe den Nationalratssessel gekauft. In einer Zeitung war Folgendes zu lesen: „In seinem unbändigen Geltungsdrang, seinem masslosen Herrschertrieb möchte er nachgerade in alles dreinreden, in jeder Frage sein Machtgebot sprechen.“
 
Es ist unglaublich, auf welch niedrigem Niveau die Gegner und mit einem krankhaften Hass ihre Angriffe starteten. In der Presse war sogar von einem „Staatsfeind Nr. 1“ oder „Heil Duttler!“ oder „Der kleine Göring von Rüschlikon“ oder „Don Quichotte oder Nero?“ zu lesen. Andere betitelten ihn als „Grossmogul“ und als „Hausierer Gernegross“.
 
Man hat es nicht leicht
Gottlieb Duttweiler wird im Internet unter www.migros.ch so charakterisiert: Er war eine Kämpfernatur, ein kaufmännisches Genie und zeigte einen starken Sinn für soziale Verantwortung. In der Tat war er ein Menschenfreund und Wohltäter.
 
Abschliessend noch einige bemerkenswerte Zitate von Gottlieb Duttweiler:
 
„Ja, ja, man hats nicht leicht, wenn man den Gewinn nicht selbst behalten will.“
 
„Wir haben herausgefunden, dass es eine viel heiklere Aufgabe ist, Geld zu verschenken, als Geld zu verdienen.“
 
„Wer für den Schwachen kämpft, hat den Starken zum Feind.“
 
„Am schlimmsten ist das böse Beispiel von oben. Wer soll im Kleinen Disziplin halten, wenn im Grossen ungestraft gefrevelt werden darf? Wo nimmt der Richter seine Autorität gegen kleine Sünder her, wenn die grossen Sünder, reingewaschen, stolz das Gericht verlassen?“
 
Diese Zitate gelten uneingeschränkt auch für unsere Zeit. In dieser Hinsicht wird sich wohl lange nichts ändern.
 
*
 
Anmerkung: In einem weiteren Blog bringe ich interessante Fakten über den Konzern, über Bio in der Migros, über das Migros-Programm für Ethik, Umwelt und nachhaltige Entwicklung, aber auch, was die Herren der Migros-Zentrale über Aldi und Lidl, die jetzt in der Schweiz Fuss gefasst haben bzw. fassen wollen, denken.
 
Quellen
Duttweiler, Gottlieb: „Überzeugungen und Einfälle“, Ex Libris Verlag, Zürich 1978.
Lüönd, Karl: „Gottlieb Duttweiler. Eine Idee mit Zukunft“, Verein für wirtschaftliche Studien, Meilen 2000 ("Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik").
Häsler, Alfred A.: „Das Abenteuer Migros“, Verlag der Migros-Presse 1985.
 
Weitere Infos und unterhaltsame Anekdoten sind im Artikel Von Gottfieb Duttweiler bis zu Graf Zeppelin – Anekdoten über Unternehmerpersönlichkeiten“ unter Glanzpunkte nachzulesen.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Migros
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