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BLOG vom 28.03.2006


Schule heute: Wenn Lehrer fernsehen und schlafen
Autor: Heinz Scholz
 
Ich traute meinen Augen kaum, als ich in Spiegel online am 21. März 2006 einen Bericht über einen japanischen Lehrer las, der während einer Klausuraufsicht ein Baseballspiel im Fernsehen verfolgte. Es war übrigens eine Übertragung der Begegnung Japan gegen Südkorea im Rahmen der World Baseball Classics Weltmeisterschaft.
 
Während sich seine Schüler über die Aufgaben den Kopf zerbrachen, vernachlässigte der Lehrer die Aufsichtspflicht und sah lieber fern. Auch in der grossen Pause zwischen 2 Klausurabschnitten schaute er gebannt in den Apparat. Einige Schüler beschwerten sich bei der Schulleitung, weil sie sich nicht konzentrieren konnten. Der sportfanatische Pädagoge musste sich entschuldigen, und die Prüfungsarbeiten wurden nicht gewertet.
 
Solch einen fernsehverrückten Lehrer habe ich während meiner Schulausbildung nicht erlebt (kein Wunder, damals gab es noch keine Fernsehapparate in den Schulen). Dafür ganz andere Dinge. So warb ein Lehrer während des Unterrichts an der Knabenmittelschule Hl. Kreuz in Donauwörth für geweihte Marienmedaillen, die er von einem Marienwallfahrtsort mitgebracht hatte. Er schwärmte in den höchsten Tönen von diesen vor Unheil schützenden Medaillen. Diese Werbung war nicht ganz uneigennützig, denn er verlangte für einen solchen Anhänger einen horrenden Preis. Dieser Lehrer, der angeblich so gläubig war, entpuppte sich im Laufe seiner Tätigkeit an dieser Schule als Choleriker, der auch unaufmerksame Schüler ohrfeigte oder an den Ohren zog. Später wurde der Lehrer als unfähiger Pädagoge entlassen. Nun konnte er anderswo in Ruhe seine Medaillen verkaufen.
 
Unser Deutschlehrer war ein Liebhaber von Äpfeln. Ab und zu biss er während des Unterrichts in einen Apfel. Er erzählte uns auch, er bewahre zu Hause auf seinem Schrank immer Äpfel auf, bis sie zu faulen anfingen. Das habe schon der Dichterfürst Wolfgang von Goethe so gemacht. Er war überzeugt, der Duft der Äpfel würde seine Gedächtnisleistung fördern. An die Intelligenz von Goethe kam der Deutschlehrer jedoch nicht heran.
 
Unser Geschichtslehrer an der erwähnten Mittelschule hatte eine sonderbare Angewohnheit. Immer, wenn er mit Kreide etwas an die Tafel geschrieben hatte, ging er zu einem Vorhang und putzte sich die Hände ab. Ich dachte mir: Wenn er das zu Hause auch so macht, bekommt er es mit seiner Angetrauten zu tun.
 
Wir hatten einen Lehrer, der während der schriftlichen Prüfung – wir mussten Mathematikaufgaben lösen – immer eine Zeitung las. Wir freuten uns zunächst riesig, da wir uns unbeobachtet fühlten und so mancher abschreiben konnte. Dann kam plötzlich ein Aufschrei des Lehrers, und er nannte einen besonders auffälligen Abschreiber mit Namen. Später erfuhr ich, dass der Lehrer durch ein kleines Loch in der Zeitung fast alle im Blickfeld hatte.
 
Ein Physiklehrer, der uns mit Experimenten faszinierte, kam eines Tages auf eine „nasse“ Idee. Er erklärte den Mechanismus der Pumpe. Er füllte die Pumpe mit Wasser, ging auf einen Schüler zu, betätigte den Kolben und spritzte den jungen Zuhörer auf den Hosenschlitz. Der Lehrer hatte sichtlich Spass an der Aktion, während der Schüler mit nasser Hose dasass.
 
Der schlafende Lehramtspraktikant
Aus meiner Anekdotensammlung habe ich eine Begebenheit von anno dazumal herausgekramt. Die Geschichte wurde in dem Buch „Schule in Badischer Zeit 1810–1918“ von Achim Fenner erwähnt.
 
Der Lehramtspraktikant Hunn, der an der Realschule in Radolfzell 1907 Unterricht gab, wurde des Öfteren ermahnt, weil er zu spät zum Unterricht erschien. Ab und zu wurde der Unpünktliche sogar vom Schuldiener zu Hause aufgesucht und in die Schule gebracht. Damit noch nicht genug: Zur Erheiterung der Schüler nickte der Unausgeschlafene manchmal auf dem Katheder ein und überhörte das Klingelzeichen am Ende der Unterrichtsstunde. Die disziplinarischen Massregelungen wurden nicht überliefert.
 
Im Werk „Ergötzliche Geschichten aus Alt-Baden“ von Heinrich Berl wird von einem Deutschlehrer berichtet, der sich das Leben leicht machte. Warum sollte er so viel Zeit beim Durchlesen der Aufsätze vergeuden? Er überflog die Arbeiten nur kurz und schrieb jedes Mal unter den geistigen Erguss seiner Schüler: „Beinahe ungenügend.“
 
Als eines Tages der Dichter Berthold Auerbach in Baden-Baden weilte, wandte sich ein Schüler hilfesuchend an ihn. „Können Sie nicht den Aufsatz für mich schreiben?“ meinte der Steppke (Berliner Ausdruck für einen kleinen Kerl oder Bengel). Der Dichter liess sich nicht lange bitten und schrieb einige Seiten des Schulhefts voll. Wenige Tage danach bekam der Schüler das Heft zurück und gab es an den Dichter weiter. Und was bekam er für eine Zensur? „Beinahe ungenügend.“
 
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