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BLOG vom 10.05.2006


Maikäfer-Invasionen: „Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm ...“
Autor: Heinz Scholz
 
In den letzten Jahren war es schon etwas Besonderes, wenn man einen Maikäfer zu Gesicht bekam. Mein 6-jähriger Enkel Manuele hat bisher noch keinen einzigen Käfer gesehen. Er kennt inzwischen aber die Engerlinge. Als wir nämlich letzte Woche gemeinsam die alte Erde aus den Blumenkästen entfernten, pulte ich etwa 10 Engerlinge aus der feuchten Erde. Er war zunächst etwas angeekelt, als er die fetten Larven der Maikäfer erblickte. Dann wurde sein Interesse geweckt. Er wollte Näheres über die weisslichen, fetten Dinger wissen. Ich klärte den Burschen auf und erzählte auch einige Streiche, die wir früher mit diesem Krabbeltier gemacht haben. Das interessierte ihn natürlich besonders. Auch kennt er inzwischen die Bubengeschichte „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch (1832−1908). Im 5. Streich platzieren die Buben Maikäfer im Bett ihres Onkel Fritz. Dieser wird dann empfindlich in seiner Nachtruhe gestört. Hier ein Auszug:
„Und den Onkel, voller Grausen,
Sieht man aus dem Bette sausen.
‚Autsch’ − Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;
Hin und her und rundherum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot.
Guckste wohl! Jetzt ist`s vorbei
Mit der Käferkrabbelei!
 
Onkel Fritz hat wieder Ruh
Und macht seine Augen zu.“
Kaum entdeckten wir in unserer Jugend die ersten Maikäfer, stimmten wir folgende Melodie an:
„Maikäfer flieg,
Dein Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer flieg.“
Wenn wir einen besonders trägen Maikäfer hatten, sangen wir das Lied und hauchten den Sechsbeiner so lange an, bis er seine 2 dünnen Flügel ausbreitete und davonflog.
 
Den Maikäfermännchen bekommt die Paarung nicht
Im Schulunterricht wurden wir natürlich über die Lebensweise dieses Blatthornkäfers informiert. So erfuhren wir, dass sich der Pflanzenfresser von Blättern der Laubbäume ernährt. Wie die Paarung vor sich geht, erfuhren wir Grundschüler natürlich nicht. Da musste ich mir die Informationen anderweitig besorgen. Heute weiss ich durch das Studium von Fachliteratur, dass die Maikäfermännchen nach der Paarung schlecht wegkommen. Sie sterben nämlich bald nach diesem Akt. Welch ein trauriges Schicksal (zum Glück bin ich kein Maikäfer!). Die Weibchen stört das wenig. Sie fressen sich 9−21 Tage rund und satt, dann legen sie im lockeren Erdreich 10 bis 30 Eier ab. Nach 4−6 Wochen schlüpfen die weisslichen Larven (Engerlinge). Diese leben oft 4 Jahre in der Erde und ernähren sich von Wurzelwerk. Nach der Verpuppung verlassen die braunen Käfer ihr dunkles Verlies und schwirren in die Freiheit.
 
Interessant sind die Fühler, die der Maikäfer sein eigen nennt. Auf diesen Fühlerlamellen befinden sich bis zu 50 000 Geruchssensoren. Mit Hilfe dieser Lamellen spüren die Männchen die paarungsbereiten Weibchen auf. Als Wegweiser dienen den Männchen Pflanzengerüche, die beim Fressen von Blättern entstehen, und ein Sexuallockstoff. Dadurch kann jeder Käfer sein Weibchen blind finden. – Und nun wieder zurück zu meinen Erlebnissen mit dem Käfer.
 
Nach den US-Boys kamen die Maikäfer
Anfang der 50er-Jahre erlebten wir Kinder in Buchdorf (Kreis Donauwörth) einige Maikäferinvasionen. Zunächst waren es die US-Boys, die hier einfielen, dann kamen die Maikäfer. Einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg und während des Koreakriegs (1950−1953) hielt das US-Militär hier umfangreiche Manöver ab. Ich kann mich noch an die kilometerlangen Kolonnen von Panzern, Jeeps und anderen Militärfahrzeugen erinnern, die durch den 1000-Seelen-Ort donnerten und so manche Strasse kaputt machten. Für uns Jungs waren die Manöver der grössten mobilsten Militärmacht der Welt ein aufregendes Erlebnis. Den Soldaten waren wir wohlgesinnt, zumal wir immer wieder Kaugummis, Schokolade und so manche Konservendose bekamen. Auch konnte ich damals als 10-Jähriger meine in der Schule erworbenen frischen Englisch-Kenntnisse anwenden.
 
Die Maikäfer kamen danach in solchen Massen, dass man sie von den Bäumen schütteln konnte. Der Boden war dann übersät von diesen Krabbeltieren. Die gefrässigen Brummer hinterliessen fast kahle Bäume.
 
Früher war das Einsammeln der Maikäfer die einzige Möglichkeit, der Plage Herr zu werden. So wurden bereits 1660 im Kanton Uri (Schweiz) Käfervögte bestellt und Vorschriften zum Einsammeln der Tiere erlassen. 1909 wurden allein in Zürich etwa 350 Millionen Käfer abgeliefert. In Wien kam sogar 1951 eine Milliarde zusammen. Aus den Tieren wurde ein eiweissreiches Maikäfermehl produziert, das dann an Hühner und Schweine verfüttert wurde. Aber es wurden auch lebende Maikäfer den Hühnern zum Frass vorgeworfen. Wir lebten damals ja einige Jahre auf einem Bauernhof, und da sah ich mit eigenen Augen diese Fütterung. Die Hühner wurden kugelrund und legten beachtlich grosse Eier.
 
Bestimmte Zeitgenossen verspeisten sogar Maikäfer in Form einer Suppe, roh oder geröstet oder gezuckert. „Unsere Studenten essen die Maikäfer ganz roh, fast wie sie sind und nicht wenige ohne den geringsten Nachteil“, wusste die Fuldaer Zeitung 1925 zu berichten.
 
Maikäferstreiche
So bunt wie Max und Moritz trieben wir es nicht. Es waren nur harmlose Streiche. So transportierten wir die eingefangenen Käfer zusammen mit grünen Blättern in Zündholzschachteln und brachten sie in die Schule. Dort liessen wir die Käfer krabbeln oder fliegen. Einige Käfer landeten in den Ausschnitten der Mädchen, die dann laut schreiend herumliefen und versuchten, die krabbelnden Genossen aus ihren Kleidern hinauszubefördern. Einige der Mädchen führten sonderbare Indianertänze auf, so dass wir Buben vor Lachen fast in die Hose machten. Dieser Streich wurde vor Unterrichtsbeginn oder in den Pausen durchgeführt, damit die Pädagogen nichts mitbekamen. Denn sonst wäre unweigerlich ein fürchterliches Donnerwetter über uns hereingebrochen.
 
Während des Sonntags-Gottesdienstes und der täglichen Maiandacht, die wir regelmässig besuchen mussten, liessen wir in der Kirche so manchen Maikäfer herumfliegen. Die Kirchenbesucher konnten sich dann partout nicht in ihre stillen Gebete vertiefen oder die Predigt in aller Ruhe verfolgen, nein, es war ein allgemeines Herumschlagen angesagt. Mit den Händen versuchten die Kirchgänger, die herumfliegenden Horden abzuwehren.
 
Bittprozessionen gegen die Maikäferplage
1497 unternahm der Geistliche der Stadt Bern eine Bittprozession gegen die Maikäferinvasion. Weihwasser und die vielen Gebete konnten jedoch die Käfer nicht vertreiben. In seiner Verzweiflung wandte sich der Geistliche an den Bischof in Lausanne. Dieser erwirkte einen kanonischen Prozess gegen die „vermaledeiten“ Insekten.
 
Im feierlichen Gewand und unter Glockengeläut zog der Priester zunächst mit 2 Chorknaben alle Register seines Könnens und rief die Maikäfer „kraft der hochlöblichen Dreieinigkeit“ dazu auf, doch die befallenen Orte zu verlassen. Den Käfern wurde eine 6-tägige Galgenfrist eingeräumt, um zu verschwinden. Die Krabbeltiere hatten wohl taube Ohren, sie frassen genussvoll weiter. Danach wurde ein Prozess ohne einen Advocatus diaboli („Teufelsadvokaten“) durchgeführt, weil keiner den Mut hatte, bei diesem grotesken Prozess mitzumachen. Es wurde eine Anklageschrift verlesen. Da kein Verteidiger anwesend war, verkündete der Bischof: „Im Namen der göttlichen Dreifaltigkeit, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, verdamme ich, Bischof Benoit, euch, verruchte Untiere, welche Maikäfer genannt und nicht einmal zu den Tieren gerechnet werden können!“
 
Auch dieser Bannspruch verfehlte seine Wirkung. Die Tiere frassen weiter, und die Geistlichen fragten sich, warum die göttliche Dreifaltigkeit sie im Stich gelassen hatte. Solche oder ähnliche Tierprozesse gab es anno dazumal nicht nur von geistlichen, sondern auch von weltlichen Gerichten. Es ist unglaublich, auf welch groteske Ideen die damaligen Geistlichen und Richter kamen.
 
Mit dem Hubschrauber gegen Maikäfer
Wie die „Badische Zeitung“ am 3. Mai 2006 und der Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) im Internet berichteten, soll das Jahr 2006 ein Maikäferjahr werden. Massenvorkommen werden in den Wäldern zwischen Darmstadt und Mannheim, im Hardtwald bei Karlsruhe, im Kaiserstuhl und darüber hinaus erwartet. Die Engerlinge – dies ergaben Probebohrungen – sind dort massenhaft im Boden (mehr als 100 Engerlinge auf einem Quadratmeter). Alle 30 bis 45 Jahre kommt es zu solchen Massenvermehrungen. Der Schaden für die Bäume kann verheerend sein. Er wird besonders von den bis zu 5 cm grossen Engerlingen, die sich die Feinwurzeln als Leibspeise auserkoren haben, verursacht.
 
Der Feldmaikäfer befällt gerne Obstbäume, während der Waldmaikäfer Eichen, Buchen, Hainbuchen bevorzugt. Die kahlgefressenen Bäume erholen sich erstaunlich schnell, indem sie im Juni noch einmal neue Blätter treiben. Dieser 2. Trieb wird als Johannistrieb bezeichnet, aber auch die späte Liebesregung so mancher in die Jahre gekommener Männer hat denselben Namen.
 
Am Kaiserstuhl werden die Maikäfer jetzt mit dem Hubschrauber bekämpft. Als Sprühmittel kommt Neem Azal zur Anwendung. Dieses Insektizid wird übrigens aus den Samen des indischen Neembaumes gewonnen. Dieses Mittel wird auch im ökologischen Landbau zum Beispiel bei der Kartoffelkäferbekämpfung eingesetzt. Das Gift wirkt also nicht maikäferspezifisch, sondern auf praktisch alle Insekten, die den Stoff beim Fressen aufnehmen. Es ist bisher nicht geklärt, ob bei dieser Vernichtungsaktion auch seltene Schmetterlinge und andere Tierchen dezimiert werden.
 
Die Bekämpfung der Engerlinge erweist sich jedoch schwieriger. Vorbeugend werden Jungpflanzen mit einem Netz abgedeckt, um die Eiablage zu verhindern. Von der Ausbringung des Pilzes Beauveria brongniartii, dem natürlichen Gegenspieler der Larven, erhofft man sich einiges.
 
Der NABU Hessen betonte, dass die Giftausbringung höchst umstritten ist. Oft ist eine solche Bekämpfung gar nicht notwendig, weil sich die Natur selber hilft. „Wir wissen heute, dass sich die Maikäferbestände in langen Rhythmen entwickeln. Auf dem Höhepunkt der Vermehrung nehmen dann Krankheiten und Parasitenbefall überhand, so dass die Bestände von ganz alleine zusammenbrechen“, betonte Naturschutzreferent Mark Harthun.
 
Durch die geschilderte Bekämpfung könnte sich der Frassdruck der Engerlinge erhöhen und einen Komplettzusammenbruch verhindern. Dazu Mark Harthun: „Das wirkt populationsökologisch wie ein erfrischender Aderlass. Die Forstbehörden müssten immer wieder neu Gift ausbringen.“
 
Übrigens sind Fledermäuse die besten Maikäferjäger. Ein Mausohr vertilgt pro Nacht bis zu 40 Maikäfer.
 
Zurück zum Engerlingfund in den Blumenkästen: Als ich meiner Nachbarin von meinem Fund berichtete und erzählte, dass ich die Larven in die Mülltonne entsorgen wollte, meinte sie ganz trocken: „Ich werfe die Engerlinge immer auf die Wiese, dort werden sie bald von den Vögeln gefressen.“ Hinter unserem Wohnhaus befindet sich nämlich eine parkähnliche Grünfläche mit einigen Bäumen. Hier jubilieren viele Vögel, die wohl auf eine Mahlzeit dieser Art nur warten.
 
Trotz allem faszinieren mich die Maikäfer immer noch. Die Krabbeltiere waren schliesslich Bestandteil meiner Jugend, die mit vielen Naturerlebnissen aller Art gespickt war. Vielleicht lernt eines Tages mein Enkel diese Krabbeltiere näher kennen. Ich bin sicher, dass er dann auch irgendeinen Streich spielen wird, ohne den Tieren Schaden zuzufügen.
 
Informationen
http://www.nabu.de („Die Maikäfer sind wieder da“, „Bald krabbeln sie wieder“)
http://ingeb.org/Lieder/Maikaefer.html (es gibt etliche Versionen dieses Liedes)
Weitere Infos mit der Suchmaschine www.google.de unter dem Suchwort „Maikäfer“.
 
Bernt Karger-Decker: „Gifte, Hexensalben, Liebestränke“, Patmos Verlag und Albatros Verlag, Düsseldorf (in diesem Buch ist auf den Seiten 269−271 der Maikäferprozess erwähnt).
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Insekten
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