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BLOG vom 11.06.2006


Rund ums liebe Geld: Shopaholics mit Schuldenkater
Autor: Emil Baschnonga
 
Jemand gab mir das Geheimnis zum Wohlstand preis: „Das Geld fliessen lassen wie Wasser – rein und raus”. Diesen Rat werde ich gewiss nicht befolgen, obwohl mir scheint, dass ich während Jahren hart verdienen musste, um meine Söhne im King’s College und anschliessend auf den Universitäten finanziell durchzubringen. So ging der Verdienst wahrhaftig rein und raus – und wenig blieb davon im Sparschweinchen übrig.
 
Der moderne Mensch braucht so viel mehr zum ansehnlichen Lebensstandard als ich alter Brummbär, der mit einem Topf Honig auskommt. Den muss ich als Imker selbst gewinnen, nein, nicht die klebrig-süsse Masse, sondern was sonst ich der Lebensfreude ohne grossen Aufwand abgewinnen kann.
 
Welcher Riesenaufwand heute fürs blosse Ansehen getrieben wird, staune ich, wie ich das Stil-Magazin der „Sunday Times“ durchblättere. Das Angebot der Statusobjekte gilt luxuriösen Armbanduhren, etwa der Marke Rolex, die sich ein WM-Fussballer spielend leisten kann. Immerhin wird mir keiner meine gute alte „Doxa“ vom Handgelenk reissen, wiewohl sie aus Gold ist und mir zum Abschied von der Firma in Le Locle geschenkt wurde.
 
Es gibt doch noch viele Häppchen, stelle ich fest. Eine schlichte Strohtasche zum Preis von £ 170 ist spottbillig. Noch billiger ist eine Sonnenbrille von Marc Jacobs, für nur £ 140 zu haben. Viel Juckreiz zum Spontankauf wird dabei ausgelöst. Ich kratze mich bloss und brauche keine Banknoten hinzublättern – einfach nur die nächsten Seiten durchzublättern.
 
Dabei stosse ich auf die Spitzenklasse der „Jet-Set“-Sekte, die religiös und ausschliesslich privat fliegt. Diese Angehörigen brauchen natürlich unbedingt entsprechend exklusive Reisetaschen, etwa eine türkisgefärbte aus Alligator-Leder. Kaufpreis: lumpige £ 13 840. Bin ich froh, dass ich mit Ryanair fliege und mich meiner abgegriffenen Reisetasche nicht zu schämen brauche. Im Gegenteil: Ich bin stolz auf sie. Wenn diese Tasche sprechen könnte, was sie nicht alles mitgemacht hat und wo sie überall gewesen ist … Das wäre doch indiskret. So stopfe ich ihr das Maul mit Wäsche, zumal ich eben wieder eine Reise tun muss.
 
A propos Reise: Meine Devise heisst „Augen auf – Beutel zu“, es sei denn, ich verwöhne mich mit einem guten Essen. Ich bevorzuge die von Einheimischen frequentierten Lokale. Das Lokalkolorit macht mir Spass und würzt die Mahlzeit, sei es als Beobachter oder wenn ich fast wie ein Einheimischer ins Gespräch miteinbezogen werde.
 
Zurück zum Thema: Leute mit zwanghaft gesteigertem Kaufdrang werden in England „Shopaholics“ (gelegentlich auch Shopalcoholics) genannt, wohl in Anlehnung an die Workaholics, die das Arbeiten nicht lassen können. Der Shopaholic-Kater heisst: Kreditkartenschulden. Diese vermehren sich in England noch viel rascher als die Vogelgrippe. Dagegen bin ich weitgehend gefeit – und die Vögel auch.
 
„Lecher les vitrines“ – so sagen es die Franzosen, wenn jemand auf dem Stadtbummel die Schaufenster von aussen beleckt. Ich tue das hin und wieder in der Old Bond Street oder Jermyn Street in London, die dicht von Luxusgeschäften besiedelt ist. Warum sind solche Läden meistens menschenleer? Gelangweilt und hochnäsig lungert das Verkaufspersonal herum. Vor dem Eingang steht oft abschreckend ein livrierter Türöffner. Manchmal packt mich die Neugier wie der Teufel. Bin ich gut gekleidet, kommt es hin und wieder vor, das ich einen solchen Laden − das letzte Mal war es ein Juweliergeschäft mit protziger Auslage − selbstsicher betrete. Es macht mir Spass, wie ich umdienert werde. Wenn die wüssten, dass ich bloss 20 Pfund in der Tasche habe und keine Kreditkarten. Dann käme der Türöffner in seiner 2. Rolle als Rausschmeisser zum Zuge. In meiner Scharade bewundere ich eine tolle Diamantenbrosche. Aber wohlweislich enthalte ich mich der Frage, ob ich sie mitnehmen dürfe, um sie meiner persischen Prinzessin zu zeigen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Ladenchef mitsamt Wächter bei meiner Frau aufkreuzt. Die Konsequenzen auf den Ehefrieden wären unabsehbar.
 
Es gibt viele einfache Arten, wie man sein Geld los wird – selbst in Basel. Am Ende der Flughafenstrasse bleibt dann manch spielfreudiger Anflieger leicht auf der Strecke – und zwar im neuen Grand Casino Basel. Diese Kasino-Seuche grassiert also selbst in meiner Heimatstadt! Da gehe ich doch lieber auf der Freie Strasse lädele und kaufe mir vor der Rückreise im „Pfauen“ einen ganzen „Tête de Moine“, hübsch geschenkverpackt für mich und wer immer sonst daran teilhaben möchte.
 
Zuletzt etwas ernsthafter wieder zur Geldsache zurück: Heutzutage lieben viele das Geld bedeutend mehr als die Liebe selbst. Es gibt Frauen, so höre ich, die darauf aus sind, einen Greis zu betören, so lange er mehr Millionen auf dem Buckel hat als Lebensjahre. Der wird es allenfalls noch einige Jährchen schaffen, ehe er den Schirm zuklappt, denkt sie sich und hat Recht. Erboste Familienerben können ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Der Fall kommt aufs Gericht. England ist bekanntlich das Paradies der Anwälte. Das Erbrecht ist dort nicht so einfach wie in der Schweiz gesetzlich geregelt. In einer artigen Reihenfolge von den nächsten auf entfernte Verwandte übergreifend. Viele Leute verzichten deswegen, ein Testament zu schreiben.
 
Ich will mich nicht weiter in diesem englischen Gesetzesdschungel verlieren.
 
Genüge ein letzter Hinweis zum Geld: Eintrittskarten zum World Cup werden derzeit zu £ 2500 verschachert.
 
Ich kann noch nicht ganz abklemmen, des Biers wegen. Eine Bierschwemme sondergleichen löst dieser WC-Rummel ausserdem aus. Selbst die WCs überfluten. Wer wagt es in England, über Wassermangel zu sprechen. Heute in den Frühnachrichten wurde das Bier-Zentrallager der Carlsberg Brauerei im Fernsehen gezeigt. Carlsberg unterstützt die englische Liga, und allwöchentlich wird, laut Aussage des Lagerhalters, das gesamte Riesenareal voller hochgestapelter Bierbüchsentürme leergetrunken, doch was er verschwieg: auch als Wurfgeschosse von Dummköpfen an Dummköpfe geworfen. Das geschieht ihnen Recht, meine ich.
 
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