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BLOG vom 04.07.2006


WM-Sprüche 2006: „Er ist blutüberströmt, aber Torschütze“
Autor: Heinz Scholz
 
Hier eine kleine Auswahl an originellen und kuriosen Aussprüchen von Reportern, Trainern, Spielern und Fans rund um die Fussball-WM 2006:
 
Beni Thurnheer im Spiel Frankreich–Schweiz (0:0) am 13. Juni 2006:
 
„Die Mannschaften müssen aufpassen, dass sie kurz vor Schluss nicht das tödliche 1:0 bekommen.“
 
„Wäre das ein Stich ins Herz gewesen.“ (Als die Franzosen in der 89. Minute einen Freistoss knapp am Schweizer Tor vorbeischossen.)
 
„Nicht auszudenken, was für eine Explosion durch die Schweiz gegangen wäre, wenn die Schweiz in der Schlussminute das 1:0 geschossen hätten“ (... nach einem Freistoss wäre ihnen das beinahe gelungen).
 
Beni Thurnheer beim Spiel Schweiz–Togo (2:0):
 
Als beim Stande von 1:0 für die Schweiz die Spieler aus Togo rasante Angriffe auf das Schweizer Tor starteten, aber keine weiteren Tore schossen, rief der Reporter aus: „Für mich ist es schwer, cool zu bleiben, wir leiden, wir leiden ...“
 
Als 2 Minuten vor Schluss ein Schuss eines Spielers aus Togo übers Schweizer Tor strich, meinte Thurnheer: „Jetzt löst sich die Schlinge ums Schweizer Tor.“
 
Als der Schiedsrichter Graham Poll nach 2 gelben Karten den Kroaten Josip Simunic nicht vom Platz stellte, konnte sich der Schweizer Reporter in der Begegnung Kroatien–Australien (2:2) nicht beruhigen und meinte: „Da muss doch ein Schiedsrichter Bescheid wissen, wir sind doch nicht auf einem Grümpelturnier.“
 
Kurz vor Ende der Begegnung erhielt derselbe Spieler die 3. gelbe Karte und eine Rote. Er musste jetzt den Platz verlassen. Der Moderator im Studio DRS, Rainer Maria Salzgeber, kommentierte dies so: „Ich wusste bisher nicht, dass 3 Mal Gelb Rot ist.“
 
Fifa-Chef Joseph Blatter „watschte“ den Schiedsrichter mit folgenden Worten ab: „So ein Fehler darf nicht vorkommen. Das kann man nicht verzeihen.“
 
„Er ist blutüberströmt, aber Torschütze“, so Beni Thurnheer nach dem 1:0, das Senderos im Spiel Schweiz–Südkorea (2:0) schoss. Nach dem Kopfball prallte er mit einem koreanischen Abwehrspieler zusammen und verletzte sich an der Nasenwurzel. Als die Wunde am Spielfeldrand behandelt wurde, gab Thurnheer Folgendes zum Besten: „Die lassen einen richtigen Doktor ran und keinen Handarbeitslehrer.“
 
Mehr Kreuze als auf dem Hauptfriedhof
„Ballacks Wade ist noch nicht da, wo sie hingehört.“ (Ausspruch von Jürgen Klinsmann, dem deutschen Bundestrainer nach einer Wadenverletzung des Nationalspielers.)
 
„Zum ersten Mal gab es im Stadion mehr Kreuze als auf dem Hauptfriedhof.“ (Freddie Röckenhaus von der „Süddeutschen Zeitung“, nach dem Spiel Schweiz–Togo in Dortmund. Dort schwenkten 40 000 Schweizer ihre Fahnen.).
 
Das Schweizer Boulevardblatt „ Blick“ nach dem Schweizer Sieg gegen Südkorea: „Rot! Weiss! Sieg! Jawohl! Das war saugut. Die Schweizer Nati kämpft bis aufs Blut.“
 
Der Schweizer Nationaltorwart Pascal Zuberbühler auf die Frage von Martin Krauss wie er die Schweizer Euphorie erlebe (Spiegel online, 24. Juni 2006): „Das ist sensationell. So etwas habe ich noch nie erlebt: dass die ruhige Schweiz so aus sich herausgeht! Wir können stolz sein auf die Schweiz, dass sie so hinter uns steht. Aber die Leute können auch stolz sein auf uns. Die Rede von der ‚kleinen Schweiz’ kann man langsam vergessen.“
 
Als der deutsche Referee Markus Merk den US-Boys im Spiel Ghana–USA (2:1) den Ghanaern einen spielentscheidenden Elfmeter zusprach, sagte der US-Spieler Landon Donovan nach dem Spiel: „Ich will ja keine Verschwörungstheorien verbreiten, aber das war in 100 Jahren kein Elfmeter. Ich weiss nicht, was er dabei gedacht hat.“
 
Anmerkung: Die Amerikaner haben ja ihre Erfahrungen mit Verschwörungstheorien. Sie können aber auch nicht glauben, dass sie von anderen Ländern besiegt werden können. Dies gilt nicht nur im Fussball und anderen Sportarten, sondern auch in der (dilettantischen) Kriegsführung.
 
„Manchmal versuche ich, zu Hause die Lichtschalter an und aus zu schiessen.“ (Nationalspieler Miroslav Klose in einem Interview der „Badischen Zeitung“ vom 24. Juni 2006.)
 
„Wir sind wieder die Köter der Welt“
Nach dem Ausscheiden von Brasilien gegen Frankreich (0:1) gab es in der brasilianischen und der internationalen Presse, aber auch von Fans und ehemaligen Trainern, harsche Kritik. Hier eine kleine Auswahl an Aussagen:
 
„Ronaldinhos Leistung war eine Null links vom Komma“ (Brasiliens ehemaliger Meistercoach Nelsinho Baptista).
 
„Erst sparte Ronaldinho mit Leistung, dann mit klärenden Worten“ (Sportzeitung „Lance“).
 
„Eine Mannschaft zum Vergessen“ („Estado de Sao Paulo“).
 
„Das ist schlimmer, als hätte Gott Karneval und Samba abgeschafft“ (Äusserung eines älteren Mannes auf der Promenade in Copacabana).
 
„Ich möchte mich noch immer am liebsten unter dem Teppich verkriechen“ (Ein brasilianischer Radiosprecher).
 
„Was solls, wir sind wieder die Köter der Welt“ (Äusserung eines jungen Brasilianers. Dieser Ausspruch stammt ursprünglich vom legendären Dichter und Journalisten Nelson Rodrigues, der vor Jahren festgestellt hatte, Brasilien überwinde mit Fussballerfolgen seine „Strassenköter-Minderwertigkeitskomplexe“. Er meinte, Zahnlücken und Analphabetismus könne man mit internationalen Siegen leichter überdecken).
 
„Frankreich liquidiert Brasilien“ (Zeitung „O Globe“).
 
Götterverehrung und kein Camembert
Die „Badische Zeitung“ schrieb dazu: „Andere Medien warfen dem Nationalverband (CBF) vor, in erster Linie auf das Geld geschaut und die Spieler als ‚dressierte Tierchen’ missbraucht zu haben – etwa bei öffentlichen Terminen im Trainingslager im schweizerischen Weggis. Eine solche Kritik war vor dem WM-Aus in Brasilien allerdings nirgendwo zu hören. Da hatten die Medien in die Massenhysterie eingestimmt, den ‚Hexa’, den 6. WM-Titel, vorgefeiert und bei Interviews mit Spielern eher ‚Götterverehrung’ betrieben.“
 
Ein brasilianischer 38-jähriger Zahnarzt strich nach der 0:3-Niederlage 1998 gegen Frankreich den französischen Camembert von seiner Einkaufsliste. „Ich werde mit meinem Boykott weiter leiden, mindestens 4 Jahre“, sagte er unter Tränen nach dem erneuten Aus seiner Mannschaft gegen Frankreich.
 
England: Vereine wichtiger als die Frau?
Nach dem Ausscheiden der Engländer gegen Portugal (Portugal siegte im Elfmeterschiessen), schrieb Thomas Hüetlin, London, in Spiegel online folgenden Kommentar (Ausschnitt):
 
„Wahrscheinlich existieren, mit Ausnahme von Frankreich, eine Menge Länder, die von sich glauben, den Ball leidenschaftlich und vollkommen zu lieben als der Rest der Welt, aber England verteidigt zumindest in dieser Disziplin immer noch einen der besseren Plätze. Stolz behaupten viele hier, die längste Beziehung ihres Lebens pflegten sie nicht mit ihrer Frau, sondern ihrem Verein, und fraglos gilt der Beruf des Nationaltrainers nach dem des Premierministers als der zweitwichtigste im Land, wobei selbst diese Gewissheit nur bis zum 3. Pint steht. Dann wird dem Bewohner von Number 10 Downing Street der oberste Tabellenplatz aberkannt, verdrängt von einem Wesen, das von einer Bank am Rasen die Stimmung im Land steuert.“
 
Dann bemerkte der Autor noch, dass die hochbezahlten englischen Kicker meinten, sie könnten sich die Weltmeisterschaft mit einer Selbstverständlichkeit holen wie ihre Luxuskarossen. Wie wir gesehen haben, gehört mehr dazu. Man muss sich auch anstrengen und mit fairen Mitteln kämpfen, um ans Ziel zu kommen.
 
Lockere Nachbarn
Sven Meyer von der Zeitung „Der Sonntag“ befragte Schweizer Journalisten, was sie von der Fussball-WM halten und wie sie die Deutschen beurteilen. Hier einige Aussprüche:
 
„Die Deutschen haben als Gastgeberland ein sehr gutes Bild abgegeben. Man mag die Deutschen wieder ein bisschen mehr. Allerdings reicht es noch nicht ganz, dass man ihnen einen Weltmeistertitel gönnen würde“ (Lukas Hausendorf, Redakteur bei „20 Minuten“).
 
„Ich denke, das Deutschlandbild in der Schweiz ist grundsätzlich ein sehr positives, und ich könnte mir vorstellen, dass es durch die Bilder der WM noch positiver geworden ist. Sehr viele Schweizer sind zu den Spielen gefahren und haben gemerkt, wie fröhlich und ungezwungen die Stimmung ist. Man nimmt die Deutschen als lockere Nachbarn wahr. Das hat uns sicher beeindruckt“ (Politikredakteur Jürg Dedial, „Neue Zürcher Zeitung“). Wie der Redakteur weiterhin bemerkte, nehmen die Schweizer den neu erwachten Patriotismus nicht übel.
 
Die Begeisterung, das Fahnenschwenken und das ausgelassene Feiern auf den Strassen bis spät in die Nacht findet Raphael Suter, Programmleiter von „Radio Baslisk“, überraschend. „Man könnte meinen, die WM finde in Südamerika statt.“ Auch die Begeisterung seiner Landsleute bis nach dem Ausscheiden fand er noch überraschender als die der Deutschen. „Der Patriotismus war in der Schweiz vielleicht noch erstaunlicher. Alle haben die Nationalhymne gelernt, die vorher noch nicht einmal die Schweizer Bundesräte kannten.“
 
Harsche Kritik übte der Schweizer „Blick“ an der Berichterstattung der deutschen Boulevardzeitung „Bild“. In hämischen Schlagzeilen hatte diese das Ausscheiden der Schweizer kommentiert (darin wurden diese als Trottel-Schweizer bezeichnet). Der „Blick“ dazu: „Dass da der grosse, nördliche Nachbar kommt und mit Dampfwalze über unsere Gefühle fährt, diese Art könnte einiges wieder ins Negative rücken.“
 
Dann betonte „Blick“, so etwas würde er sich nicht erlauben. „So etwas geziemt sich nicht in der Schweiz. Was der Deutsche gewohnt ist, wäre hier ein Skandal. Der Schweizer würde uns die Rote Karte zeigen.“
 
Nun wollen wir hoffen, dass es in den nächsten Spielen und Kommentaren keine rote Karte mehr gibt und keine Dampfwalze mehr über unsere Gefühle fährt.
 
Hinweis auf weitere Sport-Blogs
23.05.2005: „,Hopp Gigi Oeri!' Der Fussball und die nationale Identität“
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