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BLOG vom 20.10.2006


Adoptionen: Vom entwurzelten bis zum gesteinigten Kind
Autor: Emil Baschnonga, London
 
“Ich wünsche noch immer, dass ich nicht aus Afrika adoptiert wurde”, schrieb die talentierte Kolumnistin Hannah Pool im Evening Standard vom 18. Oktober 2006. Darüber hat sie eben ein Buch geschrieben, betitelt „My Fathers’ Daughter“ (jetzt von Hamish Hamilton publiziert).
 
Wie Madonnas kontroverse Adoption von David Banda (siehe Blog vom 18.10.2006) weiterhin viel Staub in den Medien aufwirbelt, wird leicht übersehen, wie solche Kinder aus Afrika von weissen Familien adoptiert, beim Heranwachsen um ihren Ursprung bis zur Besessenheit zu grübeln beginnen. Wer bin ich eigentlich? Wer sind meine Eltern? Wo sind sie? Leben sie noch? Warum bin ich ins Waisenhaus von Asmara in Eritrea gekommen? Habe ich Geschwister?
 
Gleich Hannah vermissen viele verpflanzte Kinder ihre „Scholle Heimat in ihrer eigenen Familie“, die sie bestenfalls nur vom Hörensagen kennen. Das Fremdgefühl der Heimatlosigkeit schwärt und breitet sich aus. Warum? Am besten zitiere ich Hannah auf Englisch: „I lost black boyfriends who couldn’t cope with my family being white and I lost white boyfriends whose parents forbade them from dating a black girl.”  Anders gesagt: Hannah fühlte sich entwurzelt.
 
Auch Hannah (gleich David Banda) ist eine Halbwaise und wurde vor 32 Jahren, als kränkliches 6 Monate altes Kind von David (einem norwegischen Professor) und seiner Frau Marya aus dem Waisenhaus in Eritrea adoptiert. Zuerst verbrachte sie 4 Jahre mit ihren neuen Eltern im Sudan, bis Marya Selbstmord beging. So wechselte Hannah mit ihrem Vater nach Manchester über. Ihr Vater heiratete Claire, eine Engländerin. Diese Ehe wurde nach 13 Jahren geschieden.
 
„Dad“ nennt sie David, der sich ihrer so liebevoll annahm und Hannah eine ausgezeichnete Ausbildung ermöglicht hatte. Eines Tages erhielt ihr Vater einen Brief aus Eritrea, der an Azieb Asrat gerichtet war, Hannahs ursprünglichem Namen. Der Brief stammte von ihrem Bruder Zemichael Asrat. Obschon er zutiefst aufgewühlt hatte, blieb dieser Brief 10 Jahre unbeantwortet liegen.
 
Mit 30 Jahren sammelte sie genügend Mut und fasste endlich den Entschluss, ihre Familie in Eritrea aufzusuchen. Wie sie sich fühlte auf einer Naturstrasse unterwegs zu ihrer verlorenen Familie, beschreibt Hannah mit blutendem Herz, auch ihr Wiedersehen mit ihrem gebrechlichen Vater und ihren Geschwistern. „Ihm, meinem Vater, in die Augen zu schauen und die gleiche Luft zu atmen wie er…“ Sie erkannte ihre eigenen Gesichtszüge wieder in ihren Geschwistern und nächsten Verwandten.
 
Sie gleiche ganz besonders ihrer Schwester Himan, befand die Familie einhellig. Aber Himan wurde als 17-Jährige von den Kriegswirren (mit Äthiopien) hingerafft, erfuhr Hannah. Wortlos betroffen verliess Hannah den grossen Familienraum: „Himan war gestorben, gerade als ich mich für die A-Level-Prüfung vorbereitete“, ging ihr durch den Sinn.
 
Mit ihrer Adoption entging Hannah den schlimmen Zeiten in Eritrea. Sie genoss alle Vorteile des Westens, dennoch vermisste sie mehr und mehr ihre Blutverwandten. Ihren Artikel beschliesst Hannah so: „Ich hoffe, dass sich Madonnas Baby anders fühlen wird als ich. Aber darauf ist kein Verlass. Wie immer sich die Umstände entfalten, bleibt das Risiko enorm hoch (a hell of a risk) – für sie und für den kleinen Knaben  im Zentrum dieses Dramas, so weit von seinem Geburtsort entrissen.“
*
Zur gleichen Zeit spielt sich ein weiteres Drama ab: Der hässlich ausgeartete Scheidungsprozess zwischen Sir Paul McCartney und Heather Mills wird von der Presse weltweit breit gewalzt. Wo bleiben da Ehrgefühl und Elternliebe in diesem hassentbrannten Gefecht ums Geld? Damit werden die Kinder aus der 1. und 2. Ehe gesteinigt. Wo in diesem Trümmerhaufen werden sie eine Spur Liebe finden?
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über die Adoption eines Kinds aus Afrika
Ihre Meinung dazu?

 
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