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BLOG vom 02.12.2006


Terrakotta, Fortnum & Mason und die Burlington Arcade
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Gestern gingen wir in die Innenstadt von London. Das war verbunden mit einer Fahrt in der dicht gedrängten U-Bahn. Ich spaziere nicht gern grundlos. So wickelte ich den vermeintlich uralten Kopf einer griechischen Göttin in Seidenpapier. Ich wollte ihn dem Spezialisten dieses Zweigs der Altertumskunde im British Museum zeigen.
 
Terrakotta
Erst am letzten Samstag hatte ich diesen verkrusteten Tonkopf einer Göttin, wie so viele andere Fundstücke zuvor auch, auf dem Flohmarkt aufgestöbert. Am Sonntag fand ich unter meinen Referenzwerken wieder den 1908 erschienenen Titel „Diphilos et les Modeleurs − Terres Cuites Grecques“ von Edmond Pottier. Dieses Nachschlagewerk ist bis auf den heutigen Tag unübertroffen. Es hat mir schon einmal vor vielen Jahren gedient, als ich nachweisen konnte, dass eine der Manufaktur Daum zugeschriebene Frauenfigur, die exakte Kopie einer Terrakottafigur (Abbildung 273) aus den 1. Jahrhundert war. Diese und viele ähnliche Tonfiguren wurden bei Tanagra ausgegraben. Die Römer und Ägypter hatten ebenfalls viel von solchem Zierrat modelliert, die nur teils als Grabzutaten verwendet wurden. Viele wurden einfach als Geschenke, auch an Kinder, verteilt und sind folglich der Gattung „Souvenirs“ zuzuordnen.
 
Die Abbildung (106) eines ähnlichen Frauenkopfs bewog mich, ihretwegen das „British Museum“ aufzusuchen. Zwar wusste ich, dass im 19. Jahrhundert viele Fälschungen dieser Tanagra-Figuren hergestellt wurden. Im 6. Stock dieses imposanten Museumgebäudes fand ich endlich die kleine Abteilung und klopfte an. Ein Gehilfe kam ins Vorzimmer, und ich legte den Tonkopf auf ein Tablar. Es dauerte ein Weilchen, bis die Expertin, eine ältere Dame, erschien. Sie war sich nicht ganz schlüssig und bezweifelte sehr, wie auch ich, die Echtheit meiner „Hellenin“, unsicher auch, ob sie griechischen oder römischen Ursprungs sei. Dafür gibt es ja schliesslich auch einen Sammelbegriff.
In Museen stelle ich immer wieder fest, wie entspannt sich die Experten in ihren Klausen den Wundern vergangenen Zeiten widmen können. Ich beneide sie und wäre fürs Leben gerne lieber ein „Curator“ geworden als ein stressgeplagter „Consultant“.
 
Nachher zweigte ich noch etwas Zeit ab, um dieses und jenes Stück des griechischen Nachlasses zu besichtigen. Dieser Saal war menschenleer. Nur ein Museumswärter döste in einer Ecke des Saals.
 
Nein, ich war keineswegs enttäuscht über den Befund, denn ich hatte meinen Spass gehabt, „Diphilos“ wieder zu begegnen. Sollte ich diesen Kopf jetzt im Garten vergraben? Nein, er kriegt seinen Ehrenplatz auf einem Fenstersims!
 
Fortnum & Mason und die Jermyn Street
Unser nächstes Ziel war das altmodische und ehrwürdige „Fortnum & Mason“-Kaufhaus, die bevorzugte Einkaufsstätte des Königshauses. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es erst gestern zum 1. Mal besuchte. Im Taxi nur habe ich einmal davor gewartet, als sich ein Geschäftsbesucher dort rasch, unterwegs zum Flughafen, sich mit Tee eindeckte.
 
Wir pilgerten durch die „Food Hall“, die den Ruhm dieses Kaufhauses begründet hat und weiterhin Besucher aus aller Welt anlockt. Zwischen den Marmorsäulen und unter den Kristalllüstern findet man den allerbesten Tee auf der Welt und – wie es sich zur Weihnachtszeit schickt – kleinere bis riesengrosse Körbe mit allerlei Leckerbissen vollgestopft, die als „Christmas hampers“ sehr begehrt sind. Im hinteren Teil des Erdgeschosses hat es ein Tea Room aus der alten Zeit, wo sich viele ältere Jahrgänge zum Kaffeeklatsch und Kuchen einfinden.
 
Über die mit rotem Teppich bespannten Stufen gingen wir 1 oder 2 Stockwerke höher zur Parfüm-Abteilung. Nein, ich brauchte mich nicht am massiven, geschnitzten Holzgeländer zu halten, tat es aber dennoch, weil es mir immer angenehm ist, glattes Holz zu befühlen. Längst sind nicht alle Auslagen mit Preisschildchen versehen. Wer sich um Preise erkundigen muss, der ist im Fortnum & Mason am falschen Ort. Aber einige sichtete ich in einer Glasvitrine in der Mitte dieser Halle und traute meinen Augen nicht: Ein Parfümflakon war mit einem Diamanten besetzt und kostete 4500 englische Pfund. Wie das Wässerchen darin heisst, habe ich vergessen, und wie es duftet, das werde ich nie erfahren.
 
Jermyn Street
Da wohl jeder Tourist diese Sehenswürdigkeit abgeklopft hat, verlasse ich jetzt dieses prunkvolle Kaufhaus und gehe durch die Princes Arcade, ebenfalls mit Luxusgeschäften beschickt, zur Jermyn Street, wo Lily und ihr Vater einst gerne die Auslagen „beleckt“ hatten („lécher les vitrines“, wie sie sagten). Von dieser Absicht wurden Lily und ich jedoch abgelenkt und aufgehalten. Vor einem Hoteleingang brutzelte es in der Pfanne, von einem Koch gerührt. Wie hungrig ich von unserem Weihnachtsbummel geworden war … Gleich 3 Garnelen auf einmal nahm ich auf den Pappteller, wo sie nicht lange liegen blieben. Lily ihrerseits ist mehr auf Süssigkeiten erpicht, und die ihr angebotenen „mince pies“ schmeckten ihr offensichtlich sehr. Vor einem Kleidergeschäft wurde Glühwein ausgeschenkt. Ich hatte ganz vergessen, wie gut er schmeckt, beinahe heiss getrunken.
 
Während die Weihnachtseinkäufer an der Oxford Street kaum vorwärts kommen, fehlte jedes Gedränge in der Jermyn Street. Ich war ganz entspannt und gab jedes „Cheers“ vergnügt zurück.
 
Burlington Arcade
Wir hatten eine Einladung erhalten, diese Einkaufsarkade, eine der schönsten in England, ab 6 Uhr abends zu besuchen. Sie war ganz in der Nähe, gleich neben der „Royal Academy“. War das doch schön damals, vorausgesetzt man war reich, dort Luxusartikel einzukaufen. Viele der Läden haben sich im Verlauf der Zeit kaum verändert. Damit meine ich nicht die Inhaber, sondern die altmodischen Schaufensterumrahmungen. Dies macht sich besser und wirkt viel gemütlicher als die genormten Schaufenster aus der Jetzt-Zeit.
 
Diese Arkade wurde 1819 eröffnet und gilt als ein Meisterwerk der Baukunst. Gewiss gibt es imposantere, etwa in Brüssel, Mailand und Neapel, aber keine, die sich so vornehm und exklusiv zur Schau stellt. Wir erreichten dieses Einkaufsparadies gerade im rechten Augenblick, nachdem die Warteschlange von der Arkade verschluckt worden war.
Auch hier gab es kein Gedränge, doch Getränke … Gleich beim Eingang wurde mir ein Glas Champagner angeboten. Wer schon schlägt einen solchen Willkommenstrunk aus? Als das liebenswerte Fräulein mein Glas nachfüllen wollte, erhob Lily Einspruch, den ich in den Wind schlug mit dem Hinweis, dass ich selten so verwöhnt werde. „Aber du hast doch eben Glühwein getrunken!“ „Aber immerhin nicht beides zugleich …“, hob ich das Glas zum Mund.
 
Nun bin ich nicht deswegen gekommen. Ich habe diese Arkade während meiner vielen Jahre in London nur wenige Male als Durchgang zum hinteren Strassenteil benutzt, unterwegs zu einem geschäftlichen Treffen. Jetzt liess ich diese Arkade mit ihrem Weihnachtsgeglitzer auf mich einwirken. Schade nur, dass die festliche Musik aus der Konserve kam, statt frisch lebendig gesungen. Erfrischend hingegen war dies: Die stinklangweiligen Einheitsgeschäfte, wie sie jede Hauptstrasse zäumen, fehlen ganz und gar in dieser Arkade.
 
Warum habe ich diese Arkade aufgesucht? Ich wusste, dass es am anderen Ende ein Geschäft mit Schreibutensilien gibt. Deswegen hatte ich meinen Parker in die Tasche gesteckt, weil ihm die Minen ausgegangen sind. „Das ist ein Modell, das es nicht mehr gibt, doch haben wir die dazu passenden Minen“, erhielt ich Bescheid. So tätigte ich den Grosseinkauf des Tages von 2 Pfund.
 
Unser Appetit war von den kleinen Kostproben nicht gestillt, sondern angestachelt. Wir brauchten etwas Indisches, denn draussen blies ein scharfer Wind. Es war feuchtnass. Der „Lamb Curry“ wärmte uns auf. Heute waren wir den Restspuren des einstigen zivilisierten Lebens in dieser Riesenstadt nachgegangen und hatten dabei auch an der Nostalgie genippt.
 
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