Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     20. Januar 2018, 18:21 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 04.03.2007


Bellevue-Krankenhaus New York: Das Haus der 1000 Ärzte
Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Kürzlich entdeckte ich in einem Bücherantiquariat das Buch „Das Haus der 1000 Ärzte“ (Titel des Originals „Bellevue ist my Home“) von 1957. Es handelte sich um die Lebensgeschichte des damaligen Vizedirektors Dr. med. S. R. Cutolo vom Bellevue-Hospital New York. Da mich immer schon Anekdoten über Medizin und Ärzte interessierten und ich auch neugierig wurde, warum dort 1000 Ärzte in einem Haus praktizierten, kaufte ich das Buch für 50 Cent.
 
Der Vizedirektor schildert darin seine Geschichten, die er bis 1956 im Bellevue Hospital erlebt hat. Einige dieser amüsanten und interessanten Anekdoten werde ich in diesem Blog publizieren.
 
Zunächst einige interessante Fakten zum Bellevue Hospital Center: Es ist Amerikas ältestes Hospital. Es wurde bereits 1736 eröffnet, 1873 folgte die 1. Schule für Säuglingsschwestern und 1968 die School of Medicine (www.med.nyu.edu/). Heute findet man das Bellevue-Krankenhaus im Internet unter NYU Medical Center und NYU School of Medicine (530 First Avenue, New York 10016). Unter dem Suchwort „Bellevue Hospital“ sind Fakten über die Geschichte einsehbar.
 
465 000 Mahlzeiten pro Monat
Als ich auf Seite 55 die Zahlen dieser gigantischen Institution las, wurde mir beinahe schwindlig. An einem Durchschnittstag (1956) belief sich die Bevölkerung im Bellevue auf 9700 Personen, aufgeteilt in rund 1000 weibliche und rund 1700 männliche Patienten, 1000 konsultierende Ärzte sowie 459 Anstaltsärzte vom Praktikanten aufwärts bis zum Stationsarzt sowie 1000 freiwillige Helfer beiderlei Geschlechts, 582 ausgebildete Krankenschwestern, 302 Hilfsschwestern, 500 Lehrschwestern, 1322 Köpfe weiteres Hilfspersonal und 1890 sonstige bezahlte Angestellte. Auf dem Areal waren 84 Krankenstationen, 3 Entbindungsstationen, 3 Kirchen, Kantinen, eine Bäckerei, ein Gefängnis, 2 Schulen, eine Sonntagsschule, ein Kindergarten, eine Feuerwehr, ein Leichenhaus, ein Gerichtshof und ein Postamt sowie 4 Leihbibliotheken.
 
Wie der Autor berichtete, gaben die Köche des Bellevues 465 000 Mahlzeiten monatlich heraus. Es wurden 5000 bis 7500 kg Fleisch und Geflügel verbraucht.
 
Und wie sieht es heute aus? Im Internet fand ich einige Zahlen, die das grösste Krankenhaus von New York zu bieten hat: Pro Jahr werden in der Ambulanz 505 000 untersucht, 100 000 sind Notfallpatienten und 26 000 stationäre Patienten.
 
Es gibt auch die Möglichkeit, sich als Medizinstudent (oder auch als Arzt) für einige Zeit dort weiterzubilden. So schrieb Roland Schmid (www.cornell-programm.tum.de/erfahrungsberichte/roland-schmid.htm) Folgendes:
 
„Der Bellevue ER ist berühmt berüchtigt und eine beliebte Weiterbildungsstelle. Da es sich beim Bellevue um eines der grössten öffentlichen Häuser handelt und jeder hier behandelt wird, egal, ob illegal eingewandert oder ‚nur’ ohne Versicherung. Dementsprechend besteht das Patientengut zum Grossteil aus Hispanics, African Americans und Chinesen ...“
 
Tipps für Touristen
Bei einem Notfall sollte man versuchen, in eine private und nicht in eine städtische Klinik zu gelangen. Die öffentliche, wie das Bellevue, sind ständig überlastet. Wichtig ist, dass jeder Tourist eine gute Versicherung abschliesst. Wie der Online-Reiseführer (www.onlinereisefuehrer.de/newyork/tipsnycmedizin.html) berichtet, akzeptieren die meisten Krankenhäuser eine Kreditkarte. In der Regel wird jedoch Barzahlung oder Zahlung mit Reiseschecks verlangt. Die Liste der privaten Krankenhäuser findet man in den Blauen Seiten des Telefonbuchs. Über die Telefonnummer 411 können Sie Adressen erfragen.
 
Nun zu den angekündigten Geschichten von S. R. Cutolo (geb. 1906, die anderen Lebensdaten konnte ich nicht herausfinden).
 
Was ein Affe anrichtete
Eines Tages entwich ein Affe aus dem pathologischen Institut. 24 Stunden trieb er allerlei Schabernack. Er turnte vor den Fenstern der Kinderstation herum. Dann fand er den Weg ins Laboratorium, wo er Dutzende Retorten und Reagenzgläser umwarf. Am Abend war der Affe verschwunden; jedermann erschreckte beim kleinsten Geräusch. „Schliesslich fiel der Ausreisser seinem Heisshunger zum Opfer. Während er in einem Ärztezimmer gierig eine Schale mit gesalzenen Mandeln leerfrass, erwischte ihn ein Wärter und brachte ihn in den Käfig zurück.“
 
Dicke Patientin biss zu
Eine 23-jährige, 280 Pfund schwere Patientin verlor im Bellevue während einer Entfettungskur 30 Pfund. Als ihr empfohlen wurde, sich ambulant weiterbehandeln zu lassen, stürmte sie in das Büro des Direktors und erklärte ihm, dass sie damit nicht einverstanden sei. Sie tobte herum, so dass ein hinzugerufener Polizist sie zu bändigen versuchte. Dabei biss die Rasende dem Ordnungshüter in den Daumen. Alle atmeten auf, als sich kurz darauf die Übergewichtige entschloss nach Hause zu gehen.
 
Praktikantin mit Pistole bedroht
1912 wurden die erste Ärztin und ein Jahr später die ersten Praktikantinnen eingestellt. Damals wurde das weibliche Fachpersonal noch als ein Kuriosum betrachtet. Als eine Praktikantin einen neu aufgenommenen Patienten die üblichen Fragen stellte, griff der psychisch Kranke in die Hosentasche und riss eine Pistole heraus. Im folgenden Handgemenge entluden sich mehrere Schüsse in den Boden.
 
Eines Tages klingelte das Telefon des Vizedirektors. Er nahm ab und eine Stimme sagte: „Wissen Sie, dass eine Ärztin mit unbekleidetem Bauchnabel durchs Haus geht?“ Cutolo erkundigte sich und erfuhr, dass eine aus Indien eingetroffene Praktikantin mit ihrem Sari herumlief. Sie hatte noch keine Zeit gefunden, einen Arztmantel anzuziehen.
 
Cutolo bemerkte im Anschluss an diese Begebenheit Folgendes:
 
„Auf die Befolgung der Anstaltsregeln zu achten, gehört ebenso zu meinen Pflichten wie für das körperliche und geistige Wohlbefinden unserer Ärzte vom Praktikanten bis zum Stationsarzt zu sorgen. Sie alle dürfen mit ihren Sorgen zu mir kommen, und ich helfe ihnen, so gut es möglich ist. Auch bei Widerspenstigkeiten seitens der Patienten unterstützen wir den Arzt mit geeigneten Massnahmen.“
 
Verarmter Komponist
Am 10. Januar 1864 wurde ein „alkoholverwüsteter“, schäbig gekleideter Pensionär vom Bowery-Hotel ins Bellevue gebracht. Offenbar war er in seinem Zimmer gestürzt. Er wurde blutend und im bewusstlosen Zustand in seinem Zimmer aufgefunden. Nach 3 Tagen erlosch sein schwaches Lebenslämpchen. Alle waren voller Mitleid über die jämmerliche und ausgemergelte Gestalt des erst 38-Jährigen.
 
Der Mann war Stephen Foster, einer der erfolgreichsten und populärsten Liederkomponisten der damaligen Zeit. Ungläubig las ich dies und dachte mir, da werde ich wohl kein einziges Lied dieses Komponisten kennen. Da dachte ich falsch. Das Lied „Oh! Susanna“ trällerten wir schon in der Schule. Weitere bekannte Lieder sind „My Old Kentucky Home“ und „Old Black Joe“.
 
Foster war unglücklich verheiratet, ergab sich dem Trunk und verschwendete sein Geld. In seiner Börse fand man 38 Cents und einen Zettel mit den Worten „dear friends and gentle hearts“ („Liebe Freunde und gute Menschen“ bzw. sanfte Herzen). Es war wohl die 1. Zeile eines neuen Liedes.
 
Verpflegung von Patienten und Ärzten
Eine typische Tagesverpflegung, wie sie die meisten Patienten und auch Ärzte erhalten, setzte sich 1956 so zusammen:
 
Frühstück (um 7.30 Uhr): Bananen, Reispuff mit Milch, 2 Rühreier, Brot und Butter, Kaffee oder Tee mit Milch.
Lunch (um 11.30 Uhr): Hühnerfrikassee auf Reis, Gartenkressesalat auf russische Art, überzuckerte Erdnüsse, Getränk.
Dinner (um 4.30 Uhr): Geräucherter Schinken mit Zwiebeln und braunem Zucker, Kartoffelbrei, junge Bohnen, Krautsalat, Schokoladenpudding oder Blancmanger, Getränk.
Spätimbiss (vor Schlafenszeit): Fruchtsaft mit Cakes oder heisse Schokolade.
 
Gräfin kam mit Kanarienvögeln
Eines Tages kam eine Gräfin ins Bellevue. Sie hatte 12 Gepäckstücke und einen Käfig mit 2 Kanarienvögeln dabei. Sie gab an, eine Witwe eines belgischen Grafen zu sein, und sie wolle sich die Arthritis in ihren Fingergelenken behandeln lassen. Ausserdem könne sie sich den Aufenthalt in einem privaten Krankenhaus nicht leisten. Sie erzählte, früher sei dies anders gewesen. Das Bankhaus Morgan verwaltete ihr Vermögen. Heute hätte sie nur noch 107 Dollar. Die Witwe muss reich gewesen sein, denn auf den Gepäckstücken fanden sich etliche Etiketten von zahlreichen Luxusdampfern. Die Ärzte waren mit der Aufstellung des Vogelkäfigs an ihrem Bett einverstanden. Nach 2 Tagen „verliessen uns Gräfin, Gepäckstücke und Kanarienvögel, wie sie gekommen waren, im Taxi“.
 
Ein anderes Mal kam ein Kranker mit einem Esel in die Klinik. Er wollte sich ohne seinen Esel nicht behandeln lassen. Das Tier wurde dann von einem Pfleger versorgt.
 
Und einmal erschien ein Ex-Boxer mit seinen Lieblingstieren. Er hielt ein Gefäss mit Blutegeln krampfhaft fest. Erst nachdem ihm versichert worden war, dass im internen Tierasyl für die Tierchen gesorgt werde, gab er das Gefäss einem Pfleger.
 
In einem anderen Fall durfte ein Blindenhund neben dem Bett seines Herrchens Platz nehmen.
 
Zerlumpte Dame hatte genügend Geld
„Einer der sonderbarsten Fälle, mit denen wir es zu tun hatten, war der einer alten Dame, die auf der Strasse in Ohnmacht fiel und von einer Ambulanz in ein Spital gebracht wurde. Dort schob man sie angesichts ihrer zerlumpten Kleidung an uns ab. Bei der üblichen Aufnahmeprozedur ergab sich, dass sie beinahe 12 000 Dollar in Zeitungspapier um ihren Leib gewickelt hatte.“ Und so etwas liess sich die Konkurrenz entgehen.
 
Und noch eine kuriose Begebenheit. Eine 83-Jährige stürzte auf einer Treppe, zog sich eine Platzwunde am Kopf zu und erlitt einen Herzanfall. Sie trug ein Korsett, das sie mit neuen Banknoten im Wert von 5000 Dollar besteckt hatte. Auch diese Frau hatte wohl kein Vertrauen zu einer Bank. Dies beobachtet man auch heute noch. Da verstecken betagte Leute ihre „Kohle“ unter dem Bett, in Blumenvasen und ausrangierten Öfen und sonst wo. Es wurden dann von den Erben Geldscheine unbeabsichtigt verbrannt oder sie landeten im Müll.
 
Freiwilligem standen die Haare zu Berge
Es gibt viele Freiwillige, die sich zum Dienst im Bellevue melden. Sie werden zu speziellen Diensten herangezogen. So auch ein Büroangestellter, der einmal wöchentlich in der Aufnahme zu tun hatte. An seinem 1. Dienstabend fuhr er einen Patienten auf der Tragbahre in die Röntgenaufnahme. Unterwegs verstarb der Patient. Dem Neuen standen buchstäblich die Haare zu Berge. Trotz seiner Erschütterung liess er sich nicht entmutigen und fuhr in der folgenden Woche wieder einen Patienten in die besagte Abteilung. Auch dieser Patient verschied auf dem Transport. Zur Vizedirektorin des Pflegedienstes, Mrs. Wilhelmy, sagte er, falls ihm das noch mal passiere, dann höre er auf. Beim 3. Mal ging alles glatt, der Patient überlebte die Fahrerei. Der Freiwillige absolvierte noch lange seinen Dienst in der Klinik. Es starb auch keiner mehr.
 
Leibarzt des Präsidenten stellte Diagnosen
Cutolo begleitete an einem Sonntagvormittag den Leibarzt des Präsidenten Theodore Roosevelt, Dr. Lambert, durch eine Station. Plötzlich hörte er das Husten einiger Patienten. „Wir haben heute Glück“, liess er sich vernehmen, „wir haben gleich 3 Fälle von Aneurysma in der Station. Nach dem Klang des Hustens dieses Patienten sitzt sein Aneurysma an der aufsteigenden Aorta, das seines Bettnachbarn im Aortenbogen, und das Aneurysma des Patienten dort drüben sitzt im absteigenden Sektor.“ Später stellte sich heraus, dass er mit seinen Diagnosen richtig lag.
 
Es gab noch viele weitere Geschichten in diesem Buch. Der Autor berichtet etwa  über die Versorgung der Verletzten durch Unglücke aller Art (so starben 1021 Menschen bei dem Brand des Ausflugdampfers General Slocum. Beim Brand der Triangle Shirtwaist Company starben 145 Angestellte).
 
Es wurden auch Filme im Bellevue gedreht. Glenn Ford erkundigte sich eingehend über medizinische Dinge für eine Filmrolle. Man kann es kaum glauben, was man aus einem alten Buch hervorkramen kann. Es sind Geschichten aus dem Leben. Ich bin froh, dass ich einige davon aus der Vergessenheit gerissen habe.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Krankheitswesen in den USA
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier