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BLOG vom 07.06.2007


Wallis CH: Heinzelmännchen und Himmelserscheinungen
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Zwei Begebenheiten werden haften bleiben. Wir fuhren ins Wallis, wählten wieder einmal die Route mit der Furka-Oberalp-Bahn von Göschenen nach Andermatt, Realp und durch den Furkatunnel nach Oberwald, wo uns ein gelber Teppich blühender Löwenzahnblumen erwartete. Die ganze Talbreite trug Gelb. Das „Goms“, so der Name des Hochtals, gehört zu den noch grösstenteils intakten Natur- und Kulturlandschaften der Schweiz. Oberwald liegt auf 1366 Meter ü. M.
 
Diese Region ist weit und senkt sich kontinuierlich von 1366 auf 678 Meter ab. An seinen grünen Hängen wachsen Bäume, locker hingestreut, wie das nur die Natur kann. Und es gibt da auch die kleinen Kartoffel-, Gemüse- und Roggenäcker, die Teppichen gleich an den Abhängen liegen. Links der Fahrbahnen fliesst und stürmt die Rotte (Rhone) ins Tal. Das sind die Kulissen einer Fahrt von Oberwald nach Brig. Sie beansprucht 1 1/4 Stunden.
 
Bevor wir diese Weiterreise ins Tal antraten, hielten wir uns in Oberwald auf. Wir fanden hinter der einheitlichen, geschlossenen Fassade der Ferienhausbauten ein altes, sehr schönes Dorf mit den unverwechselbaren, vom Wetter gegerbten Walliser Holzhäusern, Ställen, Brunnen und Scheunen.
 
Und hier begegneten wir Kindern. Als das mit der Anschrift „Schülerkurs“ bezeichnete Postauto wegfuhr, kam eine kleine Gruppe Erst- oder Zweitklässler daher. Alle trugen einen Rechen, der grösser war als sie. Die Lehrerin erklärte, dass ihnen ein Stück Wald gehöre, das jetzt gesäubert werden müsse. Sie seien auf dem Weg, um diese Arbeit zu tun. Die farbenfroh gekleideten Kinder mit ihren Rucksäcken und eben den grossen Rechen erschienen mir wie Heinzelmännchen. Fast traumwandlerisch folgten sie der Lehrerin. Erwachsen geworden, werden sie sich erinnern, wo sie gelernt haben, eine praktische Aufgabe, also Verantwortung zu übernehmen und Sorge zu tragen. Hier geschieht das ganz natürlich. Das hat mich beeindruckt.
 
Oberwald, ein Ort, der ohne den Furkatunnel das Ende der Welt markieren würde, war sehr still, als wir uns hier umsahen. Es ist Zwischensaison. Der Winter hat sich zurückgezogen und mit ihm die vielen Skifahrer. Das Goms ist ein beliebtes Langlaufskigebiet und im Sommer ein ebensolches für Wanderferien und der Tourismus ein wichtiger Erwerbszweig für die Bevölkerung.
 
Ich schätze diese Zwischenzeiten an vielen Orten. Sie verströmen Ruhe und ermöglichen auch einer Landschaft Ferien.
 
Talabwärts verändert sich das Bild. Mit den Stationen der grossen Bergbahnen (Belalp und Riederalp) gehen auch Siedlungsveränderungen einher. Die beliebige Architektur ist rücksichtslos und verdrängt die Kultur und Geschlossenheit der typischen Walliser Siedlung. Brig dann aber, die Metropole des deutschsprachigen Wallis, ist ein markanter und reizvoller Ort. Er hat sich vom verheerenden Hochwasser von 1993 gut erholt, ist verjüngt, herausgeputzt und lebendig. Die Tür zum Stockalperpalast war offen. Wir traten ein. Hier wurde gerade ein Hochzeitspaar gefeiert, und der geschichtsträchtige Hof war belebt.
 
In Brig nimmt der Weg über den Simplon-Pass seinen Anfang. Alle Städte, von denen Passstrassen ausgehen, haben einen besonderen, spröden Charme. Da werde ich immer neugierig, möchte wissen, wie es jenseits der Berge aussieht. Und hier müssen die vorher geschauten Bilder aus der Natur sofort zurückweichen. Jetzt sind Stadtbild und Schaufensterauslagen Orte, wo unsere Augen weiden. Hier in Brig wunderte sich Letizia, dass sie sich in den Alpen wähnte und pulsierendes Stadtleben fand.
 
Ein zweites Erlebnis besonderer Art spielte sich im Hotel Bahnhof in Ausserberg ab. Ein Ort am steilen Abhang an der Lötschberg-Südrampe mit Ausblick ins Rhonetal und Richtung Simplon. Die ganze Nacht zuvor und den ganzen Tag lang hatte es geregnet und in höheren Lagen geschneit. Jetzt begannen sich kleine Aufhellungen zu zeigen. Wir sassen beim Nachtessen im Speisesaal, hatten alle Zeit, die Veränderungen am Himmel zu beobachten. Lange zogen weisse Wolkenzüge, aus dem Unterwallis kommend, wie Prozessionen an uns vorbei. Und langsam hellte sich der Himmel auf. Letizia hatte das leicht verschneite Simplonmassiv vor Augen und beobachtete, wie sich die Wolken zum Teil auflösten, und Teile von ihnen zu seltsam schönen Kränzen über dem Simplon mutierten. Es war, wie wenn sich die Quintessenz der gesamten Fracht selber einen Kranz winden wollte.
 
Letizia, deren Sitzplatz im besten Winkel zu diesem Schauspiel stand, sagte einmal gut hörbar zu mir : „Lueg emal das a!“ (Schau das an!). Diese wenigen Worte elektrisierten dann alle in diesem Raum Anwesenden. Es mögen etwa 20 Personen gewesen sein. Sie standen auf. Man ging auf die Veranda hinaus. Alle staunten, waren ergriffen. Die Kränze über dem Simplonmassiv zerfielen bald, ähnlich wie es mit den Kondensstreifen von den Flugzeugen geschieht. Aber sie zauberten gleich noch ein weiteres Spektakel hervor. Ihr Stoff wurde (vielleicht von Winden?) zu reliefartigen Mustern gestaltet. Es war, als ob am Himmel viele aufgeschäumte Halbkugeln zu Deckenleuchten aufgehängt worden seien. Die Abendsonne machte mit, leuchtete sie aus, liess sie schneeweiss erstrahlen. Den Hintergrund färbte sie blau. Erstaunlich, dass einige der Fotos einen leicht violetten Himmel und beige Wolken festgehalten haben.
 
Edith Leiggener vom Hotel Bahnhof sagte mir später, so etwas hätten sie hier noch nie gesehen. Aber wahrscheinlich reagieren wir auf Himmelserscheinungen nur selten. Unsere Alltagspflichten zwingen den Blick nach unten.
 
An diesem Samstag vor Pfingsten, als es an vielen Orten regnete und schneite, mussten Feriengäste auf die geplanten Ausflüge verzichten. Es wurden uns allen Grenzen gesetzt. Schliesslich haben uns diese viel Ruhe und das eben beschriebene wundersame Himmelsbild geschenkt.
 
Hinweis auf weitere Reiseberichte von Rita Lorenzetti
 
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