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BLOG vom 12.06.2007


Die pfeifenden Naturtöne vom Heck des Zürcher Trams 13
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Ich sass auf einer Bank an der Tramhaltestelle Uetlihof, nahe dem Stadtrand von Zürich und wartete auf den „Dreizehner“ (Tram 13). Nach 9 Uhr am Morgen ist es hier ruhig, wenn alle Angestellten an ihren Arbeitsplätzen eingetroffen sind. Eine Frau wartete ebenfalls, später traf noch die Hauptperson meiner Geschichte auf der Traminsel ein. Ein etwa 70-jähriger Mann.
 
Ich nahm ihn nur oberflächlich wahr, sah, dass er einen langen, wollenen Mantel trug und die gestrickte Mütze über beide Ohren gezogen hatte. Wir stiegen gleichzeitig ein, doch schenkte ich ihm keine besondere Beachtung. In der Stadt begegnen wir vielen Sonderlingen. Sie gehören dazu. Ich sah nur, dass ihm seine Kluft offensichtlich behagte, obwohl der Tag sommerlich warm war.
 
Bald nachdem das Tram in Bewegung gekommen war, hörten wir seltsame Töne aus dem hinteren Wagenbereich. Köpfe wurden gedreht und geschüttelt. Ich hörte zuerst nur hin, schloss meine Augen und wartete auf innere Bilder. Was ist das für eine Stimme?  Es waren Naturtöne und sie gefielen mir. Es wurde nicht in herkömmlicher Art gesungen. Rasch wähnte ich mich in der Steppe. Der Wind atmete und pfiff. Pferde galoppierten um die Wette, Staub flog auf.
 
Dem Wagenführer war der ungewöhnliche Gast auch aufgefallen. Als er an der nächsten Station angehalten hatte, verliess er seine Kabine, kam zu den Fahrgästen, fragte ganz locker und freundlich: „Ist es hier jemandem zu heiss geworden?“ Er sah sofort, woher die Töne kamen. Wenn ich ihn recht verstanden habe, entschuldigte er sich sogar für diese Störung, doch niemand hatte sich beklagt.
 
Dann fuhren wir weiter. Der vermeintliche Wind pfiff wieder. Jetzt schaute auch ich zurück und beobachtete den Mann. Ich sah, wie unruhig er war, wie wenn er reiten und ein Pferd zügeln müsste. Er schnaubte und hopste. Faszinierend seine Urtöne, die von keinem Wort oder Vokal abhängig waren. Manchmal dumpf, dann wieder schneidend. Und es schien, die Welt gehöre nur ihm und seinen inneren Bildern.
 
Eine Dame, die mir gegenüber sass, schmunzelte und ich meinte, für solche Töne gingen wir manchmal ins Kino oder Theater. Ich erinnerte mich z. B. sofort an einen Film über die Mongolei.
 
Stammte der Mann vielleicht aus einer anderen Kultur? Nein. Er passte sehr gut in die Landschaft von Schweizer Gesichtern. War er vielleicht ein Wandermönch? Ich weiss es nicht.
 
Mir fiel auf, dass er ruhig wurde, sobald viele Menschen einstiegen und dass er wieder zu tönen anfing, wenn sich die Reihen lichteten.
 
Ich wäre ganz gern mit ihm weiter gefahren, doch nach einer Viertelstunde war ich dort angelangt, wo mein Velo für die Heimfahrt auf mich wartete.
 
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