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BLOG vom 24.06.2007


Kleine Camargue im Elsass: „Entengrütze“ und seltene Tiere
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Nach einer Meniskusteilresektion am linken Knie war es wieder so weit: Ich wollte unbedingt wieder eine Wanderung unternehmen. Wanderfreund Toni schlug eine gemütliche Wanderung in die Kleine Camargue (Petite Camargue Alsacienne) unweit von St-Louis im Elsass vor. Dieses einmalige Naturschutzgebiet kannte ich schon von früheren Wanderungen. Es ist jedoch immer wieder ein Erlebnis, dieses Stück Urwald am Rhein zu erkunden.
 
1992 wurden 114 Hektar der Kleinen Camargue als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Dies war die 1. Klassifizierung im Elsass. Ein grosses Lob sollte man dem Verein „Freunde der Kleinen Camargue“ („Amis de la Petite Camargue“) zollen, der sich für die Erhaltung dieser herrlichen Landschaft eingesetzt hat. Heute betreibt der Verein ein Naturschutzzentrum, ein Naturschutzgebiet, ein Universitäts-Feldlabor und eine Vogelwarte. Dazu kommen noch eine moderne Fischzucht und diverse Ausstellungsprojekte. Darüber später etwas mehr.
 
Da durch die Kanalisierung des Rheins die Auenlandschaft weitgehend verschwunden ist, versucht man in der Kleinen Camargue einige Teile der Au wieder zu beleben. So wurden 2,8 Hektar Wasserfläche neu geschaffen. Seltene Vogelarten (Rohrweihe, Kiebitz), Frösche, Enten, Sumpfschildkröten (diese wurden hier ausgewildert) und diverse Fische haben hier eine neue Heimat gefunden. Die Pflanzenvielfalt in der Verlandungszone und an den Ufern begünstigt die Anwesenheit vieler Tiere.
 
„Entengrütze“ als Nahrungspflanze?
Wir folgten dem Hinweisschild „Petite Camargue Alsacienne“ in Saint Louis/Neuenweg und erreichten den Parkplatz. In der Nähe befinden sich die ersten Infotafeln und eine Wegbeschreibung. Wir wanderten bei Temperaturen von über 30 °C los, benutzten den „Weg zur Fischzucht“ (Nr. 1 des Wegeplans, der im Informationszentrum ausliegt). Die schattigen Wege waren für uns schwitzende Wanderer eine Wohltat. Was mir besonders auffiel, war das Vogelgezwitscher, das uns immer wieder auf unseren Wegen begleitete. Vom Froschgequake hörten wir wenig, da diese Tierchen wohl am frühen Nachmittag irgendwo dösten.
 
Der erste Höhepunkt unserer Exkursion waren 2 Teiche mit Wasserlinsengewächsen. Die grünen Teichlinsen bedeckten die Gewässer fast vollständig. Ein Teich war mit umgefallenen Baumstämmen und Ästen umrahmt. Es war ein märchenhafter Anblick.
 
Hier noch einige Infos zu den interessanten Wasserlinsen: Die Wasserlinsengewächse entwickeln sich sehr gut in stehenden und nährstoffreichen Gewässern. Damit die Linsen den nötigen Auftrieb bekommen, befinden sich in den Sprossengliedern Luftkammern. Mit den nach unten hängenden Wurzelfäden holt die Pflanze Nährstoffe aus dem Wasser heraus. Die Wasserlinsen vermehren sich überwiegend ungeschlechtlich durch Sprossung.
 
Die Wasserlinsen (Familie der Lamnoideae), die auch den eigenartigen Namen „Entengrütze“ tragen, sind eine Delikatesse für Fische, Enten und andere Wasservögel. Auch so mancher Mensch hat Appetit auf diese Gewächse bekommen. Schliesslich enthalten die grünen Linsen fast alle essenziellen Aminosäuren (bis zu 43 % Proteine, bezogen auf das Trockengewicht), daneben auch Fett (6 %), Kohlenhydrate (17 %) und etliche Vitamine. Die Wasserlinsen zählen zu den am schnellsten wachsenden höheren Pflanzen.
 
Die Wasserlinsen (dazu gehören die Gattungen Lemna, Spirodela, Landoltia, Wolffia und Wolffiella) werden auch zur Ermittlung der Wasserqualität und als Futtermittel eingesetzt. Zurzeit testen Gärtner aus den Niederlanden, wie gut die Entengrütze als Gemüse beim Verbraucher ankommt. In fahrbaren Bottichen werden dort die Wasserlinsen gezüchtet. Auch Botaniker der Universität Jena haben die Wasserlinsen als Forschungsobjekt entdeckt. Hauptsächlich wird die Verwendung als Nahrungs- und Futterpflanze untersucht. Dr. Klaus Appenroth vom Institut für Allgemeine Botanik in Jena hat auch Versuche zur Reinigung von Wasser gestartet. Wasserlinsen sind nämlich befähigt, Schmutzstoffe aller Art aus dem Wasser aufzunehmen. In Belgien wird diese Eigenschaft der Wasserlinsen in mehreren Klärteichen genutzt. Mir fiel auch auf, dass das Wasser unter den Teichlinsen ganz klar war.
 
Interessant ist die Produktion von Eiweiss für Viehfutter. „Wasserlinsen benötigen nur ein Zehntel der Anbaufläche von Soja“, so der Fernsehjournalist Frank Almer. Das sind interessante Möglichkeiten, wie die Wasserlinsen genutzt werden könnten.
 
Kaiserliche Fischzucht
Nach dem „Rundgang Teiche“ (Nr. 2, hier kann man Libellen, Frösche und Eidechsen beobachten, aber auch interessante Wasserpflanzen sehen) erreichten wir die „Kaiserliche Fischzucht“ mit ihren prächtigen Gebäuden aus vergangner Zeit. Hier gibt es ein Verwaltungsgebäude, die Lachszucht, ein Naturschutzhaus und 2 Ausstellungsgebäude. Leider waren die Ausstellungsräume nicht zu besichtigen, da diese nur an bestimmten Tagen und Uhrzeiten geöffnet sind. Es ist dem erwähnten Verein zu danken, dass diese prächtigen Gebäude vor dem Abriss gerettet wurden.
 
Es finden hier auch regelmässig Führungen statt. Von Juni bis September können 2 Ausstellungen besichtigt werden. Die 1. Ausstellung heisst „Der Rhein gestern und heute“ und die 2. Ausstellung „Museale Fischzucht“. In der 2. Ausstellung sind Aquarien mit verschieden grossen Lachsen und Forellen mit Kies- und Sandbett und Pumpen aus der Anfangszeit der Fischzuchtanstalt zu sehen. Die Besamung und Brut der Lachseier und die Wanderung der Lachse werden erklärt. Die moderne Fischzucht wird ebenfalls vorgestellt. „Lachs 2000“ ist ein Projekt, mit dem der Lachs wieder im Rhein heimisch gemacht werden soll. Jedes Jahr werden etwa 300 000 Lachse aufgezogen.
 
Woher stammt die Bezeichnung „Kaiserliche Fischzucht“? 1850 gewährte der französische Staat unter Napoleon III. (von 1849–52 Staatspräsident, von 1852–70 Kaiser) einem Professor aus Paris grosszügige Kredite, um Fische zu züchten. Der Grund: Durch die vermehrte Industrialisierung und das Anwachsen der Bevölkerung brauchte man ständig Nahrung. Und so mancher Fluss konnte den Bedarf an Fischen oft nicht mehr decken. In verschiedenen Labors wurden Versuche gestartet, wie man Fischeier besamt und züchtet. Bereits 1854 wurde ein Hauptgebäude errichtet. Laut Angaben des „Saarländischen Rundfunks“ (Redaktion Kultur und Wissenschaft, Sendung „Fahr mal hin“) mussten 6 Männer in Tag- und Nachtschicht die Brutapparate mit Wasser berieseln, indem sie kräftig pumpten. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Die Fischeier wurden damals kostenlos in Frankreich verteilt und in andere Länder verkauft.
 
Sauberes, klares Wasser
An manchen Teichen und Zuläufen war sehr klares Wasser zu sehen. Wir wunderten uns über diese äusserliche Reinheit. An anderen Gewässern war das Wasser jedoch trüb. Eine Informationstafel am Wegesrand brachte Klarheit. Auf der Tafel war die Funktion einer biologischen Kläranlage dargestellt. Schmutzwasser wird über ein Absetzbecken mit Überlauf geführt, dann wird das Nass über ein Wurzelgeflecht, Kies- und Sandfilter und einem weiteren Absetzbecken geleitet. Das Wasser ist jetzt klar und rein. Am Reinigungsprozess sind viele Mikroorganismen, die sich in der biologischen Kläranlage befinden, beteiligt.
 
Es waren keine Wasserbüffel
Von der Kaiserlichen Fischzucht aus kann man entweder den Rundgang „Beobachtungsstände“ (Nr. 3) oder den Rundgang zum „Grossen Ried“ (Nr. 4) einschlagen. Wir wählten den Weg Nr. 4, der uns entlang der Unteren Au führte. Dies war für uns die heisseste Strecke, da wir über freies Feld marschieren mussten. Die Sonne brannte unbarmherzig auf die erhitzten Gemüter. Unweit der Ortschaft Bartenheim machte der Weg eine Wendung um 90 Grad, und wir begannen den Rückweg.
 
Es hat nicht viel gefehlt und wir wären in Bartenheim irgendwo eingekehrt, um unseren aufkommenden Riesendurst mit etwas Kühlem zu stillen. Der Kiosk in der Kleinen Camargue war nämlich an diesem Dienstagnachmittag geschlossen. Pech für uns, dass wir diesmal nichts zum Trinken dabei hatten. Wir dachten, eine 2-stündige Wanderung würden wir ohne Getränk aushalten. Aber wir kämpften uns tapfer weiter, gingen dem Canal de Huningue entlang und schlugen uns über schmale Wege zu einigen Beobachtungsständen durch. Naturfreunde können hier Tiere hautnah beobachten.
 
Von einem Beobachtungsstand aus bewunderten wir im Gebiet Grand marais in der Nähe des Canal de Huningue die herrliche Auenlandschaft mit den Teichen. In einem Teich sahen wir im Wasser 2 seltsame Tiere stehen. Es waren, wie ich mir sagen liess, keine Wasserbüffel, sondern Highlandrinder (Hochlandrinder). Diese braunen Tiere genossen sichtlich das kühle Nass. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre auch zum Abkühlen in den Teich gesprungen. Aber in diesen Teichen dürfen sich ja nur Rindviecher und anderes Getier tummeln. Vielleicht wären aber auch ungebetene Badegäste von den Rindern auf die Hörner genommen worden. Und das wollten wir auf keinen Fall riskieren.
 
Der Rückweg führte uns über verschlungene Pfade und über Bohlenwege wieder zurück zur „Kaiserlichen Fischzucht“. Auf dem kürzesten Weg (1) erreichten wir unseren Ausgangspunkt.
 
Wer noch weitere Wege erkunden will, der kann den Rundgang „Mittlere Au“ (Nr. 5) oder den Rundgang „Kirchenerkopf“ (Nr. 6) wählen. Aber an diesem schwülen Tag wollten wir nicht länger herumlaufen, sondern lieber unseren Durst in einer Kneipe am Rhein stillen. Das taten wir dann auch. Kühle „Radler“ (Gemisch aus Bier und Zitronenlimonade; diese Mixtur wird im Französischen als „Panaché" bezeichent) rannen durch unsere trockenen Kehlen. Es war ein Genuss. Zu Hause konnte ich meinen ausgetrockneten Körper durch eine weitere Flüssigkeitszufuhr normalisieren.
 
Infos im Internet
 
Infos über Wasserlinsen
 
Adresse
Association Petite Camargue Alsacienne
1, rue de la Pisciculture – 68 300 Saint-Louis
 
Bücher
Aude Boissaye, Philippe Knibiely: „Der Urwald am Rhein“, Edition Dna, 2006
Heiner Lenzin: „Petite Cmargue Alsacienne“, mit Exkursionsführer, Gva-Vertriebsgemeinschaft, 2004.
 
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