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BLOG vom 09.07.2007


Mallorca-Impressionen (I): Aus Ballermann wurde Balnearino
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Aufenthalt in fremdem Land mehrt und kräftigt den Verstand.“
Aus Spanien
 
„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“
Matthias Claudius
 
„Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite.“
Johann Wolfgang von Goethe
 
„Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.“
Jean Paul
 
Dieses Jahr entschieden wir uns kurzfristig für einen einwöchigen Mallorca-Urlaub. Mallorca war mir bereits bestens bekannt. 1969 reiste ich nämlich nach Ableistung meines Wehrdienstes mit dem Kameraden Günther Kochendörfer dorthin. Es waren schöne 14 Tage. Wir lernten die Insel auf vielen Exkursionen kennen und schätzen. Günther absolvierte damals einen Tauchkurs. Bei einem Tauchgang in der Nähe der Insel Cabrera (= Ziegeninsel; diese diente im Mittelalter Piraten als Unterschlupf) war ich dabei und konnte die Tauchgänge mitverfolgen. Auf der Rückreise mit einem Motorschiff erhielten wir alle reichlich roten Sangría. Wir mussten das Getränk, das aus Wein, Fruchtsaft und Spirituosen besteht, aus einem Porrón trinken. Dieses Glasgefäss ist mit einer kleinen Austrittsöffnung versehen. Könner halten den Porrón dabei mit gestrecktem Arm fast einen halben Meter vom Mund entfernt. Unsere Versuche waren nicht von Erfolg gekrönt. Während der schwankenden Fahrt und unter dem Windeinfluss verkleckerte so mancher ungeübte Tourist sein T-Shirt. Auch ich sah hinterher rotfleckig aus.
 
Während unseres damaligen Aufenthalts unternahmen wir Tages- und Halbtagesausflüge in den Norden der Insel (Port de Pollença und Cap Formentor), reisten zur Perlenstadt Manacor, besuchten die Drachenhöhlen, besichtigten eine Weingenossenschaft, eine Likörfabrik, eine Olivenholzschnitzerei und eine Glasfabrik. Wir waren auch an einem Abend bei einem spanischen Landfest auf der „Ponderosa“ dabei.
 
In der von mir herausgegebenen „Reservisten-Zeitung“ berichtete ich Amüsantes über unseren Reiseleiter. Hier ein Auszug: Unser Reiseleiter, ein Spanier, 16 Monate in Bayern ausgebildet, hiess Julius und wurde von den Urlaubern „Bandito“ gerufen. Dass er zu Recht den 2. Namen trug, wurde uns bald verdeutlicht. Eine Fahrt nach Palma mit einem Reisebus kostete bei ihm 125 Peseten (damals 7,50 DM), dieselbe Fahrt mit dem Linienbus nur die Hälfte. Das erfuhren wir erst nachträglich. Am nächsten Tag stellte ich ihn zur Rede. Er entgegnete Folgendes: „Linienbus fahren langsamer als Reisebus, Linienbus muss halten in Santanyí, Campos, Lluchmajor und haben immer Aufenthalt, deshalb billiger als Reisebus.“ Auf meine Entgegnung, dass in Deutschland Gesellschaftsfahrten billiger seien, erwiderte er: „In Deutschland Kinoplätze vorne die billigsten, hier in Spanien die hinteren Plätze billiger als vordere Plätze.“
 
Julius wollte auf einem spanischen Fest auf der „Ponderosa“ unbedingt einen Schuhplattler tanzen und auch einen Jodler vortragen. Die grösste Freude hatte er, wenn er in Gesprächen mit deutschen Urlaubern bayerische Vokabeln gebrauchte.
 
So weit das Zitat. Zu jener Zeit kam die Tourismusindustrie durch Überbuchungen in die Schlagzeilen. Viele Touristen erhielten keine Zimmer, sie mussten teilweise in Parks, auf Bänken und am Strand übernachten. Wir hatten damals Glück, denn wir buchten ein privates Quartier in dem ruhigen Fischerdorf Cala Figuera im Osten der Insel.
*
Wir buchten die TUI-Reise vom 26. Juni bis 3. Juli 2007 im Reisebüro Grether in Schopfheim. Der Besitzer empfahl uns das 4-Sterne-Hotel Riu Bravo in Playa de Palma (Platja de Palma). Reisegesellschaften weisen diesen Urlaubsort bzw. die weltbekannte 8 km lange Bucht zwischen Can Pastilla und Arenal als Playa de Palma aus. Im ADAC-Reiseführer wird der Knoten entwirrt (oder auch nicht!):
 
Platja de Palma möchten die Stadtväter von Palma auch Arenal benannt wissen – aber richtig ist es dennoch nicht. Umgekehrt wird die eigentliche Platja de Palma häufig als Arenal bezeichnet, z. B. wenn Reiseveranstalter ihre Hotels anpreisen.“ Man einigte sich dann auf Platja de Plama/S`Arenal.
 
Herr Grether hatte übrigens das erwähnte Hotel mit einem Schweizer Kollegen kürzlich getestet und für sehr gut befunden. Die Riu-Hotels haben einen hohen Qualitätsstandard und bieten All-Inclusive-Verpflegung an.
 
Ausschlaggebend für uns war auch die Kürze des Flugs (1½ Stunden für die etwa 950 km von Basel nach Palma), die Nähe unseres Domizils zu Palma (12 km) und dem Flughafen (5 km). Auch wollten wir keinen stundenlangen Transfer über uns ergehen lassen. Der Transfer vom Flughafen zu unserem Hotel dauerte nur 20 Minuten.
 
Platja de Palma/S´Arenal (L´Arenal) ist Mallorcas und Spaniens Badeort Nummer 1. 50 000 Feriengäste sorgen hier für einen Massentourismus. Wir wählten ein Hotel, das etwas entfernt vom berühmt-berüchtigten Ballermann und den umtriebigen Bierhallen und Discos war. Abseits des Massentourismus kann man noch das ursprüngliche Arenal entdecken. Es gibt dort noch einen kleinen Hafen, zweistöckige Häuser, echte Tapas-Bars und mallorquinische Bäckereien und Lebensmittelläden und am Dienstagvormittag auch einen Wochenmarkt.
 
Bei einer Fahrradtour entdeckte ich in Platja de Palma/S`Arenal Schilder mit den Bezeichnungen Balnearios (1–15). Es sind Ortsangaben bzw. Adressen. Die Bezeichnung „Ballermann 6“ wurde inzwischen auf Veranlassung der spanischen Behörden gestrichen. Man findet dann die Angabe „Balnearino 6“.
 
Bevor ich näher auf meine Erlebnisse eingehe, werde ich Ihnen Informatives über Mallorca näher bringen.
 
12 Millionen Urlauber auf der Insel
La Luminosa („die Leuchtende“) wird Mallorca von den Einheimischen genannt. Sie ist trotz Bauboom und teilweise Verschandelung bestimmter Gebiete mit hohen Hotelbauten die Perle des Mittelmeers geblieben. Es ist unglaublich, wie viele Urlauber auf diese Trauminsel strömen. 1960 reisten nur 360 000 Touristen auf die Insel, 1970 waren es schon 2 Millionen, und 2006 steigerte sich die Zahl auf 12 Millionen. Die Deutschen sind hier in der Überzahl (39  % aller Urlauber, andere Quellen geben 43 % an), gefolgt von Touristen aus Grossbritannien.
 
Die Insel wird nicht umsonst von den Deutschen als die Trauminsel bezeichnet (manche sprechen sogar vom 17. Bundesland): Mallorca, das Land der uralten Ölbäume, ein Paradies, wo duftende Orangen- und herrliche Mandelbäume blühen, wo fieberhafter Fremdenverkehr sich mit der gelassenen Ruhe der Einheimischen innig vermengt, eine Trauminsel auch für Schauspieler, Dichter, Musiker und Denker.
 
Berühmtheiten und schwarze Schweine
Auf Mallorca verbrachte Frédéric Chopin (1810–1849) den Winter 1838/39 in der Kartause von Valldemossa. Seine Begleiterin George Sand (1804–1876) verfasste hier das Buch „Ein Winter auf Mallorca“. Sie beschreibt in diesem Werk die Naturschönheiten Mallorcas, aber an den Bewohnern und auch an den schwarzen Mallorcaschweinen lässt sie kein gutes Haar. In ihrem Werk schreibt sie dazu Folgendes (die Schweine wurden für teures Geld verkauft und besser behandelt als die Passagiere):
 
„Als wir endlich in Barcelona vor Anker gegangen waren, wollten wir uns natürlich möglichst schnell von dieser sonderbaren Gesellschaft trennen. Aber es war uns nicht erlaubt, an die frische Luft zu gehen, eh die Schweine ausgeschifft waren. Wir hätten ruhig in unseren Kabinen ersticken können, ohne dass sich jemand um uns gekümmert hätte, solange auch nur noch ein Schwein vom rollenden Schiff aufs Land zu bringen war …“
 
Auch der Philosoph und Theologe Ramón Llull (1232 oder 1235–1316) erwähnte das schwarze Schwein in seinen Schriften. Dieser Autor war zunächst als Don Juan berühmt und berüchtigt. Später wurde er vom Saulus zum Paulus, indem er als Missionar wirkte. Grosse Verdienste erwarb sich Llull, indem er die katalanische Volkssprache als Schriftsprache mit eigener Grammatik etablierte.
 
Und noch eine Berühmtheit liess sich auf Mallorca nieder (1945): Es war der Künstler Joan Miró (1893–1983). Er schuf hier bedeutende Gemälde, Skulpturen und Keramiken.
 
Und hier noch einige Infos zum schwarzen Mallorcaschwein: Aus dem Fleisch des normalen und schwarzen Schweins (60 000 Schweine soll es auf Mallorca geben) wird die Wurst Sobrassados gewonnen, die weltweit exportiert wird. Diese Paprika-Schweinefleisch-Wurst kann man in Metzgereien hängen sehen. Sie sind im Aussehen unverwechselbar, da sie eine Keulen- oder Birnenform haben. Wie ich mir sagen liess, werden pro Jahr 2,5 Millionen Kilo dieser Wurst in 38 Produktionsstätten hergestellt.
 
8 Euro kostet eine Wurst mit dem Geschmack des normalen Schweins, während man für die Wurst mit dem Fleisch des schwarzen Schweins 16–18 Euro berappen muss. Das Fleisch des schwarzen Schweins hat einige Vorzüge gegenüber dem normalen Schwein zu bieten. Es hat einen wilderen Charakter, zeichnet sich durch eine längere Haltbarkeit aus und ist nicht so fetthaltig.
 
Nicht nur Traumstrände auf Mallorca
Mallorca bietet nicht nur Traumstrände (es gibt hier 200 Buchten und Strände), sondern auch prächtige Kirchen, historische Gärten, Naturparks, Denkmäler, Kunstgalerien, Museen, prähistorische Siedlungen und römische Ruinen, Wildwasserschluchten, Höhlen (200 Tropfsteinhöhlen, 5 sind für die Öffentlichkeit zugänglich), Windmühlen, Fincas, Klöster, Wälder voller Aleppokiefern und Steineichen, fjordähnliche Buchten und fast alpine Gebirgszüge. Die reichhaltige Flora mit über 1500 Arten ist für Botaniker ein Eldorado. Es gibt hier tausendjährige Olivenbäume und über 2 Millionen Mandelbäume. Der höchste Berg ist übrigens der Puig Major mit 1445 Meter im Gebiet der Serra de Tramuntana.
 
Mallorca wird ja immer wieder mit dem Massentourismus und dem „Ballermann“ in Platja de Palma/S`Arenal in Verbindung gebracht. Während die Deutschen Playa de Palma/Arenal als Domizil auserkoren haben, residieren die Engländer insbesondere in Magaluf. Und dort wird gebechert, was das Zeug hält. Alle diese Auswüchse (Saufgelage) haben der Insel negative Schlagzeilen beschert. Darüber später etwas mehr.
 
Wer die grossen Strandhotels und die pulsierenden Orte mit ihrem schrillen Nachtleben meiden möchte, kann seinen Urlaub abseits bekannter touristischer Pfade auf Fincas (Ferienhäuser bzw. Bauernhöfen) und Klöstern verbringen. Auf den Fincas, die oft von Mandelbäumen, Zitronen- und Orangenhainen umgeben sind, muss man nicht unbedingt auf Komfort verzichten. Viele haben einen Swimmingpool und eine gehobene Zimmerausstattung. Die Urlauber werden mit landestypischen Speisen aus eigener Herstellung verwöhnt. Die Klosterherbergen sind spartanischer, aber auch billiger. Für 20 Euro bekommt man hier schon ein Zimmer mit Frühstück.
 
Mallorca ist aber auch ein Paradies für Taucher, Segler und Surfer, aber auch für Wanderer und Radfahrer. Inzwischen soll es 75 000 Radwanderer auf dieser Insel geben.
 
Mallorca zählt etwa 792 000 Insulaner. Die Amtssprachen der Mallorquiner sind Katalonisch und Spanisch (Kastilisch). Fast die Hälfte (375 000) hat sich in Palma, der Inselhauptstadt, niedergelassen. Die Mallorquiner sind sehr geschäftstüchtig, aber auch zurückhaltend und verschlossen. Es gibt übrigens auf Mallorca 35 000 ausländische Residenten, die sich hier auf Dauer niedergelassen haben.
 
Der Tourismus hat etliche Bauern zu mehrfachen Millionären gemacht. Laut Erbteilung erwarb der älteste Sohn den Hof. Die jüngeren Kinder bekamen oft minderwertiges Land. Und dieses Land, das nahe an der Küste lag, erwies sich als Goldgrube. Ihr Erbteil wurde plötzlich zu Bauland. Oft verkauften auch die Hoferben später ihren Besitz und bauten an den Stränden Hotels. Hier verdienten sie bedeutend mehr als durch die Landwirtschaft. Und noch eine Zahl ist interessant: ¾ der Inselfläche wird landwirtschaftlich genutzt.
 
Die Mallorquiner erwirtschafteten das höchste Pro-Kopf-Einkommen Spaniens (17 000 Euro gegenüber 13 500 Euro im spanischen Durchschnitt). 75 % der Menschen arbeiten im Dienstleistungsgewerbe, sprich in der Tourismusbranche.
 
Fortsetzung folgt
 
Hinweis auf einen weiteren Mallorca-Bericht im Textatelier
 
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