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BLOG vom 09.07.2007


Kannitverstan: Doch Verständnis für Johann Peter Hebel
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
„Allemannische Gedichte“„für Freunde ländlicher Natur und Sitten“ fügte Johann Peter Hebel (1760–1826) dem 1. Band seiner Werke als Untertitel bei. Mein Exemplar wurde in der 5. Auflage 1872 von der G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin herausgegeben.
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Ich war mitten dabei, meine Bücher abzustauben und neu in die Gestelle einzuordnen, als mir dieses Bändchen in die Hände fiel und ich es selbstvergessen zu lesen begann. Die gotische Schrift kann ich lesen, obschon sie recht klein gedruckt ist, doch machte mir die Mundart Mühe. Zu meiner Erleichterung fand ich im Internet das „Schriftdeutsch-al(l)emannische Wörterbuch von Walter Olschowska.
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Johann Peter Hebel wurde 1760 in der Basler St. Johann-Vorstadt geboren und wuchs in Hausen im Wiesenthal, nahe bei Basel, auf. Auf dem Schulweg, „Zur Mücke“ auf dem Münsterplatz, habe ich oft kurz vor seiner Büste bei der Peterskirche innegehalten. Natürlich gehörte er zu meiner Klassenlektüre. Viele meiner Mitschüler empfanden die Klassenlektüre als Pflichtlektüre. Mir jedoch war sie keine Pflicht, sondern reinste Freunde, so sehr, dass ich ihretwegen gerne meine „Pflichtfächer“ vernachlässigte.
 
Zuerst besuchte Johann Peter Hebel die Lateinschule in Schopfheim D und dazwischen auch das Gymnasium auf dem Münsterplatz in Basel, ehe er anschliessend Theologie studierte und 1791 ans Karlsruher Gymnasium berufen wurde, wo er bis 1814 als Lehrer unterrichtete.
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Mir behagen ganz besonders seine „Erzählungen des rheinländischen Hausfreunds“. Als Theologe gab Hebel seinen Geschichten jeweils eine Moral bei, was mich weiter nicht stört, da sie unaufdringlich ist. Eine seiner wohl bekanntesten Geschichten heisst: „Kannitverstan“ (1809).
 
„Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Umstand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen.“
 
Ein deutscher Handwerksbursche streifte neugierig durch Amsterdam. Wissbegierig fragte er die Leute unterwegs: „Wem gehört dieses wunderschöne Haus, und wem das riesige Schiff im Hafen?“ Jedesmal bekam er „Kannitverstan“ (kann nicht verstehen) zur Antwort.
 
Damit ich den Lesehunger nach dem Fortverlauf der Geschichte nicht verderbe, komme ich stracks zur Moral der Geschichte: „Endlich ging er leichten Herzens mit den anderen wieder fort, verzehrte in seiner Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein grosses Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“
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Blogs sind Tagebuchblätter. Und Johann Peter Hebels Kalendergeschichten sind in diesem Sinne eine höchst ergötzliche Sammlung von Blogs – von seiner Fabulierlust ausgelöst.
 
Johann Peter Hebel war nicht in seine eigene Theologie eingesponnen, was folgende Geschichte nachweist:
 
Mohammed
Dem Mohammed wollten es anfänglich nicht alle von seinen Landsleuten glauben, dass er ein Prophet sei, weil er noch kein Wunder getan hatte wie Elias. Dazu sagte Mohammed ganz gleichgültig, wie einer, der eine Pfeife Tabak raucht und etwas dazu redet, „das Wunder“, sagte er, „macht den Propheten noch nicht aus. Wenn ihr’s aber verlangt, so werden ich und jener Berg dort geschwind beieinander sein.“ Nämlich, er deutete auf einen Berg, der eine Stunde weit oder etwas entfernt war, und rief ihm mit gebietender Stimme, dass der Berg sich soll von seiner Stätte erheben und zu ihm kommen. Als aber dieser keine Bewegung machen und keine Antwort geben wollte, wiewohl keine Antwort ist auch eine, so ergriff Mohammed sanftmütig seinen Stab und ging zum Berg, womit er ein merkwürdiges und nachahmungswertes Beispiel gab, auch für solche Leute, die keine Propheten zu sein verlangen, nämlich, dass man dasjenige, was man selbst tun kann, nicht von einem wunderbaren Verhängnis oder von Zeit und Glück oder von andern Menschen verlangen soll. Z. B. hast du etwas Notwendiges und Wichtiges mit jemand zu reden, so warte nicht, bis er zu dir kommt. Weit geschwinder und vernünftiger gehst du zu ihm. Ein hübscher Kirschenbaum in dem Garten wäre eine schöne Sache. Das Plätzchen schickte sich dazu. Warte nicht, bis er selber wächst, sondern setze einen. Ferner, ein Abzugsgraben, ein guter Weg durch das Dorf, wenigstens ein trockener Fussweg, ein Geländer am Wasser oder an einem schmalen Steg, damit die Kinder nicht hineinfallen, kommt viel geschwinder zustande, wenn man ihn macht, als wenn man ihn nicht macht. Man sollte nicht glauben, dass es Leute gibt, denen erst ein arabischer Prophet oder ein Kalenderschreiber so etwas muss begreiflich machen.
 
Selbst der Kalenderschreiber, der doch einem Propheten nicht viel nachgibt – es liesse sich noch ein Wort mehr sagen, –, verlangt nicht, dass das alte Jahr fortdauern soll, bis der neue Kalender fertig ist, sondern er schreibt den neuen, wenn das alte noch währet.
 
Summa Summarum:
Schick dich in die Welt hinein,
Denn dein Kopf ist viel zu klein,
Dass die Welt sich schick' in ihn hinein.
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Als Ausland-Basler muss ich unbedingt diese 3. Strophe aus „Z'Basel an mim Rhi“ einschieben:
„Uf der breite Bruck (damit ist die Mittlere Rheinbrücke gemeint),
für si hi und zruck,
nei, was sieht me Here stoh,
nei, was sieht me Jumpfere goh,
uf der Basler Bruck.“
*
Auch bin ich nachweislich ein Freund der Spinnen (siehe Blog vom 10.9.2006: Unsere Kreuzspinne und Gotthelfs „Schwarze Spinne“). So möchte ich jetzt, wo die Spinnen wacker ihre Sommernetze hissen, diese Strophe aus den Hebel-Gedichten einflechten:
 
Das Spinnlein
Nei, lueget doch das Spinnli a,
wie's zarti Fäde zwirne cha!
Bas Gvatter, meinsch, chasch's au ne so?
De wirsch mers, traui, blibe lo.
Es machts so subtil und so nett,
i wott nit, assi ‚s z’hasple hätt.
*
Was der Samstag zum Sonntag sagte, genau so fühlte ich mich: zunehmend schläfrig, besonders als sich der Tennis-Endkampf zwischen Roger Federer und Rafael Nadal um den Wimbledon-Final arg in die Länge zog. Meine Entschuldigung: Ich war von den Renovationsarbeiten in unserem Haus übermüdet. Nicht so mein Sohn, der sich diesmal als Basler bekannte, gar leidenschaftlich am Spiel teilnahm und mich immer wieder aus meinem Nickerchen riss.
 
Sonntagsfrühe
Der Samstig het zum Sunntig gseit:
„Jez hani alli schlofe gleit;
sie sin vom Schaffe her und hi
gar sölli müed und schlöfrig gsi,
und 's gohtmer schier gar selber so
i cha fast uf ke Bei meh stoh."
*
Da dieses Blog Johann Peter Hebel gewidmet ist, lasse ich ihn in dieser letzten Geschichte nochmals – mit morgenländischem Bezug – zum Wort kommen:
 
Der kluge Richter (1805)
Dass nicht alles so uneben sei, was im Morgenlande geschieht, das haben wir schon einmal gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetragen haben. Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenäht war, aus Unvorsichtigkeit verloren. Er machte daher seinen Verlust bekannt und bot, wie man zu tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Talern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. „Dein Geld habe ich gefunden. Dies wird’s wohl sein! So nimm dein Eigentum zurück!”
 
So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verloren geschätztes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seine versprochene Belohnung bringen könnte. „Guter Freund”, sprach er hierauf, „es waren eigentlich 800 Taler in dem Tuch eingenähet. Ich finde aber nur noch 700 Taler. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und Eure 100 Taler Belohnung schon herausgenommen haben. Da habt Ihr wohl daran getan. Ich danke Euch.”
 
Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten, und Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100 Taler, als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, dass er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie er’s gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den Richter. Beide bestanden auch hier noch auf ihrer Behauptung, der eine, dass 800 Taler seien eingenäht gewesen, der andere, dass er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rat teuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum voraus zu kennen schien, griff die Sache so an: er liess sich von beiden über das, was sie aussagten, eine feste und feierliche Versicherung geben und tat hierauf folgenden Ausspruch: „Demnach, und wenn der eine von euch 800 Taler verloren, der andere aber nur ein Päcklein mit 700 Talern gefunden hat, so kann auch das Geld des letztern nicht das nämliche sein, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund, nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurück und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Taler verloren hat. Und dir da weiss ich keinen andern Rat, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deine 800 Taler findet.“ So sprach der Richter, und dabei blieb es.
Sein ganzes Leben hat Johann Peter Hebel in seiner geliebten badischen Umwelt verbracht – aber sein Geist beflügelte ihn weit über sie hinweg. Das anerkannten unter vielen anderen auch Gottfried Keller, Hermann Hesse und Johann Wolfgang von Goethe.
 
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