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BLOG vom 15.07.2007


Kopenhagen und die kleine Meerjungfrau schicken Grüsse
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Eine Ansichtskarte aus Kopenhagen steht im Mittelpunkt meines Blogs von heute. Als Feriengruss ist sie bei mir eingetroffen. Verführerisch schön mit Aufnahmen wichtigster Orte dieser Stadt und mit einer Foto der Skulptur von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau, dem Nationalsymbol der Dänen. Noch immer schaut sie wartend und traurig aufs Meer und berührt alle, die sie sehen.
 
Auf der Rückseite der Karte, unten im Bereich, der den persönlichen Grüssen vorbehalten ist, sprach mich die Skizze der Stadtsilhouette mit den Türmen verschiedenster Gebäude und Kirchen sofort an. Sie zeigt sich anders als moderne Städte heute erscheinen wollen. Hier weisen alle Bauten über sich hinaus. Kein Flachdach, kein Wolkenkratzer ist dabei. Historische Bauwerke geben mir immer den Eindruck, wir könnten ihre Giebel oder Türme ersteigen, um ins Universum abzufliegen. Locker und leicht. Ganz anders die modernen „Towers“, deren Dächer eine horizontale Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen ziehen. Oben angekommen, muss die Decke wie eine Barriere wirken. Ein dickes Brett über dem Kopf. So empfinde ich ihre abgeschlossene Form.
 
Zur Silhouetten-Skizze auf der Postkarte gehört rechts unter dem Adressbereich auch noch eine dazu, die den Hafen mit einem grossen Schiff markiert. Sie ist für mich in der nachfolgenden Geschichte ebenfalls wichtig.
 
Diese Postkarte aus Kopenhagen löste also vielerlei aus, besonders auch den Wunsch, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau wieder einmal zu lesen. Der Dichter, Hans Christian Andersen, der diese Figur erschuf, lebte von 1805–1875. Und seine Märchen leben heute noch. Sie sind voller Spannung, erreichen uns in seelischen Tiefen, wo die Erfahrungen der Menschheit zu Hause sind. Die Bilder, die sie erzeugen, sprechen für sich selbst. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie ausführlich deuten müssen.
 
„Die kleine Meerjungfrau“ ist die Geschichte einer grossen Liebe, von der der schöne Prinz mit den grossen, schwarzen Augen nichts weiss. Als sein Schiff im Sturm kenterte, wäre er ertrunken, hätte ihn die Meerjungfrau nicht aufgefangen und ans Land gebracht. Solange er von ihr durch die Meeresfluten getragen wurde, waren seine Sinne ermattet, und als er von der Sonne beschienen, am Strand endlich aufwachte, sah er seine Retterin nicht. Ausserhalb seines persönlichen Blickwinkels schaute sie nach ihm aus. Er lächelte alle anderen dankbar an, die ihm entgegenkamen, nur sie nicht. Er konnte sie nicht sehen.
 
Diesen einen Aspekt der Geschichte habe ich für meinen Aufsatz herausgezogen, weil ich gleich danach im Tram eine zwar banale Episode erlebte, der aber das gleiche Thema zugrunde liegt.
 
An der Tramhaltestelle Förrlibuck in Zürich versuchte eine Frau nervös, ihre Fahrkarte dem Billett-Automaten zu entlocken. Sie fütterte ihn mit reichlich Kleingeld, aber nicht alle Münzen wurden sofort akzeptiert. Das Tram war eingefahren, Gäste ein- und ausgestiegen und wäre sicher weitergefahren, wenn nicht eine Frau im Tram die Situation erfasst hätte. Sie konnte von ihrem Sitzplatz aus mit Knopfdruck die Türschliessung blockieren und der Frau draussen die Mitfahrt ermöglichen. Es dauerte eine ganze Weile. Als sie einstieg, seufzte diese erleichtert und setzte sich auf einen freien Platz. Sie dankte nicht, wusste nicht, wer ihr geholfen hatte. Sie vermutete vielleicht, dass der Chauffeur die Situation über den Rückspiegel erfasst habe. Sie war einfach erleichtert, dass sie jetzt fahren konnte und nur mit sich selbst beschäftigt.
 
Ich aber sass der helfenden Frau über den Gang schräg gegenüber und konnte beobachten, wie enttäuscht sie war. Ihr Mund verzog sich, ihr Gesicht wurde lang. Sie konnte es nicht verwinden, dass man sie überging. Sie schien zu denken: Hat diese Person keine Manieren? Danke hätte sie sagen können. Sie kann froh sein, dass ich ihr geholfen habe. Ich zwinkerte ihr zu, doch konnte ich sie nicht erreichen. Ihre Enttäuschung blockierte sie.
 
In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die kleine Meerjungfrau im Märchen, mit der ich tags zuvor einen glücklichen Ausgang der Geschichte ersehnt hatte und dachte: Es muss sich um ein Lebensgesetz handeln, denn wir alle kennen solche Situationen. Wahre Hilfe bleibt oft unerkannt.
 
Wie es die kleine Meerjungfrau geschafft hat, über sich selbst hinaus zu steigen, erzählt Andersen auch noch. Das Märchen ist im Internet abrufbar.
 
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