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BLOG vom 17.09.2007


Priester-Geschichten (II): Domherr baumelte am Glockenseil
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Die Geschichten über Geistliche und Kirchen gehen mir nicht aus. Schon in der Vergangenheit berichtete ich über den aufmüpfigen Pfarrer Franz Sabo aus Röschenz, der sich mit seinem Bischof anlegte und für Furore sorgte (siehe Blog vom 15.04.2005: Pfarrherrliche Röschenzer Übung: Ungehorsamstraining). Der Basler Bischof Kurt Koch hatte Sabo damals die Missio Canonica (den kirchlichen Seelsorgeauftrag) entzogen und sollte von der Kirchengemeinde entlassen werden. Die Gemeinde wollte jedoch ihren beliebten Pfarrer behalten. Nun gab es Anfang September 2007 ein Urteil: Die Kirchengemeinde Röschenz muss den Pfarrer nicht entlassen. Das Gericht prangerte Verfahrensfehler an. Franz Sabo fühlt sich jetzt als moralischer Sieger. Rechtsvertreter des Bistums prüfen jetzt, ob das Verfahren am Bundesgericht neu gestartet werden soll.
 
Unglaubliches erfuhr ich von einer Bekannten aus Liestal BL (Schweiz). So wurde Pfarrer Sabo von bestimmten Kreisen in gravierender Weise verunglimpft. Ein Mann, der nicht nach der Pfeife des Bischofs tanzt, sollte fertig gemacht werden. Bei einer Firmung weigerte sich der Bischof, die Kinder zu firmen, wenn Sabo anwesend sei. „Da sieht man wieder einmal, wie wenig den Oberen das Wohl der Kinder am Herzen liegt“, so die Bekannte. Dann erzählte sie noch, dass sich die Gemeinde geweigert hat, den Wünschen des Bischofs zu folgen. Die Firmung fiel dann aus. Sie wurde dann in einer anderen Form ohne den Segen des Bischofs durchgeführt.
 
Dann gab es Anfang September 2007 noch 2 Meldungen über Priester. So kam ein katholischer Pfarrer aus dem Landkreis Regensburg D wegen Kindesmissbrauchs in Haft. Trotz einschlägiger Vorstrafen wurde der Priester wieder in der Seelsorge eingesetzt.
 
Die Kopenhagener Boulevardpresse berichtete kürzlich über die Eskalation eines jahrelangen Nachbarschaftsstreits zwischen einem Pfarrer und einer Frau. Er nahm seine Schrotflinte und ballerte durch die Haustüre seiner Nachbarin und verletzte einen Pudel in Brust und Magen. Der Pudel überlebte die ruchlose Tat.
 
Nun möchte ich einige amüsante, kuriose und manchmal unglaubliche Anekdoten von anno dazumal aus meiner Anekdotensammlung bringen.
 
Arme Frau in der englischen Kirche
Baden-Baden war früher Ziel vieler hochgestellter Persönlichkeiten. Adelige, Geschäftsleute, Schriftsteller, berühmte Ärzte gaben sich hier ein Stelldichein. Es war zu jener Zeit Pflicht, sich auf Bällen, Konzerten und in Gottesdiensten sehen zu lassen. Dazu eine nette Geschichte, die Heinrich Berl in seinen „Ergötzlichen Geschichten aus Alt-Baden“ zum Besten gab:
 
Mark Twain fuhr eines Tages mit seinem Freund Harris in einem vornehmen Wagen zur englischen Kirche. Sofort wurden die beiden in das für honorige Persönlichkeiten reservierte Kirchengestühl zur linken Seite der Kanzel gebracht. Mark Twain bemerkte eine vor ihm sitzende ältere Dame, die billig gekleidet war. Daneben sass eine süsse junge Dame, die ebenfalls an Schlichtheit kaum zu überbieten war. Ringsherum befanden sich schick angezogene und mit Schmuck behängte Damen aus der vornehmen Gesellschaft. Twain dachte sich, es müsse der armen Frau peinlich sein, hier unter den feinen Leuten zu sitzen. Als der Pfarrer den Namen Gottes aussprach, schien die Frau völlig den Kopf zu verlieren. Sie stand auf und kniete sich nieder, während die anderen nur den Kopf neigten. Als der Klingelbeutel herumging, warfen die Armen Nickel und die Reichen Silber hinein. Aber die arme Frau vor ihm zückte ein Goldstück und liess es in den Beutel fallen. „Die arme Frau hat sicherlich ihr ganzes Vermögen gegeben“, dachte sich Mark Twain und beschloss, sie mit seiner Kutsche nach Hause zu fahren. – Als die Frau aufstand und zur Kirchentüre ging, standen alle Spalier und blickten ehrfürchtig auf die Schlichte. Es war die deutsche Kaiserin!
Quelle: „Ergötzliche Geschichten aus Alt-Baden“ von Heinrich Berl, Verlag Dr. Willy Schmidt, Baden-Baden 1966.
 
Die Luftsprünge des Domherrn
Balthasar von Hertenstein, Domherr von Konstanz, übernachtete einst in einem Kloster. Als ein Gewitter aufzog, weckte eine Nonne den Gast und bat ihn, die Wetterglocke zu läuten. Der gute Mann, noch von Wein umnebelt, ging nur mit einem Nachthemd bekleidet durch die Kirche, ergriff das Seil der Glocke und begann zu läuten. Der des Läutens Unkundige wurde ständig hoch- und abgezogen. Die Luft fuhr ihm unters Hemd, das nach oben rutschte und wieder abwärts fuhr. Inzwischen kamen die anderen Nonnen mit Kerzen, sahen den Affensprüngen des Domherrn zu und ergötzten sich an seiner Männlichkeit. Mit vereinten Kräften befreiten sie den Geistlichen aus seiner misslichen Lage. Unter grossem Gelächter führten sie ihn in sein Bett zurück.
Quelle: „Wappen, Becher, Liebesspiel“ – Die Chronik der Grafen von Zimmern (1288–1566), ausgewählt von Johannes Bühler, Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 1940.
 
Basler Kirchenleben
Pfarrer Johann Jakob Uebelin (1793–1873) verdanken wir zahlreiche Anekdoten, die er selbst erlebt oder überliefert bekommen hat. In 2 Büchern hat er sie publiziert. Eugen A. Meier hat im Birkhäuser Verlag zu Basel 1970 den prächtigen Bildband „Aus dem alten Basel“ mit vielen dieser Anekdoten herausgegeben. Hier einige ergötzliche Anekdoten aus alter Zeit:
 
Magister Johannes Strübin neigte zum Schnapstrinken. Im angesäuselten Zustand sammelte er eines Morgens während des 2. Gebets das Opfer ein und wollte den prall gefüllten Klingelbeutel zum Altar tragen. Er schwankte gewaltig; die ersten Stufen schaffte er mit Mühe, aber die letzte hatte es in sich. Er stolperte, und der Geldsegen verteilte sich auf dem Kirchenboden. Sofort stürmten einige Herren nach vorne und bildeten einen Aufsichtsring um den Münzsegen. Strübin konnte dann ungestört die Münzen einsammeln.
 
Der Münsterorganist Samuel Schneider-Bulacher war nicht nur ein begabter Musiker, sondern auch Pfeifenraucher und Blumenzüchter. Er frönte der Leidenschaft des Rauchens so sehr, dass er sich sogar während der Predigt seine Pfeife ansteckte. Die holde Weiblichkeit und die Geistlichen waren darüber nicht so erbaut. Auch rauchte er auf der Rheinbrücke, obwohl das Rauchen wegen Brandgefahr bei hoher Geldstrafe verboten war. Als er wieder eine schmauchte, kam ein Polizeidiener vorbei. Er versteckte die Pfeife flugs unter seinem Überrock. Dabei fiel etwas Glut auf den Holzbelag der Brücke, worauf dieser Feuer gefangen haben soll. Nur das beherzte Eingreifen einiger Passanten verhinderte einen grösseren Brand, hiess es.
 
Die Schornsteine der Hölle
Als das Tabakrauchen aufkam, ereiferte sich besonders die Geistlichkeit über diese Sitte. Ein Pfarrer soll gesagt haben, wenn er die Rauchwolken aus den Mundwinkeln aufsteigen sähe, sei es ihm, als erblicke er die Schornsteine der Hölle. Der Rat verbot übrigens am 22. Juli 1685 das öffentliche Tabakrauchen. Die Raucher gründeten darauf zahlreiche Privatgesellschaften, um ungestört ihrem Laster frönen zu können.
 
Wirtshäuser durften früher erst nach dem Abendgottesdienst geöffnet werden. Wegen der fehlenden Strassenbeleuchtung durfte um 22 Uhr (Sommer 23 Uhr) kein Mensch ohne Licht auf die Strasse gehen. Wer ohne Licht erwischt wurde, musste eine Strafe zahlen.
 
Um 1825 gab es in Kleinbasel viele betagte Leute. Der Älteste zu jener Zeit war ein Kuhhirt mit dem stolzen Alter von 93 Jahren. Er konnte noch ohne Brille lesen.
 
Als der über 90 Jahre alte Pfarrer Johannes Stoecklin (1655–1746) sein Ende nahen fühlte, rief er seinen Sohn ans Krankenbett und meinte, er solle nicht zu häufig auf die Jagd gehen. Dies sei ungesund. Wenn er nämlich nicht so oft bei ungünstiger Witterung auf die Pirsch gegangen, dann wäre er uralt geworden.
 
Standesgemässe Rezeptur
Pfarrer Theodor Falkeysen hatte ein vorzügliches Rezept für eine Magentinktur. Er deponierte die Zusammensetzung in der damaligen Bernoullischen Apotheke, um es bei Bedarf herstellen zu lassen. Der Apotheker staunte nicht schlecht, als er die Rezeptur las: „Die Medizin für die Herrschaft ist mit altem Malaga abzuziehen, die für die Dienstboten bestimmte aber nur mit altem Franzbranntwein!“
 
Als das Bürgerspital aufgrund einer Verlegung entrümpelt wurde, kam auch ein halbzerbrochener Topf mit schimmligem Schmalz zur Versteigerung. Ein Bürger bekam diesen gegen eine geringe Gebühr, er wollte den Inhalt zum Schmieren von Rädern und Lederwerk benutzen. Dies tat er auch. Als das Schmalz fast aufgebraucht war, entdeckte er auf dem Boden grosse und kleine Taler und sonstige Silbermünzen im Wert von 100 Franken alter Währung. Die Behörde verzichtete auf eine Rückgabe, da der Topf samt Inhalt verkauft worden war.
 
Als eine Haustochter vom Stall- und Karrenknecht ein Kind erwartete, jagten ihn die Eltern aus dem Hause. Diese sorgten jedoch für ihre Tochter, indem sie einen beschränkten Gerber beschwatzten, die Vaterschaft anzuerkennen und die Tochter zu ehelichen. Bevor es so weit war, ging die Hochschwangere in die Kirche. Der anwesende Pfarrer empfand dies als Frechheit und nach Beratung mit anderen Priestern wurde ihr klargemacht, sie sei beim Abendmahl unerwünscht. Sie liess sich jedoch nicht beirren, ging trotzdem in die Kirche. Der Geistliche wies sie jedoch schroff ab. Anderntags rächte sich die Frau, indem sie an seinem Gartentor vorbeischritt und ihm die Zunge herausstreckte und ihm vor die Füsse spuckte. Aus dem „unerwünschten Kind“ wurde später ein vortrefflicher Organist. Er hatte einen Hass auf die Kirche und rächte sich, indem er während des Gebets und der Predigt demonstrativ die Kirche verliess. Er vertrat den Standpunkt, er sei nur für das Orgelspiel angestellt.
 
Akrobatik mit Rotwein
Ein ranghöchster geistlicher Würdenträger der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde (Oberstpfarrer oder Antistes) hatte ein braves Pferd. Es trabte morgens und abends selbstständig zur Tränke über den Münsterplatz zum Pisoni-Brunnen. Ein Landpfarrer, der seine Jahrespredigt im Münster gehalten hatte, wollte mit dem Antistes noch einen Schoppen trinken. Dabei wurde ihm das Pferd vorgeführt. Der Landpfarrer schwang sich auf das Pferd, um einen Proberitt zu absolvieren. In der Zwischenzeit brachte ein Hausdiener 2 Schoppen Rotwein. Den einen bekam der Antistes, den anderen der Landpfarrer. Plötzlich rannte das Pferd los in Richtung Münsterplatz zum Brunnen. Krampfhaft hielt sich der Landpfarrer fest, in der anderen Hand schwappte der Rotwein. Alles lachte, denn der in voller Amtstracht reitende Geistliche machte mit dem Rotweinglas in der Hand doch eine überaus komische Figur.
 
Ein besonders „scharfer“ Redakteur des Lokalblatts „Basilisk“ nannte sich Doktor, obwohl er dazu nicht berechtigt war. Er wurde zum Staatsschreiber zitiert, der ihm deswegen Vorhaltungen machte. Als Entschuldigung gab der Redakteur an, dass sich in Deutschland und Frankreich jeder Literat Professor oder Doktor nennen dürfe. In Basel, so der Staatsdiener, gelte dies nicht. Es darf sich nur derjenige Doktor nennen, der promoviert hat. „Aber Professor, wie jeder reisende Deklamator sich nenne, dürfe er sich ungehindert schimpfen!“
 
Der damalige Pfarrer von St. Martin, Theodor Falkeysen, und der Hauptpfarrer waren gerade dabei das Abendmahl zu reichen. In einer langen Schlange standen die Menschen bereit. Als Theodor Falkeysen hinter dem unscheinbaren Provisor der Münsterknabenschule, Johannes Ernst, den Bürgermeister Bernhard Sarasin im Mantel und umgehängtem Degen mit seinem Diener entdeckte, schob er diesen beiseite und wollte zuerst den Ranghöchsten „bedienen“. Der Bürgermeister nahm jedoch den Provisor bei der Hand und sagte laut, dass es jeder hören konnte, dass vor Gottes Tisch kein Regimentsbüchlein gelte, jetzt käme Herr Ernst dran.
 
3 Theologen aus Basel verbrachten regelmässig gemütliche Stunden bei Wein und Bier in einem Gasthof in Kleinhüningen. Ein in die Jahre gekommener Professor bestellte sich eine Flasche Rotwein, worauf ein anderer Schriftgelehrter warnend ausrief: „Im Matthäus, Kapitel 9, Vers 17, steht geschrieben: ,Man giesst auch nicht Wein in alte Schläuche…’“
 
Platzsparende Erdbestattung
In früheren Zeiten wurden in den Städten Selbstmörder abseits und oft ausserhalb des Friedhofs beerdigt. In manchen Orten wie in Liestal waren die Platzverhältnisse so katastrophal, dass jedes Grab mit 2 Leichen belegt werden musste. Als Ironie des Schicksals wurde die Belegung eines Grabs mit einem Nichtgehängten und Gehängten angesehen. Der Nichtgehängte war ein verschmitzter Bauer, der jeden Basler-Stab im Lande zerstörte und blindlings Kunstwerke zerschlug. Der Gehängte war ein Selbstmörder, der sich mit einem Strick das Leben genommen hatte. Die Familie des Zerstörungswütigen erhob Klage, diese wurde jedoch abgewiesen. – Als 1816 ein Riehener Pfarrer Selbstmord beging, wollte die Gemeinde und die Angehörigen den hochgeachteten Geistlichen auf dem Begräbnisplatz nahe der Kirche beerdigen, aber der Hauptpfarrer verweigerte dies. Der Verstorbene musste ausserhalb des Kirchhofs unter einem Holunderstrauch vergraben werden.
 
Die Wiederkehr des Gauls
Ein Pfarrer wollte seinen müden Gaul loswerden. Er ritt das Pferd mit einer schönen weissen Blesse um die Stirn zum Markt und verkaufte ihn für wenige Louisdor an einen Juden. Der Jude meinte, er wolle warten; er habe ein schönes, temperamentvolles Pferd und er müsse nur 6 Neutaler Aufgeld bezahlen. Er verschwand und kam nach kurzer Zeit mit dem neuen Pferd. Der Pfarrer war angetan, zahlte und schwang sich auf den Vierbeiner und trabte heimwärts. Als er den Knecht erblickte, meinte der Pfarrer noch, das Tier hätte den Heimweg quasi von selbst gefunden und gab seine Freude zum Ausdruck, welch gutes Geschäft er gemacht habe. Der Knecht besah sich das Pferd näher. „Kein Wunder“, meinte der Knecht, „das ist ja Euer von zusätzlichem Hafer so temperamentvoll gewordener Bless, dessen weisse Stirn der Spitzbube mit schwarzer Wagenschmiere übermalt hat!“
 
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