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BLOG vom 02.11.2007


Erlebnisse im Kantonsspital Aarau (11): Check-out und Fazit
Autor: Heiner Keller, Ökologe, Oberzeihen CH (ANL AG, Aarau)
 
Check-out und vorläufiges Fazit: 12.10. bis 26.10.2007
 
Auf den 26. Oktober 2007, gut 14 Tage nach der Entfernung des Schlauches zwischen Niere und Blase und des Katheters, bin ich wieder ins Kantonsspital Aarau bestellt: Kontrolle und Beurteilung des Heilungsverlaufs. Schon auf der Fahrt ins Spital muss ich mich beeilen. Das Erwerbsleben hat mich wieder „gepackt“. Am Vortag half ich beim Pressen von Äpfeln (Mosterei Hauser in Oberzeihen), bereitete meinen kleinen Plastiktank für die Produktion von Apfelwein vor, und nahm selbstverständlich an der Vernissage meines neuen Buches „Eschers Erbe in der Linthebene“ teil (Blog vom 29.10.2007: „Heiner Keller: Nach Bözberg West die Linthebene entdeckt“). Nach einer kurzen Nacht war ich im Büro wegen der Redaktion eines Berichtes, eilte ins Spital und nachher an eine wichtige Sitzung in Aarau.
 
Das Kantonsspital Aarau kam mir ganz anders vor als bisher. Irgendwie ist es wieder weit weg. Fühlte ich mich vorher als Patient und Teil des Spitals, empfand ich mich jetzt eher wieder in der Rolle des unbeteiligten Gasts, des Besuchers oder des „gewundrigen“ (neugierigen) Zuschauers. Es kam mir richtig komisch vor, was 14 Tage zu Hause und ohne Schläuche alles bewirken können. Der Eingang, das Sekretariat – „Nehmen Sie bitte im Warteraum Platz“ – waren noch gleich wie vorher. Im Warteraum war ich komischerweise allein und hatte viel Platz: Die Tischvitrine mit all den Modellen von künstlichen Gelenken war verschwunden. Ob das aufgrund meiner Blogs geschah, Zufall ist, oder ob sie einfach neu gestaltet wird, weiss ich nicht. Auf jeden Fall wirkte der Warteraum jetzt weniger abschreckend.
 
Eine neue Pflegefachfrau stellte sich vor und holte mich ins Untersuchungszimmer. Warten. Dann kommen eine junge Ärztin und der stellvertretende Chefarzt mit meiner Krankengeschichte. Begrüssung, zuerst die Ärztin, dann der Chef: „Wie gehts?“„Brillant“, sage ich und erkläre: „Ich bin heute hier für den Check-out.“ Statt einer Antwort kommen der bekannte Augenaufschlag und eine etwas skeptische Miene als Antwort: „Meinen Sie das wirklich so? Dann wollen wir doch nochmals den Ultraschall machen.“ Ich lege mich hin, werde im Wundbereich eingesalbt und beschallt. Wie gewohnt sehe ich den Monitor nicht. Der Chef erklärt der Ärztin, wo man die Helligkeit einstellt und murmelt: „Sieht alles gut aus. Wunde gut verheilt, keine Flüssigkeit auf der Niere, na ja. Sie können sich anziehen. Ja, Herr Keller, ich glaube Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Wir entlassen Sie.“ Ich atme schon auf und setzte zu einem Dankeschön an. Aber: „Herr Keller, Sie wissen, dass Sie Krebs hatten.“ Der Arzt will irgendetwas erklären – ich nehme an, wie schlimm der entfernte Teil war – merkt offenbar, dass mich das überhaupt nicht interessiert und fährt fort: „Wir haben das operiert. Aber man weiss nie, ob wir alles haben, oder ob es wieder kommt. Wir werden sie in 6 Monaten zu einer Computertomographie aufbieten.“ Ich sage nichts mehr. Ich mag überhaupt nicht diskutieren. Mir geht durch den Kopf: Ist das das ausführliche Austrittsgespräch, das gemäss Prospekt mit jedem Patienten geführt wird?
 
Ich verabschiede mich höflich und ziehe Leine. Der Sekretärin winke ich zum Abschied, bedanke mich nochmals und erkläre mich „als geheilt entlassen“. Frohgemut verlasse ich das Gebäude. Im Park, da wo die Gärtner herbstlich lärmig tätig sind, kommt mir in den Sinn: Es hat ja gar niemand nach den Blutwerten und den Befunden des Hausarztes gefragt. Waren diese überhaupt wichtig? Offenbar nicht. Ich werde den Eindruck nicht los: Die im Spital wollten sich einfach versichern, dass jemand (der Hausarzt) etwas macht. Schliesslich muss man ja auch schauen, dass alle Ärzte Arbeit haben und dass die Patienten die Angst nicht so schnell verlieren – sonst kommen sie nicht mehr. Wie anders soll ich mir sonst den mehr als deutlichen Hinweis auf den Krebs so kurz vor der Entlassung erklären?
 
Das Verhältnis von Arzt zu Patient kann komische Züge annehmen. Gegenüber einer gewohnten Geschäftsbeziehung (der Kunde ist König) kann das Kundenverhältnis umgekehrt sein: Der Arzt ist König. Krankenkasse und Patient zahlen. Der (Dienst leistende) Arzt entscheidet und macht Angst. Seine Entscheide begründet er mit einer eigenen Zufriedenheit (das Resultat entspricht seinen Vorstellungen). Wo gibt es das sonst? Anderswo muss der Kunde zufrieden sein, sonst wechselt er den Auftragnehmer. Ab hier wird die Sache vertrackt: Der Arzt weiss auf bestimmten Wissensgebieten viel mehr als der Patient. Er verbreitet Hoffnung und bietet in vielen Fällen Linderung. Wieso er dann immer wieder zusätzlich die Angst einsetzen muss, um Patienten zu lenken, weiss ich nicht.
 
Sogar die Statistik wird benutzt, um Angst zu machen. Viele Leute machen Lotto, obwohl sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, etwas zu gewinnen, verschwindend klein ist. Trotzdem glaubt man daran, einmal an der Reihe zu sein. Bei Krankheiten glaubt man wahlweise an den Teil der Wahrscheinlichkeit, der gerade besser passt. Wenn das Risiko 50:50 (z. B. operieren oder nicht operieren) ist, dann entscheidet man sich für den Vorschlag des Arztes. Wenn der Arzt sagt, bei mir gebe es praktisch keine Infektionen (das Risiko sei verschwindend klein), dann glaubt man das. Dass Statistik und Einzelschicksal nicht unbedingt etwas miteinander gemeinsam haben, geht ob so viel Wissen und Wissenschaft gerne vergessen.
 
Als Mensch und Patient muss man zu jemandem schliesslich Vertrauen haben. Ärzte im Spital machen es einem insofern nicht einfach, weil viele etwas anderes sagen. Es wissen nicht alle gleich viel. Es sagen nicht alle, die es wissen, alles. Niemand sagt, wenn er es nicht weiss. Und zuletzt wirkt vieles, was sie sagen, irgendwie falsch. Ich lese, dass ein Arzt des Unispitals Zürich eine Studie veröffentlicht hat: Fieber bis 39.5° sind für den Körper kein Problem, sondern sie können die Heilung beschleunigen. Künstliche Fiebersenkung trägt, gemäss Studie, weder zur Heilung noch zur Dauer der Krankheit etwas bei. Wie wurde bei mir wegen des Fiebers, das nie über 39.5° stieg, ein „Theater“ gemacht! Wie viele Tabletten unter dem Stichwort „fiebersenkend und schmerzlindernd“ habe ich verabreicht erhalten ohne entsprechende Symptome.
 
Fazit: Damit man Vertrauen aufbauen kann, müssen die Ärzte die Patienten ernster nehmen. Es gibt nicht nur eine Kategorie „Patient“. Ich lege Wert auf Ehrlichkeit; ich schätze es, wenn jemand sagt, er wisse es nicht und wenn meine Meinung auch respektiert wird. Schliesslich ist es mein Leben und die (körperlichen) Risiken liegen sowieso auf meiner Seite. Dafür kann ich auch selber etwas Verantwortung übernehmen.
 
Der Grund fürs Blog-Schreiben
Wieso habe ich diese Blogs geschrieben? Ich schreibe gern. Nach der Operation, in wachen Nächten des Spitals, hatte ich wunderbar klare Gedanken und Träume. Ich hätte ganze Bücher füllen können. Aber der Spitalbetrieb liess das nicht zu, weil Schreiben ein persönliches Umfeld erfordert. Dieses fand ich, sobald ich wieder zu Hause war. Die schriftliche Formulierung meiner persönlichen Wahrnehmungen half mir, auch meinen Kopf wieder zu brauchen und die geistige Unterforderung aufzuarbeiten. Die Erlebnisse im Spital waren ein wunderbares Thema: Schon nach wenigen Wochen wären sie in der Verklärung der Vergangenheit versunken.
 
Die Blogs entbinden mich in idealer Weise, allen interessierten Personen alles über meine Krankengeschichte zu erklären. Ich kann mit allen Bekannten und Verwandten normal und alltäglich reden. Wer sich mehr für Krankheiten interessiert (wer es wissen will), der soll und kann es selber nachlesen. Das Nachlesen gibt ihm auch Gelegenheit, langsam zu lesen und zu „verdauen“. Ich bin es los und kann mich wieder der Gegenwart zuwenden: Das Leben passiert now or never.
 
Vielleicht liest sogar jemand aus dem Kantonsspital Aarau meine Gedanken. Auf jeden Fall habe ich ein Formular bekommen, mit dem ich meine Zufriedenheit, die Unzufriedenheit und Verbesserungsvorschläge vertraulich einschicken darf. Leider ist das Formular viel zu klein, als dass es den Erlebnissen gerecht würde. Ich werde deshalb der „Patienten-Ombudsstelle“ den Link zu den Blogs mit dem Dank an alle, die mich betreut haben, zustellen. Ausnahmslos alle haben sich im Rahmen ihrer Richtlinien und Möglichkeiten selbstlos für mich eingesetzt. Ich bin beeindruckt über die Arbeit, die in einem Spital geleistet wird. Aber ebenso sehr gibt es wesentliche Verbesserungsmöglichkeiten. Als Basis für die anzustrebenden Zustände braucht man nur die Prospekte des Kantonsspitals Aarau, das Werbematerial, das beispielsweise jeder Grossrat des Kantons Aargau erhält, oder all die Versprechungen auf den offiziellen Internetseiten zu nehmen.
 
Es bleibt noch die Abrechnung. Nicht vergessen darf man, dass ein Spital ein kommerzielles Unternehmen ist und dass Karrieren gemacht und bezahlt werden wollen. Vielleicht schreibe ich noch einmal, wenn ich die Rechnungen alle habe.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Berichte zum Behandlungsverlauf
13.10.2007: Erlebnisse im Kantonsspital Aarau (10): Der Katheter ist weg
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