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BLOG vom 29.01.2008


An der Überschrift liegt wirklich alles: „Im Rückspiegel“
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Nebel auf der Autobahn verdichtet sich. Nein, ich sitze nicht hinterm Fenster des Autos, sondern bloss hinterm Fenster in meiner Bude und bin geneigt, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Meine Muse lässt heute auf sich warten. Kein Wunder bei solchem Nebel … Einzig den Titel „Im Rückspiegel“ hatte ich, ich weiss nicht warum, getippt. Ab einem gewissen Alter vergewissert man sich zunehmend und wirft Blicke durch den Rückspiegel. Aber ich will keine Gedankenfahrt unternehmen. Deshalb muss ich zuerst eine Person finden, die ich hinters Steuerrad setzen kann. Was ihr dann widerfährt, wird sich weisen.
*
1. Teil: Die Verfolgungsjagd
Diese Person nimmt Gestalt an. Ein Mann, mittelgross und mittleren Alters, verlässt das Haus, wie immer sauber rasiert, auch an diesem Montagmorgen. Er ist adrett gekleidet und trägt eine auf seinen dunklen Geschäftsanzug abgestimmte marineblaue Seidenkrawatte mit Fischgratmuster. Sein Ziel ist eine Auktion in einer Kleinstadt, denn er war ein Kunsthändler. Er öffnet die hintere Autotür und legt seine Aktentasche auf den Sitz und die Jacke darüber, ehe er sich hinters Steuer setzt und losfährt. Automatisch dreht er das Radio an. Der Wetterdienst warnt vor Nebelbänken auf der Autobahn. Er drosselt das Tempo.
 
Ein Autofahrer schliesst dicht hinter ihm auf und verlängert dann wieder den Abstand, ehe er sich ihm wieder dicht anschliesst und dieses Spiel wiederholt. Gegen eine solche Einschüchterungstaktik gibt es nur ein Gegenmittel: langsamer fahren, damit ihn der Ungeduldige endlich überhole. So geschieht es. Arnolds Muskeln entspannen sich. Statt den Rückspiegel im Auge zu behalten, kann er sich wieder auf den Verkehr vor ihm konzentrieren. Er gerät in einen Stau.
 
Eine Stunde später biegt er in eine Raststätte ab. Auf dem Parkplatz sieht er den älteren Volvo wieder, dessen Fahrer ihm zuvor zugesetzt hatte. Arnold stellt seinen Cappuccino ab. Um diese Zeit hat es nur rund ein Dutzend Gäste. Wer von ihnen war der Volvo-Fahrer? Arnold wirft einen Blick auf die Uhr und geht vor der Weiterfahrt noch zur Toilette.
 
„Was zum Teufel!“ Beide vorderen Pneus sind platt. Der Volvo ist nicht mehr auf dem Parkplatz. Zum Glück ist eine Druckluftpumpe bei der Tankstelle. Arnold ist erleichtert, wie sich die Reifen wieder sättigen und runden. Immerhin kann er – obwohl perplex und verärgert – weiterfahren. Der Stau hat sich inzwischen aufgelöst. Wie er wieder auf die Autobahn einbiegt, erscheint auf der Seitenbahn unverhofft wieder der Volvo. Genau wie zuvor, hängt das verflixte Vehikel wie an einem elastischen Gängelband an seinem Auto, ist bald nahe aufgerückt, bald wieder mit Abstand hinter ihm her. Diesmal ändert Arnold seine Taktik und drückt aufs Gas. Dort, wo die Autobahn eine weite Schleife zieht, verliert er seinen Verfolger aus dem Rückspiegel. Es gelingt ihm, knapp die nächste Autobahnausfahrt zu erwischen. Er muss hart bremsen. Sein Auto schlenkert hin und her, und er bekommt es mühsam wieder unter Kontrolle.
 
„Jetzt bin ich dich los!“ jubelt er und lockert seinen Kragen. „Es hat keinen Sinn, heute weiterzufahren“, sagte er laut und entscheidet sich zur Umkehr und zur Rückfahrt nach Hause. Erst nachträglich erschrickt er: Wie konnte er nur so leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzen? Unterwegs hält er an und telefoniert mit seiner Frau. Als einstige Anwaltssekretärin meint sie äusserst besorgt, dass es sich hier wohl kaum um keinen Zufall, sondern um eine Absicht handle. „Du wirst, aus welchen Gründen auch immer, verfolgt“, warnt sie ihn. „Sei vorsichtig!“
 
Also denn, was veranlasste den Volvo-Fahrer, ihn zu verfolgen? Das kann Arnold beim besten Willen nicht enträtseln. So wechseln wir hier in die Geschichte des Volvo-Fahrers über. Leider ist meine Muse noch immer nicht erschienen. Deswegen muss ich die Geschichte als 2. Teil auf Morgen vertagen. Hoffentlich hat sich bis dann der Nebel aufgelöst, und wird das Rätsel gelöst.
*
2. Teil: Die Kokainmafia
Der dunkelhäutige Mann hinter dem Steuer des Volvos heisst Rafael und stammt aus Kolumbien. Als Mitglied der Kokainmafia war er damit beauftragt, Arnold zu verfolgen und einzuschüchtern, da dieser der Mafia viel Geld schuldete. Rafael ist knapp 25 Jahre alt. Zuvor hatte er, in einer Urwaldplantage versteckt, die Kokablätter zum „crack-cocain“ verarbeitet mit Zutaten wie Zementstaub, Petroleum und Koka-Äthylen, woraus diese hochgradig wirksame Kokainpaste gewonnen wird.
 
Rafael gleicht mit seiner Boxernase einem Schurken ganz und gar. Seine klobigen Fäuste sind zum Zuschlagen wie geschaffen. Sein Chef hatte ihm eingeschärft, Arnold ja nicht zu ermorden, denn „Tote bringen nichts ein“. Dolch und Schusswaffe lagen einsatzbereit im Handschuhfach, um allenfalls schwierige Fälle gefügig zu machen bis zur zugebilligten Grenze. Rafael war in seinem Stolz getroffen, weil ihm Arnold entwischt war. Er musste jetzt von Plan A zum Plan B wechseln und ihm vor dem Haus auflauern, wie zuvor am frühen Morgen.
 
Gelangweilt und stinkwütig hockt er 3 Stunden in seinem Wagen und wartet auf die Rückkehr von Arnold (der zur Beruhigung seiner zerrütteten Nerven um die Mittagszeit ein Curry verzehrt hatte). Den Volvo hatte Rafael zuvor auf der Strasse nach Gangsterart gegen einen Ford Escort ausgetauscht und frisch aufgetankt.
 
Langsam biegt Arnold in seine Strasse und erreicht den Vorplatz seines Hauses. Hier kann ihm nichts mehr zustossen, atmet er erleichtert auf und löst die Sitzgurte, als eben ein Auto heranschleicht und seine Ausfahrt versperrt. Instinktiv sichert er die Türen und duckt sich tief. Er hört den Kies unter Schritten knirschen. Er hat gerade noch Zeit, seine Frau übers Handy zu erreichen: „Ich werde vor dem Haus überfallen … alarmiere die Polizei … verriegle die Haustüre.“
 
Der Mafioso stutzt und äugt durch die dunklen Scheiben. Er sieht zuerst die Aktentasche auf dem Hintersitz und kickt einen Backstein aus der Gartenumfassung. Inzwischen hat Arnold den Autoschlüssel unter die Fussmatte geschoben. Die Türen des Autos wurden automatisch verriegelt. Er hat einige wertvolle Minuten Zeit gewonnen. Der Gauner zertrümmert das hintere Fenster und muss mehrmals zuschlagen ehe er die Tasche aus dem Fenster angeln kann. Die Tasche ist ebenfalls verschlossen, und Rafael muss sie mit dem Messer aufmurksen. „No dineros!“, schnaubt er und schleudert die Tasche in den Garten. Endlich entdeckt er sein Opfer vorne unterm Instrumentensims eingepfercht. Achtlos hatte er den Backstein ins Blumenbeet geworfen und verlor Zeit, den 2. aus der Mauer zu lösen, ehe er das Fenster zerschmettern konnte.
 
„He compañero“, fauchte er sein Opfer an, „!abrir, aufmachen, pronto! Dame la llave – her mit dem Schlüssel!“ Rafael war wirklich siedeheiss vor Wut geworden „¿So oder so?“, zückt er das Messer mit der linken und den Revolver mit der rechten Hand. Er sticht blindlings zu. Arnold schreit auf. „¿Otra vez?“ schnaubt Rafael, wartete die Antwort nicht ab und sticht nochmals brutal zu. Sirenen heulen. Polizisten entspringen dem Streifenwagen und machen den Kerl dingfest. Die Ambulanz überführt den heftig blutenden Arnold ins Spital. Der Nebel hat sich inzwischen gelüftet.
 
In den folgenden Wochen wurde das Rätsel gelöst, als die Mafiosi ausgehoben wurden. Sie hatten das falsche Haus erwischt, die Nummer 33 statt 34. Arnolds Fleischwunden verheilten bald.
 
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