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BLOG vom 29.03.2008


Zunderschwamm: Parasit, Brandstifter und auch Blutstiller
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Kürzlich war ich mit meinem Enkel Manuele in einem Wald bei Niedertegernau D zu einer kleinen Abenteuerwanderung unterwegs. Manuele wollte unbedingt eine Hütte im Wald, die er immer wieder einmal aus der Ferne gesehen hatte, erkunden. Wir stiegen eine Anhöhe hinauf, gingen an Fuchsbauten vorbei und erreichten die Hütte. Es handelte sich hier um eine Forsthütte, die verschlossen war. Beim Abstieg entdeckte ich an einem morschen Baumstamm einen grossen Zunderschwamm (Fomes fomentarius). Die Bestimmung des Pilzes verursachte mir keine Schwierigkeiten, da ich schon bei anderen Wanderungen im Schwarzwald und der Schweiz dieses Gewächs an Baumstämmen gesehen hatte. Dem Pilz wurde 1995 eine besondere Ehre zuteil: Er wurde zum „Pilz des Jahres“ gekürt. Der Pilz wird auch Feuerschwamm genannt und ist eine Art der Gattung Fomes aus der Familie der Polyporaceae (Porlingsartigen).
 
Unser Pilz hatte eine Grösse von 30×20 cm. Die Unterseite roch angenehm pilzartig, die Oberfläche war grau, und der Pilz hatte einen schönen braunen Rand. Interessant waren die wulstartigen konzentrischen Zuwachszonen auf der Kruste. Während des Wachstums bilden sich pro Jahr 1 bis 2 solcher Zuwachszonen aus. Ich zählte 10 solcher Zonen. Der Pilz dürfte also mindestens 5 Jahre alt sein.
 
Ich nahm dann den Pilz näher unter die Lupe. Die glatte, hellbraune Unterseite (Röhrenschicht) war mit Tausenden winzigen Poren besetzt (in der Regel sind es 2 bis 4 Poren pro Millimeter). Die Poren sind in Wirklichkeit die Enden von Röhren, die bis zu 0,8 cm lang werden können und fest miteinander verbunden sind. Mit jeder Vegetationsperiode wird eine Röhrenschicht neu gebildet. So kann ein Pilz mehrere Schichten aufweisen. Zwischen Kruste und Röhrenschicht befindet sich übrigens die Fruchtschicht, die auch Zunderschicht (Trama) genannt wird. Aus dieser Schicht wurde früher der Zunder hergestellt.
 
Parasit und „Fäulnisfresser“
Wie ich mir sagen liess, wird der Zunderschwamm und andere Baumpilze von den Förstern nicht gerne gesehen, da diese die Holzsubstanz angreifen. Er ist ein Schwächeparasit und Saprobiont, der sich überwiegend auf Laubbäumen ansiedelt. Auf den Stämmen von Nadelbäumen kommt er selten vor. Bevorzugte Bäume sind die Rotbuchen, Birken und Pappeln. Der Parasit dringt über Ast- und Stammwunden in die Wirtsbäume ein und verursacht im Kernholz eine Weissfäule. Ist diese fortgeschritten, kann der Baum in mehreren Metern Höhe abbrechen. Der Zunderschwamm kann dann auf Totholz als Saprobiont weiter wachsen. Saprobionten sind sehr genügsam, sie ernähren sich von zersetzenden organischen Stoffen. Sie werden als „Fäulnisfresser“ bezeichnet.
 
Schon Ötzi hatte einen Zunderschwamm
Seit dem Neolithikum wurde die Zunderschicht des Pilzes für die Entfachung des Feuers genutzt. In schwedischen Pfahlbauten und in der Schussenrieder Feuchtbodensiedlung Ehrenstein bei Ulm wurde Zunder gefunden. In den Ausrüstungsgegenständen des 5300 Jahre alten Ötzi ‒ der Mann vom Hauslabjoch wurde 1991 entdeckt ‒ befand sich ein Zunder und Spuren von Pyrit. Diese Fundstücke weisen auf deren Gebrauch als „Feuerzeug“ hin.
 
Der Zunder war vor Erfindung des Zündholzes (Sicherheitszündhölzer gab es seit 1844) das wichtigste Material zur Feuerentfachung.
 
Nun, wie erfolgte die Zunderherstellung in der Neuzeit? Betrachten wir einmal die Herstellung des Zunders, wie sie in Neustadt am Rennsteig praktiziert wurde. Neustadt befindet sich in Thüringen und der Rennsteig ist Deutschlands bekanntester Wanderweg.
 
Das Leben in Neustadt wurde 1812 nicht einfach. Die Glasindustrie, die vielen Leuten Arbeit gab, lag darnieder. Da nahmen die Bewohner die Zunderfabrikation wieder auf, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Schon früher war das ein einträgliches Gewerbe. Die Stadt bekam daraufhin den Namen „Schwammneustadt“.
 
Die Leute zogen mit Wägelchen oder der „Radbarre“ in die Buchenwälder. Dann wurden die Pilze von den Baumstämmen abgelöst, und die zähe, flockige, weiche, rostbraune Zunderschicht mit einem scharfen Messer herausgelöst und in Leinensäckchen gesammelt. Der Rohschwamm wurde dann mit heisser Asche behandelt, anschliessend in einer Salpeterlösung (Kaliumnitrat) gekocht, in 3 cm dicke Streifen geschnitten und getrocknet. Danach wurde die Masse mit hölzernen Hämmern auf einem hölzernen Amboss bis auf das 10-Fache ihrer ursprünglichen Fläche geklopft. Anschliessend durften die „Geklopften“ noch ein Bad in Holzaschenlauge nehmen, dann wurden sie wieder getrocknet und mit den Händen durch Walken weichgerieben. Sobald ein Funken auf die filzartige kaliumnitrathaltige Masse traf, fing diese sofort an zu glimmen. „Es brennt wie Zunder“, ist eine Redensart. In Wirklichkeit brennt der Zunder nicht, sondern glimmt.
 
„Die ,Lunte’ war fertig – sie war unentbehrlich in Küche und Haus. Besonders begehrt war ein gleichmässig brauner Zunder, wie ihn Neustadt’s Naturprodukt lieferte. Sogar die Engländer zündeten ihre Shagpfeifen mit German tinder aus Neustadt am Rennsteig an. Als im Jahre 1842 die Zunderherstellung bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurden in Neustadt 430 Zentner Feuerschwamm hergestellt“ (zitiert nach Infos unter: http://www.rennsteigmuseum-neustadt.de/zunderschwamm.html).
 
Der Zunder wurde übrigens mit einem Feuerstein, Markasit (feinkristalliner Pyrit) oder Feuerstahl gezündet. Mit dem glimmenden Zunder wurde dann trockene Birkenrinde, trockenes Heu oder Stroh entzündet. Eine Anleitung dazu gibt es unter:
 
Die Nachfrage war im 19. Jahrhundert so gross, dass der Zunderschwamm in manchen Gebieten von Deutschland zu einer Rarität wurde. Der Bedarf konnte jedoch durch Importe aus Skandinavien, Böhmen und Ungarn gedeckt werden.
 
Mützen und Kleider aus Zunderschwamm
Aus der Zunderschicht des Pilzes wurden im Mittelalter und bis in unsere Zeit Kappen und Kleider hergestellt. Im Ersten Weltkrieg wurden aus Mangel an Rohstoffen Hosen, Westen, Hüte, Handschuhe aus Zunder gefertigt. Aber damit noch nicht genug, auch Teppiche, Decken, Taschen, Kissen, Lesezeichen, Trinkgefässe, Bucheinbände, Untersetz-Deckelchen, Bilderrahmen und Fensterleder schufen findige Handwerker aus diesem Material.
 
Heute findet der Zunderschwamm nur noch als Bestandteil von Blumengestecken und Kränzen Verwendung. In Rumänien werden für Touristen noch Gegenstände von Zundelmachern hergestellt. Prof. Dr. Jan Lelley erwähnte in seinem Buch „Die Heilkraft der Pilze“ (1997), dass er eine transsilvanische Mütze aus Zunderschwammlappen besitzt. „Sie ist leicht, sehr angenehm zu tragen, aber nur für schönes Wetter geeignet“, schreibt der Professor.
 
Interessante Inhaltsstoffe
Im Fruchtkörper wurde die Fomentarsäure, die Zuckerverbindungen Mannofucogalaktan und Glucuronoglucan nachgewiesen. In der Fettfraktion konnten Analytiker die Vorstufe des Vitamins D, das Ergosterin, sowie Fungisterin und Isoergosteron isolieren.
 
Medizinische Bedeutung
In alten Arzneibüchern hatte der Zunderschwamm diese Bezeichnungen: Fungus igniarius, Fungus chirurgorum und Agaricus chirurgorum.
 
In Apotheken wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein der Zunder als blutstillende Wundauflage (Wundschwamm) verkauft. Die Zunderschicht, die als Blutstiller zur Anwendung kam, wurde jedoch nicht mit Chemikalien behandelt, sondern in Heisswasser eingeweicht und danach weich geklopft.
 
Laut Prof. Dr. Jan Lelley war ein alkoholischer Extrakt (Fomitin) aus trockenen Fruchtkörpern im Handel, der bei Blasenleiden, schmerzhaften Regelblutungen und Hämorrhoiden verordnet wurde. In der chinesischen Volksmedizin und auch in der modernen Naturheilkunde Chinas wird der Zunderschwamm in Form eines Extraktes gegen Magenverstimmung und bei bestimmten Krebserkrankungen empfohlen.
 
Literatur
Lelley, Jan: „Die Heilkraft der Pilze“ (Gesund durch Mykotherapie), Econ Verlag, Düsseldorf und München 1997.
Neukom, Hans-Peter: „Gib mal Zunder!“, in der Zeitschrift „Natürlich“ (2007-09).
 
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