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BLOG vom 11.04.2008


Nazi-Relikt olympischer Fackellauf besser gleich abschaffen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Blast die Fackeln aus“, war die provokante Titelüberschrift im „Tagesspiegel“ der „Badischen Zeitung“ vom 10.04.2008. Niklas Arnegger, der diesen Artikel verfasst hat, betonte, der Fackellauf sei so oder so ein Brimborium, um das es nicht schade wäre. Und die Organisationsleiter (Olympier) hätten wohl immer noch nicht bemerkt, dass „die Fackelei zum chinesischen und damit zum antiolympischen Symbol wird“. Chinas schlechter Ruf in der Welt wird dadurch nur angeheizt. „Im eigenen Interesse sollte sie (die NOK’S) nicht lange fackeln und die Flamme auspusten“, so der Berichterstatter. Eine unnötige Provokation steht ja noch bevor: Die Fackel soll auch noch durch Tibet getragen werden.
 
Nazis führten den Fackellauf ein
Was die meisten Leute, und im besonderen Masse wohl auch die Herren der 5 Ringe, angeblich nicht wissen, ist die Tatsache, dass zum ersten Mal bei Olympischen Spielen der Neuzeit 1936 in Berlin ein Fackellauf von Griechenland nach Berlin veranstaltet wurde. Die Flamme wurde von 3331 Läufern in 12 Tagen und 11 Nächten über 3187 km befördert.
 
Die Idee hatte Carl Diem und wurde unter Anweisung von Joseph Goebbels von den Nationalsozialisten veranstaltet. Die gesamte Olympiade und im besonderen Masse der Fackellauf waren eine raffinierte Propaganda des Nationalsozialismus. Der Fackellauf wurde bei den nachfolgenden Olympischen Spielen kritiklos übernommen. Ich frage mich, warum hier die Juden und die Siegermächte nicht rebellierten und nicht alles daran gesetzt haben, ein Symbol des Nationalsozialismus zu beerdigen.
 
1936 gab es schon Bestrebungen, insbesondere von der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Griechenlands (OKNE), den Fackellauf abzubrechen bzw. zu verhindern. „Alle Organisationen, durch deren Einflussgebiete die Flamme getragen werden sollte, wurden aufgerufen, sie auf griechischem Boden auszulöschen, und es wurde verkündet, dass die Organisation, der es gelänge, die Flamme auszulöschen, einen Preis erhalte (Quelle: OKNE 1922‒1943, Verlag Synchroni Epochi – Odigitis, Athen 1989).
 
Wie in www.google.de nachzulesen ist, gab es auch Proteste in Jugoslawien und der Tschechoslowakei (in Prag wurde die Fackel gelöscht). Schon damals sorgten Sicherheitskräfte für einen erfolgreichen Transport.
 
Zu bemerken ist allerdings, dass Fackelläufe schon in der Antike durchgeführt wurden. Es waren ölzweiggekrönte Läufer, die von Elis aufbrachen, um das Feuer nach Olympia zu bringen. Ursprünglich war der Transport von Fackeln in Griechenland bei bestimmten Festen ein beliebter Wettkampf. Reiter mussten die Fackeln im brennenden Zustand ins Ziel bringen. Später überbrachten Läufer und Boten Nachrichten an die Statthalter und an Bürger.
 
„Reise der Harmonie“
Der diesjährige Fackellauf findet unter dem Motto „Reise der Harmonie“ statt. Die Fackel soll über etwa 20 470 km von 3118 Läufern nach Peking getragen werden. Die Machthaber in China, die kürzlich einen seinerseits gewalttätigen Aufstand in Tibet blutig niederschlugen (es sollen 135 Menschen getötet worden sein; die chinesische Regierung spricht von rund 20 Toten) und die Bevölkerung schon jahrzehntelang überwachen und knechten, konnte es nicht fassen, dass weltweite Proteste den Lauf unterbrachen. Schon bei der Entzündung der Flamme in Olympia wurde ein Transparent mit der Aufschrift „Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füssen tritt“ von einem Exiltibeter enthüllt. Auch in London, Paris und San Franzisko gab es Proteste, die sich wahrscheinlich fortsetzen werden. Es ist wohl eher eine Reise der ausgesprochenen Disharmonie.
 
In Paris waren etwa 3000 Polizisten im Einsatz. Die Flamme erlosch angeblich aus technischen Gründen. Da immer eine „Mutterflamme“ mitgeführt wird, kann dann die Fackel jederzeit neu entzündet werden.
 
Um der Ausgewogenheit willen ist anzumerken, dass auch aufgebrachte tibetische Jugendliche mit Gewalt antworteten, indem sie chinesische Geschäfte in Lhasa plünderten und anzündeten und auch Chinesen verfolgten. Sie haben damit der allgemein friedlichen Art des Buddhismus und dem damit verbundenen hohen Ansehen einen schweren Schaden zugefügt. Adrian Geiges, stern-Korrespondent in Peking, berichtete im Artikel „Der Dalai Lama ist kein Unschuldslamm“ ganz anders über die Verhältnisse in Tibet und dessen idealisierten Führer: „Ein Dalai Lama ist nicht von vornherein gut, wie ein Blick auf die Vorgänger des jetzigen zeigt: Sie regierten einen Gottesstaat mit 95 Prozent der Bevölkerung als Leibeigenen. Die meisten durften weder lesen noch schreiben lernen. Das Paradies auf Erden jedenfalls herrschte dort nicht, auch wenn manchmal dieser Eindruck besteht. Der jetzige Dalai Lama betreibt geschickt PR in eigener Sache und reist durch die ganze Welt. Mit dieser Erfahrung ist es aber unverantwortlich, dass er den Chinesen ,kulturellen Völkermord' vorwirft."  Auf Grund dieser Publikation erhielt er einige gepfefferte, manchmal auch unqualifizierte Leserzuschriften.
 
Die chinesischen Medien beklagten sich kürzlich so: „Die ausländischen Medien sind sehr unfair.“ Aber sie haben die faire Berichterstattung ebenfalls nicht für sich gepachtet.
 
Alle Streitigkeiten ruhen lassen
Schon in der Antike war es Brauch, dass kurz vor und während der Olympischen Spiele alle kriegerischen Auseinandersetzungen ruhten. Das wurde so angeordnet, weil dann alle Athleten und Besucher gefahrlos anreisen konnten.
 
„Solange das Olympische Feuer brennt, sollen die Völker ihre Streitigkeiten ruhen lassen und gemeinsam diese sportlichen Wettkämpfe bestreiten“, so der Wunsch vieler Sportler, Funktionäre und Politiker. Leider ist dem heute nicht mehr so. Da werden weiter Kriege geführt und unschuldige Bewohner und Soldaten verwundet oder getötet. Es wäre schön, wenn wenigstens in der Zeit der Olympiade weltweit ein bisschen Frieden einziehen könnte.
 
Der Fackellauf soll weitergehen
„Es ist davon auszugehen, dass der olympische Fackellauf weitergeht“, sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach nach Gesprächen mit der chinesischen Führung in Peking. Und was sagte IOC-Präsident Jacques Rogge? Er traut der chinesischen Regierung die Fähigkeit zu, „angemessen mit der Situation umzugehen“. Nun, er ist wohl China-hörig. Ich traue den Machtmenschen in China zu, dass sie die ausländischen Proteste negieren und ihre politischen Ziele in Tibet weiter gnadenlos verfolgen werden. Auch Chinas Regierungschef Wen Jiabao ist optimistisch und gab dies von sich: „Wir glauben, die Flamme gehört allen Menschen, und sie wird nie gelöscht werden.“
 
Und noch etwas, was sonst nicht publik wird. Das Pekinger Organisationskomitee hat mit 19 Städten ausserhalb Chinas Verträge vereinbart. Somit fliessen zusätzlich Gelder in die Kassen der Veranstalter. Auch dürfen einige Konzerne den Fackellauf sponsern. 2004 investierten Coca Cola und Samsung den Fackellauf bei der Olympiade in Athen mit 18 Millionen Euro!
 
Und noch etwas ist nicht allen bekannt: Die bei Demonstrationen geschwenkten tibetanischen Fahnen stammen oft aus chinesischer Fertigung. China verdient also auch noch am Protest! Geschäft ist Geschäft.
 
Ich persönlich finde, dass man den Fackellauf in dieser heutigen Form unbedingt abschaffen sollte, zumal er statt Frieden Unruhen provoziert. Warum reicht es nicht, wenn man die Fackel als symbolische Geste von Olympia zur Olympischen Stätte beförderte? Man könne aber auch gleich das ganze Brimborium in die Versenkung verschwinden lassen. Aber da bin ich wohl auf dem Holzweg, zumal diese Veranstaltung Geld in die Kassen spült, die beim Sport einen besonders hohen Stellenwert haben.
 
Eine andere Meinung: Aufgrund der Publikation von Adrian Geiges schrieb ein Leser Folgendes: „Die Fackel muss brennen. Sie ist der Spiegel des Demokratieverständnisses, an dem die Chinesen uns messen werden.“
 
Einige Sportler haben jetzt schon angekündigt, dass sie auf ihre Art in Peking demonstrieren würden. Sie müssen sich vorsehen, da in den Sportstätten nicht demonstriert werden darf. Eine Disqualifikation wäre ihnen sonst gewiss.
 
Die Abgeordneten des EU-Parlaments wollen an die EU-Staaten appellieren, die Eröffnungsfeier zu boykottieren, wenn China nicht zu einem Dialog mit dem Dalai Lama bereit ist.
 
Aus der Erklärung des IOC-Präsidenten
In einer Pressekonferenz am 10.04.2008 (ZDF, gesendet in „heute“) gab der IOC-Präsident Jacques Rogge dies bekannt: „Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht, das durch seine Unantastbarkeit keine besondere Erwähnung in der Olympischen Charta bedarf. Aber wir wollen keine Propaganda oder Demonstrationen an olympischen Stätten, und zwar aus einem guten und einfachen Grund: Wir repräsentieren 205 Länder und Territorien, unter denen viele Konflikte bestehen. Olympische Spiele sind nicht der Platz für politische oder religiöse Auseinandersetzungen. Regel 51.3 der Charta, die Demonstrationen für Politik, Religion oder Rassen verbietet, hat seit mehr als 50 Jahren die Universalität der Spiele gesichert.“
 
Er betonte dann noch, dass bei Demonstrationen die Olympische Idee nicht mehr Bestand habe. Schwer angeschlagen ist sie schon jetzt.
 
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