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BLOG vom 18.04.2008


Die Verzweiflung der Armen: Massenproteste gegen Hunger
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„UN befürchtet Massensterben“, „Die Wut der Armen“, „Weltmarkt-Preise sind auf Rekordniveau“, „Aldi und Co. tragen Mitschuld an Hungerlöhnen“ und „Weltbank und IWF warnen vor Hungeraufständen“: Diese Schlagzeilen standen dieser Tage in der Presse.
 
Die Wut der Armen scheint in der Tat grenzenlos (und verständlich) zu sein. Hier einige Beispiele: Die Armen rebellierten in zahlreichen Städten in Haiti, das zu den ärmsten Ländern Amerikas gehört, wegen der Preissteigerungen für Nahrungsmittel wie Bohnen, Reis und Mais. René Preval, seines Zeichens Präsident des Staates, forderte die Bevölkerung mit diesen markanten Worten auf: „Ich befehle euch, alle Gewalttaten einzustellen. Die nationale Polizei wird Gewalttaten und Plünderungen nicht mehr dulden.“ Es wird vermutet, dass Drogenbanden oder Anhänger des 2004 gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide die Unruhen provoziert haben, um eine Destabilisierung des Landes zu erreichen.
 
Oder blicken wir nach Ägypten: Dort gab es vergangene Woche auch Ausschreitungen. Es gab sogar Tote als bekannt wurde, dass korrupte Bäcker das billige staatliche Mehl auf dem Schwarzmarkt teuer verkauften. Auch die anderen Grundnahrungsmittel wurden teurer. So kostete eine Tonne Nudeln im letzten Herbst 175 Euro; heute müssen die Ägypter das Dreifache bezahlen. Auch das Speiseöl hat sich seit Jahresfrist um 40 % verteuert. Viele geben der Regierung die Mitschuld. Ein Händler sagte, dass Ägypten als Agrarstaat alles selbst anbauen könnte. Lieber werden Lebensmittel für teures Geld importiert. Als die Unruhen bekannt wurden, äusserte ein Religionsführer dies: „Die sollen lieber beten als demonstrieren.“ Der wird sich wundern, wenn er selbst einmal hungern müsste. Wahrscheinlich sind die hohen Beamten und Religionsführer gut mit Nahrungsmitteln versorgt. Dies ist ja in vielen Ländern so. Die korrupten Führer sind wohlbeleibt, während das Volk hungern muss.
 
Die ägyptische Regierung versprach, im kommenden Haushalt 2,5 Milliarden Dollar für Brot-Subventionen zur Verfügung zu stellen. Der grösste Irrsinn ist, dass viele Bauern Brot an ihre Tiere verfüttern, weil das Viehfutter unerschwinglich ist. Viehzucht lohnt sich, weil immer mehr nach Fleisch gieren, wie die Mittelschicht in Indien und China (Quelle: „Spiegel Online“ am 14.04.2008).
 
Ernährungskrisen gibt es in Afrika, Südasien und im Nahen Osten. In den letzten 3 Jahren stiegen die Lebensmittelpreise für Reis, Mais und Weizen um 181 %. Zu Unruhen kam es bisher in 33 Staaten, darunter in Kamerun, Mauretanien, Mosambik, Senegal und an der Elfenbeinküste.
 
Zahlen, die erschrecken
Etwa 850 Millionen Menschen hungern weltweit. Der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan ist der Ansicht, dass dieses Elend „eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde“ ist. US-Agrarforscher schätzen, dass bei jeder Verteuerung der Grundnahrungsmittel um 1 % die Zahl der Hungernden weltweit um 16 Millionen Menschen zunimmt. Auch redet heute kaum noch einer über die Hungertoten. 2006 starben täglich 20 000 Menschen an Hunger, das sind 7,3 Millionen im Jahr. Das befürchtete Massensterben ist also schon da. Grossspurig war ein Versprechen der Uno, die Zahl der Armen bis 2015 zu halbieren. Die Uno wird sich wundern, wenn das Gegenteil eintritt und es noch viel schlimmer wird.
 
Man könnte in der Tat viel gegen den Hunger tun. Vor allem müsste das System der neoliberalen Globalisierung ins Gegenteil verkehrt werden: Schnelle Gewinne in international tätigen, sich jedem Zugriff entziehenden Firmen, Abzockermentalitäten, auch im international übergreifenden Finanzbereich, gehen auf Kosten der breiten Bevölkerung und stürzen immer mehr Menschen ins Elend. Die Hilfswerke benötigen pro Jahr etwa 320 Millionen Euro, nur um die schlimmsten Hungersnöte abzuwenden. Immerhin könnte man wenigstens einen gewissen Prozentsatz der Militärausgaben für die armen Hungernden zur Verfügung stellen, eingeschlossen sind die USA, wo die Armut neben einem ungeheuren Reichtum der Mächtigen ebenfalls grassiert.
 
Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Spiri betrugen die Rüstungsausgaben 2006 weltweit 1,2 Billionen US-Dollar, wobei die USA mehr als die Hälfte dieser Summe für ihre Kriege und den weiteren Ausbau ihres Tötungspotenzials ausgeben! Die Summe entspricht 184 Dollar pro Kopf der Weltbevölkerung. Bei 1 % Reduktion wären dies nach Adam Riese immerhin 12 Milliarden Dollar! Und mit diesem Geld könnte man viel gegen Hunger tun, bis das desaströse System geändert ist.
 
Hier die Zahlen der Welthungerhilfe (hungernde Menschen in Millionen): Südasien 301 Millionen, Ost- und Südostasien 217 Millionen, Schwarzafrika 204 Millionen, Lateinamerika 53 Millionen, Naher Osten und Nordafrika 39 Millionen, GUS und Osteuropa 28 Millionen und Westliche Industrieländer 9 Millionen. Insgesamt sind das 851 Millionen! Da die Zahlen von 2005 sind, gibt es heute sicherlich noch mehr Hungernde.
 
Man darf es nicht verschweigen: Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es immer mehr Menschen, die an der Armutsgrenze leben und sich nicht mehr ausreichend ernähren können. Die Lebensmittelpreise stiegen bei uns noch nicht so dramatisch, aber das könnte sich eines Tages ändern.
 
Manche Preise könnten sogar sinken. So berichtete das ZDF in seiner Sendung „heute“ am 15.04.2008, dass die Milchpreise aufgrund des Drucks der Discounter wieder abwärts gehen könnten. Die Bauern erhalten dann wieder weniger für 1 Liter Milch. Nun wollen die Landwirte bestimmte Molkereien, die Discounter beliefern, boykottieren. Ich finde, die Bauern sollten einen fairen Preis für ihre Produkte erhalten. Vielfach arbeiten Familienmitglieder in der Landwirtschaft mit, damit die Kosten niedrig bleiben, oder viele arbeiten noch in einem Hauptberuf. Bei dieser Meldung dachte ich mir dies: Wenn wirklich keiner mehr Lust hat, Landwirtschaft zu betreiben, wer soll dann die Nahrungsmittel liefern?
 
Warum hungern so viele?
Ich möchte einmal beleuchten, warum so viele Menschen am Hungertuch nagen und warum es eine wachsende Nachfrage nach Nahrungsmitteln gibt.
 
-- Zunahme der Weltbevölkerung.
-- Abnahme der Anbauflächen.
-- Klimakatastrophe mit all ihren Auswirkungen (Verluste an Agrarland durch Dürren, Fluten, Stürme, Erosion – also massive Ernteausfälle).
-- Ernteausfälle durch das Nichtvorhandensein einer künstlichen Bewässerung, fehlende Lager- und Transportkapazitäten (30 % der Ernte vergammeln auf den Feldern oder verderben auf dem Weg zum Markt).
-- Viele Äcker und Urwälder werden für Viehweiden genutzt.
-- Gigantischer Bedarf an Nahrungsmitteln in Indien und China. China hat z. B. ¼ der Weltbevölkerung zu ernähren, aber nur 7 % der Anbauflächen.
-- Gestiegener Ölpreis (Verteuerung der landwirtschaftlichen Produktion).
-- Ausufernde Herstellung von Biosprit aus Mais und Korn.
-- Der internationale Währungsfonds (IWF) fordert die verschuldeten Entwicklungsländer auf, ihre Landwirtschaft auf Export auszurichten. Dadurch soll es diesen Ländern möglich sein, Devisen für die Zins- und Tilgungszahlungen einzunehmen.
-- Spekulanten treiben Nahrungsmittelpreise in die Höhe.
-- Die Konzerne und Discounter tragen eine Mitschuld an Hungerlöhnen. Viele Kleinbauern und Arbeiter leiden in den Entwicklungsländern. Die Arbeiter verdienen nicht nur wenig, sondern sind gesundheitlichen Gefahren durch Pestizide ausgesetzt. Es ist deshalb wichtig, dass wir Produkte aus Bio-Anbau oder Waren, die das Fair-Trade-Zeichen tragen, kaufen. Die Siegel garantieren, dass die Produkte umweltverträglich produziert werden und die Landwirte einen fairen Preis für ihre Leistung bekommen.
 
Gentechnik ist kein Rezept gegen Hunger
Die vielerorts glorifizierte Gentechnik erwies sich inzwischen als Rohrkrepierer. In meinem Buch Richtig gut einkaufen – Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag“ (Verlag Textatelier.com GmbH., CH 5023 Biberstein) ging ich im Besonderen auf die fatalen Folgen der Gentechnik ein. Die Gentechniker kämpfen angeblich für bessere, sichere und gesündere Lebensmittel. Sie entwickelten Rezepte gegen Hunger und Unterernährung, die zu nichts führten. Meistens herrschen in den „Hungerländern“ soziale, politische und ökologische Missstände. Dass es auch anders geht, zeigen die Aktivitäten in Ghana und Nigeria. Dort konnten durch Kultivierung heimischer Grundnahrungsmittel wie die Maniokwurzel, durch Bildungsprogramme, Ernährungsberatung und politische Massnahmen der Anteil der Unterernährten in Ghana von 62 auf 10 % und in Nigeria von 44 auf 8 % gesenkt werden.
 
Das Verheizen von Weizen ist Wahnsinn
Das Verheizen von Weizen zur Erzeugung von Wärme und Strom ist für mich ökologischer Wahnsinn. Für den Landwirt rentiert sich die Umstellung. 3 Tonnen Getreide entsprechen 1 Tonne Heizöl. Der Heizwert des Getreides ist doppelt so hoch wie der Brotwert. Die Getreidepreise in Europa liegen laut „Focus“ (37/2006) 30 % unter dem Weltmarktniveau. Für eine Tonne Roggen wurden 100 Euro bezahlt und für 1000 Liter Heizöl 700 Euro. „Der Energiepreis ist der Brotpreis des 21. Jahrhunderts“ schrieb „Focus“.
 
Und was sagte der Hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) damals? Er warb so: „Die Bauern werden sich darauf einstellen müssen, dass sie 50 % ihrer Energie nicht mehr mit Lebensmitteln, sondern mit Energie erzielen.“
 
Inzwischen scheint ein Umdenken möglich zu sein. Der geforderte Zusatz von 10 % Biosprit bis 2020 zum Kraftstoff wurde ausgesetzt (aber nur, weil die vorhandenen Motoren vieler Autos dies nicht verkraften). Bisher ist ein Zusatz von 5 % üblich.
 
Der deutsche Bundesfinanzminister Peer Steinbrück erkannte die Gefahr bei einer Umwandlung von Flächen zur Produktion von Biosprit. Er sagte kürzlich, dies sei ein falsches Spiel und führe zu einer erkennbaren Verknappung von Nahrungsmitteln.
 
Die elsässische Zeitung „L’Alsace“ meinte am 14.04.2008 zur weltweiten Steigerung der Lebensmittelpreise dies: „Die weltweite Landwirtschaft ist heute für die reichen Länder gedacht (…): Getreide anzubauen, um damit Treibstoff herzustellen, ist ein Unsinn, der sich als verhängnisvoll herausstellt. Denn dies bedeutet nicht nur, dass der Bevölkerung ein Teil der Nahrung vorenthalten wird, die auf ihrem Boden wächst. Es bewirkt ausserdem, dass die Preise noch schneller steigen.“
 
Und die niederländische Zeitung „Trouw“ schrieb am 14.04.2008 zum gleichen Thema Folgendes: „Biotreibstoffe sind eine Ursache für steigende Lebensmittelpreise. Noch werden sie aus Grundstoffen gewonnen, die auch als Nahrung dienen können. Die Welt muss darum so schnell wie möglich Biotreibstoffe aus nicht essbaren Agrarabfällen herstellen. Aber das wird den Druck auf die Lebensmittelpreise nicht vollständig nehmen. Mehr Hilfe der reichen Länder für die Lebensmittelwirtschaft in Entwicklungsländern muss hinzukommen.“
 
Was Dubai unternimmt
Die Globalisierungsgewinnler in Dubai haben beschlossen, die Preise für 20 Grundnahrungsmittel mindestens 1 Jahr zu halten. Dies hat auch einen Grund. Die Scheichs wollen im Schatten der Wolkenkratzer und Shopping-Mails keine Hungerrevolution. Denn sonst könnte das Heer der indischen und pakistanischen Bauarbeiter (Arbeitssklaven) revoltieren und ihre Arbeit niederlegen. Das Salär für ihre Arbeit ist nicht gerade üppig. Das Gehalt wird in Landeswährung ausbezahlt, das an den sinkenden Dollarkurs gebunden ist.
 
Hungerhilfe aufstocken
Der Appell des Weltbank-Präsidenten Robert Zoellick hat gefruchtet. Viele Länder haben sich bereit erklärt, die Hungerhilfe aufzustocken. So stellte die USA 126 Millionen Euro an Soforthilfe für Länder der Dritten Welt zur Verfügung. Deutschland stockt seine Hilfe auf 36 Millionen Euro auf. Umgerechnet sind 500 Millionen Dollar für Hilfsprojekte des Welternährungsprogramms (WFP) notwendig.
 
Die Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) verlangte, dass endlich die Agrarexportsubventionen abgeschafft würden, denn dies „sei ein Hemmnis und demotivierend für die Bauern in Entwicklungsländern“.
 
Wichtig sind nicht nur Soforthilfen, sondern langfristige Massnahmen, um die Produktivität in der Getreideerzeugung zu erhöhen. Die 400 Wissenschaftler und Politiker fordern in einem Bericht des Weltlandwirtschaftsrates (IAASTD), der am 15.04.2008 in Paris vorgestellt wurde, radikale Änderungen in der Agrarpolitik und den Produktionsweisen. Die Wissenschaftler fordern auch die Verteilungsgerechtigkeit und ein besserer Umweltschutz. IAASTD-Direktor Robert Watson sagte, dass „die ärmsten Entwicklungsländer die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen sind“. Das Hauptaugenmerk der globalen Agrarwirtschaft sollte nicht mehr allein auf der Massenproduktion liegen, die zu einem „immer zerstörteren und geteilteren Planeten“ führe. Die Wissenschaftler fordern natürliche und nachhaltige Produktionsweisen. So sollen mehr natürliche Düngemittel und traditionelles Saatgut zur Anwendung kommen, auch kürzere Wege zwischen Produzenten und Verbrauchern ist ein Ziel. Wie fast zu erwarten war, stimmen die USA und auch Vertreter der Industrie nicht allen Forderungen zu.
 
Walter Hess bezeichnete in seinem Buch Kontrapunkte zur Einheitswelt – Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ (Verlag Textatelier.com) schon 2005 die Massenproduktion in der Landwirtschaft bzw. die Landwirtschaftspolitik als hirnrissig. Auch betonte er, dass der Verlust an biologischer Vielfalt durch die Einflüsse der Intensivlandwirtschaft dramatisch ist.
 
Interessanterweise warnt der Rat auch vor den Gefahren der Biotechnologie, insbesondere mit genmanipulierten Pflanzen. Diese Erkenntnis hat mich überrascht, da früher viele Wissenschaftler und Politiker sehr von der Biotechnologie überzeugt waren. Die USA und China sehen dies anders. Aber vielleicht braucht es eine Weile, bis auch die Letzten „Besserwisser“ überzeugt werden.
 
Es gibt also noch viel zu tun, um den Hunger in dieser Welt einzudämmen. Man kann nur hoffen, dass sich vieles zum Positiven ändert. Sehr hoffnungsfroh ist Fabrice Dreyfus, einer der führenden Autoren der Studie. Er sagte: „Unsere Botschaft wird die Einstellung zur Landwirtschaft verändern und hoffentlich einen Paradigmenwechsel einleiten.“
 
Infos im Internet
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,547590,00.html (Experten fordern radikale Umkehr der Agrarpolitik)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,547153,00.html (Aldi u. Co tragen Mitschuld an Hungerlöhnen)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,547121,00.html (Weltbank und IWF warnen vor Hungeraufständen)
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Armut auf dieser Welt
15.09.2005: Bananenrepublik USA: Kapitale Böcke und arme Teufel
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