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BLOG vom 16.06.2008


Zufallsgeschichten vom Stadtrand Altstetten-Schlieren ZH
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Samstagmorgen. Ich verlasse das Haus etwas nach 8 Uhr. Es ist erstaunlich still. Wohltuend. Wieder einmal fühle ich mich in Zürich-Altstetten in den Ferien. Heute ist es besonders ruhig. Die Festfreudigen der Fussball-Euro2008 können ausschlafen. An vielen Häusern hängen locker verstreut Flaggen europäischer Nationen. Es ist windstill. Es bewegt sich nichts. Auch die Bäume stehen stoisch da. Am Himmel hängen flockige Wolken, die sich noch auflösen werden. Ein Flugzeug überfliegt, angenehm hoch, unser Wohngebiet. Ich bin allein unterwegs.
 
Ich fahre mit dem Velo zum Bauernhof am Pestalozziweg und hole Milch. Wenn ich die Stadtgrenze erreicht habe, denke ich jedesmal an Lisbeth. Sie wohnt in Schlieren, unten im Limmattal. Sie spricht vom „erlösenden Moment“, wenn sie hier oben angekommen ist und die Hektik der Stadt zurücklassen kann. Hier atmet das Leben anders. Die Luft ist frisch. Und das Land gehört der Landwirtschaft. Keine Architektur stört das Landschaftsbild. Hier darf die Erde Lebensnotwendiges hervorbringen.
 
Kurz bevor ich zum Pestalozzi-Hof abbiege, werde ich auf einen Mann aufmerksam. Er schläft am Rand des Kornfelds auf jener Bank, die schon manche Wanderer ausruhen liess. Zusammengekauert liegt er da, atmet ruhig, wird vom Erlebten träumen und die Emotionen verarbeiten. Auch er war mit dem Rad unterwegs. Dieses ist gesichert, an der Bank gut angebunden. Die um die aufrechte Sattelstange am Velorahmen befestigte Flagge weist ihn als Franzosen oder Fan der französischen Nationalmannschaft aus.
 
Tief versunken schläft er. Daunenjacke, Sonnenbrille und Filzhut und seine Eigenwärme schützen ihn. Und doch ist er in meinen Augen schutzlos und ausgeliefert, solange er schläft. Woher kam er? Wohin muss er noch zurückkehren? Hatte er den Match Frankreich gegen Holland miterleben wollen, der im Stade de Suisse Wankdorf Bern ausgetragen worden ist? Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Ich fahre heim, mache mir keine Sorgen um ihn.
 
Auf dem Rückweg erledige ich noch Einkäufe bei Coop am Suteracher. Als ich diese nach der Kasse einpacke, bemerke ich eine Frau meines Alters, die meldet, seit sie hier gewesen sei, fehle ihr das Portemonnaie. Sie zeigt 2 Tafeln Schokoladen, die sie vor wenigen Minuten hier bezahlt habe. Die kleine Tasche für den Hausschlüssel und das Portemonnaie hält sie in Händen. Der Geldbeutel fehlt.
 
Das Personal kann ihr nicht helfen. Das Fach, wo die Funde aufbewahrt werden, ist leer. Diebstahl? In solchen Augenblicken ist das immer die nächstliegende Frage.
 
Zusammen verlassen wir den Laden. Plötzlich fällt mir auf, wie sich der Stoff im Umfeld ihrer Manteltasche wölbt, und ich frage sie, ob das Portemonnaie vielleicht da drinnen sei. Oh ja! Nun ist die Ordnung wieder hergestellt. Alle Verdächtigten sind entlastet. Und das Personal ist über den Fund erfreut.
 
Ich bin über mich selbst erstaunt, dass ich so etwas bemerkt habe, weiss aber, dass die Frau auch ohne mich, spätestens dann zu Hause, ihr Portemonnaie wieder gefunden hätte.
 
Und jetzt hoffe ich noch, dass der Franzose ausgeruht aufgewacht ist, alle seine Habseligkeiten vorgefunden, und die Heimreise frisch gestärkt angetreten hat und hoffentlich unversehrt bei sich zu Hause angekommen ist.
 
Dann sind wir alle wieder an unseren Plätzen. Die Dinge und die Menschen auch.
 
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