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BLOG vom 05.07.2008


Eichsel auf dem Dinkelberg D: Suche nach den 3 Jungfrauen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Wanderfreund Toni aus Lörrach schlug eines Tages vor, man könnte doch einmal zu den 3 heiligen Jungfrauen nach Eichsel auf dem Dinkelberg wandern. Bei dem Wort Jungfrauen wurde ich hellwach und zeigte unverhohlen mein Interesse. Nun, am 18.06.2008 war es so weit. Mit von der Partie war noch Wanderfreund Walter.
 
Von Toni erhielt ich dankenswerterweise Informationsmaterial aus dem Internet. So erfuhr ich, dass Eichsel aus den Ortsteilen Obereichsel und Untereichsel besteht und seit 1974 zur Stadt Rheinfelden D gehört. Der Ort wurde 1192 erstmals urkundlich erwähnt, als 4 Brüder, freie Bauern aus Adelhausen, der Kirche in Eichsel eine Schenkung machten zum Seelenheil ihrer Angehörigen. Es ist davon auszugehen, dass schon lange vorher eine Kirche in Eichsel vorhanden war. Pfarrer Deisler, der die Pfarrchronik von Eichsel schrieb, nimmt an, dass die erste Kirche schon um 900 dort gewesen sein könnte.
 
Die heiligen 3 Jungfrauen Kunigunde, Mechtunde und Wibranda sollen im 9./10. Jahrhundert gelebt haben und der Legende nach zu den Anhängern und Märtyrern der heiligen Ursula von Köln gehört haben. Sie unterstützten auch die Missionare St. Fridolin von Säckingen und St. Gallus bei der Christianisierung. Die Jungfrauen verstarben auf der Reise nach Basel in Rappersweil, einem ehemaligen Ortsteil von Adelhausen (dieser Ortsteil ist auf einer heutigen Wanderkarte nicht mehr zu finden). Sie wurden dann an der ursprünglich kleinen Kirche in Eichsel begraben. Die Gräber lagen innerhalb und in der Nähe der Aussenwand der heutigen imposanten Kirche. Nachdem sich später Wunder an ihren Gräbern ereignet haben sollen, wurden sie später heilig gesprochen. 1504 wurde die Verehrung der Jungfrauen durch den päpstlichen Legaten Kardinal Raimund Peraudi überprüft und die Gebeine in Reliquarien in der Eichsler Kirche St. Gallus neu bestattet. 5000 Besucher strömten bei der Erhebung der Jungfrauen zu Heiligen nach Eichsel. Alljährlich findet am 3. Sonntag im Juli zu Ehren der heiligen Jungfrauen der „Eichsler Umgang“ statt.
 
Weitere Informationen, die ich nicht nur aus der „Ortschronik der Gemeinde Eichsel“, sondern auch von Verfasser Adolf Gottfried Kähny erhielt, folgen später. Nun wollen wir uns auf die Wanderung konzentrieren.
 
Wir begannen unsere Exkursion am Hagenbacher Hof. Dieser liegt zwischen Lörrach und Rheinfelden D an der B 316. In der Nähe des Hofs befindet sich die imposante 46 m hohe Autobahnbrücke. Zurzeit wird die Spannbetonbrücke auf 4 Fahrspuren verbreitert. Jetzt läuft der Verkehr einspurig über die bereits fertiggestellte Trassenhälfte. Für dieses Bauvorhaben müssen identische Pfeiler hochgezogen werden. 2 Brückenpfeiler waren bereits fertig, die anderen lugten aus den riesigen Verankerungssockeln hervor. Wir unterquerten die alte Brücke, gingen durch den Hagenbacher Wald und dann Richtung Adelhausen.
 
An den Waldwegen entdeckten wir etliche Kräuter, darunter den Echten Baldrian (Valeriana officianlis). Die Wurzel dieser Heilpflanze enthält Valepotriate, Valerensäure, Veleranon und ätherische Öle, die eine beruhigende Wirkung entfalten. Aber wir benötigten an diesem Tag keine Beruhigungsmittel. Im Gegenteil, wir waren gespannt auf das, was noch auf uns zukommen sollte. Wir labten uns an dieser herrlichen Landschaft auf dem Dinkelberg. Auch waren wir froh, dass uns die Hitze nicht allzu sehr in unseren Aktivitäten hinderte. Es waren vereinzelt Quellwolken zu sehen, die Temperaturen lagen zwischen 20 °C und 25 °C. Auf den Anhöhen des Dinkelbergs wehte ein erfrischender Wind.
 
Kurz vor Adelhausen nahmen wir den unteren Kirchweg, der uns nach Obereichsel führte. Wir befanden uns auf historischem Boden, denn hier führte einst eine Römerstrasse vom Rheintal ins Wiesental vorbei. Den ersten Hinweis auf die Jungfrauen bekamen wir am Mägde- oder Jungfrauenbrunnen kurz vor Obereichsel. An dieser Stelle sollen der Legende nach die 3 Frauen auf ihrem beschwerlichen Weg auf den Dinkelberg Halt gemacht haben, um ihren Durst zu stillen. Heute befinden sich neben dem Brunnen ein schöner Rastplatz mit Bänken und einem Tisch. An diesem Tisch sassen 5 ältere „Jungfrauen“. Ein älterer Herr stand gerade auf und verliess die Gruppe. Auf meine Frage, warum er sich zu den „Jungfrauen“ gesetzt hatte, antwortete er: „Es gab einen Schnaps.“ Da hätte sich wohl jeder dazugesetzt und dann nicht mehr an die Jungfrauen gedacht ... Lieber den Schnaps in der Hand als die Jungfrauen im Himmel.
 
Imposante Kirche mit Reliquien der Heiligen
Nach 75 Minuten erreichten wir Obereichsel. Das markanteste Bauwerk des heimeligen Orts ist die gotische Kirche mit dem 48 m hohen imposanten Kirchturm. Früher war dieser Turm nicht so hoch. Er erfuhr 1852 eine Aufstockung in Form eines quadratischen Aufbaus mit abgeschrägten Ecken und einem Pyramidendach. Auch das Kirchenschiff wurde umgestaltet. Als wir in die Kirche traten, waren wir angenehm überrascht. Besonders prächtig gestaltet sind das gotische Sternengewölbe und der darunter befindliche Hochaltar, der 1899‒1900 eingebaut wurde. Eine Besonderheit ist der im Chor befindliche Wandtabernakel aus dem Jahre 1478. Weitere Höhepunkte der Kirche sind der Marienaltar und der Jungfrauenaltar. Unter den 3 Statuen der Heiligen sind jeweils die verzierten Reliquien – Gebeine und Totenköpfe – in Glaskästchen ausgestellt.
 
Nach dem beeindruckenden Rundgang nahmen wir die Umgebung der Kirche näher in Augenschein. Besonders aufmerksam betrachtete ich den 1978 errichteten Jungfrauenbrunnen beim Maienplatz. Der Brunnen wurde vom Eichsler Künstler Paul Ibenthaler geschaffen.
 
Und noch eine Besonderheit hat Obereichsel zu bieten: nämlich einen riesigen Mammutbaum. Wie mir Adolf Gottfried Kähny in einer E-Mail vom 27.06.2008 mitteilte, wurde der Baum ungefähr im Jahre 1900 gepflanzt. Auf diesem Platz stand vorher ein Bauernhof. Als die Besitzer ohne Nachkommen verstarben, wurde das Grundstück von der Kirchengemeinde erworben. Und wer pflanzte den Baum? Es war Anna Brugger (1883‒1985). Herr Kähny hat diese Frau noch gut in Erinnerung. „Wenn ich etwas über die älteren Leute in Eichsel wissen wollte, habe ich sie besucht und ausgefragt. Sie hatte bis ins hohe Alter ein sehr gutes Gedächtnis“, erzählt Kähny.
 
„Futtern bis die Hose kracht…“
Bevor wir uns auf den Rückweg machten, stärkten wir uns im Landgasthaus-Hotel Maien (www.gasthaus-maien.de) in Obereichsel. Unsere zünftige Vesper bestand aus Wurstsalat mit oder ohne Käse und einem vorzüglich mundenden Gutedel aus Britzingen. Ich labte mich an einer Bierschorle, die meine ausgetrocknete Kehle wieder flott machte.
 
Wir erhielten auch einen Prospekt über die Veranstaltungen des Landgasthauses. So gab es im Mai „Markgräfler Spargel“: Spargel satt mit Schinken und Kartoffeln für 17,50 Euro; eine Markgrafenrolle für 14,50 Euro: frischer Spargel mit Sauce Hollandaise und Schinken im Pfannkuchen gerollt und mit Käse garniert. Der Juni stand unter dem Motto: „Futtern bis die Hose kracht…“. Da konnten die Unersättlichen so viel essen, und das für 17 Euro. Im Juli stehen die Pifferling-Gerichte auf dem Programm. Die heimische Gastronomie bietet für den Gaumen also viele Genüsse.
 
Der Hausherr des Maien, Reinhard Börner, hat ein besonderes Hobby. Er fertigt wunderbare Gegenstände aus Glas an, die in etlichen Stuben des Gasthofes ausgestellt sind. Seinen Gästen führt Börner seine Glasbläserkunst vor, aber er bietet auch Radtouren, Waldläufe und Tauchkurse an.
 
Die Greifvögel kreisten…
Nach der Stärkung machten wir uns auf den Heimweg. Wir durchquerten Obereichsel und wanderten in Richtung Niedereichsel. Von Obereichsel hatten wir einen wunderschönen Blick auf den Schweizer Jura und die Schweizer Alpen.
 
Auf den Wiesen herrschte Hochbetrieb. Die Bauern mähten mit ihren Maschinen Gras. Das hatten auch die Mäusebussarde mitbekommen. Etliche dieser Greifvögel kreisten über den Traktoren und warteten ab, bis diese sich entfernt hatten. Dann stürzten sie herab und erbeuteten aufgeschreckte Feldmäuse und anderes Getier. Die Vögel fressen nicht nur Feldmäuse, Ratten, Mäuse, Spitzmäuse, Maulwürfe, sondern auch Eidechsen, Froschlurche, Käfer und Heuschrecken. Die Mäusebussarde werden in freier Natur 20 Jahre alt. Wir entdeckten auch einen Rotmilan (Roter Milan), der langsam seine Gleit- und Segelflüge absolvierte und Felder nach Beute absuchte. Für mich ist dieses Verhalten immer wieder unglaublich. Durch ständiges Beobachten lernen die intelligenten Vögel, wo es die fetteste und leichteste Beute gibt.
 
Wie mir Adolf Gottfried Kähny in einer E-Mail vom 01.07.2008 mitteilte, sind die Greifvögel bei den Bäuerinnen nicht so beliebt. Sie vergreifen sich des Öfteren an ihren Hühnern.
 
Nach etwa 50 Minuten erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt am Hagenbacher Hof.
 
Es war eine erlebnisreiche Wanderung im Biotop der heilig gesprochenen Jungfrauen. Wir durchstreiften eine herrliche Landschaft, erweiterten unseren Horizont durch das Aufsuchen einer prächtigen Kirche, genossen die Fernsicht auf dem Dinkelberg und speisten vorzüglich. Was will man mehr?
 
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