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BLOG vom 28.08.2008


Unterwegs in Tschechien (V): Die verschwundenen Dörfer
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 2. und 4. Tag unseres Urlaubs standen die Geburtsorte von Walter und mir auf dem umfangreichen Programm unseres einwöchigen Urlaubs in Tschechien. Walters Eltern stammen aus Domstadtl (Mutter Hansmann Luise) und aus Schmeil (Smilov).
 
Wir trafen uns mit Milan Valovic in Sternberk (früher Sternberg). Er sprach sehr gut Deutsch, war 30 Jahre als Oberstleutnant des tschechischen Militärs tätig und ist ein exzellenter Kenner des „Bärner Ländchens“, insbesondere der Umgebung von Sternberg, Domstadtl (Domašov nad Bystrici) und Olmütz (Olomouc). Sein Wissen ist immer wieder bei Busgesellschaften ehemaliger Sudetendeutscher aus Deutschland gefragt. Er hat in unserem Fall auch für die Genehmigung gesorgt, dass wir einen riesigen Truppenübungsplatz durchfahren konnten.
 
Von Sternberk aus, das im Niedrigen Gesenke und 16 km von Olmütz entfernt liegt, fuhren wir nach Domstadtl. Dort wanderten wir kurz an der Kirche vorbei zum alten Bahnhof. In der Nähe befand sich ein ehemaliges Lagerhaus mit der deutschen und schon verblassten Beschriftung „Lagerhaus der Magazingesellschaft Domstadtl GmbH – Ein & Verkauf sämtlicher landwirtschaftlicher Produkte & Bedarfsartikel.“ Das völlig heruntergekommene Gebäude, das wohl seit über 60 Jahren nie renoviert wurde, war zum Verkauf angeboten. Ein Schild mit der Aufschrift „Na Prodej“ („Zum Verkauf“) prangte wohl schon lange an diesem alten Haus. Im Gegensatz dazu fanden wir gegenüber vom Bahnhof im Wald versteckt das wohl derzeit schönste Häuschen; es diente sowohl als Volksschule als auch als Freudenhaus.
 
In Domstadtl selbst entdeckte ich etliche Häuser, wo der Putz schon lange heruntergebröckelt war und das Mauerwerk zum Vorschein kam. Solche Häuser sah ich in Mähren des Öfteren. Wie ich von einer gut unterrichteten Seite erfuhr, hatten die Tschechen teilweise nach der Vertreibung der Sudetendeutschen Angst, die Deutschen würden wiederkommen. Hauptsächlich war aber die Ursache, dass nach der Aussiedlung die Liegenschaften vom Staat konfisziert wurden. Aus diesem Grunde haben sie keinerlei Renovierungen vorgenommen. In vielen Orten wurden jedoch viele Häuser, besonders am Rande der Marktplätze, liebevoll restauriert. Die Häuser von Walters Verwandtschaft am Herlesdorfer Weg sind weg; die daneben liegende Schnapsfabrik besteht noch.
 
Auf dem Weg nach Domstadtl bei Tschesdorf (Tesikov) führte uns Milan zu einem Sauerbrunnen. Die stark eisen- und kohlensäurehaltige Quelle hatte die steinerne Fassung gelb-rötlich-braun verfärbt. Das 9 bis 10 °C kühle Wasser, das aus einer Tiefe von 63 m kommt, schmeckte metallisch und kribbelte infolge des Kohlensäuregehalts auf der Zunge. Der Kohlensäuregehalt beträgt laut Auskunft auf der Tafel 2600 mg/Liter. Bei einem Kohlensäuregehalt von über 250 mg/Liter kann das Wasser als Sauerbrunnen bezeichnet werden.
 
Durch das Feistritztal
Walter wollte unbedingt durch das Feistritztal von Domstadtl (seinem Geburtsort) zur Schmeiler Mühle wandern. Diese liegt etwa 5 km ausserhalb der Ortschaft Schmeil. Ich entschloss mich, ihn zu begleiten. Toni fuhr mit Milan über kleine Strassen zum Endpunkt unserer Tour. Sobald sie dort ankamen, wollten sie uns entgegen gehen, falls wir noch nicht am Ziel an der Schmeiler Mühle waren.
 
Milan bemerkte vor der Wanderung schelmisch grinsend: „Wenn wir uns nicht treffen sollten, können wir die Feistritz bis Olmütz, dann die Morava entlang bis zur Donau nach Österreich laufen.“ Das sollte uns erspart bleiben.
 
Milan, der uns mit lustigen Sprüchen immer aufheiterte, gab uns folgendes Rätsel auf: „Wieviel Sachen muss ein Soldat dabei haben?“ Antwort: „33 Sachen, 1 Löffel und 32 Spielkarten.“
 
Wir wanderten frohgemut drauflos, hatten auch eine gute Karte zur Orientierung dabei. Aber wie es manchmal geschieht, verfehlten wir den Weg in diesem wildromantischen Tal, durch das die Eisenbahnstrecke Troppau–Jägerndorf–Freudenthal‒Bärn–Domstadtl‒Olmütz führt. Wir entfernten uns immer weiter vom Fluss, der laut Karte in der Nähe des Wanderwegs verlaufen sollte und hörten in der Ferne das Wasser der Feistritz rauschen. Der anfänglich schöne Weg wurde immer enger und hörte schliesslich in einem Gebüsch auf. Zum Glück befand sich in der Nähe die Trasse der Eisenbahn. Wir wanderten den Schienen entlang und achteten immer darauf, ob sich ein Zug hinter der kurvenreichen Strecke nähere. Ich hatte jedoch das Gefühl, wir würden von einem Zug nicht überfahren, da erstens die Züge auf diesen Nebenstrecken ziemlich langsam fahren und die altehrwürdigen Lokomotiven einen Höllenlärm verursachen. Zum Glück fanden wir nach etwa 15 Minuten wieder einen Wanderweg, der uns zur Schmeiler Mühle führte. Etwa 30 Minuten vom Zielort entfernt kamen uns Milan und Toni entgegen.
 
Verschwundene Dörfer
Unser Wanderziel, die Schmeiler Mühle (Hausnummer 65), liegt einige Kilometer ausserhalb und ist das einzige Haus von Schmeil, das noch steht. Schmeil wurde zusammen mit 18 anderen Dörfern bei der Anlage eines riesigen Truppenübungsplatzes eingeebnet. Der Truppenübungsplatz umfasste 23 Dörfer. Walter besichtigte dann das Areal der Schmeiler Mühle eingehend. Ich fragte ihn nach seinen Eindrücken beim Anblick seines elterlichen Anwesens. „Die Gefühle, die ich bei meinem Elternhaus hatte, waren gemischt. Von der grossartigen eigenen Vergangenheit und der unserer Väter war hier nichts mehr zu erkennen. Der schlimme Zustand der Schmeiler Mühle spricht alles aus. Verblieben ist, und bleibt es auf vorhersehbare Zeit, die traumhaft schöne Landschaft mit einer bei uns nicht mehr vorstellbaren gefühlten Ruhe, wie wir sie bei unserer Wanderung im Feistritztal erlebt haben; nicht einmal ein Handy-Funk kam hier durch.“
 
Eine Besonderheit ist dann noch der nahe gelegene „Bahnhof“. Dieser ist unglaublich nichtssagend, es ist eine kleine Wiese als Haltestation. Dieser Bahnhof hatte aber eine hervorragende Bedeutung für viele umliegende Ortschaften, da diese ihren Waren- und Pendelverkehr darüber leiteten. Dies war die einzig mögliche Strassen-Schiene-Verbindung in die Städte Olmütz und Bärn.
 
Wir besuchten dann noch einige Gedenksteine, die auf die zerstörten Dörfer hinwiesen. So auch auf Schmeil, das 1260 gegründet wurde. 1945 lebten in Schmeil 700 Einwohner deutscher Nationalität. 1991 besuchten erstmals ehemalige Bewohner ihre alte Heimat. Es war wohl ein sehr trauriger Anlass, denn sie fanden von ihrem schönen Ort nichts mehr. 1995 errichteten sie ein Denkmal. Der obere Teil wurde mit dem Torso des Kriegerehrenmals von 1914‒1918 gefertigt. In der Nähe des Denkmals sah ich die Reste der ehemaligen Friedhofsmauer und unweit des Denkmals einen auf dem Boden liegenden Grabstein. Dieser war teilweise in der Erde versunken.
 
Sehr schön war das Denkmal von Gross-Waltersdorf, das ebenfalls von der Bildfläche verschwunden ist. Auf der Vorderseite sah ich folgende Abbildungen: Kirche, Kuttlers Windmühle, Schieferwerk, Kriegerdenkmal, Kudlich-Denkmal, Gemeindehaus und die Bürgerschule. Folgende Inschrift in deutscher und tschechischer Sprache war auf dem Denkmal zu lesen: „An dieser Stelle befand sich die Kirche von Gross-Waltersdorf. 1945 bestand dieser Ort aus 380 Wohngebäuden und 550 Haushalten. 1946 wurden alle  2000 Einwohner aus ihrer Heimat vertrieben und waren gezwungen, in Deutschland und in Österreich eine neue Existenz aufzubauen. Ein Denkmal zur Erinnerung an die Menschen, die hier bis zur Aussiedlung gelebt und gewirkt haben, zum ehrenden Gedenken an die Toten, die hier in verwüsteter Erde zurückblieben.“
 
Milan erzählte uns noch eine ergreifende Geschichte. Als eines Tages Busse aus verschiedenen Gegenden Deutschlands gleichzeitig ankamen, sahen sich 3 ehemalige Bewohner eines Ortes nach 50 Jahren Trennung wieder. Keiner wusste, in welche Gegend sie nach Kriegsende verschlagen wurden. Beim Wiedersehen wurde so manche Freudenträne vergossen.
 
Nach der Fahrt durch das Truppenübungsgelände gelangten wir nach Altwasser. Auch diese Ortschaft existiert nicht mehr. Nur eine neu renovierte Kapelle bei Königsbrunnen und eine aussen wunderschön renovierte Wallfahrtskirche in Altwasser. Die Kirche ist von einer geschlossenen, stark ramponierten Mauer umgeben. Vom Friedhof sind nur noch einige Steine übrig.
 
Milan hat sich für die Renovierung der Kirche eingesetzt. Er konnte das Verteidigungsministerium gegen heftige Widerstände (es lebten ja keine Menschen mehr dort) davon überzeugen, dass dieses Kulturdenkmal erhalten bleiben muss. Schliesslich kamen 25 Millionen Tschechische Kronen, das sind etwas mehr als 1 Million Euro, zusammen. Zusätzlich wurde von den Vertriebenen gespendet, was für die Renovierung des Bodens in der Kirche verwendet wurde. Für die Renovierung der Kapelle wurden auch Gelder von Vertriebenen bereitgestellt.
 
Es war eine interessante, abwechslungsreiche, aber auch bedenkliche Reise in die Vergangenheit und die Gegenwart.
 
Fortsetzung folgt.
 
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