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BLOG vom 05.09.2008


Unterwegs in Tschechien (VI): Olmütz, zweitschönste Stadt
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Zur Entlastung unseres Fahrers Toni benutzten wir am 6. Tag des Tschechienurlaubs nicht das Auto, sondern den Schnellzug von Horni Lipová nach Olmütz (Olomouc; wird „Ollomautz“ ausgesprochen, das tschechische „ou“ wird wie ein deutsche „au“ ausgesprochen). Es sollte eine abenteuerliche Fahrt werden.
 
Zunächst die Vorgeschichte: Wir ‒ Jürgen, Toni, Walter und ich ‒ lösten 2 Tage vor unserer Bahnreise eine Gemeinschaftsfahrkarte für 4 Personen im kleinen Bahnhof in der Nähe unserer Pension. Wir bemerkten jedoch nicht, dass das Datum auf der Fahrkarte nicht stimmte. Sie war nämlich auf den nächsten Tag ausgestellt. Aber wir hatten ja eine aufmerksame Bahnhofvorsteherin mit dem Namen Schön. Sie bemerkte am nächsten Tag, dass die 4 Deutschen nicht auftauchten, um in die weltoffene Sudetenstadt zu fahren. Und was unternahm die Frau? Da ihr das spanisch vorkam, rief sie sämtliche Pensionen in der Umgebung an, um herauszufinden, wo die Verschollenen (unverkennbar: die 4 Deutschen) nächtigten. Toni war zufällig in der Pension Pod Smrkem als der Anruf kam. Frau Schön berichtete von der Verwechslung und entschuldigte sich vielmals, dass ihr das passiert sei. Sie wollte sogar nach Dienstschluss die Fahrkarte in der Pension abgeben. Toni erklärte sich bereit, die Karte mit dem richtigen Datum abzuholen. Ich dachte mir, und da waren alle Beteiligten einer Meinung, dass wir ein solches Bemühen in Deutschland wohl nie erlebt hätten. „In diesem Land ist der Kunde noch König“, dachte ich weiter.
 
Ganz ungewöhnlich für uns war, dass die Bahnhofvorsteherinnen in vielen Bahnhöfen in einer schicken Uniform und einer Roten Mütze bei Ein- und Abfahrten der Züge aus dem Bahnhofsgebäude heraustraten.
 
Am 17.07.2008 bestiegen wir den Schnellzug und fuhren pünktlich um 8:59 Uhr ab. Der Schnellzug ist nicht mit den in westlichen Ländern fahrenden zu vergleichen. Es waren alte Waggons, die bei uns in den 1970er-Jahren in Gebrauch waren. Sie wurden von einer teilweise verrosteten Diesellok gezogen. Auf den Bergstrecken musste die Lok ziemlich keuchen, um vorwärts zu kommen. Auf der Rückfahrt meinte Toni, er hätte Pfifferlinge im Wald gesehen. Der Zug fuhr so langsam, dass es mir keine Mühe machte, einige Pflanzen auf dem Bahndamm zu identifizieren. So sah ich Johanniskraut, Mädesüss, Wilde Möhre, Wiesenkerbel, Königskerze, Weidenröschen und die Pestwurz.
 
Nach Hanušovice hatte die langsame Fahrt ein Ende. Dort begann nämlich die elektrifizierte Strecke, und es wurde die Diesellok durch eine Elektrolok ersetzt. Nun ging die Fahrt relativ flott weiter über Zábreh und Mohelnice nach Olmütz. Wir erreichten die 100 000-Einwohner-Stadt nach 2 Stunden.
 
Schönste Stadt nach Prag
Olmütz ist die fünftgrösste Stadt Tschechiens und soll nach Prag die schönste sein. Die Barockstadt ist zum Glück noch nicht vom Massentourismus geprägt. Sie ist lebendig, unaufdringlich und hat ein angenehmes Flair. Sämtliche Sehenswürdigkeiten in der Altstadt sind per pedes gut zu erreichen.
 
Olmütz ist Bezirksstadt, Sitz eines Erzbistums und hat die zweitälteste Universität in ihren Mauern. Die Universität wurde 1573 gegründet.
 
Olmütz hat eine wechselvolle Geschichte. Die Stadt war Schauplatz vieler Kriege. 1642 wurde die Stadt von den Schweden eingenommen und 8 Jahre okkupiert. Später fielen die Preussen ein, und 1740 wurde Olmütz von diesen eingenommen. Nach Errichtung von Befestigungsanlagen hielt sie einem 2. Ansturm 1758 durch die Preussen stand. Nachdem in den Kriegen viele Bewohner abgewandert waren, erholte sich die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert wieder. Im Revolutionsjahr 1848 suchte die österreichische Kaiserfamilie im Schloss des Erzbischofs in Olmütz Schutz. Kaiser Ferdinand I. gab hier seine Abdankung zu Gunsten seines 18-jährigen Neffen Franz Joseph I. bekannt.
 
Olmütz hat heute folgende Städtepartnerschaften: Antony (Frankreich), Subotica (Serbien), Luzern (Schweiz), Nördlingen (Deutschland), Owensboro (USA), Pécs (Ungarn), Tampere (Finnland)  und Veenendaal (Niederlande).
 
Grösste Pestsäule Tschechiens
Vom Bahnhof aus gingen wir durch triste Strassenzüge in Richtung Altstadt. Zunächst wollten wir die Domkirche St.Wenzel ansteuern, bogen jedoch eine Strasse zu früh ab und kamen dann in einen Park, der sich auf der Rückseite des Doms befand. Aber von dort ging kein Weg zur Domkirche. Was tun? Nun, wir verzichteten zunächst auf die Besichtigung und gingen Richtung Horni namešti (Oberer Platz bzw. Oberer Ring).
 
Wir waren sehr beeindruckt als wir den Platz betraten. Der Platz ist von schönen Patrizierhäusern eingerahmt. Fast in der Mitte des rechteckigen Areals steht das imposante Alte Rathaus mit einem 70 m hohen Turm. Sehenswert ist die an der Nordseite des Rathauses befindliche Astronomische Uhr von 1422. Es ist die zweitälteste Astronomische Uhr von Tschechien. Die älteste Uhr befindet sich in Prag.
 
Der Obere Platz hat weitere Höhepunkte zu bieten, so 3 Brunnen (Herkulesbrunnen, Caesarbrunnen, Arionbrunnen) und die grösste Pestsäule Tschechiens. Es ist die 32 m hohe Dreifaltigkeitssäule, die unter UNESCO-Schutz steht. Die 1754 errichtete Säule ist mit 18 vergoldeten Kupferstatuen verziert. Maria Theresia war bei der Einweihung zugegen.
 
Unweit des Oberen Platzes steht das Mährische Theater von 1830. Dort begann Gustav Mahler (1860-1911) als Kapellmeister seine Laufbahn (1883). Er war jedoch nur 3 Monate dort.
 
Auf dem erwähnten Platz lernten wir 2 Sachsen, die mit dem Wohnwagen ihre alte Heimat besuchten, kennen. Im Lokal und bei späteren Besichtigungen an ganz anderen Stellen der Stadt, sahen wir die beiden wieder. „Beim nächsten Mal ist ein Bier fällig“, meinte der eine.
 
Wir unterbrachen unsere Besichtigungstour kurz und kehrten im Moravská Restaurace ein. Dieses Mährische Restaurant befindet sich gegenüber dem Rathaus. Das Restaurant bot die Speisen auch in deutscher Sprache an. Auf der 1. Innenseite der Speisekarte las ich Folgendes: „Wir haben versucht, für Sie ein gemütliches Eckchen zur Einkehr zu schaffen, worin allein schon ein halbes Stündchen Sie Ihre Alltagssorgen vergessen lässt. Überlassen Sie diese den Pferden, geniessen Sie das Leben mit jedem Happen vom Teller, mit jedem Schlückchen aus Ihrem Glas, lachen Sie freundlich und nett zu allen, denen Sie begegnen.“
 
Daraufhin war ich freundlich zum Kellner und genoss einen Schweineschulterbraten mit Kraut, Knödel und Zwiebel für 160 Kè (etwa 7 Euro!). Zu diesem opulenten Mahl passte ein kühles Pilsner Bier, das ich in kleinen Zügen genoss. Walter, der dasselbe ass wie ich, war voll des Lobes, indem er sagte: „Mein Schweinebraten war hervorragend, und noch hervorragender war das Kraut. So kenne ich es von meiner Mutter. Die Knödel passten sehr gut dazu.“
 
Frisch gestärkt erkundeten wir dann noch den kleineren Marktplatz (Doni namìsti), der weniger Flair als der Obere Platz, aber ebenfalls etliche Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Nennen möchte ich den Neptun- und Jupiterbrunnen, die Mariensäule, das Hauenschild-Palais, die Kirche Mariä Verkündigung und die Katharinenkirche.
 
Zudem möchte ich noch auf eine Besonderheit hinweisen: Vor dem Rathaus auf dem weitläufigen Horni namìsti war eine grosse Glocke mit einem Infostand zu sehen. In mehreren Sprachen erfolgte ein Spendenaufruf für die grösste Glocke der St.-Michaels-Kirche. Hier ein Auszug:
 
„2 von den 4 Glocken, die Heilige Zdislava und der Heilige Johannes Sarkander, sind bereits gegossen und an ihrem Platz angebracht, so dass ihre Stimmen feierlich über den Dächern der Stadt erklingen können. Eine weitere von den 4 Glocken, Sankt Michael, wurde erst vor kurzem gegossen und harrt ihrer Weihe, die an der Neige des Sommers, am 5. Oktober 2008, stattfinden soll. Es liegt nun an Ihnen, wie bald nunmehr auch die letzte von den Glocken, Maria, hergestellt sein wird, und ob sie im Geiste alter Traditionen Ihren Namen oder denjenigen Ihrer Familie tragen wird …“
 
Wer nun Sponsor der 4. Glocke sein möchte, kann auf ein bestimmtes Konto Geld einzahlen. Wer mehr als 10 000 Kè zur Verfügung stellt, dem wird eine besondere Ehre zuteil. Sein Name wird an der Glocke angebracht (www.svatymichal.cz).
 
Endlich im Dom
Auf unserem Rückweg zum Bahnhof besichtigten wir die Domkirche St. Wenzel. Diese liegt auf einer kleinen Anhöhe. Die schöne Fassade und die beiden gotischen Türme entstanden erst im 19. Jahrhundert. Neben dem Dom befindet sich ein 100,6 m hoher Turm, der als der höchste in Tschechien gilt. Im Inneren des Doms sind uralte Grabsteine der Premysliden-Familie, der Domschatz, die schön gestalteten Glasfenster, der prächtige golden schimmernde Altar und viele andere Dinge zu sehen. Es ist eine unglaubliche Prachtentfaltung, wie man sie überall in Tschechien, aber auch in unseren Kirchen, zu sehen bekommt. Für eine exzellente Renovierung und Ausstattung in Kirchen scheint immer viel Geld vorhanden zu sein.
 
Besonderheit im Bahnhof
Ganz amüsant fand ich die Leute im Bahnhof. Die standen ganz diszipliniert herum und blickten gebannt auf eine riesige Anzeigetafel, wie sie in ähnlicher Form auch auf Flughäfen sind. Ich wunderte mich, dass keine Abfahrts- und Ankunftspläne, wie wir sie kennen, aushingen. Wir konnten also nicht die Nummer unseres Gleises herausfinden (die Abfahrtszeit wussten wir bereits, die gab uns Frau Schön). Die grosse Tafel brachte bald Klarheit. Zunächst las ich nur die voraussichtliche Ankunftszeit, die Abfahrtszeit und den Zielort, aber nicht die Gleisnummer. Sobald jedoch die Nummer erschien, kam Bewegung in die geduldig wartenden Menschen. Sie machten sich auf die Socken, um ihren Zug zu erreichen. Wir wurden schon ungeduldig, da 5 Minuten vor Abfahrt unseres Zuges wir immer noch nicht wussten, wohin wir uns in Trab setzen sollten. Aufatmen allerseits, als wenige Minuten vor Abfahrt doch noch die Gleisnummer erschien.
 
Überall sauber
Wir wunderten uns immer wieder, dass in den Städten, aber auch in Dörfern die Strassen sehr sauber waren. Ich konnte partout kein herumliegendes Papier oder andere Gegenstände ausmachen. Die Plätze sahen wie geleckt aus. Wer dies nicht glaubt, kann einmal unsere Fotos betrachten. Wie ich von Milan erfuhr, werden in Tschechien zur Reinigungsarbeiten Arbeitslose, die länger als 3 Monate ohne Arbeit sind, herangezogen (Ältere bekommen 9 Monate Unterstützung). Aber ich sah auch keine Arbeitslosen oder Reinigungsmaschinen. Wahrscheinlich wird am frühen Morgen oder späten Abend wie von Zauberhand sauber gemacht.
 
Was mir in Tschechien ebenfalls noch auffiel: Ich sah keine herumlungernden Jugendlichen, keine jungen Inline-Skater (nur in der Nähe unserer Pension fuhr ein vielleicht 75-Jähriger Inline-Skater herum und benützte Stöcke). Etwas aus dem Goldenen Westen hat sich auch in Tschechien durchgesetzt, das Handy. Ich sah nämlich etliche Jugendliche damit telefonieren.
 
Nach diesen Gedanken und Erlebnissen in Olmütz fuhren wir wieder mit dem Schnellzug, der auf Teilstrecken keiner ist, wieder nach Horni Lipová zurück. In der Pension stärkten wir uns an einem reichlichen und guten Abendessen.
 
Fortsetzung folgt.
 
Hinweis auf weiteres Blogs über Tschechien
09.03.2007: Entriegelung des Städtchens Olomouc in Tschechien
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