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BLOG vom 15.09.2008


Unterwegs in Tschechien (VII): Der Semmeldoktor J.Schroth
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Sein Leben selbst ist ein Beispiel dafür; ein Leben der Liebe für den kranken Menschen und ein Leben mit der Natur, die ihm die Mittel gab, zu heilen.“
Hugo Scholz, Schriftsteller
 
Im 7. und 8. Teil meines Reiseberichtes werde ich die früheren Wirkungsstätten von Johann Schroth, Vincenz Priessnitz und Carl Ditters von Dittersdorf unter die Lupe nehmen. Zunächst betrachten wir die Lebensgeschichte des „Brötchendoktors“ oder „Semmeldoktors“, wie Johann Schroth auch genannt wurde. Er wirkte nämlich an unserem Urlaubsort Lipová Laznê (www.lipova-lazne.cz). Dort befinden sich die Kuranlage, Kurhäuser, ein Museum und die Grabstätte des „Wohltäters der Menschheit“.
 
Der „Brötchendoktor“
Der Fuhrmann Johann Schroth (1798‒1856) entwickelte etwa 1820 seine Kurmethode im Selbstversuch. Nach einem Huftritt eines Pferdes verletzte er sich am Knie so sehr, dass es steif blieb. Er behandelte sein Knie mit nasskalten Umschlägen und erreichte eine Besserung. Den entscheidenden Tipp bekam er von einem Mönch vom Orden der Barmherzigen Brüder. „In feuchter Wärme gedeiht Holz, Frucht und Wein, selbst Fleisch und Bein“, war sein Leitspruch. Er war ein guter Beobachter. So bemerkte er bei kranken Tieren, wie sie während ihrer Krankheit das Futter verweigerten, kaum tranken und sich wenig bewegten. Alle diese Beobachtungen nahm er in seine Kur auf. Immer mehr Menschen fanden den Weg zum „Wunderdoktor“ und liessen sich behandeln. Natürlich hatte auch er Gegner, die ihn als „Scharlatan“ bezeichneten. Ärzte bezichtigten ihn der Kurpfuscherei, denn es konnte nicht sein, dass ein Nichtmediziner heilte. Mediziner werteten die Kur als „Unterernährungsdiät“ und meinten, die Kur sei besonders für Hypochonder geeignet.
 
„Durch die ständige Verfolgung verlor er oft den Mut und konnte dann wieder nicht nein sagen, wenn Halbverzweifelte nach ihm schickten“, schrieb Hugo Scholz in seinem Roman „Erbe und Geheimnis des Naturarztes Johann Schroth“ in der Einleitung.
 
Ähnliches mussten viele Naturheiler, die etwas anderes propagierten als die Schulmediziner, erfahren. Nennen möchte ich Vincenz Priessnitz, Sebastian Kneipp, Johann Künzle, Max Bircher-Benner, Max Otto Bruker. Aber auch in unserer Zeit gibt es Kreise, die Andersdenkende, wie Dr. Johann Georg Schnitzer, mit allen Mitteln bekämpfen und denunzieren.
 
Einschätzung der Schrothkur
Interessant ist die Beschreibung und Einschätzung der Kur in Meyers Konversationslexikon von 1898: „Schrothsche Kur (…) Heilverfahren bei welchem der Kranke längere Zeit hindurch mit altbackener Semmel und dickem Brei aus Reis, Griess, Hirse, Buchweizengrütze ernährt wird. Als Getränk dient früh und abends ein Gläschen Wein, an jedem 3. oder 4. Tag erhält der Kranke 2‒-3 Stunden nach der Mittagszeit (Pudding mit Weinsauce) so viel Wein, wie er trinken mag. Nachts liegt der Kranke in nassen Tüchern. Die höchst lästige Kur greift tief ein und kann bei unvorsichtiger Anwendung Entkräftung, Skorbut, selbst den Tod herbeiführen, bei sorgsamer Überwachung hilft sie oft bei veralteter Syphilis, Gicht, chronischen Ausschwitzungen im Rippen- und Bauchfell und in den Gelenken, auch bei Magenerweiterung günstig.“
 
Die Elemente der Schroth-Kur sind eine salz-, fettlose und eiweissarme Kost (mit Reis-, Griess- und Haferbrei, ergänzt durch gekochtes Gemüse und gekochtes Obst und Brötchen), abwechselnde Trink- und Trockentage und Schrothsche Packungen bzw. Dunstwickel (meist frühmorgens). Wein wird wohldosiert über den Tag verteilt während des grossen und kleinen Trinktages getrunken. Aber nur, wenn der Arzt einverstanden ist.
 
Ganz amüsant ist die Beschreibung der Kur durch Artur Ringel in launigen Versen: „Wenn morgens du die Packung kriegst, weil lange schon dich Rheuma plagt, wenn du verschnürt im Bette liegst und dir die Nässe nicht behagt, denk´ an den Nutzen der Tortur, da nun das Blut – bisher versäuert – durch diese Schrothsche Fastenkur von Grund auf wird erneuert. Und während Unrat so verdampft durch Schwitzen – auch beim Dösen – und Harnkristalle, die verkrampft, im Blut sich schmerzlos lösen, wirst du natürlich rigoros die Gifte und die Pfunde los (…).“
 
Der Deutsche Schrothverband praktiziert heute die klassische Form, während der Internationale Schrothbund eine reformierte Variante vertritt. Die Kurkost bei der modifizierten Schrothkur ist eine Mischkost. Die Kalorienmenge wird von 500 über 1000 auf 1500 gesteigert, um einen Jo-Jo-Effekt nach der Kur zu verhindern. Die Flüssigkeitszufuhr an den Trockentagen wird erhöht.
 
Walters Kurerfahrungen
Unser Wanderfreund Walter, der auch in Tschechien dabei war, kurte vor einigen Jahren in Oberstaufen, da er mit Rückenproblemen und Übergewicht zu tun hatte. Die Kur war, wie er betonte, ein vollumfänglicher Erfolg. Hier sein Bericht:
 
„Es beginnt damit, dass man zur Begrüssung mit einer Pflaumensuppe verwöhnt wird und schon gleich danach beginnt das Gewicht-Abnehmen. Ein Hauptgericht besteht aus Körnerbrot mit geraspelten Rüben. Zugegeben, man wird satt, fühlt sich aber noch aufnahmefähig für das zur Kur gehörende Getränk, nämlich ein Weisswein mit einem speziellen Säuregehalt. Meines Wissens ist die Schrothkur die einzige, die während der Anwendung Alkohol ausdrücklich als Teil des Essens vorschreibt (…). Das eigentlich Schreckliche an so einer Kur ist der Morgen. Das Wecken ist um 4.00 Uhr; dann wird man vollständig in kalte patschnasse Tücher eingehüllt und mit Tüchern zugedeckt. Dann beginnt das starke Schwitzen. Man bemerkt sehr schnell, wie der Körper, insbesondere auch die Haut, sich entspannt und man fühlt sich schon am 2. Tag verjüngt (…). Die einseitige Kost hat auch ärgerliche Nebenwirkungen: Das Gedächtnis schwindet vorübergehend, so dass ich zum Beispiel in der Telefonzelle meine eigene Telefonnummer nicht mehr wusste. Ausserdem wirkt sich das spartanische Essen reduzierend auf die sexuelle Potenz aus, aber nur beim Mann. Bei der Frau wirkt so eine Kur eher stimulierend.“
 
Da brauchen sich die Frauen von den Kurenden keine Sorgen bezüglich Kurschatten zu machen. Denn da läuft gar nichts (die Männer sollen sich gefälligst auf die Kur konzentrieren!). Und was machen die Frauen? Dafür sind dann die Bauernburschen der Umgebung zuständig …
 
Nach Beendigung der 2-wöchigen Kur war Walter um 7 kg leichter. Aber nach 6 Wochen hatte er wieder die verlorenen Pfunde auf seinen Rippen. Wie so oft, haben die meisten Diäten und Kuren einen Jo-Jo-Effekt.
 
Heilbehandlungen anerkannt
Aus dem Leben von Johann Schroth und Nachfolgern noch einige Notizen:
 
Im schlesischen Nieder-Lindewiese (Dolni Lipová) erhielt Johann Schroth 1840 offiziell das Dekret, Heilbehandlungen in der ganzen österreichischen Monarchie durchzuführen. Als er von Ärzten aufgegebene Patienten heilte, sprach sich das herum und bald darauf errichtete er eine Naturheilstätte. 1850 eröffnete Prinz Wilhelm von Württemberg das Kurhaus. Der Prinz war dem Heiler zu Dank verpflichtet, weil dieser sein verletztes Bein heilte. Der Prinz zog sich die Verletzung in der Schlacht von Novara zu, und das Bein sollte amputiert werden.
 
In der erwähnten Schlacht (1849) in Norditalien schlugen die österreichischen Truppen unter Feldmarschall Radetzky die Truppen des Königreichs Piemont-Sardinien.
 
Bis 1945 wurden etwa 50 Kurhäuser errichtet. 1947 brachte der sudetendeutsche Arzt Dr. med. Hermann Brosig das Schrothsche Heilverfahren nach Oberstaufen im Allgäu (www.oberstaufen-schrothkur.de). Es ist das einzige Schrothheilbad Deutschlands.
 
Zurück zur Biografie des „Brötchendoktors“. Nach seinem Tod im Jahre 1856 (Schroth starb an einem Herzleiden) übernahm sein Sohn Emanuel (1832‒1890) die Heilungsmethoden seines Vaters. Er war ein guter Geschäftsmann. Während seiner Tätigkeit wuchs die Bedeutung des Kurortes. Später übernahmen Dr. Max Mader und Dr. Karl Schroth die Leitung. Zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg wurde der Kurort Lipová Laznê unglaublich populär. Es kamen Patienten von Amerika bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten.
 
Heute kuren noch über 5000 Patienten pro Jahr in Lipová. Es werden hauptsächlich Stoffwechselstörungen, Hautkrankheiten, Rheuma, Allergien, Magen- und Darmleiden, Schlaflosigkeit behandelt. Ein Nebeneffekt: Durch die Kur nimmt man um etwa 10 % ab. Die Kur darf nicht angewandt werden bei Leberzirrhose, Nierenfunktionsstörungen, Tuberkulose, Krebserkrankungen, Schilddrüsenüberfunktion und Schwangerschaft.
 
Im Schrothmuseum
Zusammen mit Jürgen lustwandelte ich im schönen Kurpark von Lipová Láznê. Hier befinden sich viele Zierpflanzengattungen und alte Bäume. Sehr interessant fand ich die Kurgebäude, die Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden. Das älteste Haus ist das Gründungshaus von 1842. An diesem Haus ist eine Gedenktafel angebracht. Im Kurpark sind 2 Denkmäler. Das 1. Denkmal von Johann Schroth wurde 1870 von dankbaren Patienten aufgestellt. Auf dem Sockel ist folgende Inschrift angebracht: „In der feuchten Wärme hält sich das Holz, die Ernte, Wein und sogar das Fleisch und die Knochen gut. Dem Wohltäter der Menschheit 1870.“
 
Das 2. Denkmal in der Nähe des Holzhäuschens am Fluss Saric ist eine Büste von Emanuel Schroth von 1894. Schöpfer war der Bildhauer Stahl, der diese Büste aus hiesigem Marmor herausgearbeitet hatte.
 
Dann wanderten wir zum Schrothmuseum (Muzeum Johanna Schrotha), das sich unterhalb des Bahnhofes von Lipová Laznê in einem kleinen Park befindet. Das Gebäude ist sehr ansehnlich in 0ckergelb und Rotbraun gehalten. Für 15 Kc lösten wir bei einer jungen Frau, die weder Deutsch noch Englisch verstand, eine Eintrittskarte. Ich machte mich irgendwie verständlich. Ich wollte nämlich eine Schrift über Johann Schroth erstehen, aber keine war vorhanden, nur Prospekte aus der Umgebung. Dann stiegen wir über eine Treppe in den 1. Stock. Dort befand sich das eigentliche Schrothmuseum. Im grössten Raum sahen wir in einer Ecke einen Schreibtisch und einen alten Arzneischrank. Auf dem Schreibtisch standen eine Petroleumlampe und eine alte Schreibmaschine. In einer anderen Ecke erblickten wir eine Büste von Johann Schroth und an den Wänden hingen Infotafeln zum Werdegang des Semmeldoktors und des Kurwesens.
 
In einem weiteren Raum stand ein Bett, in der eine eingewickelte Frauensperson lag. Die war natürlich nicht echt, sondern eine Puppe. An der schrägen Wand über dem Bett hing eine lustige Fotografie von anno dazumal mit einer eingewickelten und lächelnden Frau auf einem Bett. Darunter stand dies: „Die Packung ist ein Hochgenuss und jedem gern willkommen. Sie ist des Tages schönster Schluss, wird willig hingenommen. Man fühlt sich dann, wie ihr jetzt wisst, so frei und wohlgeborgen. Bedauert nur, dass Dursttag ist, bereits am nächsten Morgen.“
 
Neben der eingepackten Frau im Bett stand noch ein alter kleiner Schrank mit ärztlichen Instrumenten und Glasgeräten.
 
Fotos und Infos zum Museum finden Sie unter www.ic-lipova.cz/de/
 
In Miroslav – im Winter ein Skizentrum, im Sommer ein Zentrum für Konzerte, gesellschaftliche Treffen und Veranstaltungen – findet die „Wahl des nassen Unterhemdes“ statt. Wohl ein Bezug zur Schrothkur. Zum Glück (für die Männeraugen) sind die Damen, die sich hier zur Wahl stellen, nicht eingepackt und geschnürt.
 
Am Grabmal und Versöhnungsdenkmal
Unweit des Museums erblickten wir den Friedhof von Lipová Laznê. Ich wusste von Schriften, dass hier das Grabmal des Kurgründers und seiner Nachkommen zu finden ist. Wir machten uns auf den Weg. Wir brauchten nicht lange zu suchen, denn wir fanden sofort die Grabstätte der Schroths direkt rechter Hand des Eingangs. Auf dem Areal sind 3 schwere Grabsteine mit den Namen Johann Schroth, Emanuel Schroth und Rochus Schroth (1874‒1913). Es sind Vater, Sohn und Enkel, die hier ihre Ruhestätte fanden.
 
Wir verharrten kurz und dabei dachte ich an diese Wohltäter, die doch viel für kranke Menschen getan und für die Gemeinde bewirkt hatten.
 
Dann sahen wir uns etwas im Friedhof um und erblickten das Versöhnungsdenkmal. Es wurde im Jahre 2000 zum Andenken an alle Deutschen aus Lipová, die in den Kriegen starben, mit Hilfe von Spendengeldern ehemaliger Bewohner errichtet.
 
Übrigens gibt es in der Umgebung von Lipová Láznê und Jesenik (Freiwaldau) noch viele Denkmäler, Kirchen und alte Bäume zu sehen. So ist eine Linde auf Bobrovnik 160 Jahre und die Freiwaldauer Linde 170 Jahre alt. Hinter der Ein-Schiff-Kirche des heilig gesprochenen Waclav aus dem Jahre 1788 in Lipová Láznê befindet sich eine Esche, die nach Schätzungen 210 bis 260 Jahre alt sein soll. Aus Zeitgründen konnten wir leider nicht alle Sehenswürdigkeiten aufsuchen.
 
Aber vielleicht reisen wir wieder einmal ins Altvatergebiet.
 
Fortsetzung folgt.
 
Literatur
Scholz, Hugo: „Erbe und Geheimnis des Naturarztes Johann Schroth“, Roman, Verlag Helmut Preussler, Nürnberg 1974.
Scholz, Hugo: „Zuflucht bei Johann Schroth – Die grosse Heilung“, Roman, Allgäuer Zeitungsverlag, Kempten 1976.
 
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