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BLOG vom 15.10.2008


Fahrradtour: Auf der Trasse der einstigen Todtnauer Bahn
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
In meinem Blog vom 22.02.2008 („Bahnreisen anno dazumal: Ohne Klo, Heizung und Licht“) publizierte ich etliche Anekdoten über Erlebnisse mit dem „Todtnauerli“. Diese Ein-Meter-Schmalspurbahn verband zwischen 1889 und 1967 die Städte Zell mit Todtnau im oberen Wiesental (unter www.todtnauerli.de ist eine schöne Bildbeschreibung vorhanden).
 
Das „Todtnauerli“ dampfte in jener Zeit durchs obere Wiesental und brachte viele Feriengäste, auch Skiurlauber, in die Ferienregion Belchen und Feldberg (von Todtnau aus wurden die Gäste mit Bussen weiterbefördert). Die Bahn hatte auch eine Bedeutung für das wirtschaftliche Räderwerk. So wurden landwirtschaftliche Produkte, Grubenholz in die Bergwerke, Fasern und Garne der Textilindustrie, Briketts und vieles mehr transportiert.
 
Das Bähnle fuhr langsam und gemütlich, die Dampflokomotive keuchte und stöhnte bei den Steigungen. Manchmal wurde die Fahrt unterbrochen, als sich so manche störrische Kuh partout nicht von den Schienen vertreiben lassen wollte. Auch blieb der Zug manchmal auf freier Strecke stehen. Dann wussten die Fahrgäste, dass der Heizer nicht genügend gefeuert hatte. Übrigens ziehen heute 2 ehemalige Dampfloks eine Museumsbahn am Genfersee (Blonay-Chamby-Bahn).
 
Seit dem Abbau der Schienen in den 1970er-Jahren dient die Trasse als Wander- und Fahrradweg. Vor einigen Jahren lief ich mit einem Wanderfreund aus Wehr den Weg in 2 Etappen ab. Es war im Winter und bitterkalt. Unser Weg führte uns auch durch den 80 m langen Tunnel zwischen Atzenbach und Wembach. Von der Tunneldecke hingen dicke Eiszapfen herab. Ich dachte mir damals, wenn so ein Gebilde heruntersausen würde, dann bräuchten wir uns keine Gedanken mehr über den weiteren Weg zu machen. Heute warnen 2 Schilder vor Steinschlag und vor herabfallenden Eisgebilden.
 
Auf den Spuren des Todtnauerlis
Als in der „Badischen Zeitung“ der Artikel „Vom Dampfross zum Drahtesel“ am 29.09.2008 erschien, wurde ich an die schöne Wanderung erinnert, und da kam mir die Idee, einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad zu bewältigen. Ich wollte unbedingt mit dem Drahtesel durch den erwähnten Tunnel düsen, aber nicht allein. Ich konnte meinen Nachbarn Ewald Greiner von der Idee begeistern und so radelten wir am 11.10.2008 von Schopfheim ausgehend nach Zell, von dort nach Atzenbach, Mambach und Fröhnd. Auf die restliche Strecke von Fröhnd nach Schönau und von dort nach Todtnau verzichteten wir aus Zeitgründen.
 
Der Todtnauerli-Radweg, der am Zeller Bahnhof beginnt, ist gut ausgeschildert. Die Gesamtlänge von Zell nach Todtnau beträgt 22 Kilometer. Wer kräftig in die Pedale tritt, kann die Strecke talaufwärts in 2 Stunden bewältigen, talabwärts geht es natürlich schneller. Dafür benötigt man 75 Minuten.
 
Wir radelten an diesem Nachmittag etwa 32 km (Schopfheim – Fröhnd und zurück) und das genügte uns vollauf.
 
Eine erste Besonderheit erblickten wir in Zell-Atzenbach. Auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofs steht heute ein bronzenes Skulpturenpaar. Ein Schaffner unterhält sich mit einer Reisenden, die einen Koffer in der linken Hand hält. Nach einem kurzen Fotostopp ging es weiter. Wir überquerten bald darauf die Bundesstrasse 317 und begaben uns auf den weiteren Weg in das wildromantische Obere Wiesental.
 
Auf unserer Fahrt auf und neben dem ehemaligen Bahndamm sahen wir die Wiese in ihrem teilweise tief eingegrabenen Bett dahinfliessen. Es war jedoch wenig Wasser darin, weil in höheren Lagen dieses durch Kanäle zu einem Kraftwerk geleitet wird. Darüber später etwas mehr.
 
Wir durchquerten einige Wälder, fuhren an felsigen Böschungen vorbei, erblickten aber auch grüne Wiesen, auf denen Kühe grasten. Besonders schön waren die Bäume und Büsche mit ihren herbstlich verfärbten Blättern.
 
Kurz nach Zell-Atzenbach mussten wir unsere gemächliche Fahrt unterbrechen. Der Grund war eine Rettungsübung der Freiwilligen Feuerwehr Zell. Mitten auf dem Weg standen Feuerwehrfahrzeuge, und etwas weiter weg lagen 4 menschengrosse Puppen, an denen die Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage ausgeführt wurden. In einem Kanal rechts vom Weg, der nur wenig Wasser führte, wateten einige Feuerwehrleute herum und „retteten“ einen Verunglückten. Da sah ich zum ersten Mal, dass das Wasser des Kanals durch einen Tunnel verschwindet. Wie wir hörten, fliesst das Wasser hier durch einen kilometerlangen Tunnel bis in die Fabriken von Zell, wo Kleinkraftwerke betrieben werden.
 
Wir bestiegen wieder unsere Räder und traten kräftig in die Pedale. Es ging leicht bergauf, und wir erreichten bald darauf einen weiteren Höhepunkt der Tour, den 80 m langen Tunnel, durch den sich einst das Todtnauerli quälte. Der Tunnel befindet sich zwischen Niederhepschingen und Unterkastel. Heute ist es in dem gebogenen Tunnel nicht mehr dunkel, wie bei unserer früheren Wanderung. Sobald ein Wanderer oder Fahrradfahrer den Tunneleingang passiert, wird die solarbetriebene Tunnelbeleuchtung eingeschaltet. Beim Verlassen des Tunnels geht das Licht aus. Bevor ich den Tunnel verliess, blickte ich noch zur grob behauenen Decke hinauf und sah ein Gitternetz, das vor herabfallenden Steinen schützt.
 
Eines der schönsten Dörfer von Deutschland
Nach kurzer Fahrt erreichten wir Fröhnd-Unterkastel. Unterkastel ist ein Ortsteil von Fröhnd. Dieser besteht aus 9 malerischen Ortsteilen. Fröhnd wurde übrigens 1998 von der Jury des Bundesentscheids „Unser Dorf soll schöner werden“ mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Die 500 Einwohner fühlen sich hier in einem der schönsten Dörfer Deutschlands wohl. „In Fröhnd ist die Landschaft noch Heimat und Mensch und Tier noch Teil der Natur“, wird auf einer Internetseite stolz verkündet (www.breisgau-schwarzwald.de/froehnd.htm). Dies kann ich nur bestätigen, da wir schon des Öfteren in dieser Gegend wanderten und die schöne Natur und Stille genossen. Dabei entdeckten wir in den Ortsteilen von Hof und Ittenschwand auch das eine oder andere Wegkreuz. 18 davon wurden auf privater und kommunaler Ebene restauriert. Die Wegkreuze wurden in der Vergangenheit nach Bränden und Unglücksfällen aufgestellt.
 
In Unterkastel bewunderten wir noch die Kastler Bogenbrücke. Sie wurde 1908/09 erbaut und 1981 renoviert. Das einzigartige Viadukt sollte in den 70er-Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Da spielten jedoch die Fröhnder nicht mit. Es gab viele Einsprüche gegen diesen Plan. Dies war ein Glück. Heute präsentiert sich die Brücke in ihrer ganzen Schönheit.
 
Oberhalb der Brücke wird das Wasser gestaut und für die Stromerzeugung abgezweigt. Das Wasser fliesst durch einen 4 Kilometer langen Tunnel zum Kraftwerk Mambach. Das Kraftwerk, das an der B 317 zwischen Zell und Schönau liegt, ist das älteste und grösste Kraftwerk an der Wiese. Es ist seit 1889 in Betrieb und liefert jährlich mehr als 6 Millionen Kilowattstunden Strom. Voller Bewunderung sprachen wir über die Errichtung eines solchen Tunnels. Meine Recherchen ergaben, dass dieser durchschnittlich 2 m breite und 2 m hohe Tunnel von überwiegend italienischen Gastarbeitern vor 1889 errichtet wurde. Einmal im Jahr wird das Kraftwerk für 2 Tage abgeschaltet und der Wasserzufluss gestoppt, um es Mitarbeitern zu ermöglichen, den Tunnel auf Schäden zu untersuchen.
 
Während des Betriebs fliessen bis 3,4 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Tunnel in ein Wasserschloss. Von dort stürzen die Wassermassen 38 Meter in die Tiefe und treiben 2 Francis-Spiral-Turbinen an. Erstaunlich ist, dass eine Turbine von 1898 immer noch in Betrieb ist. Die andere wurde inzwischen ausgewechselt.
 
Insgesamt sind 34 Kleinkraftwerke direkt an der Wiese und 29 an Nebengewässern in Betrieb. Georg Lutz vom Gewässerschutz beim Landratsamt Lörrach äusserte sich so: „Wir befürworten Wasserkraft, wenn ökologisch verträglich gebaut wird.“ Das sehe ich auch so.
 
Von Unterkastel fuhren wir wieder heimwärts. Zum Teil wurden wir von der tief stehenden Sonne geblendet. Wunderschön war die herbstliche Färbung der Bäume im Gegenlicht. Nur einmal wurde unsere rasante Fahrt unterbrochen. 12 Kühe wurden von einem Bauern und 3 „Sennerinnen“ von einer höher gelegenen Wiese auf eine tiefere getrieben. Die Kühe machten auf der saftigen Wiese im Tal wahre Freudensprünge. Sie beendeten jedoch ihr wildes Gehoppel an einem Elektrozaun.
 
Zwischen Hausen und dem Golfplatz von Schopfheim begegnete uns noch eine Katze, die nach dem Mäusefang auf den Wiesen nach Hause lief. Vorschriftsmässig ging sie auf der linken Strassenseite. Ich dachte mir, die ist disziplinierter als mancher Zweibeiner.
 
Auf dem Rückweg stillten wir unseren Durst mit einem kühlen Bier in einer Kneipe eines Campingplatzes.
 
Die 3½-stündige Tour fand in Schopfheim ihr Ende. Es war eine abenteuerliche und abwechslungsreiche Fahrt auf dem Drahtesel. Wir waren auf Teilstrecken sicher schneller unterwegs als seinerzeit das „Todtnauerli“.
 
Hinweis auf das erwähnte Blog übers Todtnauerli
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