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BLOG vom 08.01.2009


Wandergeschichten (I): Heisse Blicke und eine kalte Dusche
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Gehen ist die beste Medizin.“
(Hippokrates)
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„Vor allem verspüren unsere Nerven eine besondere Wohltat in der ungestörten Einsamkeit. Wenn sie reden könnten, würden sie jubeln, denn die Ruhe, wie auch der Friede, denen wir in den Bergen noch begegnen können, gehören zu den besten Heilmitteln für unser geplagtes Nervensystem.“
(Alfred Vogel)
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„Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer wandert, der ist König."
(Worte eines 12-jährigen, niedergeschrieben im Hüttenbuch der Ortsgruppe Gutach)
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„Wir wandern von Flensburg zum Bodensee. Nie wieder Fernsehen ‒ lieber in die Ferne sehen.“
(Worte eines anderen Jungen im selben Hüttenbuch)
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Am Anfang eines Jahres ist es gewiss nicht verkehrt, einmal einen Rückblick auf amüsante und aussergewöhnliche Ereignisse bei unseren Wanderungen zu machen. Wie in jedem Jahr, unternahm ich auch 2008 mit Wanderfreunden etwa 40 Touren durch das schöne Elsass, den Schweizer Jura, den Schwarzwald und durch das Altvatergebirge in Tschechien. Es waren für uns alle unvergessliche Ereignisse, die unauslöschlich in unserem Gedächtnis verankert sind. Einige Anekdoten aus meinem Wanderleben habe ich herausgekramt und aufbereitet. Im 2. Teil werde ich dann über Wandererlebnisse aus neuerer und alter Zeit berichten.
 
Heisse Blicke
3 Wandergesellen (unter ihnen auch der Blogger) waren in der Nähe des Schluchsees unterwegs. An einer Wegkreuzung bemerkten sie ein Ehepaar, das offenbar nicht mehr weiter wusste. „Könnten Sie uns weiterhelfen? Wir haben die Orientierung verloren“, fragte die ausserordentlich attraktive Ehefrau. Einer von uns kramte eine Karte heraus und zeigte den richtigen Weg. Nachdem das Ehepaar weitergewandert war, bemerkte der Kartenleser: „Hast Du gesehen, wie die Frau mich angeschaut hat? Die wollte was von mir.“ Der andere meinte: „Nein, sie hat mich so auffordernd angeschaut.“ Ich war da ganz anderer Ansicht und sagte: „Stimmt nicht, sie hat uns alle drei mit scharfen Blicken angesehen.“ Damit war das Gleichgewicht wiederhergestellt.
 
Kalte Dusche für Wanderer
1984 kamen mein Wanderfreund Toni und ich anlässlich einer Wanderung auf dem Westweg zur Alexanderschanze. Das dort befindliche Hotel war zu jener Zeit unter Leitung einer älteren Frau. Als wir eingetreten waren, hatte der ebenso betagte Hund sein Geschäft auf den Teppich verrichtet. Wir umkurvten das Hindernis und meldeten uns an. Die Zimmer waren abenteuerlich. Die Türen liessen sich kaum schliessen, es zog fürchterlich, und trotz der Kälte war die Heizung nicht eingeschaltet. Toni wollte duschen. Er sprang splitternackt in die Wanne und drehte die Dusche auf. Plötzlich ein Schrei, als eiskaltes Wasser austrat. Auf Beschwerden reagierte die Wirtin unwirsch und meinte: „Für ein paar Wanderer mache ich keinen Boiler an.“
 
Während des Abendessens erfuhren wir von der Dame, dass der Koch mit der Kasse getürmt sei; jetzt habe ihre Enkelin kochen müssen. Appetitlich sah die Ersatzköchin nicht aus. Sie trug eine verschmutzte Schürze; ausserdem war die Frau sehr blass. Ich war felsenfest überzeugt, dass diese Frau unter einem Eisenmangel litt. Oder war ihr beim Anblick ihres zubereitenden Gästemenüs schlecht geworden? Beim Anblick der dreckigen Schürze wurde auch mir beinahe übel. Ich lenkte mich ab und genoss das Mahl dennoch, so gut das ging.
 
Geschlossen
„Durst ist schlimmer als Heimweh“, ist ein altbekannter Spruch. Diesen Spruch lernten wir im wahrsten Sinne des Worts auf unserer Wanderung entlang des Badischen Weinpfades (Juli 1996) kennen. Wir hatten bereits am ersten Tag gehörigen Durst und wollten entsprechende Wirtschaften aufsuchen. Die erste Kneipe hatte Ruhetag, die zweite 2 Ruhetage, und an der Tür der Dritten prangte uns das Schild „Wegen Urlaubs geschlossen“ höhnisch entgegen. Kommentar eines Kollegen: „Das ist doch ein Unding. Während der Urlaubszeit haben die geschlossen. Die sollten das Schild ,Wegen Reichtums geschlossen’ aufstellen.“
 
Kirschen, soweit das Auge reicht
Während unserer Wanderung entlang des Badischen Weinpfades sahen wir nicht nur Reben, sondern eine ganze Menge Kirschbäume. Es gab alte, hohe Bäume, aber auch kleine Buschbäume, deren Früchte man bequem auch ohne Leiter erreichen konnte. Wir naschten von den süssen Früchten der Natur so oft wir wollten. Als ein Kollege eine Handvoll Kirschen von einem kleinen Baum stibitzte, rief eine Frau, die den Mundraub von einem nahe gelegenen Schrebergarten aus beobachtete: „Die würde ich nicht essen. Es sind gespritzte. Nehmt lieber Kirschen von den hohen Bäumen.“ Kaum drang diese Warnung an das Ohr des Pflückers, flogen die Kirschen im hohen Bogen ins Gras.
 
Die Rache des Wanderers
Als Toni mit Wanderkollegen auf dem berühmt-berüchtigten Hauptwanderweg auf Korsika unterwegs war, machte er auch die Bekanntschaft mit den zahlreichen Wildschweinen. Während der Nacht schnüffelten sie ums Zelt herum, grunzten und suchten nach etwas Essbarem. Als ein Mitwanderer kurz darauf seinen Rucksack unvorsichtigerweise nicht ganz verschloss und diesen ausserhalb des Zelts platzierte, passierte es: Die Schweine hatten den Braten gerochen und seinen Rucksack geplündert.
 
Der Wanderer schwor Rache. Bei einem Nachtreffen meinte er: „Aus Rache habe ich 14 Tage hintereinander Schweineschinken gegessen!“
 
Stolze Wanderschar
185 Wanderer beteiligten sich am S-4-Wandertreff. Die 15 Kilometer lange Wanderroute führte von Schopfheim über Raitbach, Schweigmatt, Schlechtbach nach Häg-Ehrsberg, ein wunderschöner Gemeindeverband aus 11 Orten. Jung und Alt, Väter, die ihre Kleinen in Kinderwagen schoben, und etliche Hunde schnauften die Anhöhen der Schwarzwaldberge hinauf. Als einem Vater sein vierrädriges Gefährt mit dem Zweijährigen wegen des manchmal schlechten Wegs immer mehr zur Last fiel, hatte ein Hundebesitzer eine glänzende Idee. Er spannte seinen Schäferhundmischling vors Gefährt, und ab gings, die Höhen hinauf. Alle waren zufrieden. Der Kleine johlte, der Vater erholte sich von der Erschöpfung, und die Wanderer hatten ihren Spass.
 
Mittagsrast war im Gasthaus „Blume“ in Schlechtbach. Es wurden 44 Mal Pifferlinge mit Spätzle und 17 Mal Salatplatte bestellt. Der Rest ergötzte sich an köstlichen Vollkornsnacks, die von Mitarbeiterinnen der AOK zubereitet wurden. Als alle wieder auf dem Weg waren, hielt Wanderführer Richard Schleicher plötzlich an, zückte sein Megaphon und sagte, die Frau, die ein Frotteehandtuch im Gasthaus Blume vergessen hat, solle sich doch bei ihm melden. Eine Frau war so nett und hat dieses Utensil mitgebracht und an den Wanderführer weitergereicht. Kommentar eines Wanderbegleiters: „Die muss ja gehörig ins Schwitzen gekommen sein, weil sie ein Handtuch für ihren Schweiss braucht.“
 
Kurz vor dem Ziel mussten die Wanderer noch einen steilen Anstieg überwinden. Eine Frau, die gehörig schnaufte, ruhte kurz aus und liess die geübten Wanderfreunde vorbei. „Sagen Sie bloss nicht, Sie seien noch fit!“ meinte sie zu meinem Wanderkollegen. Dieser lächelte nur süffisant und meinte: „Natürlich! Wir haben schon ganz andere Berge überwunden.“
 
Vor dem Schulplatz in Häg wurden die müden Wanderer mit Musik empfangen. Dann startete Reporter Dirk Starke die Live-Reportage. Dirk Starke ist ein Mensch, der immer zu Scherzen aufgelegt ist; manchmal flunkert er gehörig. So meinte er zum Studioreporter: „Als die Wanderschar in Häg eintraf, stürmten Kühe durch den Ort. Auf diesen Kühen reiten die Teilnehmer nach Schopfheim zurück.“ In Wirklichkeit wurden die Wanderer mit Bussen an den Ausgangsort zurückgebracht. Wären keine Busse verkehrt, dann wäre ich gerne mit einer Kuh gegen Schopfheim getrabt.
 
Nachdem kurz vor der Live-Reportage 2 Lastkraftwagen am Schulplatz vorbeigedonnert waren, sagte Dirk Starke später: „Hier herrscht ein solcher Verkehr, dass man aufpassen muss, damit niemand überfahren wird. Die Feuerwehr sorgt durch Absperrungen dafür, dass nichts passiert.“
 
Nach einer Sendepause zitierte Reporter Starke einen Ausspruch einer älteren Bewohnerin von Häg-Ehrsberg: „Eine Frau erzählte mir während der Pause, sie habe noch nie eine solch grosse Menschenmenge in ihrem Ort gesehen.“
Quelle: S-4-Wandertreff am 2. September 1996 (eigene Erlebnisse).
 
Gemeinsames Pflasterkleben
Die über 300 Wanderfreunde des S-4-Wandertreffs feierten ihr Abschlussfest in der Stadthalle von Schopfheim. In der Vorankündigung der „BZ“ stand zu lesen, dass sich alle zum gemeinsamen „Pflasterkleben“ in der Halle einfinden sollten. 2 Reporter des Südwestfunks und die „Ursbacher Spitzbuam“ aus Vöhrenbach heizten die Stimmung gewaltig an.
 
Reporter Dirk Starke liess die Wanderwoche Revue passieren. Das schönste Erlebnis hatten die Wanderer auf dem Belchen. Den schönen Blick genossen die Teilnehmer und freuten sich schon auf das gute Essen im Belchenhaus. Bei der Wirtin waren viele Portionen vorbestellt worden. Aber bevor die Wanderschar eintraf, kamen 50 Besucher mit einem Bus und assen den Eintopf ratzeputze leer. Die Wanderer guckten in die Röhre. Aber nicht lange. Die fleissige Wirtin liess sofort in einem grossen Kübel einen neuen Eintopf produzieren, der dann von den hungrigen Gesellen verzehrt wurde.
 
In der Stadthalle trug anschliessend Hebelpreisträger und Heimatdichter Gerhard Jung wunderschöne alemannische Gedichte vor. Als Dieter Starke auf das herrliche Wetter, das die insgesamt 1000 Wanderer auf 5 Tagesetappen begleitete, hinwies, entgegnete Gerhard Jung sinngemäss: „Das habt ihr mir zu verdanken. Ich fuhr mit Frau und Sohn zum Rigi hinauf. Dort herrschte Nebel. Da dachte ich mir, der ganze Nebel solle doch in der Schweiz bleiben, wir im Wiesental brauchen schönes Wetter.“
 
Der damalige Schopfheimer Bürgermeister Klaus Fleck stellte seine Schlagfertigkeit unter Beweis. Er erkärte, er brauche nicht Oberbürgermeister zu werden, da er bereits das entsprechende Gehalt auf seinem Konto habe.
 
Als Reporter Klaus Gülker die „Ursbacher Spitzbuam“ verabschiedete, sagte er: „Die Spitzbuam müssen leider aufhören, sie haben bereits um 20 Uhr einen Termin. Wohin gehts? Zur ZDF-Hitparade oder zu RTL?“ Antwort des Orchesterchefs: „Zur AOK.“
Quelle: S-4-Wandertreff am 6. September 1996, Abschlussfete in der Schopfheimer Stadthalle.
 
Gar lustig ist die Wanderei
Auf Wanderungen werden immer wieder Witze erzählt. Als wir eines Tages auf der Drei-Seen-Tour im Elsass unterwegs waren, gab ein Beteiligter folgenden Witz zum Besten: Ein Teil des Schweizer Heers war anlässlich eines Manövers in Richtung Rheingrenze unterwegs. Während einer Pause meinte der Kommandeur: „Wenn jemand einen sieht, der eine grosse Röhre (also eine grosse Klappe) hat, dann ist es ein Schwob. Wenn ein ,Feind’ mit offenem Hosenladen auftaucht, dann ist es ein Franzose.“ Nach kurzer Zeit kommt aufgeregt ein Rekrut zum Kommandeur und fragt: „Es sind einige im Anmarsch, die haben eine grosse Röhre und einen offenen Hosenladen. Wer ist das?“ Antwort des Kommandeurs: „Sie brauchen keine Angst zu haben, das sind unsre Lüt.“
 
Der Wanderstock
Anlässlich meiner 25-jährigen Betriebszugehörigkeit erhielt ich als Jubilar von meinen Kollegen einen Wanderstock und einen Gutschein. Während der Feier wurde ich gefragt, was ich denn bekommen habe. „Einen Wanderstock und einen Gutschein, den werde ich einlösen und einen zweiten Stock besorgen.“ Meinte doch eine Mittvierzigerin, die mit Wandern nichts am Hut hat, warum ich 2 Stöcke bräuchte. Da antwortete eine Kollegin: „Der eine Stock ist kurz, den braucht man zum Bergaufsteigen, den anderen, der ist lang, den benötigt man zum Bergablaufen.“
 
Es geht nach Gewicht
Das Ziel einer kleinen Wanderung war der Gugelturm in der Nähe von Herrischried (dieser Ort befindet sich auf dem Hotzenwald). Ein listig dreinblickender „Turmwart“ des Herrischrieder Schwarzwaldvereins begrüsste uns schon von weitem. Als wir den Eintritt für die Turmbesteigung entrichten wollten, meinte dieser: „Wieviel wiegen Sie? Der Eintritt geht nach Gewicht. Das Kilo kostet 10 Pfennige.“ Ungläubiges Erstaunen bei den Ankömmlingen. Im Geiste zählte ich schon meine 70 Kilo und die meines Wanderfreundes, der 90 Kilo auf die Waage bringt, zusammen. Kaum hatte ich den Riesenbetrag von 16 Mark zusammengerechnet, entgegnete der von einer Portion Humor gesegnete Mann: „Das wäre doch etwas zu teuer. Gebt mir 2 Mark und ihr könnt den Turm besteigen.“ Nun konnten wir uns in die luftige Höhe begeben und die herrliche Rundsicht geniessen. Nach dem Abstieg wollten wir den Durst stillen. „Was gibt es zum Trinken?“ fragte ich den listigen Turmwart. „Von der Salzsäure angefangen, so ziemlich alles!“ entgegnete der verschmitzt lächelnde Hotzenbub.
 
Als kurz darauf 2 Damen Kuchen für den Nachmittagskaffee brachten, lud er diese zu einem Umtrunk ein. Es gab Gravensteiner Apfelbrand. Kaum hatte er den 42-prozentigen Schnaps intus, verdrehte er die Augen in höchster Verzückung und meinte: „Der schmeckt so gut als wenn ein Engel auf die Zunge pinkelt.“
 
Der Hundert-Mark-Schein
Ein Wanderfreund hat eine urige und billige Kneipe im Schwarzwald ausfindig gemacht. Die kleine Gaststätte wird von einer älteren Frau alleine bewirtschaftet. Als eines Tages eine Gruppe von nahezu 40 Leuten aufgetaucht war und sehr viel Schnaps konsumierte, meinte die resolute Frau: „Nagelt doch einen Hundert-Mark-Schein an die Tür. Ich sage euch dann schon, wenn dieser versoffen ist.“ Ein Schnaps war übrigens für zwei Mark zu haben.
 
Fortsetzung folgt.
 
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