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BLOG vom 09.01.2009


Wandergeschichten (II): Im Adamskostüm in die Wirtschaft
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Mit Herz und Sinnen die Schöpfung erfahren – Wandern!“
(Spruch auf einem Karl Schmid gewidmeten Gedenkstein in der Nähe von Hausach auf dem Westweg)
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„Der Genuss der Natur, Bewegung, Mitsich-selber-klar-kommen und die Gemeinschaft pflegen – all das sind Perspektiven, die das Wandern bietet.“
(Ulrike Seifert, Fachreferentin des Deutschen Alpenvereins, Referentin an der Sebastian-Kneipp-Akademie)
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Im 2. Teil meiner Wandergeschichten werde ich neben neueren auch einmal solche von anno dazumal unter die Lupe nehmen. Im Blog Mark Twain und Hemingway im Schwarzwald“ vom 23.03.2006 habe ich schon einmal solche Anekdoten vorgestellt. Nun entdeckte ich beim Stöbern in Chroniken, Zeitschriften und meinem Archiv weitere Anekdoten, die sicher auch Ihnen gefallen werden. Zunächst einige neuere Anekdoten aus meinem Wanderleben.
 
Er rannte umsonst
Toni lud uns zu einer Wanderung ins Elsass ein. Schon Tage vor der Wanderung sagte er, wir bräuchten keine Marschverpflegung mitnehmen. Er kenne eine wunderschön gelegene kleine Beiz, in der einheimische Spezialitäten zubereitet werden. Also ging es frohgemut auf die Wanderschaft, jedermann hatte nur ein Getränk und einen Kraftriegel zur Wegstärkung dabei. Die Brotzeit liessen wir zuhause. Wer schleppt schon gerne Nahrung mit, wenn eingekehrt wird.
 
Schon lange vor der Mittagsrast schwärmte unser Führer über das gute Essen, das uns erwartete. Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Wir wanderten weiter, aber noch immer tauchte das rettende Gasthaus nicht auf. Er vertröstete uns, indem er sagte: „In 15 Minuten werdet ihr in der Beiz sein.“ Er verschätzte sich gewaltig, denn wir wanderten 15 Minuten, dann 30 Minuten, und immer noch war diese nicht in Sichtweite. Erst nach 45 Minuten erblickten wir das Haus. Aber, oh weh, eine Gruppe von vielleicht 20 Wanderern war vor uns und steuerte zielstrebig auf die Kneipe zu. Unser Wanderführer reagierte blitzartig, rannte los und rief uns zu: „Ich überhole die Gruppe und reserviere Tische.“ Wir wussten, dass in dieser kleinen Kneipe nur wenige Sitzplätze vorhanden waren. Schweissgebadet erreichte unser Führer das rettende Gasthaus vor der Gruppe. Als wir ankamen, sahen wir den Wanderfreund bleich vor der Tür stehen. Auf einem Schild stand: „Heute Ruhetag.“ Immer wieder rief er aus „Verflixte Sch...“ Mit knurrendem Magen zogen wir von dannen und machten erst Stunden später eine Schlusseinkehr. Der Wirt meinte, er habe noch nie eine solch hungrige Mannschaft gesehen.
 
Nato-Oliv
Einst war eine Wanderung in die Teufelsschlucht (Schweizer Jura, Hägendorf SO) geplant. Unser Toni präsentierte sich im neuen Outdoor-Look: olivgrüne Hose, olivgrüne Jacke und einen schnittigen Hut von derselben Farbe. Er sah wie ein Ranger oder ein Militärangehöriger in Nato-Oliv aus. Als wir vom Parkplatz gegen die Schlucht wanderten, fuhr ein Schweizer Reservist auf dem Fahrrad an uns vorbei, riss seine rechte Hand hoch, legte sie an die Kopfbedeckung und grüsste zackig den Grünling. Beinahe wäre er vom Weg abgekommen. Er konnte jedoch sein Fahrrad gekonnt unter Kontrolle halten. Kurz darauf kam uns ein Soldat auf Fussstreife entgegen. Auch er grüsste ehrfürchtig. Diese ehrerbietige Aufmerksamkeit war Toni doch zu viel, denn nie mehr zog er diese auffällige Kombination an, obwohl ihm diese „Verkleidung“ sehr gut stand.
 
Sie assen alles weg
In der Küche einer kleinen Wirtschaft im Wiesental herrschte Aufregung. Angekündigt war so gegen Mittag eine Wanderschar von 25 Leuten. Die Wanderer hatten eine Spezialität des Hauses, einen Erbseneintopf mit Wursteinlage, bestellt. Unsere Wirtin wusste genau, dass die Mitglieder des Schwarzwaldvereins immer einen guten Hunger mitbringen. Also setzte sie etwas mehr an. Dies war ihr Glück, wie sich später herausstellen sollte.
 
Die Wandergruppe kam kurz vor 12 Uhr an. Die müden Leute nahmen bereitwillig die reservierten Plätze im Freien ein und bestellten den Wanderschmaus. Sie machten sich mit einer solchen Vehemenz über den dampfenden Eintopf her, dass es eine wahre Freude war, ihnen zuzuschauen. Kaum hatten sie die Teller geleert, tauchte eine weitere Gruppe auf. Der Wanderführer sagte, zur Wirtin gewandt: „Unterwegs erzählte ich immer wieder von ihrem köstlichen Eintopf. Allen lief das Wasser im Munde zusammen. Nun bringt uns den Schmaus!“
 
Die Wirtin blickte ihn entgeistert an und sagte: „Der Eintopf ist schon weg!“ Bald darauf klärte sich das Missverständnis auf. Die zu früh eingetroffene Wandergruppe hatte gar keine Vorbestellung aufgegeben. Sie hörte nur von der Kellnerin, dass die zweite Gruppe bald eintreffen werde, um den Eintopf zu verputzen. Mitglieder der ersten Gruppe meinten, sie gehöre zu der erwarteten Wanderschar. Was blieb der „unschuldigen“ Kellnerin übrig, als die bestellte Suppe zu servieren. Die Wirtin wusste sich zu helfen; sie servierte den Rest aus ihrem Kochtopf und bot Schübling, Speck und Hausmacher an. Alle waren zufrieden. Jedoch, so betonte sie, würde sie in Zukunft darauf achten, wem die Suppe serviert wird. Sie hat sich die Gesichter gemerkt.
Quelle: Mitgeteilt von einer Wirtin aus dem Wiesental.
 
Die letzte Jungfrau
Einige Stammgäste unterhielten sich mit der besagten Wirtin. Nur einer hörte nicht genau zu. Er verstand nur Wortfetzen. So meinte er zu hören, dass die Wirtin noch Jungfrau sei. Der etwas abwesende Gast meinte: „Also, du bist die letzte Jungfrau von M.?“ Die Wirtin, nicht auf den Kopf gefallen und sehr schlagfertig, antwortete: „Nein, ich meinte die Jungfrau als Sternzeichen!“ Ein ohrenbetäubendes Lachen folgte. Es soll der grösste Lacherfolg für diesen Gast gewesen sein.
 
Wie geschmiert
Mitglieder der Wandergruppe von der ehemaligen Ciba-Geigy in Wehr – auch ich war dabei ‒ erklommen das Stockhorn. Dort, im schönen Panorama-Restaurant, wurde geklönt und hervorragend gespeist. Eine Unverheiratete erzählte einem kräftigen Wanderer aus dieser Gruppe, sie komme des Öfteren hier rauf, um die schöne Aussicht zu geniessen und in heimeligen, einfachen Betten zu nächtigen. Was sie besonders erfreue, seien die Gespräche mit netten Männern. „Dann“, so fügte sie bei, „geht es am nächsten Tag wie geschmiert.“ An den Gesprächen hat es wohl nicht nur gelegen. Vielleicht am „Ölwechsel“.
 
Möchte keinen Römer
Nach einer geruhsamen Wanderung mit Toni im Markgräflerland kehrten wir in einer urigen Wirtschaft ein. Dort stärkten wir uns mit einer guten Vesper. Dazu tranken wir einen köstlichen Gutedel. Toni mundete der Fasswein so gut, dass er noch ein Viertele bei der resoluten Wirtin bestellte. Die aus norddeutschen Landen stammende Wirtin kredenzte den Wein in einem Römer. Bei der nächsten Bestellung fügte Toni bei: „Ich habe eine Bitte, könnten Sie mir den Wein im hohen Glas (einem typischen Markgräfler Glas) servieren?“
 
„Natürlich“, entgegnete die Wirtin. „Ich habe mich nicht getraut, hohe Gläser zu bringen. Hier trinken nämlich nur die Einheimischen aus ,Zahnputzbechern’.“ Dann bemerkte sie noch, dies dürften die Einheimischen ja nicht hören, denn sonst wären sie eingeschnappt.
(Wanderung am 29. Dezember 2003; es herrschte sehr schönes Fönwetter, bei Temperaturen um 5 °C).
 
Und nun zu den Wanderepisoden von anno dazumal.
 
Im Adamskostüm in die Wirtschaft
Der Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, Schöpfer des Volksliedes „Im schönsten Wiesengrunde“, erzählte einmal in geselliger Runde die folgende Geschichte: Als er nach Assmannshausen am Rhein wanderte und es schon dämmerte, überkam ihn das Bedürfnis, im Adamskostüm den Fluss zu durchschwimmen. Er zog sich aus und tauchte in die Fluten des Rheins. Die Strömung war jedoch zu heftig, so dass er abgetrieben wurde. An ein Zurückschwimmen in der Dunkelheit war nicht mehr zu denken. Er schwamm an das Ufer, kroch die Böschung hinauf und wanderte zu den Lichtern eines Dorfes. Der nackte Schwimmer suchte eine Wirtschaft auf und bat um ein Tischtuch, um seine Blösse zu bedecken. Dann ging er ins Honoratiorenstüble, stellte sich den Anwesenden vor, erzählte von seinem Missgeschick und trank ausgiebig Wein. Aber er konnte das köstliche Nass nicht bezahlen. Die fröhliche Gesellschaft begleitete ihn am frühen Morgen zum Fluss, der dichtende Richter watete ins Wasser, warf das Tischtuch ans Ufer zurück und machte sich schwimmend auf den Weg zu seinen Kleidern. Bekleidet ruderte er mit einem Boot zurück und bezahlte die Zeche.
 
Grenzüberschreitende Wanderung
Im September 1790 unternahm der Theologiestudent Friedrich August Köhler eine denkwürdige Wanderung von Tübingen nach Ulm. An eine zügige Wanderung war zu jener Zeit nicht zu denken. Er musste auf der 86 Kilometer langen Wegstrecke sage und schreibe 9 politische Grenzen und auf der letzten Tour im Blautal 3 katholische Territorien durchschreiten.
Quelle: „Das grosse Buch der schwäbischen Alb“ von Ernst Waldemar Bauer und Helmut Schönnamsgruber, Kondrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988.
 
Demokratenherz
Als die Grossherzogin Hilda während einer ihrer Wanderungen auf dem Schlossberg in Freiburg den alemannischen Dichter Hansjakob, der die Fürsten verachtete, traf, sagte sie während eines Gesprächs: „Ich lese ihre Geschichten gerne sie können uns aber scheints gar nicht leiden!“
 
„Vielleicht“, schmunzelte der Dichter, „wenn uns aber eine solch liebliche Prinzessin entgegenkommt, schmilzt auch ein hartgesottenes Demokratenherz!“
Quelle: „Grossherzogin Hilda und das badische Land“ von Ada v. Frisching, Badische Heimat, 32. Jahrgang, 1952, Heft 1.
 
Der „Hofmaler“ Rudolf Hofmann
Der Architekt Rudolf Hofmann (1851‒1938) schuf viele Bleistiftzeichnungen und Aquarelle. Als Prof. Otto Linde vom badischen Landesdenkmalamt vom unfangreichen Werk dieses Malers erfuhr, sagte er Folgendes: „Ich kann es gar nicht fassen, dass ein Mensch in einem Leben soviel schaffen konnte!“
 
Hofmanns Tochter erzählt in dem Buch „Lebenslauf meines Vaters“ eine heitere Episode. Als der Vater nach einer Wanderung zu einem alten Bauernhof kam und sich auf sein Feldstühlchen niederliess, um zu zeichnen, kam der alte Bauer vorbei und erkundigte sich, was er denn hier mache. Der Maler antwortete: „Euer Haus zeichnen“, worauf ihm das Bäuerlein kopfschüttelnd sagte: „Wa? De alt Glump?“ Eine Stunde später, als Hofmann das Bild fertig hatte, meinte der Bauer: „Des isch aber ne schön Hus. Wa` für eins hant er denn do zeichnet?“ Woraufhin Hofmann erwiderte: „Des isch Euer alt`s Glump.“
Quelle:Aus dem Skizzenbuch eines Architekten um die Jahrhundertwende“ von Joseph Schlippe, „Badische Heimat“, Heft 3/4, 1966.
 
Da staunte der Geologe
Der berühmte Geologe Amanz Gressly (1814‒1865) aus Bärschwil D beobachtete auf einer Wanderung einen Ziegenhirten. Dieser war sehr ungehalten, weil die Ziegen nicht folgen wollten. Er warf einen Stein nach einer besonders widerborstigen Ziege. Der Gelehrte hob den Stein auf und besah ihn sehr nachdenklich. Es handelte sich um ein schönes Stück eines versteinerten Seeigels. „Du Bub“, sagte er dann zum jungen Burschen, „dieser Stein ist mehr wert als die Ziege, merk dir´s! Solche köstlichen Dinge wirft man nicht fort!“
Quelle: „Basel Stadt und Land Solothurn“ von Hans Wälti, Verlag H.R. Sauerländer & Co., Aarau 1951.
 
Wirt holte Brot im Nachbarort
Julius Beckert errichtete 1904 die erste Gaststätte auf dem Herzogenhorn. Später folgten weitere Blockhütten mit Bewirtung auf anderen Schwarzwaldbergen. Auf den Hütten wurde Bier, Wein, Landjäger und andere einfache Speisen angeboten. Als einmal das Brot ausging, erklärte er seinen Wandergästen, sie sollen doch etwas warten, er hole Brot. Dann lief der Wirt nach Bernau hinunter, besorgte das Brot und kam keuchend nach 2 Stunden wieder zurück. Welch ein Wirt!
 
Proviant und Getränke wurden übrigens per Esel auf das Herzogenhorn gebracht. Begleitet wurde der Esel von einem Zweibeiner, aber ab und zu trabte das Tier allein den „Eselsweg“ hoch. Holzfäller wussten das, hielten den Esel an und bedienten sich aus den Proviantkörben. Brachte der Esel keine Ladung an, wusste der Wirt sofort, dass die Holzfäller wieder arbeiteten. Die Holzfäller beglichen später die Rechnung für die „gelieferte“ Ware.
 
Quelle: „Das Fahler Wirtshaus“ (Geschichte und Geschichten um Fahl und das Gasthaus zum Adler) von Jutta Blaufuss, Ski-Club Frankenthal e.V., 1988.
 
Warum wir wandern
Auf die Frage nach dem Grund des Wanderns gibt dieses Gedicht des Heimatdichters Gerhard Jung (1927‒1998) Antwort: 
„Wir wandern, weil wir Menschen sind
mit Augen, Herz und Füssen,
und weil es einfach Freude macht,
zu geh´n durch Wald und Wiesen
bis an den roten Saum der Nacht,
wo sich die Sterne heben,
wir wandern, weil wir leben." 
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