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BLOG vom 16.02.2009


Hormone im Trinkwasser: Werden die Männer unfruchtbar?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
In der Vergangenheit las ich schon in diversen Zeitungen von der Zunahme der Unfruchtbarkeit von Männern. Laut Untersuchungen hat sich die Fruchtbarkeit der Männer in den vergangenen 40 Jahren um etwa 70 % reduziert. Untersucht wurde die Spermiendichte von Männern. Auch wurde im vergangenen Jahr eine Untersuchung in der Schweiz publiziert, bei der herauskam, dass Schweizer Soldaten zu wenige Spermien haben. Bekannt wurden auch Unfruchtbarkeiten von US-Soldaten, nachdem sie im Golfkrieg 1991 eine Substanz-Kombination zum Schutz vor Nervengas und Insekten aufgenommen hatten.
 
Gründe für die Unfruchtbarkeit beim Mann sind Folgende: Keine oder zu wenige Spermien im Ejakulat, anormale Spermien und anomale Beweglichkeit der Spermien. Mögliche Gründe für mangelnde Spermienqualität sind akute Erkrankungen, zu hohe Hodentemperatur, Aufnahme von Anabolika, Aufnahme von Umweltschadstoffen, Vergiftungen und falsche Ernährung. Die Auswirkungen von Hormonen und Medikamenten werde ich in dieser Abhandlung näher unter die Lupe nehmen.
 
Schädigt die Pille den Mann?
Erstaunt war ich über eine Meldung der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ Anfang Januar 2009. In einem Bericht wurde behauptet, die Anti-Baby-Pille sei auf Grund der Auswirkungen auf die Umwelt schuld an der nachlassenden männlichen Fortpflanzungsfähigkeit. Die Online-Ausgabe des Nachrichtenkanals n-tv nahm die Meldung begierig auf und tat schlagzeilenkräftig dies kund:„Vatikan: Pille schädigt Männer.“ Im Bericht war dann zu lesen, dass die von Frauen ausgeschiedenen Hormone an der Misere schuld wären.
 
Pedro José Mario Simon Castelivi, Präsident des Internationalen Verbands der katholischen Medizinervereinigungen, äusserte sich in der erwähnten Zeitung so: „Wir haben ausreichend Datenmaterial, um behaupten zu können, dass ein entscheidender Grund für die abnehmende Spermienzahl bei Männern die Umweltverschmutzung durch Ausscheidungsprodukte der Pille ist.“
 
Bevor ich diese Behauptung näher beleuchte, gebe ich die Meinung von Dr. Eleonore Blaurock-Busch (www.microtrace.de ) bekannt. Sie schrieb mir auf Anfrage dies: „Betreff Hormone im Wasser: also wundert das noch irgend Jemanden? Jedes Mädchen ab 13 Jahren (und jünger) ist doch heute an der Pille, und (in Abständen) meist über Jahrzehnte. Die Frauen in den Wechseljahren werden östrogenisiert bis ins hohe Alter. Wo pinkeln wir denn alles hin?
 
Wenn wir so weiter machen, dann werden wir in einigen Jahren nur noch östrogenisierte Männer haben. Dann gibt es vielleicht weniger Kriege und vielleicht weniger Aggressionen, aber wahrscheinlich auch immer weniger Nachwuchs. Das Interesse der östrogenisierten Männer wird dann weniger den Frauen gelten, und wenn doch, so wird die Zeugungskraft nicht mehr das sein, was sie mal war.“
 
Eine sehr interessante Darstellung über Medikamente und Hormone im Trinkwasser wurde schon 2004 von der Technischen Universität Bergakademie Freiberg unter www.geo.tu-freiberg.de publiziert. Die Fakten darin werde ich nun unter die Lupe nehmen: Es sind insbesondere endokrin wirksame Substanzen, die den Hormonhaushalt von Mensch und Tier beeinflussen. Diese Stoffe gelangen durch Kläranlagenabläufe in aquatische Ökosysteme und damit auch ins Trinkwasser. In Kläranlagen können diese Stoffe nicht vollständig eliminiert werden.
 
Medikamente und Hormone im Trinkwasser
Woher kommen diese Stoffe? Es sind in erster Linie Medikamente, die in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt werden. Viele der Inhaltsstoffe, die in die Abwässer gelangen, sind umweltschädigend und beeinträchtigen den Gewässerzustand (fisch- und bakterientoxisch). So gelangen erhebliche Mengen der Acetylsalicylsäure, aber auch der cholesterinsenkenden Clofibrinsäure in die Umwelt. Auch Hormone, die vom Organismus produziert werden und auch Hormone aus der Antibabypille gelangen in die Gewässer.
 
Schon 2001 berichtet das „greenpeace magazin“ (2001-05) über die „Apotheke im Untergrund“. So konnten Analytiker vom ESWE-Institut für Wasserforschung und -technologie im Grundwasser mehr als 40 verschiedene Substanzen nachweisen, darunter viele Arzneimittel. Heute schätzt man die Wirkstoffe, die ins Wasser gelangen, auf 100.
 
Es gibt aber auch endokrin wirksame Industriechemikalien, die negative Wirkungen an Organen auslösen können. Zu diesen Chemikalien gehören das Insektizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan), das eine östrogene Wirkung besitzt, das Biozid TBT (Tributylzinn), das androgen wirkt. Weitere Chemikalien sind PCB, Benzo-a-Pyren, Nonylphenol, Dieldrin, Chlordan und Endosulfan. Zum Glück dürfen in Europa heute keine Hormone in der Tiermast mehr eingesetzt werden – im Gegensatz zu den USA, wo die Hormonmast zum Standard gehört.
 
Wie schon gesagt, gelangen die Hormone und Wirkstoffe von Medikamenten über den Urin in die Kanalisation und dort mit dem Abwasser in die Klärwerke. Ich konnte es kaum glauben, als ich dies las: Eine trächtige Stute scheidet 100 mg Östrogene pro Tag aus. Bei Frauen beträgt die tägliche Ausscheidung 25 µg (Mikrogramm) bis 30 mg.
 
In verschiedenen Gewässern wurde folgende Hormonkonzentration ermittelt (Angaben laut TU Freiberg, Einheit: Nanogramm):
Ablauf deutscher Kläranlagen: 21 ng/l 17b-Östradiol, 76 ng/l Östron
Bayrische Oberflächengewässer: 5,5 ng/l 17b-Östradiol), 5 ng/l Östron
Trinkwasser in Bayern: 0,3 ng/l 17b-Östradiol, 1 ng/l Östron.
 
Besonders problematisch sind die Abwässer von Kliniken. Aber auch Patienten sind schuld an einer Umweltverschmutzung, wenn sie Medikamente über den Hausmüll oder über die Toilette entsorgen. Diese gelangen dann ins Kanalsystem oder auf Deponien. Die Inhaltsstoffe der Medikamente oder deren Abbauprodukte können dann ausgewaschen werden und in den Untergrund und damit ins Grundwasser gelangen. So wies Benedikt Toussaint vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Wiesbaden hohe Konzentrationen von Wirkstoffen im Grundwasser unterhalb einer grossen Mülldeponie nach.
 
Es ist unglaublich, welche Mengen in D jährlich an Medikamenten mit dem Hausmüll oder über die Toilettenspülung entsorgt  werden. Man spricht von mehreren Tausend Tonnen.
 
Auch die bei Tieren verwendeten Antibiotika gelangen mit der Gülle auf die Felder und von dort in die Gewässer. In der Gülle von Mastschweinen in Niedersachsen wurden beispielsweise Konzentrationen an Antibiotika von 20 mg/kg ermittelt.
 
Schäden bei Tier und Mensch
Die Wirkung von endokrinen Substanzen unterscheidet man so: Es gibt hormonähnliche Wirkungen (östrogen, androgen), aber auch antihormonelle Wirkungen (antiöstrogen, antiandrogen).
 
Auswirkungen auf Mikroorganismen: Bildung von antibiotikaresistenten Keimen.
 
Wirkungen auf die Tierwelt: Veränderungen in den Hoden, Vermännlichungserscheinungen bei weiblichen Tieren (Meeres- und Süsswasserschnecken), Schalenmissbildungen und Störung der Larvenentwicklung bei Austern, Verweiblichungserscheinungen, Leber- und Nierenschäden bei Fischen, Kropfbildung an Froschlarven (verantwortlich für die Kropfbildung sind hier Stoffe, die die Produktion von Schilddrüsenhormonen beeinflussen).
 
Wirkungen auf den Menschen: Wie schon eingangs erwähnt, fördern hormonähnliche Stoffe beim Menschen die Unfruchtbarkeit. Es wurden aber auch Herzschäden und bei Kindern Entwicklungsschäden gesehen. Auch eine erhöhte Anzahl von Krebserkrankungen (Hodenkrebs, Brustkrebs, Krebsfälle im Bereich der Geschlechtsorgane) wurde beobachtet.
 
Manche Mediziner meinen, die im Trinkwasser befindlichen Mengen seien nicht bedenklich. Andere sehen dagegen eine Gefährdung des Menschen angesichts der verschiedenen Stoffe, die in das Trinkwasser gelangen könnten. Der Summationseffekt wird bei Festlegung von Grenzwerten nicht berücksichtigt.
 
Dasselbe Problem zeigt sich auch bei Nahrungsmitteln, die eine ganze Menge an Zusatzstoffen enthalten. Die Hersteller stören sich daran nicht, weil sie bei Reklamationen behaupten können, der Grenzwert des jeweiligen Zusatzstoffs in Nahrungsmitteln sei nicht überschritten.
 
Auch bei Trinkwasser gibt es Grenzwerte. So beträgt der Grenzwert von Nitrat 50 mg/l, der von Nitrit 0,1 und der von Arsen und Blei von 0,01 mg/l. Der Grenzwert von Cadmium (0,005 mg/l) und der von Quecksilber (0,001 mg/l) liegt noch niedriger. Da wir in Schopfheim D sehr gutes Wasser (Tiefbrunnen, Quellen) haben, studierte ich einmal die Untersuchungsbefunde, die auch im Internet unter Umwelt/Verkehr einsehbar sind (www.schopfheim.de). Die Grenzwerte werden bei diesem Wasser wesentlich unterschritten. In diesem Wasser dürften keine Hormone und Wirkstoffe von Medikamenten sein.
 
Wie erfolgt eine Eliminierung schädlicher Stoffe?
Die TU Bergakademie Freiberg D schlug in der erwähnten Publikation folgende Massnahmen vor: Einsatz von Aktivkohlefilter, Mikrofiltration, Umkehrosmose, Ozonisierung und der biologische Abbau.
 
Nach meiner Meinung ist es wichtig, dass man Massnahmen ergreift, die eine Umweltverschmutzung mit Hormonen und Medikamentenwirkstoffen verhindert oder reduziert. So könnte man in Krankenhäusern den Urin in einer Zweiwegetoilette getrennt abfangen.
 
Für mich nicht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass die meisten Medikamente (Ausnahmen sind Krebsmedikamente) nicht als Sondermüll gelten und sogar mit dem Hausmüll entsorgt werden dürfen. Als ich das im Internet las, konnte ich das zunächst nicht glauben. Ich ging zu einer mir bekannten Schopfheimer Apothekerin, und diese gab mir umfassend Auskunft. Sie meinte, kleine Mengen könnten durchaus mit dem Hausmüll entsorgt werden. Aber man sollte die Medikamente so verpacken, dass diese nicht in Kinderhände gelangen. In der Vergangenheit wurden Medikamente von einigen hirnlosen Leuten neben der Mülltonne in einem Beutel platziert, und Kinder suchten die bunten Pillen heraus und nahmen Kostproben. Man kann die alten Medikamente jederzeit in ihre (und in jede andere) Apotheke bringen. Einmal im Monat werden die Altmedikamente von einer Firma abgeholt und dann in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet.
 
Wichtig ist auch die regelmässige Überprüfung der Gewässer auf Chemikalien- und Medikamentenrückstände. Fachleute fordern, dass biologisch abbaubare Medikamente entwickelt werden. Aber da wird sich wohl die Pharmaindustrie sträuben, weil sie ihr Hauptaugenmerk auf die Wirksamkeit eines Medikaments richtet.
 
Und noch eins ist von Bedeutung: Man sollte den persönlichen Medikamentenverbrauch überprüfen. Es ist nicht notwendig, bei jedem Zipperlein Medikamente einzunehmen. Es gibt genügend Alternativen aus der Naturmedizin.
 
Infos im Internet
www.geo.tu-freiberg.de (Vortrag zur Übung Grundwasserschutz: „Medikamente und Hormone im Trinkwasser“, Bearbeiter: Kristin Kutschera, Sabine Höhlig).
www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=3734 (Artikel „Die Apotheke im Untergrund“).
 
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