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BLOG vom 22.07.2009


Wandern im Schwarzwald (II): Arnika-Blüten, millionenfach
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Ihr werdet staunen. Ich zeige Euch Arnikawiesen mit Millionen Blüten.“ Mit diesen Worten lockte uns Toni in die Natur hinaus. Er hatte die Wiesen schon bei einer vorbereitenden Wanderung rund um Herrenschwand entdeckt. Als Pflanzenfreund war ich natürlich begeistert und voller Anspannung. Ich konnte zunächst nicht glauben, was Toni uns erzählte. Ich dachte, diesmal habe er wohl etwas übertrieben, denn so viele Pflanzen auf einem Haufen gibt es ja nicht. So etwas habe ich jedenfalls noch nie gesehen.
 
Wir wanderten vom Dorf Herrenschwand entlang des Skilifts in Richtung Hochgescheid, eine Erhebung (1205 m  ü. M.). Und da sahen wir schon die ersten Wiesen mit der Heilpflanze. Walter von Steinen, der an diesem Tag mitwanderte, konnte auch kaum glauben, was er sah. Er und ich fotografierten um die Wette. Ganz lustig fand ich hinterher die Videoclips. Da bewegten sich die Blüten tanzend im aufkommenden Wind. Es war ein faszinierender Anblick. Die Arnika standen oft in Gesellschaften von 10 bis 15 Pflanzen zusammen. Aber es gab auch „Einzelgänger“, die sich abseits von den Gemeinschaften im Wind wiegten. Es war für uns alle ein unvergesslicher Anblick. Kein Wunder, dass Toni ins Schwärmen geriet.
 
Die Arnika mag keine gedüngten Wiesen
Die Arnika ist eine Heilpflanze, die geschützt ist und nicht gepflückt werden darf, da sie in manchen Gegenden stark dezimiert wurde. Aus diesem Grunde wurde die Arnika in die Liste der besonders gefährdeten Pflanzen aufgenommen, die durch das Washingtoner Artenschutzabkommen von 1981 einen besonderen Schutz erfahren haben.
 
Wie mir eine Heilkräuterfrau einmal erzählte, beachtet sie beim Pflücken von Arnika für Ihre Salben das 11. Gebot, das lautet: „Nicht erwischen lassen!“ Sie mokierte sich wegen der strengen Auflagen. Sie regte sich auch auf, dass sie nicht in kleinen Mengen sammeln darf, während Kühe Pflanzen auf den Wiesen zertrampeln. Darüber regt sich kein Naturschützer auf.
 
Auf den Arnikawiesen um Herrenschwand waren jedoch keine Kühe auszumachen. Diese grasten ganz wo anders, nämlich auf saftigen Bergwiesen. An diesem Tag sahen wir später sogar Kühe, die sich in Farnwiesen schlichen, um das schmackhafte Gras zwischen den Farnen zu fressen. Es sind schlaue Tiere, die sich nur das Gute heraussuchen und nicht alles fressen.
 
Die Arnika liebt die Höhe und sonnige Plätze. Gedüngte Wiesen mag sie gar nicht. Die Bestände gingen aufgrund der intensiven Viehwirtschaft in vielen Gebieten stark zurück. Vor über 100 Jahren wuchs die Pflanze noch in Tieflagen von 100 m (Rheinebene bei Schwetzingen), heute reichen die Vorkommen kaum unter 500 m herab. Der höchste Fundort in unserer Gegend liegt bei 1420 Höhenmetern am Feldberg.
 
Zum Glück haben die Landwirte in der Umgebung von Herrenschwand die Arnikawiesen nicht gedüngt und in Ruhe gelassen. Denn sonst hätten wir die Arnika in diesen Massen nie antreffen können.
 
Eine wichtige Heilpflanze
Die Arnika gehört zu den wichtigsten Heilpflanzen. Sie erwies sich in neueren Untersuchungen als ein hervorragendes Mittel mit entzündungshemmender, schmerzlindernder, antiarthritischer, durchblutungsfördernder und keimtötender Wirkung. Die Arnika hat aufgrund dieser Wirkungen einen wichtigen Platz in der Therapie von Quetschungen, Prellungen, Blutergüssen, Verstauchungen, Entzündungen nach Insektenstichen und rheumatischen Muskel- und Gelenkbeschwerden. Arnikapräparate dürfen nicht angewandt werden bei einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber Korbblütlern (z. B. Ringelblume, Kamille). Im Handel gibt es auch hervorragende Fertigarzneimittel, wie zum Beispiel das Arnika-Frischpflanzen-Gel („A. Vogel Rheuma-Gel“ von Bioforce).
 
Um den grossen Bedarf an Arnikapflanzen zu decken, kommt nur der Anbau infrage. Bei der Amerikanischen Wiesenarnika (Arnica chamissonis), die für Kosmetika und Arzneimittel eingesetzt wird, bereitet die Kultur keine Probleme. Bei Arnica montana (Bergarnika), die als die wirksamere Art gilt, sieht dies jedoch anders aus. Die Züchtung erwies sich als schwierig. Erst Prof. Dr. Ulrich Bomme von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Freising gelang es, neues Zuchtmaterial zu entwickeln und weltweit die erste Arnica montana-Zuchtsorte „patentieren“ zu lassen. Die Zuchtsorte „Arbo“ zeichnet sich durch einen guten und gesunden Wuchs, hohen Blütenertrag, gleichmässige Blüte und überdurchschnittliche Wirkstoffgehalte aus. Diese lagen sogar über den Werten wild gesammelter Ware. Den Forschern gelang durch die Züchtung ein wesentlicher Beitrag zum Schutz der Bergarnika. In meinem Buch „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“ hat Prof. Bomme den Züchtungsvorgang genau beschrieben.
 
Zurück zu unserer Erkundung: Neben einer Arnikawiese entdeckte ich an einem Kreuz am Waldrand auf einem Schild den folgenden Spruch: 
„Hier auf Hochgescheids sonnigen Höhen,
Wanderer halt inne. Bleib stehen,
die grossen Werke des Schöpfers zu sehen:
Prächtig liegen Täler und Wälder zu Füssen.
Herrlich die Berge ringsum uns grüssen.
Weit geht der Blick in die Fernen:
Alles lobe und preise den Herren!“
(gestiftet von L. und J. Dietsche 1995) 
Auf den Wiesen entdeckten wir noch die Waldhyazinthe und das Gefleckte Knabenkraut. Auf den Pflanzen tummelten sich verschiedene Schmetterlinge, die so flink waren, dass man kaum Fotos machen konnte. Ich sauste ein paar Mal hinter den kleinen Fliegern her. Nur zweimal erwischte ich einen Falter auf einer Distelblüte und einer Arnikablüte. Am Rande eines Panoramaweges Richtung Holzer Kreuz sahen wir an einem Hang viele Pflanzen des giftigen Roten Fingerhutes.
 
Die hilfreiche „Mutter vom Schwarzwald“
Da es am Vormittag des 3. Tags bewölkt war und leicht nieselte, entschlossen wir uns, ins 7 km entfernte Todtmoos zu fahren, um einzukaufen und auch die Wallfahrtskirche zu besichtigen. Auf einer Tafel am Eingang zum Kirchenareal entdeckte ich folgende Information über die hilfreiche „Mutter vom Schwarzwald“:
 
„Todtmoos war eine vorderösterreichische Vogtei. 1319 schenkte Herzog Leopold von Österreich die 1268 vom Bischof von Konstanz geweihte und zur Pfarrkirche erhobene Kapelle aus Stein (…) dem Benediktiner-Kloster St. Blasien. Dessen Mönche versahen bis zur Säkularisation im Jahre 1806 den Pilgerdienst in Todtmoos.
 
Die Legende: 1255 liess Leutpriester Dietrich von Rickenbach nach einer Erscheinung – zu Ehren der ,Schmerzhaften Mutter Maria’ − am Schönbühl zwischen Totenbach und Wehra eine Kapelle erbauen. Besonders zu Notzeiten, z. B. während Pestepidemien, nahmen die Wallfahrten zum Gnadenbild – einer fast lebensgrossen Pietá – stark zu. Zur Zeit des Konzils im Jahre 1439, als in der Stadt die Pest wütete, pilgerten 400 Basler Bürger und 24 Priester nach Todtmoos. Viele Wunder wurden vermerkt.“
 
Auch heute noch sind so genannte Votivprozessionen nach Todtmoos „in“. Darunter ist die wohl 1410 entstandene jährliche Fusswallfahrt aus Hornussen (Fricktal CH) mit einer 40-km-Distanz. Laut Kirchenführer „kommen zu einer anderen Gruppe von Wallfahrtstagen Frauen, Altenwerke, Männer und Jugendliche zusammen…“
 
Der Grosse Frauenwallfahrtstag ist am 26. Juli (Annatag), der Grosse Männerwallfahrtstag am 2. Sonntag im September.
 
Beim Eintritt in die Kirche sah ich sofort das im Hochaltar integrierte golden glänzende Gnadenbild, das 1759 vom rechten Seitenaltar hier übertragen wurde. An der Langhausdecke sind zierliche und schöne Stuckmotive in zarten Pastellfarben mit Goldauflagen zu sehen. In der Kirche herrscht ein Barockcharakter vor. Für die Ausgestaltung des Innenraums wurden namhafte Künstler, auch solche aus der berühmten Wessobrunner Schule, verpflichtet.
 
Die Kirche hatte jedoch noch weitere Höhepunkte zu bieten, wie die Rokokokanzel, die Barocknebenaltäre und die schönen Decken- und Wandgemälde.
 
Die Kirchenorgel mit einem neubarocken Gehäuse ist besonders attraktiv. Ich war der Meinung, diese Orgel sei sehr alt. Da täuschte ich mich gewaltig. Das Gehäuse wurde 1966 geschaffen, und 1986 wurde das Orgelwerk erweitert (3 Manuale, Pedal, 46 Register, 3333 Pfeifen, Glockenspiel, Nachtigall, Zimbelstern).
 
Vor der Kirche entdeckte ich die zurzeit geschlossenen Devotionalienläden, die 1979 wiederhergestellt wurden. Diese dürften religiöse Volkskundler interessieren. Sie stellen Denkmäler einfachster Kleinarchitektur, die heute selten geworden sind, dar.
 
Früher wurden die Pilger an diesen Wallfahrtsständen verpflegt. Die Läden werden zum Weihnachtsmarkt reaktiviert.
 
Infos über Todtmoos und der Wallfahrtskirche unter www.todtmoos.de
 
Auf dem Hochkopf
Am Nachmittag des 3. Tags führte uns eine Wanderung zum 1247 m ü. M. gelegenen Hochkopf. Dieser befindet sich in der Nähe von Herrenschwand und unweit von Todtmoos. Es ist der Hausberg von Todtmoos und ein Wahrzeichen des Kurorts, wie ich mir sagen liess.
 
Wir fuhren mit dem Auto zum Weissenbachsattel. Von dort ging es entlang des Westwegs zum Roten Kreuz und dann auf verschlungenen Pfaden zum Hochkopf. Wir bestiegen den Hochkopfturm, der 1926 vom Kurverein Todtmoos erbaut worden ist. 1982 wurde er it Unterstützung des Landes Baden-Württemberg, des Landkreises Waldshut und des Schwarzwaldvereins wiederhergestellt.
 
Bevor wir in das Innere des mit Holzschindeln bedeckten Turms kletterten, entdeckte ich folgenden Spruch an der Aussenwand: 
„O’ Gott, halte fern uns jene Gäste,
die Dosen, Flaschen-Reste
streuen in den Wind.
Schick sie in andere Reviere,
wo wie die Borstentiere
im Dreck nur glücklich sind.“ 
Nun es gibt in der Tat vierbeinige Borstentiere, die ganz reinlich sind, und zweibeinige Geschöpfe, die mit Sauberkeit nichts am Hut haben. In der Wegwerfgesellschaft sind Verunreinigungen aller Art zu sehen. Besonders schlimm finde ich die Hinterlassenschaften in der Natur. Wir haben es uns längst angewöhnt, Abfälle aller Art wieder mitzunehmen, eine Selbstverständlichkeit.
 
Wir bestiegen den Holzturm auf einer innen gelegenen Wendeltreppe und hatten einen Klasse Ausblick auf den Schwarzwald, Hotzenwald, das Feldbergmassiv und das Wiesental. Bei klarer Sicht kann man auch Basel und die Juraberge erblicken. An diesem Tag pfiff ein kühler Wind um den Turm. Wir hielten uns nicht allzu lange dort oben auf.
 
Wir kehrten dann mit schnellem Schritt wieder an unseren Ausgangspunkt zurück. Am Abend erfreuten wir uns an gegrillten Steaks und Klöpfern, die Ewald zubereitete. Dazu gab es jede Menge Bier, Brötchen und Tomatensalat. Es war ein sättigendes und köstliches Mahl.
 
Fortsetzung folgt
 
Literatur
Heinz Scholz und Frank Hiepe: „Arnika und Frauenwohl“,“, Ipa-Verlag, Vaihingen/Enz, 2002.
Heinz Scholz: „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“, Verlag A. Vogel, Teufen, 2. Auflage 2006.
Ohne Autorenangabe: „Todtmoos im Schwarzwald“, Schnell Kunstführer Nr. 661, 7. Auflage 2002.
 
Internet
Heinz Scholz: Arnika – strahlende Schönheit hemmt Entzündungen“, oder unter www.textatelier.com (Glanzpunkte).
Heinz Scholz: „Rheuma hat viele Gesichter“, oder unter www.textatelier.com (Glanzpunkte).
 
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