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BLOG vom 04.09.2009


Reka-Ferien Albonago: Freibad weckt alte Erinnerungen
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Mena, die siebenjährige Enkelin vertraute mir schon am ersten Ferientag an, dass sie immer noch nicht schwimmen könne. Sie sagte es mit einem gewissen Bedauern und doch bewunderte ich sie. Es war eine Tatsache und sie verschleierte sie nicht. In Paris wird Schwimmen auch unterrichtet, jedoch nur im Hallenbad und so hofften wir zusammen, dass ihr hier in Albonago spielerische Fortschritte gelingen werden. Das grosse Freibad lud geradezu dazu ein.
 
Sagte nicht Mao Tse-tung, jeder Mensch müsse schwimmen können? Ich fühlte mich immer persönlich angesprochen, wenn ich diese Forderung las. Meine Schwimmkünste waren von jeher mager und haben sich bis heute nicht wesentlich entwickelt.
 
Dazu gibt es eine alte Geschichte, die ich Mena erzählen musste. 1950-1951 bekam ich als Primarschülerin in Zürich auch Schwimmunterricht. Dieser fand für die Knaben im See und für die Mädchen in der Limmat statt. Schwimmunterricht im Hallenbad kannten wir noch nicht. Wenn ich mich recht erinnere, war dieser Unterricht bei Temperaturen ab etwa 18 Grad abzuhalten. Die Buben unserer Klasse wurden in die hölzerne Badeanstalt am Bürkliplatz geführt, wir Mädchen ins nahe gelegene Frauenbad am Stadthausquai.
 
Zuerst gab es für uns nur Trockenübungen. Wir mussten auf einen Faltschemel liegen und die Schwimmbewegungen einüben. Später wurden Aluminiumteller mit Löchern auf den Boden des Bades geworfen. Diese mussten wir heraufholen. Unmöglich für mich und meine Augen. Ich kann mich nicht erinnern, dass von unserer strengen Schwimmlehrerin etwas getan wurde, was das Vertrauen zum Wasser hätte fördern können. Vieles wurde beinahe militärisch vermittelt - zack-zack. Ja, es gab Kinder, die mit den Eltern öfters baden gingen und denen hier alles gelang, was vorgeschrieben wurde. Das war bei mir nicht der Fall. Nach und nach gelang es aber auch mir, die Länge des Bades zu schwimmen. Diese auch heute noch schöne Badeanstalt aus Holz gab mir eine gewisse Sicherheit. Ich konnte im Notfall an den Rand steuern und mich dort festhalten. Im Sommer musste dann eine Prüfung abgelegt werden. War sie erfolgreich, bekamen wir das "S", ein Stoffabzeichen, das an die Badehose genäht wurde.
 
Vor dieser Prüfung graute mir. Wir wussten es nicht im Voraus, wann sie stattfinden würde. Das hing vom Wetter und den Temperaturen ab. Eines Tages war es soweit. Wir wurden zur Bubenbadeanstalt am Bürkliplatz beordert. Ich kann mich gut erinnern, wie wir Mädchen dorthin liefen oder trotteten und dort zum niederen Sprungbrett geführt wurden. In Einerreihe traten wir an und nach kurzem Zögern sprang auch ich ins Wasser. Ich kann das Gefühl, das mich damals begleitete, gut hervorholen. Es war keine Angst dabei und das Auftauchen dann ganz angenehm, eine positive Überraschung.
 
Ich schwamm, wie alle anderen, eine leichte Schleife Richtung Quaibrücke, dorthin wo das Seewasser zur Limmat wird. Aber genau unter dieser Brücke verliess mich das Vertrauen, die Frauenbadeanstalt je zu erreichen. Ich schwamm zum Brückenkopf, klammerte mich an ihn und holte tief Atem. Wenn ich heute mit dem Limmatschiff hier durchfahre, frage ich mich jedes Mal, wo um Himmels Willen ich mich festkrallen konnte. Weit draussen im See sah ich einen Fischer in seinem kleinen Boot. Auf ihn vertraute ich. Er wird mich sehen und retten, das war meine Zuversicht.
 
Inzwischen waren die Mädchen meiner Klasse zum Frauenbad zurückgekommen. Die Schwimmlehrerin begleitete die ganze Schar in einem Weidling, hatte aber nicht bemerkt, dass ich zurückblieb. Es dauerte eine für mich lange Weile, bis sie atemlos angerudert kam, mich fand, mich ins Boot zog und zurückbrachte. Es ging nicht ohne wettern und schimpfen. Das war mir egal. Ich konnte es sogar verstehen. Sie hatte sicher Angst, ich sei ertrunken.
 
Die Mitschülerinnen wurden von unserem Lehrer abgeholt. Man fuhr gemeinsam zum Limmatplatz und kehrte ins Kornhaus-Schulhaus zurück. Ich musste zur Strafe in der Badi bleiben, einfach solange, bis es mir gelang, die vorgeschriebene Strecke dieses Bades in einem Zug zu schwimmen. Es gelang mir bald, denn hier war ich heimisch. Dann durfte ich ebenfalls in Schulhaus zurückfahren. Hat mir da jemand ein Tramabonnement gegeben? Ich weiss es nicht mehr. Oder hat mich jemand begleitet? Wenn ich zurückschaue, bin ich ganz allein. Als ich dann ins Schulzimmer trat, waren alle an der Arbeit. Es gab kein Aufsehen. Ich wurde weder ausgelacht, noch beschimpft, nur ruhig angewiesen, meinen Platz wieder einzunehmen.
 
Zu Hause getraute ich mich nicht, von diesem einschneidenden Erlebnis zu berichten. Wer scheitert  schon gern? Wir mussten immer alles rasch begreifen und anwenden können, waren oft überfordert, im Stress, auch wenn wir dieses Wort noch gar nicht kannten. Anfänglich plagten mich Bauchschmerzen. Ich konnte den Darm ein paar Tage nicht mehr entleeren. Aber irgendwann renkte sich alles wieder ein. Ich schwieg darüber, schloss das Erlebte als Geheimnis in mich ein.
 
Das ist meine Geschichte. Die hölzerne Männer- und Knabenbadeanstalt am Bürkliplatz gibt es schon lange nicht mehr. Eines Tages sackte sie ab. Die metallenen Schwimmtanks waren durchgerostet und trugen das Gebäude nicht mehr. Der ganze Komplex wurde entsorgt. Und ganz allgemein freute man sich dann an der freien Sicht auf den See.
 
Es war ganz still, als ich dieses Erlebnis zu Ende geschildert hatte. Das Mitgefühl von Mena, aber auch von unseren Töchtern Felicitas und Letizia war spürbar und wohltuend.
 
Wie sich Mena und Nora im Freibad entfalteten, erzähle ich in einem nachfolgenden Blog.
 
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