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BLOG vom 23.11.2009


„Prickly“-Time: Die Kakteen kommen ins Winterquartier
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Gestern gab ich mir während einer Regenpause einen Ruck und hob meine stacheligen Freunde, die Kakteen, später als sonst von den südwärts gerichteten Fenstersimsen und brachte sie ins Haus. Eine Blütenpracht hatten sie mir auch dieses Jahr beschert, besonders die Gattung der Mammillaria. Einige Nachzügler öffneten heute Morgen ihre roten Blütenkelche. Viele haben sich weiter gerundet und Schösslinge getrieben und sind um 5 bis 8 cm gewachsen. Ich bin froh, dass sie sich bei mir wohlfühlen und sich ans englische Klima gewöhnt haben.
 
Kerzengerade stand ein hochgeschossener Kaktus, so lange ihn der Sonneneinfall begünstigte. Mit dem zunehmend schrägen Sonneneinfall hat er sich inzwischen tief gekrümmt, um die Sonnenstrahlen in seiner Krone aufzufangen. Ich weiss, dass er sich bald in ihrem Winterquartier aufrichten wird.
 
Nicht alle finden ihre Herberge im Haus. Die Opuntien sind wetterfester. Kommt der Frost, decke ich sie mit Plastikhüllen ab. Der Mauer entlang gereiht, sind sie einigermassen vor dem Nordwind geschützt.
 
Meine Favoriten teilen meine Leseecke im Obergeschoss unter der gläsernen Schrägwand am Ende der Treppe, mein tagsüber bevorzugtes Winterquartier. Ich ziehe mich auch dorthin zurück, wenn der Regen ans Glas trommelt und das Wasser wie ein Endlosschleier abfliesst.
 
Ich bilde mir ein, dass ich genügsam lebe. Doch die Kakteen übertreffen mich bei Weitem. Sie brauchen kaum Wasser und gedeihen dennoch.
 
Stachelige Leute werden in England als „prickly“ bezeichnet. Werde ich in meinem Refugium gestört, etwa von Anrufen von Leuten, die mir etwas andrehen wollen, kann ich stachelig werden, wenn ich die Störenfriede abwimmle. Zwar bin ich dabei nie so stachelig wie die Kaktee.
 
Es gibt Sukkulenten, die bunt-geschliffenen Kieseln gleichen. Sie fehlen mir, und ich werde als Kieselliebhaber Ausschau nach ihnen halten. Vielleicht kommen sie als ein Weihnachtsgeschenk zu mir und werden mich zu philosophischen Gedanken anspornen.
 
Kann ich den Kakteen einige Aphorismen abgewinnen, grüble ich; oder kann ihnen ein Geschichtlein andichten?
 
Es stand ein Kaktus im Topf bei der Gartenbank, vom Regen übersprenkelt, wie ringsum Pilze aus dem Boden schossen. „Du kannst nicht mit uns mithalten“, höhnten die Pilze giftig, „Du wirst hier verfaulen und deine Stacheln verlieren.“
 
Aber sie konnten den Kaktus nicht aufstacheln. Er brummte nur: „Mögen Euch die Schnecken fressen!“
 
Da huschte munter ein kanadisches Eichhörnchen über den Rasen und wollte Nüsse für den Winter vergraben.
 
„Ei, da wo Pilze wachsen, ist die Erde weich.“ Es warf einen Pilz um den andern um und ersetzte sie emsig mit seinen Nüssen.
 
Der Kaktus dachte sich: „Die Nässe hat euch nicht vor Nüssen gerettet. Und kommt die Sonne wieder, verwandle ich mich zur ,Königin der Nacht’ – Selenicereus grandiflorus. Die schönste Blüte erscheint zwischen meinen Stacheln. Das übertrifft alle Pilzsporen.“
 
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über den Spätherbst in London
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