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BLOG vom 09.12.2009


Der Koffer mit feuchten Papieren: Aisling gibt Auskunft
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Vorspiel
Diesen irischen Erzähler habe ich in meinem Blog vom 20.02.2008 („Merkwürdige Lesung: Der Erzähler Aisling aus Irland“) gewürdigt. In den Pubs bei Hammersmith las er – nein, erzählte er halb singend aus dem Stegreif – Balladen aus seiner abgegriffenen Kladde, deren Seiten arg verschmutzt waren und keinen einzigen Buchstaben trugen. Er war damals ungefähr 80 Jahre alt und trug einen verwilderten Haarschopf. Aus seinem fast zahnlosen Mund spulte er Sätze, die zu wundersamen Geschichten gedrechselt, seine wenigen irischen Zuhörer fesselten und ihm immer wieder einen Humpen Guinness sicherten, damit seine Stimme „klar bleibe“, wie er sagte.
 
Ich habe verschwiegen, dass ich ihm seither mehrmals begegnet bin. Ich wollte mehr über diesen rätselhaften Kauz erfahren. Meine zudringlichen Fragen winkte er ab, und er sagte immer wieder: „Das ist lange her.“ Einige wenige Fragmente aus seinem Leben sind mir haften geblieben, besonders sein Hinweis, dass er in jüngeren Jahren ein Weltenbummler gewesen sei. Auch erfuhr ich, dass er verheiratet gewesen ist.
 
Seine Frau sei seine Muse gewesen – und gewiss andere Frauen zeitweise ebenfalls, wie er zugab. „Muse … Was hat es mit Ihrer Muse auf sich?“ fragte ich ihn verblüfft? Aisling grinste nur und schwieg sich aus. „Stimmt es, dass Ihr Vater ein ,Rag-and-bone-man’ (Altstoffhändler) gewesen ist?“ Aisling nickte.
 
Wer beschreibt meine Überraschung, als vor wenigen Monaten ein gut gekleideter Mann mittleren Alters bei mir vorfuhr und sich als Aislings Sohn vorstellte! Als er und seine Brüder und Schwestern nach Aislings Tod dessen Untergeschoss ausräumten, blieb vom Leben ihres Vaters bloss ein alter ramponierter Koffer, mit Papieren vollgestopft, übrig. Viele Jahrzehnte blieb dieser Koffer vergessen in seinem Keller liegen. Jetzt habe er den Keller geräumt, weil ihm ein Hauswechsel bevor stand. „Im Koffer lag zuoberst ein Blatt mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse mit der Bitte, Ihnen diesen Koffer zu überlassen“, erklärte er und entschuldigte sich für die verspätete Auslieferung. „Dank dem Internet bin ich endlich auf Ihre gegenwärtige Adresse gestossen“, fügte er bei. Nach dem Tee holte der Sohn den Koffer aus seinem Auto, stellte ihn in meinen Vorraum ab und verabschiedete sich.
 
Es war Sommer und der Koffer fand in meinem Schuppen Unterkunft. Ich hob den Deckel und ein modriger Duft machte sich breit. Viele Papierstösse waren feucht und klebten aneinander. Ich begann, sie zu sichten und breitete sie draussen auf einer Blache aus, damit sie unter der Sonne trocknen konnten. Seine Kladde, den er auf seinen Runden in den Pubs stets in einem Ranzen auf sich trug, war im Koffer mitsamt einem Stapel von voll beschriebenen Sudelheften, vielen Papierrollen mit handgeschriebenen Texten.
 
Traurig aber wahr, ich konnte seine Handschrift lange nicht entziffern. Sein Schriftbild war zwar rhythmisch bewegt, voller hochschwingenden Oberlängen und männlich kräftigen Unterlängen, doch für mich in einer unlesbaren Schrift eingebettet. Viele seiner Sätze waren überarbeitet und verschleppten sich auf die Seitenränder des Papiers. Was konnte ich mit Aislings Nachlass anfangen? Seine Manuskripte waren nicht datiert. Inzwischen ist es Winter geworden. Langsam gewöhnten sich meine Augen an sein Schriftbild, wie ich hin und wieder abends einige Texte zu entziffern suchte. Ich begann dieses Unterfangen mit dem 1. Sudelheft. Ich schreibe es meiner Neugier und meinem Starrsinn zu, dass es mir endlich gelang, den hier gebotenen 1. Auszug zu lesen und zu übersetzen:
 
Aisling hilft seinem Vater
Als Elfjähriger sass ich oft neben meinen Vater auf dem alten Karren, dem eine alte Mähre vorgespannt war, wie er jeweils am letzten Samstag und Sonntag des Monats in den Strassen von Camden (Londoner Stadtquartier) Alteisen sammelte. Wo immer Anwohner ausgediente Nähmaschinen, Pfannen, Werkzeuge, Badewannen, Dachtraufen u. a. vor die Türe gestellt hatten, pfiff mein Vater, und der Gaul hielt inne. Ich durfte die Bremse satt ziehen und ihm helfen, die leichteren Sachen auf dem Wagen zu verstauen. Hoch auf diesem Wagen erweiterte sich meine Welt mit jedem Strassenzug, den wir durchkämmten.
 
Mein Vater war ein heiterer Geselle, immer zu Spässen aufgelegt. Mit seinen irischen Balladen belohnte er meine Hilfe, in einer halb singenden, halb erzählenden Weise, die mein Fernweh erweckte. Immer wieder zitierte er seine Lieblingsballaden, etwa diese rund um den Kilgary Berg:
As I was a-walkin' 'round Kilgary Mountain
I met with Captain Pepper as his money he was countin'
I rattled my pistols and I drew forth my saber
Sayin', "Stand and deliver, for I am the bold deceiver."
Chorus 
Musha rig um du rum da
Whack fol the daddy o
Whack fol the daddy o
There's whiskey in the jar. 
The shinin' golden coins did look so bright and jolly
I took 'em with me home and I gave 'em to my Molly
She promised and she vowed that she never would deceive me
But the devil's in the women and they never can be easy.
 
 
Frei übersetzt:
Als ich rund um den Kilgary Berg wanderte/Traf ich Kapitän Pepper, wie er sein Geld zählte/Ich fuchtelte mit der Pistole und zückte meinen Säbel/Sagte: „Stehe und gib mir, denn ich bin ein kühner Gauner.“ 
Gefolgt von einem Trinklied im Chor gesungen. 
Die glänzenden Goldstücke glitzerten hell und lustig/Ich nahm sie mit nach Hause und gab sie meiner Molly /Sie versprach und schwur, dass sie mich nie täuschen würde/Aber der Teufel steckt in den Weibern, und sie sind nie einfach.
*
Wird mein Durchhaltewille anhalten? Wenn ja, werden weitere Auszüge aus Aislings Leben folgen.
 
Hinweis auf das vorangegangene Aisling-Blog
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