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BLOG vom 13.12.2009


Aislings Schuljahre. Wie er zum Bänkelsänger wurde
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Aisling äusserte sich knapp und trocken zu seiner Schulzeit. Ich habe folgende Stellen aus seinem 3. Heft ausgewählt:
 
Mein Übergang in die höhere Erziehungsanstalt erheischte vorbereitend viel Nachhilfe-Unterricht in einer eigens dafür geschaffenen „Überleitungsklasse“ während eines Jahres. Die Schüler stammten aus armen Schichten, worunter auch etliche Kinder irländischer Familien. Ich fasste dort rasch Wurzeln unter meinesgleichen. Ich fügte mich in die neue uns auferlegte Disziplin und erledigte zum 1. Mal die Hausaufgaben, statt wie zuvor Strafaufgaben aufgebrummt zu bekommen. Meine Freizeit war arg eingeschränkt. Die Wochenendfahrten auf dem Fuhrwerk meines Vaters musste ich aufgeben. Diese Rolle war jetzt meinem jüngeren Bruder vorbehalten, der mit meinem Vater das Altmetall einsammelte.
 
Meine Schulleistungen hatten ihr Hoch und Tief, je nach Schulfächern. Geschichte, mit vielen Geschichten verbunden, behagte mir am besten. Dem Geographie-Unterricht folgte ich beflissen, obschon dieser recht einseitig auf die englische Kolonialzeit ausgerichtet war. Englisch bereitete mir viel Mühe und war nötig, um meinen Wortschatz zu erweitern und von gälischen Zutaten zu befreien. Mit der Grammatik haperte es damals bis heute. Im Religionsunterricht, zum Glück auf 2 Stunden pro Woche beschränkt, musste ich zwangsläufig mithalten. Immerhin konnte ich in diesem Fach meinen eigenen Gedanken nachhängen, erleichtert durch den Umstand, dass ich auf der hintersten Bankreihe sass und hin und wieder in einem auf den Knien aufgeschlagenen Buch lesen konnte.
 
Eines blieb mir erhalten: mein Sinn für Spass und Schabernack. Das kam mir zugute, als ich in die höhere Erziehung eingewiesen wurde. Zuerst wurde ich von einigen Dummköpfen wegen meiner irischen Abstammung aufs Korn genommen. Meine Manieren hatten sich verfeinert, und ich konnte meiner Neigung, diese Kerle zu verprügeln, nicht nachgeben. Auch das Fluchen war strengstens verboten. Ich fluchte dennoch auf Gälisch und schnitt dabei viele Grimassen. „Was sagst du da“, erwischte mich dabei ein Lehrer. „Ich erzähle Balladen“, antwortete ich ihm. „Also“, forderte er mich heraus, „erzähle uns eine Ballade.“ Ich kam seiner Bitte nach, denn in meinem Gedächtnis waren genug Balladen eingelagert. „Ich verstehe kein Wort von deinem Kauderwelsch“, sagte der Lehrer kopfschüttelnd. „Aber machen wir einen Pakt“, schlug er vor. „Nächste Woche, ehe der Unterricht beginnt, bietest du uns täglich eine Ballade – und zwar auf Englisch!“ Er glaubte wohl, mich damit bestraft zu haben.
 
„Euch werde ich es schon zeigen!“ Zuhause, in der Küche auf einem Schemel stehend, begann ich zu üben. Mein Vater hatte sein Gaudium und gab mir viele Kostproben seines Talents. Ich ahmte seine Fistelstimme nach, sang halb näselnd Balladen und schnitt dabei viele Grimassen und gestikulierte.
 
Am Montag begann mein 1. Auftritt als Bänkelsänger. Klassenkameraden umringten mich, bereit, mich zu verhöhnen. Mit verschränkten Armen stand herausfordernd Lehrer vor mir. „Warte, dir werde ich es schon zeigen!“ sprach ich mir zu, denn ein Schauspieler braucht viel Selbstvertrauen. Des Lehrers Gesicht wurde meine Zielscheibe. Fest richtete ich meinen Blick auf ihn und begann mein Spektakel. Ich sah, dass es ihm dabei ungemütlich wurde, wie die Lacher auf meiner Seite waren. Ich erntete Beifall, und während den folgenden Tagen festigte sich mein Ruf als Bänkelsänger.
 
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