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BLOG vom 13.12.2009


Aisling bekommt sein Abschlusszeugnis – was nun?
Autor: Emil Baschnonga, Schriftsteller und Aphoristiker, London
 
Im gleichen 3. Heft schrieb Aisling:
 
Das Hoch und Tief in meinen Zeugnissen erbrachte mir einen akzeptablen Mittelwert in der Abschlussprüfung. Wir feierten. Die Welt war jetzt für mich „an open oyster“ (eine offene Auster).
 
Der Rektor, ein Mann aus Yorkshire, respektiert und dafür gefürchtet, dass er die Dinge beim Namen nannte, berief mich in sein Zimmer. Er sass hinter seinem Pult und schmauchte seine Pfeife. Sein Bart war etwas grauer geworden, aber sonst hatte er sich nicht verändert.
 
„Na, du bist gut geschlüpft“, sagte er, was ich als Lob empfand. „Aus dem groben Klotz ist zwar kein Chorgestühl geworden, doch ein gebrauchsfähiger Sessel. Hast du dir Gedanken über deine Zukunft gemacht?“ wollte er wissen. „Noch nicht“, antwortete ich ausweichend.
 
Direkt, wie immer, sagte er: „Aus dir wird kein Bibliothekar oder Bürokrat. Vielleicht ein Händler … ein Bücherhändler vielleicht. Aber dazu hast du nicht genug Sitzleder.“ Ich war auf meinem Stuhl eher unruhig hin und her gerutscht. „Du hast als Komödiant ein Naturtalent“, fuhr er fort, „und bringst die Leute zum Lachen – und kriegst dafür einen Hungerlohn. Jedes Naturtalent muss verfeinert und erweitert werden. Warum schreibst du dich nicht in einer Theaterschule ein und erlernst das Maulwerk eines Schauspielers? Vom Shakespeare bis abwärts zum Spassmacher auf der Bühne, wenn nicht gar als Clown im Zirkus. Wenn du willst, gebe ich dir mein Empfehlungsschreiben.“ Ich nickte und dankte ihm.
 
Aisling als Schauspieler? Warum auch nicht? befreundete ich mich mit diesem Gedanken. Das Rollenspiel erlernt man beim Studium der Drehbücher. Sie bin ich wiederum bei den Büchern gelandet!
 
Einige Monate später wurde ich von einer Theaterschule aufgenommen. Ich kriegte einen staatlichen Zuschuss, knapp ausreichend, um mein Studium zu finanzieren. „Und wenn du hungrig bist“, sagte mein Vater erleichtert, „kriegst du bei uns immer etwas zum Essen.“
 
So erlernte ich, wie es der Rektor gesagt hatte, mein Maulwerk, lernte aufnahmefähig Rollen auswendig, übte und spielte sie. Tanzunterricht gehörte mit zum Studium. Und wurde es mir sturm im Kopf, spielte ich auf meiner irischen Zither, sang dazu meine liebgewonnenen Balladen und tanzte dabei in meinem Zimmer herum. 
 
Mein Glück wollte es, dass ich in der gleichen Schule, meiner einstigen Gespielin Caitlin wieder begegnete. Aus dieser Rotznase war ein liebliches Mädchen geworden. Wir traten sogar gemeinsam auf der Bühne auf. Caitlin hatte langes, welliges Kastanienhaar. Ei! wie sie tanzen konnte und hellklingend lachen. Ehe ich mich versah, war ich in sie verliebt, aber sagte ihr das lange nicht ins Gesicht. Caitlin ist und bleibt in meinen Herzen bis auf den heutigen Tag. Unsere Wege kreuzten sich immer wieder, wenn ich als Globetrotter wieder in London auftauchte. Caitlin wurde zu meiner Muse.
 
Ich muss zugeben, manchmal behandelte ich meine Muse schlecht. Ihre Gabe, mir zu verzeihen, war grenzenlos. Eine treuere Seele hätte kein Mann finden können. Wenn ich an dich denke, my dear Molly, klopft das Herz eines alten Mannes genau so wie damals. 
 
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