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BLOG vom 14.01.2010


Wie bei den Schweizer Medien heutzutage die Post abgeht
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Wenn jeweils die Schweizer Medien im Gleichschritt unter der Führung der Leitmedien „Blick“ und „Schweizer Illustrierte“ (SI) eine Kampagne lostreten, noch bevor sie ein komplexes Problem aufgearbeitet haben, kann man davon ausgehen, dass es sich um eine hohle Nachäfferei im Interesse der Quotensteigerung handelt. Das mediale Drama hat klar zutage liegende Ursachen: Die Zeitungen beispielweise, die in kontinuierlichen Relaunch-Schüben das Wort zunehmend durch grosse, seichte (Verlegenheits-)Bilder ersetzten (der Boulevardisierung nacheifernd), verloren Leser und damit auch Inserenten; auch die NZZ hat sich hier angeschlossen.
 
Die Bildchen kann man ja beim Fernsehen in bewegter Form haben, auf welches „Blick“ und „SI“ mitbestimmend Einfluss nehmen. Weil die Zeitungen ihren staatspolitischen Auftrag zur umfassenden, vertiefenden Information zunehmend vergassen und, abgesehen von wenigen Ausnahmen, zu Bilderbuch-Belanglosigkeiten wurden, verabschiedeten sich die Kunden. Die Einnahmen flossen spärlicher, und seit Jahren erlebt man eine Gehirnamputation nach der anderen: Die Redaktionen werden abgebaut. Sogar bei der „Blick“-Gruppe geht der Hirnschrumpfungsprozess weiter. Wie am 12.01.2010 zu erfahren war, streicht Ringier wiederum 29 Vollzeitstellen, was selbstverständlich mit dem abgedroschenen Vokabular aus dem übergeordneten Managementsektor begründet wird: schlankere Arbeitsabläufe (man ist bereits bei bulimischen Zuständen angelangt), Synergien und dergleichen Begriffe, die eigentlich für Kahlschlag stehen, von dem immer auch die Korrektorate betroffen sind, damit Blödsinn ungebremst aufs Publikum losgelassen werden kann. Neuerdings kommt noch die Bombenidee von „Integrierten Newsrooms“ dazu, die gewährleistet, dass der Einheitsbrei konzentriert ab Stange geliefert werden kann.
 
Amputiert man aus den Redaktionen immer mehr Substanz, führt das zu Hirninsuffizienz, zu Schwachsinn, was den redaktionellen Restbeständen in ihrer Opferrolle nicht anzulasten ist. Ihnen verbleibt nur noch, auf jeden Knaller, der Aufmerksamkeit und damit Quote verspricht, kopflos aufzuspringen, zumal es alle anderen ja auch tun. Und wenn die Seuchen-Dirigenten in den Gesundheitsbehörden (WHO und BAG) den Untergang des Zivilisationsbetriebs wegen der Schweinegrippe ausrufen, machen sie kopflos mit, werden zu Sprachrohren und Verstärkern der Panik-Produzenten. Willkommen sind auch Schlammschlachten gegen einzelne Persönlichkeiten wie den Post-Verwaltungsratspräsidenten Claude Béglé. Er sieht die Begrenzungen der Möglichkeiten des Gelben Riesen innerhalb der Schweiz, die er aber nicht verringern möchte; vollkommen globalisierungskonform zielt er darauf ab, gewisse Geschäftsfelder im Ausland, die es schon gibt, noch auszuweiten.
 
Wenn eine US-Firma wie die Liberty-Media Inc. unser TV-Kabelnetz (Cablecom) übernimmt, einen miserablen Service bietet, wie ich selber gerade erfahre, und dafür hohe Gebühren bezieht, hat hier niemand etwas dagegen. Ich habe am 09.11.2009 meine Cablecom-Mediabox, die nach 9 Monaten den Geist aufgegeben hat, zur Reparatur gesandt und bis heute noch nichts davon gehört. Aber wenn ein intern bedrängtes, zuverlässiges CH-Unternehmen wie die Post Auslauf sucht, wird das nicht kritisch abwägend beleuchtet, sondern da wird sogleich ein Köpferollen vorbereitet, das laut „NZZ“ zu einem „Medienvolkssport“ wurde. Die Hauptfrage, ob mit internationalen Erträgen der Rückgang im Schweizer Geschäft kompensiert werden könnte, bleibt auf der Strecke. Dabei hat die Schweizer Post den Mutterleib Helvetias ohnehin längst verlassen. Bereits heute erarbeitet sie als Swiss Post International (SPI), Post Solutions für interne Postarbeiten in Unternehmen und Postauto (diese in Liechtenstein und Frankreich) mit 8000 von insgesamt 44 000 Mitarbeitern 20 Prozent ihres Umsatzes (1,8 Mia. CHF) im Ausland (in 23 Ländern), vor allem mit grenzüberschreitendem Briefverkehr und Massensendungen für Firmen. Béglé will aber keine Milliardenkäufe tätigen, sondern sich auf „viele kleinere Deals“ kaprizieren.
 
In solchen Plänen, die zumindest vernünftig aussehen, liegen die zentralen Fragen. Natürlich können gewisse Begleitumstände rund um die Wahl – die politisch Bundesrat Moritz Leuenberger nahe stehende Headhunterin Doris Aebi (SP) soll der Westschweizer Béglé vorgeschlagen haben – eine Rolle spielen. Aber das spricht nicht gegen Béglé; wahrscheinlich war die Wahl sinnvoll. Auch der Vorwurf, Béglé sei ein „Machtmensch“, erweist sich als Rohrkrepierer; wäre an solch einem Posten ein Waschlappen besser? Zudem traten Béglé-Gegner auf, die allerhand Ungutes aus seiner Karriere mit den häufigen Stellenwechseln zu erzählen wussten. Willi Wacker (78), ehemaliger stellvertretender Post-Generaldirektor und engagierter Pöstler alter Schule aus Aarau, goss Öl in die Briefkästen; er bezeichnete Béglé als „selbstverliebten Hochstapler“, ohne ihn persönlich zu kennen. Solche Storys wurden gern kolportiert, erhielten Oberhand, und das Grundsätzliche bleibt unbeachtet. Denn die Medien funktionieren zurzeit nach dem Prinzip der Personalisierung als Grundlage für den Kampagnenjournalismus.
 
Diese zentrale Frage ist offenbar von professionellen Medienmachern, die zu Geldmachern umerzogen wurden, redaktionell nicht mehr zu bewältigen: Was tut der Post und vor allem ihren Kunden – uns allen – gut? Beeindruckt hat mich Béglés Aussage im „Zischtigsclub“ von SF DRS, dass ihm nicht der maximale Gewinn wichtig sei, sondern die Grundversorgung, der Universaldienst der Post bei Briefen, Zeitungen, Paketen und beim inländischen Zahlungsverkehr. Wenn das alles dank gewisser Auslandgeschäfte stabilisiert werden könnte, müsste man das doch begrüssen. Die Schliessung kleiner Poststellen bringt wenig an Einsparungen.
*
Nur wer weiss, wie die Medien heute funktionieren, kann sie richtig lesen, richtig interpretieren. Sie sind nicht mehr Boten von Informationen, die in einen grossen Zusammenhang gebettet sind, sondern Süppchenkocher, die in einer Schnellküche ein paar Häppchen etwas pfeffern und aufmotzen, um sie bei strikte beschränkten Buchstabenzahlen möglichst gut verkaufen zu können.
 
Das funktioniert, bis die Leute Lust auf ein mehrgängiges, in sich abgerundetes Menu haben. Inzwischen muss man für die Mediennutzer Verständnis haben, wenn sie das Kurzfutter, das eine Sättigung nicht zulässt, fliehen. Nur das Ganze wäre das Wahre. George Orwell: „In Zeiten universeller Täuschung ist das Aussprechen von Wahrheit ein revolutionärer Akt.”
 
Wir könnten es dann und wann gebrauchen – das Revolutiönchen.
 
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