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BLOG vom 21.01.2010


Berühmte Weinliebhaber (II): 900 l Wein für Goethes Durst
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art;
aber es kommt dabei alles auf Zustände und Stunde an,
und was dem einen nützt, schadet dem anderen.“
(Johann Wolfgang von Goethe, „Gespräche mit Eckermann“, 11.03. 1828)
*
„Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte Zwiesprache mit den Ranken
der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen und wovon ich heute wunderliche Dinge
mitteilen könnte.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Gespräche mit Eckermann, 05.06.1828)
*
Goethe, der Geniesser
Johann Wolfgang von Goethe war ein passionierter Kenner und Geniesser edler Tropfen. Man wundert sich über die Mengen, die ins Weimarer Haus am Frauenplan geliefert wurden. So lieferte der Weinhändler Ramann 1806 etwa 60 Liter, und 1816 waren es insgesamt 900 Liter. Der Dichterfürst trank diese Mengen nicht alleine. Er verwöhnte damit auch seine zahlreichen Besucher damit.
 
Bier, Tee oder Kaffee trank er nur wenig. 1779 schrieb er: „Seit ich den Kaffee gelassen, die heilsamste Diät.“  Den Tee sah er als ein typisch weibliches Getränk an.
 
Sogar an seinem Todestag, am 23. März 1832, verlangte er Wein, mit Wasser verdünnt. Er wollte noch wissen, ob Zucker in den Wein gegeben wurde.
 
Wein entfaltete bei Goethe eine Steigerung seiner Schaffenskraft. So schrieb er bei einer Flasche Burgunder schon mal ein Stück in einer Sitzung nieder.
 
Goethes Vorliebe für Wein hatte wohl seinen Ursprung bei den Eltern und Grosseltern. Diese bewirtschafteten einen Weinberg. Die Familie Goethe in Frankfurt unterhielt auch einen grossen Weinkeller mit wertvollen Weinen der Grossmutter. Hier lagerten „die alten Herren von 1706, 1719 und 1726“. Der junge Goethe durfte sich auch an Wein erlaben. Später gab er seinen Enkeln auch das eine oder andere Schlückchen aus seinem Glase.
 
Goethes Schwiegertochter Ottilie verbreitete einmal dies: „Goethe liebte es namentlich in seinen späteren Jahren, während er denkend oder diktierend auf und ab ging, eine Flasche Rotwein zu leeren. Da machte es ihm ein besonderes Vergnügen, die emsig lernenden Enkelchen mit aus seinem Glase trinken zu lassen und sich herzlich zu freuen, wenn sie ganz fröhlich wurden und das Lernen völlig vergassen. Ich hatte alle Mühe und musste allerlei Vorwände erfinden, um die Kinder diesem überaus gemütlichen Tun des Grosspapas zu entziehen.“
 
Heute ist man vorsichtiger, und es wird geraten, man solle Kindern keinen Alkohol geben. Das war früher im Schwarzwald anders. Da bekamen schon Kleinkinder einen selbstgemachten Schnuller aus einem Stoffzipfel, der mit Zucker gefüllt und in Kirschwasser getunkt wurde. Dann schliefen angeblich die Kinder schneller ein.
 
Und in Bayern gilt das Bier als Volksgetränk und als Nahrungsmittel, das auch Kindern verabreicht wurde.
 
Zurück zu Goethe: Zu seinen Zeiten galt der 1811-er als Jahrhundertwein. Es war auch Goethes Lieblingswein, der auch als „Kometenwein“ in die Annalen der Weingeschichte einging. Er wurde deshalb so bezeichnet, weil damals der Halleysche Komet sichtbar war.
 
1818 kurte Goethe vom 26. Juli bis 13. September 1818 in Karlsbad. Goethes Diener Karl erhielt am 17. August den Auftrag, 2 Flaschen Wein zu besorgen und diese mit Gläsern an den beiden Fenstern seiner Unterkunft aufzustellen. Der getreue Diener tat, wie ihm geheissen wurde. Bei jedem Rundgang durchs Zimmer trank Goethe den Wein. Nach geraumer Zeit trat Goethes Hausarzt Wilhelm Rehbein, der ihn zur Kur begleitete hatte, ins Zimmer, und Goethe sagte zu ihm: „Ihr seid mir ein schöner Freund! Was für einen Tag haben wir heute und welches Datum?“ Rehbein antwortete: „Der 27. August.“ Der Dichterfürst wollte dies nicht glauben, er war der Meinung, es sei schon der 28. August, sein Geburtstag. Auch der herbei geklingelte Diener Karl sagte, es sei der 27. August. Als Goethe schliesslich in einem Kalender nachsah und das von den beiden richtige Datum bestätigt fand, sagte Goethe: „Donnerwetter! Da habe ich mich ja umsonst besoffen.“
 
Für Goethe war der Wein Grundnahrungs- und Genussmittel, aber auch Medizin. Am 02.02.1785 schrieb er in einem Brief an Charlotte von Stein: „Der gestrige Wein hat wieder seine wohltätigen Wirkungen gezeigt, ich habe sehr gut geschlafen und befinde mich wohl.“
 
Seine Frau, Charlotte Vulpius, die er 1806 heiratete, schrieb ihm einmal, er solle doch mehr Wein und Champagner für seine Gesundheit trinken. Sie berichtete in diesem Brief auch, dass 3 junge Burschen an Scharlach gestorben seien. Wieder andere, die sich unwohl fühlten und dann den „heilsamen“ Wein von ihr zu trinken bekommen hatten, wurden von der Seuche verschont.
 
Goethe äusserte auch sich zum Weingenuss von Schiller: „Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mässig, aber in (…) Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich.“
 
Heinrich IV. wollte kein „Weinfass“ im Bett
Heinrich IV. (1553‒1610), so wird berichtet, machte schon als Säugling Bekanntschaft mit dem Wein. Eine weinverständige Amme feuchtete die Lippen des Säuglings mit einigen Tropfen Jurançon an; dann tauchte sie die Spitzen ihrer Brüste in den goldfarbenen Wein. Nun durfte der Säugling ein Gemisch aus Wein und Frauenmilch saugen. Auch Maria Theresia (1717‒1790) machte schon sehr früh mit dem Wein Bekanntschaft. Ihr Babygeschrei wurde mit einigen Tropfen Wein gestillt.
 
Man sagte, wer mit einem Jurançon auf den Lippen sein Leben beginne, werde ein fröhlicher Mensch. Heinrich IV. war ein derber Liebesabenteurer und hatte viele Frauen. Die Heirat mit einer deutschen Prinzessin lehnte er ab. Begründung: „… weil er kein Weinfass neben sich im Bett haben wollte“ (Karl-Diether Gussek).
 
Heinrich IV. liebte den Wein ein Leben lang. Sogar in seiner letzten Stunde trank er den roten Jurançonnais Wein. Dazu passend ist ein Vierzeiler von Omar Chajjâm
„Ach, gebt mir Wein, wenn’s Leben schwindet,
Und wascht den Leichnam nur mit Wein.
Umwickelt ihn mit Rebenblättern,
Im Weingarten nur will ich begraben sein.“ 
Anmerkung: Der Jurançon ist ein Wein aus den Vorläufern der Pyrenäen gelegenen Appellation Jurançon. Es gibt trockene und süsse Weine, die in der Spitzengastronomie sehr gefragt sind; nähere Infos unter http://madiran.de.
 
„Trinkkönig“ Schiller
Friedrich Schiller (1759‒1805), der als der bedeutendste deutsche Dramatiker gilt, ging es in den letzten Jahren gesundheitlich immer schlechter. Aber seine Schaffenskraft erlahmte nicht. Während er „Maria Stuart“ beendete, trank er 12 Flaschen Laubtaler Wein. Auch den Schauspielern, denen er das Schauspiel vorlas, bekamen zur Einstimmung mehrere Flaschen Wien spendiert.
 
Johann Friedrich Cotta (1764‒1832), sein Verleger, schickte 1803 30 Flaschen Portwein. Damit stärkte Schiller sich für die Endfassung von „Wilhelm Tell“. „Es ist ein wahres Lebensöl, das Herz und Eingeweide stärken wird“, so Schiller. Er war von der heilsamen Wirkung voll überzeugt.
 
Ein Jahr vor seinem Tod schildert Johann Heinrich Voss ihn als „Trinkkönig“ auf einem Maskenball. „Obwohl er (Schiller) im Dezember schon totgesagt wurde, hielt er sich, von Cotta beschenkt, mit 40 Flaschen Portwein und 10 Falschen Malaga noch am Leben“, berichtete Karl-Dieter Gussek in seinem Werk „Berühmte europäische Trinker“.
 
Dieses Beispiel zeigt, dass damals die Verleger noch sehr spendabel waren.
 
Ein Tag vor seinem Tod (9. Mai 1805) trank er noch 2 Gläser Champagner. Nach seinem Ableben entdeckte man in seinem Weinkeller um die 200 Flaschen Wein.
 
Anmerkung: Friedrich Schiller zog sich 1791 einen Bronchialkatarrh mit nachfolgender Lungen-, Rippen- und Bauchfellentzündung zu. Er erholte sich zwar, aber er hatte danach immer mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Er starb durch eine Lungenentzündung, die wahrscheinlich durch eine Tuberkuloseerkrankung gefördert wurde. Bei der Obduktion sahen die Ärzte einen völlig zerstörten linken Lungenflügel, eine Nierenschädigung, einen zurückgebildeten Herzmuskel und stark vergrösserte Milz und Galle.
 
4 Flaschen Wein für E. T. A. Hoffmann
Als Hoffmann im renommierten Berliner Weinrestaurant „Lutter & Wegener“ vom Kellner eine Rechnung erhielt, auf der 4 Falschen Wein ausgewiesen war, reklamierte Hoffmann: „Ganz ausgeschlossen. In meinem Magen passen nur drei.“ Da antwortete der Kellner schlagfertig, es seien schon 4 Flaschen gewesen, die 4. Flasche „ist ihnen schon in den Kopf gestiegen.“
 
In allen seinen Erzählungen spielt der Wein eine wichtige Rolle. Es wird oft zugeprostet. In einem Brief an den Weinhändler Kunz meinte Hoffmann, dadurch bewegen sich „allerlei närrische Gestalten in skurrilen Bocksprüngen lustig und ergötzlich“.
 
Busch: „Ein leeres Glas gefällt mir nicht“
Es ist nicht der Bush gemeint, sondern Wilhelm Busch (1832‒1908), der auch den geistigen Getränken seine Zuneigung erwies. Auf dem Märchen-Maskenball 1862, den Busch inszenierte, zechte er mit seinem Freund Krempelsetzer hinter der Bühne. Er sagte: „Ein leeres Glas gefällt mir nicht, ich will, dass was darinne.“
 
Er schrieb für den Künstlerverein „Jung-München“ das eine oder andere Trinklied. In seinem Bühnenstück für den erwähnten Verein „Der Vetter auf Besuch“ dichtete er dies: 
„Der Wein ist ein vortrefflich Ding,
Die Weiber achten´s leider zu gering,
Und haben´s nicht bedacht.
Er stärket den Mut,
Bewegt das Herz in frischer Glut,
Er stärket den Mut,
bewegt das Herz
bei Tage und Nacht.“ 
Dann dichtete er noch: „Das Schlüsselloch wird leicht vermisst, / Wenn man es sucht, wo es nicht ist.“
 
Auch für alte Knaben wusste er einen Rat: 
„Rotwein ist für alte Knaben
Eine von den besten Gaben.“ 
Zum Abschluss noch ein Gedicht von Wilhelm Busch: 
„Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre:
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.
Sie tranken manchen Humpen aus,
sie stolperten aus den Türen,
sie grunzten vernehmlich und kamen nach Haus
gekrochen auf allen vieren.“ 
Anmerkung: Wilhelm Busch begeistert mich noch heute mit seinen humoristisch-satirischen Bildgeschichten in Versen (er gilt somit als Pionier der Comics). Er hielt seinen Mitbürgern ihre moralisch-sittlichen Gebrechen vor. „Er hasste Frömmelei und Heuchelei (…) Nach eigenem Urteil, ,Wein superb’, war er aber ein recht natürlicher und unbefangener Humorist, und zwar einer, der das Leben so nahm, wie es ist“ (zitiert nach Karl-Diether Gussek).
 
Busch war auch ein steter Raucher. Im Laufe seines Lebens litt er unter Nikotinvergiftungen. Er malte über 1000 Ölbilder, meistens in Kleinformat.
 
Literatur
Bockholt, Werner: „Da hab´ich mich ja umsonst besoffen…“ (Goethe und der Wein), Verlag Schnell Buch & Druck GmbH, Warendorf, 2002.
Gussek, Karl-Diether: „Berühmte europäische Weintrinker“, Verlag Dr. Bussert & Stadeler, Jena, 2009.
 
Hinweis auf einen „Glanzpunkte“- Artikel von Heinz Scholz
 
Hinweis auf weitere Wirte- und Weingeschichten von Heinz Scholz
26.04.2008: Wirtegeschichten (I): „Da gibt es keine Speisen à la carte!"
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