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BLOG vom 07.02.2010


Verdichtete Skizze: Warum war Paloma so abweisend?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wer Geschichten erzählt, zehrt teils von eigenen Eindrücken oder Erlebnissen, teils von anderen, in Gesprächen an den Tag gebracht. Hier habe ich den Erzählstoff in einander verwoben, will besagen: verdichtet. Vielleicht sickert dabei durch, dass die Liebe tiefer gründet als es heute den Anschein hat. Der Zauberstab der Liebe traf Antonio aus heiterem Himmel …
*
Antonio wurde von seinem Arbeitgeber in die Filiale in Madrid versetzt, um seine Kenntnisse der Sprache zu vertiefen. Der Ortswechsel behagte ihm. Er wohnte in einem etwas engen Studio in einer Seitengasse, ganz nahe beim Zentrum. Im Nu hatte er sich an die Sitten des Landes angepasst. Die Lebensart gefiel ihm. Weit weg vom nördlichen Wolkenmeer sind die Leute im Süden aufgeschlossener und geniessen das Leben inniger. Die Anmut der jungen Spanierinnen, wie sie abends munter plaudernd und lachend Arm in Arm mit ihren Freundinnen durch die Strassen bummeln, würdigte er so, wie es einem jungen Mann von 24 Jahren bekommt.
 
Eines Abends, zur vorgerückten Stunde, setzten sich 2 blendend hübsche Mädchen an den freien Tisch neben ihm auf der Terrasse eines Cafés beim Plaza Major und bestellten ein hochgetürmtes Speiseeis, mit einer Kuppe von Schlagrahm gekrönt. Gleich seinen Kameraden wünschte Antonio den beiden Schönheiten einen guten Appetit. Zwar dankten sie nett lächelnd, doch entzogen sich jedem Gesprächsversuch der Burschen. Das ist weiter nicht tragisch, denn es gibt noch viele andere Geschöpfe, mit denen sich „auf der Rambla“‘ anbändeln lässt.
 
Aber eine süsse Sehnsucht beschlich Antonio unverhofft. Er wurde schweigsam, und sein Blick streifte sehr diskret immer wieder das Mädchen mit dem welligen Kastanienhaar. Sie trug eine weisse Bluse, und er bemerkte ihre goldene Halskette und die funkelnde Haarspange. Sie glich einer Madonna. Sie entsprach haargenau dem Wunschbild seiner Vorstellung.
 
„Das ist vergebliche Liebesmühe“, wandte sich Carlos schmunzelnd an ihn. Antonio zuckte die Schultern. Die beiden Mädchen verliessen bald das Lokal und machten sich auf den Heimweg.
 
Tage verstrichen. Wie kam es, dass ihr Bild nicht verblasste? Gäbe es nicht den gütigen Zufall, der hin und wieder einspringt … Und er liess diesmal nicht lange auf sich warten. Im gleichen Café sichtete er das Paar wieder. Sein Herz klopfte, so wie es nur in einem jungen Menschen pochen kann. Endlich wurde der Tisch nebenan ihnen frei, den er hastig bezog. Diesmal war er allein. Auf dem Sitz neben ihm lag eine verwaiste Zeitung, die er auseinander schlug. Die Zeilen tanzten vor seinen Augen. Antonio haschte den Blick der Madonna und nickte ihr zu. Etwas verwundert nickte sie ebenfalls.
 
Einige Strassenmusikanten begannen ihr Spiel. Antonio wurde heiter und entspannt. Er winkte den Mädchen zu und erkundigte sich, ob sie einen musikalischen Wunsch hätten. Leider könne er ihn nicht persönlich erfüllen, doch vielleicht mögen die Musiker einspringen und ihn erfüllen. Ausgerechnet in diesem entscheidenden Augenblick tauchte Carlos auf. „Da steckst du!“ klopfte er ihm auf die Schultern und stutzte, „und du hast sie gefunden!“ Antonio wurde sehr verlegen. Die Mädchen schmunzelten. „Ich weiss nicht, wer von euch es ihm angetan hat, vor einer Woche oder so im gleichen Lokal. Willst du mir diese hübschen Damen nicht vorstellen?“ Die Mädchen halfen Antonio aus der Patsche. „Meine Freundin heisst Paloma“, wies eines der Mädchen auf jenes mit dem Kastanienhaar, „und ich heisse Rita.“ Die gegenseitige Vorstellung war geglückt, und die Mädchen hatten nichts dagegen, dass sie sich zu ihnen setzten. Ein heiteres Gespräch entspann sich. „Einen Augenblick“, entschuldigte sich Antonio und trat auf die Musiker zu und bat sie, den wohlbekannten Schlager „La Paloma“ zu spielen.
 
Entgegen Antonios Erwartung zeigte sich Paloma wenig erfreut von seiner Wahl. Warum war er bei ihr so schlagartig abgeblitzt? fragte er sich. War er zu aufdringlich gewesen? War seine Wahl des ausgeleierten Schlagers geschmacklos? Carlos hingegen, so erfuhr Antonio später, hatte mehr Glück mit Rita gehabt. Er hatte sich seither mit ihr getroffen! Warum er bei Paloma einen Korb eingefangen hatte, wollte Antonio wissen. „Glaubst du, Rita könnte mich darüber aufklären?“
 
„Ist das dein erster Korb, den du eingefangen hast?“ Doch Carlos merkte bald, dass sein Freund nicht zum Spass aufgelegt war. „Na denn, ich werde mein Bestes tun“, versprach Carlos.
 
Antonios Lebensfreude war wie erloschen. Die Sonne mochte scheinen und der Himmel blau sein: Antonio war niedergeschlagen. Dreimal in seinem Leben hatte er geglaubt, der Liebe begegnet zu sein. Jetzt erst ging ihm auf, wie mächtig sich ein Liebesgefühl regen kann, auch wenn es nur aus seiner Vorstellung entsprang. Er kannte Paloma nicht einmal. Eine „idée fixe“ hatte ihn gepackt. Frauen hatten bisher in seinem Leben eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Wie er sich auch drehte und wand, Paloma ging ihm nicht aus dem Sinn. Dagegen konnte er nichts tun. Hilflos war er seinem Gefühl ausgeliefert. Aber das Leben drechselt keine Reime. Diese muss jeder für selber suchen.
 
Carlos hielt sein Versprechen. „Rita wird dir selbst sagen, warum Paloma gegenwärtig nichts von Männern wissen will. Das ist nicht auf dich persönlich gemünzt.“ So kam es, dass er sich am Sonntag mit Carlos und Rita beim Plaza de Cibeles traf. „Dreht eine Runde um die Fontäne“, forderte sie Carlos auf und klaubte eine Zigarette aus dem Päckchen der Marke „Fortuna“.
 
Eigentlich verstehe sie nicht, warum sie ihn über Palomas abweisende Haltung aufklären sollte, begann Rita, „ denn ihr kennt einander nicht einmal … Immerhin hat Paloma nichts dagegen. Sie ist feinfühlig und empfindet ein gewisses Mitleid mit dir, denn sie wollte dich mit ihrer Abfuhr nicht kränken. So empfinde mit ihr: Vor wenigen Monaten war alles zu ihrer Verlobung vorbereitet. Das sie aufflog, verdankt sie mir.“
 
„Verdankt dir? Das verstehe ich nicht“, sagte Antonio erstaunt.
 
„Warte … nur nicht so voreilig“, fuhr Rita fort. „Eines Abends wartete ich im Beisein ihres Verlobten auf Palomas Rückehr in unsere Wohnung. Ich hatte das Abendessen vorbereitet und trat gegen das Fenster. Ihr Verlobter folgte mir und griff mir an die Brüste und dachte, ich wäre zum Plausch hinterm Rücken meiner Freundin bereit. Ich stiess ihn zurück und stürmte aus dem Haus.“ Anderntags erfuhr Paloma alles. „So etwas lässt sich weder verschweigen noch vertuschen. Freundschaft verpflichtet. Alle Ausflüchte ihres Verlobten waren umsonst. Die Verlobung flog auf.“
 
„Paloma tut mir wirklich leid. Aber ihr Glück ist, dass sie diesem Kerl rechtzeitig entkommen ist.“
 
„Gib ihr Zeit“, fügte Rita sachte bei. „Wie gesagt, fand sie dich sehr nett … Wer weiss … Am besten wartest du ab, oder vergesse sie. Übrigens hat ihr ehemaliger Verlobter ihr gerne den „Paloma“-Schlager vorgesungen, von der Gitarre begleitet. Das hat ihre schlechten Erinnerungen herauf beschworen.
 
Einige Monate verstrichen. Antonio aber konnte Paloma nicht vergessen. Und es kam der Tag, an dem er sich mit ihr traf. Und ab diesem Tag war die Voraussetzung zur Liebe zwischen Paloma und Antonio geschaffen. Damit ist alles gesagt.
 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
06.10.2005: Le Passe-muraille: Luftschlösser sind gratis zu haben
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