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BLOG vom 18.02.2010


Manchmal ist die Schreinerei auch eine Arztpraxis
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Im Wartezimmer einer Praxisgemeinschaft beobachte ich, wie eine Ärztin ihre Patientin einlädt, ins Untersuchungszimmer zu kommen. Sie beugt sich zur wartenden Frau, die gleich neben der Tür sitzt. Allein mit dieser einfühlsame Geste scheint sich die Patientin leichter aufzurichten. Das berührt mich.
 
Dann sitze ich alleine in diesem Raum. Die Gedanken sind ausgeschaltet. Ich warte. Plötzlich sehe ich mich in unserer Schreinerei-Werkstatt. Ich beuge mich, ganz ähnlich wie die Ärztin, auch zu einem Patienten nieder. Da steht ein alter Sekretär, und abgebrochene Teile von ihm liegen auf der Hobelbank. Die mit intarsierten Frauenfiguren aus Kirschbaum-, Nussbaum- und Ahornholz gestaltete Klappe geben ihm immer noch ein vornehmes Gepräge, obwohl die brüchige Oberfläche verhindert, dass das Möbel noch eine attraktive Rolle spielen kann. Es ist ein Unikat, das renoviert und dem die ursprüngliche Ausstrahlung zurückgegeben werden soll. Die massive Front ist verzogen. Das Holz wirkt ausgetrocknet. Ich sehe, wie sich fehlende Luftfeuchtigkeit auswirken kann.
 
Noch immer befinde ich mich in diesem Film. Ich sehe die Blessuren. Und Primo beugt sich ebenfalls behutsam über abgefallene Teile, nimmt sie zur Hand, hält sie sachte da hin, wo sie einmal fest verankert waren. Es ist eine vergleichbare Stimmung wie bei einem Arzt, der einen Menschen untersucht und sich über sein Leiden, sein Alter und seine Abnützungen ein Bild macht.
 
Noch rechtzeitig, bevor mich die Ärztin ebenfalls aufruft, komme ich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Jetzt hoffe ich, dass ich selber ähnlich einfühlsam untersucht werde, auch wenn ich keine mit dem Möbel vergleichbare Renovation erwarte. Und so geschieht es auch. Ich höre zum Beispiel, dass mein Körpergewicht jenem entspreche, das vor 3 Jahren notiert worden sei. Die Körpergrösse aber habe um 3 cm abgenommen. Damit ich dann in den Sarg passe, füge ich bei. Mein Schalk schien ihr zu gefallen. Sie griff den Gedanken an den natürlichen Abbau des Körpers auf und schätzte es, dass ich diesen nicht negiere.
 
Zurück zum Möbel: Der oben beschriebene Sekretär wurde als Patient tatsächlich in unserer Werkstatt behandelt. Auf dem Schragen liegend, wurden die Wurmlöcher in den Füssen unschädlich gemacht, imprägniert und mit Schleifstaub gefüllt. Abgebrochene Teile wurden neu verleimt. Um die Windschiefe aufzulösen, mussten der Klappe im Inneren ein paar Einschnitte verpasst werden. Diese Operation war sehr anspruchsvoll. Sie ist gelungen. Und die frische Schellackoberfläche nach altbewährter Art bringt nun das aufgefrischte Möbel wieder zum Strahlen.
 
Es dünkt mich, diese beiden Geschichten seien verwandt. Da der in die Jahre gekommene Mensch und dort das alte Möbel. Beide haben andern gedient und sich dabei verbraucht. Beide benötigen plötzlich Zuwendung und professionelle Hilfe, um innere und äussere Verwitterungen zu stabilisieren.
 
Der Mensch, der sich verstanden fühlt, wird sich aufrichten und seine schlummernden Kräfte wieder mobilisieren. Auch das Möbel wird seine Dienste nach einer Renovation wieder leisten können.
 
Hat der Handwerker noch mit alten Techniken gearbeitet, ist die Seele eines alten Möbels nicht verletzt und es kann erneut strahlen und die Bewunderung geniessen, die es anzieht. Eine gute Auffrischung ist vom handwerklichen Können des Schreiners abhängig. Seine Hände geben dem Holz manche Streicheleinheit, die eine Maschine nicht hervorbringen kann.
 
Und wie ein guter Arzt empfunden wird, das wissen Sie selber.
 
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