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BLOG vom 29.04.2010


Poeten, Schriftsteller und ihr Verhältnis zur Liebe
Autor. Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Frühling ist ausgebrochen. Der Wonnemonat Mai steht an, und Liebesgefühle regen sich in der Vogelwelt so gut wie in jener der Menschen. Was wäre die Poesie ohne Liebe? Wie behandeln Schriftsteller das Liebesthema? Die Novellisten bedienen sich oft der Ich-Form, was keineswegs bedeutet, dass sie dabei ihre eigenen Liebschaften preisgeben. Solche Tatsachenberichte aus ihrem Leben wären banal und langweilig.
 
Pierre Louÿs, ein Meister der erotischen Gattung, hat es so gesagt: „Davon werde ich Ihnen nichts sagen. Sie sind nicht hier, um den Bericht meiner Memoiren zu erfahren, und ausserdem habe ich wenig Lust, mit intimen Erinnerungen aufzuwarten.“ Somit berufen sich die Poeten und Erzähler auf ihre Musen, damit sie ihnen bunte Blumensträusse von Einfällen reichen, woraus ihre Liebesgedichte- und Geschichten entwachsen. Als Nährboden dazu dienen ihnen vorwegs ihre persönlichen Wunschvorstellungen von der Liebe. Daraus schöpfen, erdichten sie ihre „Wirklichkeit“ und weisen dem Leser den Weg zum Garten der Liebe, wenn nicht gar der Lüste.
 
Damit möchte ich nicht bestreiten, dass Poeten in Versen oder Novellen wohl einiges von dem, was von ihnen geschildert wurde, wohl auch selber gekostet haben – doch niemals bis zur Völlerei, denn sonst hätte ihnen die Zeit zum Schreiben gefehlt. Ihre 1. und letzte Liebe gehörte der Kunst. Das sollten sich die Sexbessenen heute hinter die Ohren schreiben.
 
Wie leicht Erotik in unberufener Hand zur Pornographie ausarten kann! Wer einzig die Mechanik des Liebesaktes schildert, verendet in der geistigen Einöde, mitsamt den Lesern, die ihm dorthin folgen. Zum Glück gibt es in den Werken der Liebesliteratur eine Symbiose zwischen Text und Bild: die illustrierten Ausgaben, denen meine Vorliebe als Büchersammler gilt. Das Bild springt dort ein, wo blosse Worte wohl oft am Unvermögen des flüchtigen und ungeduldigen Lesers versagen.
*
(1) Ich sehe diesmal davon ab, die vielen illustrierten Ausgaben der Poesie von Baudelaire oder Verlaine hervorzuheben und wähle stattdessen als Beispiel Claude-Joseph Dorats poetisches Werk „Les Baisers“ (Die Küsse) mit dem Untertitel „Précédés du Mois de Mai Poème“ (Vorspiel des Monats Mai Gedicht) aus meiner Sammlung, vom berühmten Art-Deco Illustrator Umberto Brunelleschi farbenprächtig illustriert, voller weiblichen Nackedeien – als Neckereien fürs Auge bestimmt … und von Eddis 1947 herausgegeben. Diese langatmige „Küsserei“, durchaus lesenswerte Pralinen, stammt aus dem Jahr 1770, und beginnt mit diesem Vers: 
Don céleste, volupté pure,
De l’univers moteur secret,
Doux aiguillon de la nature,
Et son plus invisible attrait,
Éclair, qui, brûlant ce qu’il touche,
Par l’heureux signal de la bouche. 
(Meinerseits so verdeutscht: 
Himmlische Gabe, reine Wonne / geheime treibende Kraft der Welt / lieblicher Sporn der Natur/und sein unsichtbarer Anreiz / Blitz, der sengt, was er berührt / mit dem glücklichen Zeichen des Mundes.)
 
Hier sind noch einige weitere Kostproben aus meiner Bibliothek:
                                                                    *             
 
(2) Selbst der ehrwürdige Johann Wolfgang von Goethe hat in seiner Novelle „Das Tagebuch“, keck mit farbigen Zeichnungen von Max Schwimmer illustriert und vom Verlag der Nation in Berlin veröffentlicht, eine pikante Geschichte erzählt, die Thomas Mann zu folgendem Kommentar bewogen hatte „…ich habe für diese kecke Moralität immer eine besondere Neigung gehabt“.
 
In einer Unterkunft trug Goethe ins Tagebuch ein: 
Sie geht und und kommt: ich spreche, sie erwidert;
Mit jedem Wort erscheint sie mir geschmückter.
Und wie sie leicht mir nun das Huhn zergliedert,
Bewegend Hand und Arm, geschickt, geschickter –
Genug, ich bin verworrner, bin verrückter,
Den Stuhl umwerfend, spring’ ich auf und fasse
Das schöne Kind; sie lispelt: „Lasse, lasse!“ 
„Die Muhme drunten lauscht, ein alter Drache.“ – Und oben geschah es, anmutig von Goethe in Verse gefasst und von Max Schwimmer bebildert.
*
(3) „Die Hetärengespräche von Lukian“ von Wieland ins Deutsche übertragen und mit offenbarenden Steinzeichnungen von Lene Schneider-Kainer geschmückt, wurde grossformatig 1920 vom Verlag Julius Bard in Berlin veröffentlicht. Immer wieder befeuert die Antike hitzige Vorstellungen, diesmal zwischen Lesberiennen:
 
Nach einen Trinkgelage lag Leaena zwischen Megilla und Demonassa aus Korinth. „Zuerst gaben sie mir Küsse, wie Männer, berührten nicht nur meine Lippen mit den ihrigen, sondern gebrauchten auch die Zunge, umschlangen mich und drückten meine Brüste.“ Leaena geriet in Angst, als sich Megilla wie ein Mann benahm. „Hast du auch das, woran man den Mann erkennt, und machst du mit Demonassa, was Männer mit Frauen zu machen pflegen?“, fragte sie. „Das habe ich zwar nicht, Leaena, sagte sie, ich bedarf es aber auch nicht sonderlich; du wirst sehen, dass ich mich auf eine eigentümliche, weit wollüstigere Art mit dir vergnüge.“
 
Der unterschwellige Humor dämpft diese eher gewagten Schilderung. Wieland hat gewiss seine Übersetzungsaufgabe genossen.
*
(4) „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ von Heinrich Heine, eine mit Zeichnungen von Julius Pascin ausgestatte Ausgabe, verlegt bei Paul Cassirer in Berlin, 1920. Dieser Schelmenroman beherbergt etliche erotische Noten:
 
„Ich hätte gern die Meernixen gesehen, die auf weissen Klippen sitzen und ihr grünes Haar kämmen; aber konnte sie nur singen hören.“
 
Später, im Theater in Amsterdam, „lernte ich auch eine von jenen Nixen kennen, die ich auf dem Meere selbst vergeblich gesucht. Ich will ihr, weil sie gar zu lieblich war, ein besonderes Kapitel weihen.“ Hier folgt „Die Fabel vom fliegenden Holländer“, woarus ich folgenden Textstellen aufgegriffen habe:
 
„Bei dieser Stelle, erinnere ich mich, hörte ich lachen, und dieses Lachen kam nicht von unten, aus der Hölle, sondern von oben, vom Paradies. Als ich hinaufschaute, erblickte ich eine wunderschöhne Eva, die mich mit ihren grossen blauen Augen verführerisch anschaute. Ihr Arm hing über der Gallerie herab, und in der Hand hielt sie einen Apfel oder vielmehr eine Apfelsine. Statt mir aber symbolisch die Hälfte anzubieten, warf sie mir bloss metaphorisch die Schalen an den Kopf. War es Absicht oder Zufall? Das wollte ich wissen. Ich war aber, als ich ins Paradies hinaufstieg, um die Bekanntschaft fortzusetzen, nicht wenig befremdet, ein weisses, sanftes Geschöpf zu finden, eine überaus weibliche weiche Gestalt, nicht schmächtig, aber kristallig zart … Wenn ich diesen Zug auf weichen vollrosigen Mädchen sehe, dann fühl’ ich in den eigenen Lippen ein krampfhaftes Zucken, ein zuckendes Verlangen, jene Lippen zu küssen …Ich flüsterte dem schönen Mädchen ins Ohr: ,Juffrow (Jungfrau)! Ich will deinen Mund küssen’.
 
,Bei Gott, Mynheer, das ist ein guter Gedanke!’ war die Antwort, die hastig und mit entzückenden Wohllaut aus dem Herzen hervorklang.“
 
Die Geschichte, die er hier zu erzählen gedachte, unterdrückte er mit dem meisterhaften Schluss Heines, der mir als Begründung dient:
 
„Ich räche mich dadurch an den Prüden, die dergleichen Geschichten mit Wonne einschlürfen und bis an den Nabel, ja noch tiefer, davon entzückt sind und nachher den Erzähler schelten und in der Gesellschaft die Nase rümpfen und ihn als unmoralisch verschreien. Es ist eine gute Geschichte, köstlich wie eingemachte Ananas oder wie frischer Kaviar oder wie Trüffel im Burgunder …; aber aus Ranküne, zur Strafe für frühere Unbill, will ich sie unterdrücken. Ich mache daher hier einen langen Gedankenstrich ‒‒ “
* 
(5) „La Petite Infante de Castille“, von Henry de Montherlant (1895‒1972). Er hatte eine Vorliebe für die Länder des Südens und verbrachte als 29-Jähriger einen längeren Aufenthalt in Barcelona. Er besuchte die Music Hall und verliebte sich in blutjunge Tänzerinnen, in eine um die andere, so man ihm glauben schenkt.
 
Mettons que ma danseuse avait seize ans. Seize ans juste, parce qu’à seize ans moins un jour l’aimer n’aurait pas été de l’aimer mais la souiller: le code pénal est là, ah mais! En ce moment, les danseuses étaient vêtues de l’ordinaire tutu, et je voyais sa taille très haute, et ses longues jambes, – longues par les cuisses; et pour les femmes comme pour les garçons, la royauté est dans les longues cuisses; c’est pourquoi les couturiers placent la ceinture des femmes à mi-fesses. Elle était très svelte, une grand petite fille sans poitrine, avec des longues jambes pures déjà formé par la danse, avec ses bras frêles que j’adorais d’autant plus que je n’aime que les bras durs des sportives.
 
Montherlant hat seine Vorliebe für schlanke Weiblichkeit auch in anderen Werke, wie „Histoire d’amour de la Rose Sable“ bekannt.
 
Im 2. Teil von „La Petite Infante de Castille“ erklärt er seine Irrfahrt im Garten der Lüste. Kasteit und befreit von seinen leidenschaftlichen Gefühlen, zwang er sich zur Umkehr. Er gestand: „Ich hatte gelitten, ich hatte gewartet, ich hatte diese Epoche seit 3 Jahren immer wieder herauf beschwört. Ich brach den Bann dieser Glückseligkeit, entledigte mich dieser bewundernswürdigen Wesen“. Montherlant hatte die Insel seines wahren Glücks erreicht. Sein reiches Oeuvre bestätigt es.
 
So sind wir wieder beim Ausgangspunkt dieses Essays angelangt. Aber der Wonnemonat Mai bleibt uns allen erhalten, ob Alt oder Jung, von Erinnerungen oder Vorstellungen angehaucht.
 
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