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BLOG vom 03.06.2010


Emmingen D: Störrische Gemeinderäte, verkehrte Altarteile
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Als Rita Lorenzetti und Walter Hess auf der Suche nach ihren deutschen Wurzeln in Emmingen-Liptingen D weilten und darüber auch Blogs verfassten, wurde ich an meine Anekdoten über Emmingen erinnert. Sie sind Bestandteil meiner Sammlung über Pfarrer, Mesner und Kirchen. Wie Sie sehen werden, gab es schon damals störrische Gemeinderäte, marode Ausweichquartiere für Kirchen, aber auch Pfusch am Bau bzw. beim Abbau von Altären. Es gab aber auch verwanzte Pfarrhäuser. Einige dieser Geschichten werde ich jetzt dem interessierten Leser unterbreiten.
 
Störrische Gemeinderäte
Als das Mauerwerk der ursprünglichen Kirche von Emmingen ab Egg (in der Nähe von Tuttlingen gelegen) immer brüchiger wurde und Wasser durch die Decke sickerte, meinte der damalige Pfarrer: „Wer die hiesige Kirche nur einen Augenblick betrachtet, wird eingestehen, dass sie schlechter aussieht als manches Gefängnis.“ Eine neue Kirche musste also her. Als die Frage der Fronpflicht auftauchte, weigerte sich der Gemeinderat, hier mitzumachen. Für die Fürstenberger, zu jener Zeit für die Errichtung und Instandhaltung von Pfarrgebäuden zuständig, war dies zu wenig. Erst auf energische Vorhaltungen waren die Emminger zu bewegen, mit Fuhr- und Handarbeit am Neubau mitzuwirken. Aber es entstand neuer Streit, als die Baupläne bekannt wurden. Jeder wollte eine grössere Kirche; der Neubau ragte jedoch in den Grundriss der alten Schule hinein. Die Schule war zwar auch zu klein und ein abbruchreifer Kasten, aber jeder scheute die hohen Kosten für einen Neubau. Die Gemeinderäte richteten ein Protestschreiben an das zuständige Bezirksbauamt, in dem sie erklärten, sie würden dem Bau der Kirche nur zustimmen, wenn das alte Schulhaus erhalten bleibe. Mehrere Briefe gingen hin und her, so dass der Baubeginn drei Jahre hinausgezögert wurde. Aber schliesslich musste die Gemeinde klein beigeben.
 
Durchnässt und von Fieber geschüttelt
Während der Bauarbeiten für die neue Kirche wurde der Gottesdienst in der grössten Scheune des Dorfes, der ehemaligen Burgscheuer, abgehalten. Der damalige Pfarrer, Josef Martin, berichtete über dieses Provisorium das Folgende: „Alles war schauerlich zum Ansehen und noch schauerlicher zum Funktionieren. Im Kuhstall versammelten sich die Weiber zur Anwohnung des Gottesdienstes, im Kälberstall die Jungfrauen. Oben auf den beiden Böden, was männlich war, unten in der Scheuer die Kinder. Man denke sich, die Kälte in dieser offenen Scheuer während des Ostwindes und des Winters, welcher in diesem Jahr besonders kalt war. Aber ärger noch war das Ungemach im Frühling beim Schmelzen des Schnees, wo mir schwere Wassertropfen vom schlecht zugedeckten Dach während des Funktionierens auf den Kopf fielen und ich ihnen nicht ausweichen konnte. Durchnässt und vom Fieberfrost geschüttelt, kam ich jedesmal nach Hause.“
 
Altäre aus den Fundamenten gerissen
Aber das Tohuwabohu ging weiter. Als die neue Kirche 1842 in stolzer Pracht dastand, fehlte ein richtiger Altar. Die Emminger hatten Glück, dass eine barocke Kreuzigungsgruppe aus der fürstlichen Hofkapelle in Messkirch nicht mehr gebraucht wurde. Sie erhielten diesen Notalter von der fürstenbergischen Standesherrschaft gestiftet. Aber irgendwie passten die schönen Holzfiguren nicht zur grossen Wandfläche. Als sich die Emminger schon an den Anblick gewöhnt hatten, kam einige Jahre später ein unverhofftes Angebot. Beim Abbruch des Klosters Amtenhausen waren Altäre übrig. Nach einigem hin und her wurden diese schliesslich der Gemeinde gestiftet. Die Emminger waren ausser sich vor Freude. Aber wie kommen die Altäre nach Emmingen? Schliesslich wurden einige Emminger auserkoren, die Altäre zu zerlegen. Hans Stärk aus Konstanz schrieb über dieses Ereignis: „In aller Hast, als könnte ihnen die kostbare Beute nochmals abgenommen werden, wurden die Altäre zerlegt, kräftige Bauernfäuste rissen die Bildwerke förmlich aus den Postamenten, blinder Eifer beschädigte manches schöne Werk. Der Transport auf den holprigen Strassen tat dann noch ein Übriges an den heil gebliebenen Stücken. Wieder in Emmingen angekommen, zeigten sich weitere Folgen der übereilten Abtragung: Niemand wusste mehr die rechte Aufstellung, geschweige denn die genauen Masse der Altarfundamente. So begann man eben aufs Geratewohl, mit dem Erfolg, dass wieder neu fundamentiert wurde und immer wieder Teile abgenommen und anders gestellt werden mussten. Ein Wunder überhaupt, dass der Altar in seiner Grösse so genau in die Kirche passte, als seien vorher die Masse abgenommen worden. Aber noch heute zeugt die verkehrte Stellung einzelner Figuren und Altarteile und noch manch andere Spur von jenem blinden Eifer, über den wir heute lächeln ...“
Quelle: „Wie Emmingen ab Egg zu einer neuen Kirche kam“, von Hans Stärk, Konstanz, „Badische Heimat“, 36. Jahrg., Heft 3, 1956.
 
Und nun noch einige Anekdoten aus anderen Gegenden.
 
Verwanztes Pfarrhaus
Früher mussten Dorfpfarrer des Öfteren in verwahrlosten Gebäuden hausen. So auch Pfarrer Isidor Kaiser, der 1882 nach Herrischried (Hotzenwald D) kam. In einer 4 Jahre später angelegten Chronik schreibt der Geistliche: „Die Seelsorger, die auf diesem vom Verkehr so entlegenen Posten leben und wenig Gesellschaft und Unterhaltung haben ‒ es ist nicht gut und rathsam sich hier in Gesellschaft zu begeben ‒ haben ganz gewiss das Recht, wenn auch nicht eine vornehme, so doch eine standesgemässe und gesunde Wohnung zu verlangen, was auch erreicht werden kann, wenn nur alljährlich etwas gebaut wird.“
 
Der Pfarrer griff zur Selbsthilfe. Er werkelte, dass es eine wahre Freude war. Sogar ein neuer Blitzableiter wurde installiert, die Schindeln erneuert, und die Fassade bekam einen Anstrich.
 
Blicken wir 200 Jahre zurück. Die Gemeinden Herrischried, Rütte und Grossherrischschwand entschlossen sich zum Bau eines Pfarrhauses. Bis 1828 stand dieses Haus, dann wurde es zusammen mit der Kirche ein Raub der Flammen. Pfarrer Isidor Kaiser: „... wie man sich erzählt, wollte Pfarrer Konrad Wiedmer während der Feuersbrunst das Pfarrhaus nicht verlassen. Er meinte: es tue ihm nichts zuleide, worauf ein Hotze (Bewohner des Hotzenwalds) den Greisen auf den Schultern bei wachsender Gefahr hinaustrug. Weiter erzählte man, dass Dekan Krez von Görwihl nach erhaltener Nachricht, dass es in Herrischried brenne, zu Hilfe eilte, und dass er dann bei Segeten, als er hörte, dass auch das Pfarrhaus in Flammen stehe, geäussert habe: jetzt nur langsam, damit die Wanzen ihren Tod finden ‒ ein Beweis, dass ausser anderen Angaben, dieses erste Pfarrhaus eine armselige, baufällige Wohnung gewesen sein muss.“
Quelle: „Ergötzliche Geschichten aus Alt-Baden“ von Heinrich Berl, Verlag Dr. Willy Schmidt, Baden-Baden 1966.
 
Bildersturm
Als Folge des Bildersturms im Jahre 1531 wurden wertvolle Kircheneinrichtungen zerstört, Bilder, Marienstatuen und Altäre aus den Kirchen entfernt. Ein Chronist (Joachim von Pflummern) schreibt dazu: „Aus den Kirchenkelchen haben die Herren auf dem Rathaus, die Stadtrechner und Zunftmeister zur Verachtung Wein getrunken ... Aus Altarglöcklein machte man Wirthsglöcklein und Hausschellen. Den Palmesel sammt dem Herrgott dazu stellte der Bader Michel Rohrer auf seine Kornbühne an den Laden, dass man ihn sehen konnte, trieb oft Spott mit ihm und verbrannte ihn endlich.“
 
Seit der Reformation und des Dreissigjährigen Kriegs gab es häufig Streit zwischen Katholiken und Protestanten. Nach dem Westfälischen Frieden kehrte Ruhe ein, und beide Konfessionen teilen sich bis heute die Stadtpfarrkirche in Biberach an der Riss.
 
Quelle: „Biberach an der Riss – Ein Gang durch Vergangenheit und Gegenwart einer alten Reichsstadt“, von Peter Griesinger, Biberach 1969.
 
Lauter Gesang
Bis kurz nach dem 1. Weltkrieg war es in ländlichen Gegenden üblich, dass sogenannte Erntebitt-Gottesdienste abgehalten wurden. Landwirte baten um gutes Erntewetter. So auch in Aurich (heute ein Stadtteil von Vaihingen), als sich eine ganze Reihe Landwirte und deren Angehörigen in der Kirche versammelten. Als ein Bauer besonders lautstark sang, meinte sein Nachbar auf der Kirchenbank: „Du mit deim bissle Gruschd brauch’sch koi so a lauds Geschrei verführe!“
 
Unzufriedener Organist
Einige Bauern diskutierten wildgestikulierend in der Auricher Kirche während des Orgelvorspiels zum Gottesdienst. Dies blieb dem Organisten nicht verborgen. Schlagartig unterbrach er das Stück. Die Bauern hörten dies nicht, sondern diskutierten lautstark weiter.
 
„Aber der eine, der hat ein krummes Horn“, schallte es bis zur Empore. Die Bauern betrieben in der Kirche einen Ochsenhandel.
Quelle der letzten 2 Episoden: „Vaihinger G`schichten“ von Richard Hachenberger, IPa-Verlag, Vaihingen 2000.
 
Männliche und weibliche Hostien
Und nun noch eine neuere Geschichte (publiziert am 27.07.2009 in der „Badischen Zeitung“): Seitdem Sue Penfold als Domkapitularin in der anglikanischen Kirche von Blackburn gewählt wurde, können Gemeindemitglieder zwischen „weiblichen“ und „männlichen“ Hostien wählen. Das hatte folgenden Grund: Da es in der Gemeinde auch Männer gibt, die keine Frauen in diesem Amt akzeptieren, erhielten diese, wenn die Domkapitularin den Gottesdienst leitet, Hostien aus einem separaten Gefäss. Diese Hostien wurden von einem Mann geweiht.
 
Es gibt also in unserer modernen Zeit immer noch solche Auswüchse. Kaum zu glauben, aber wahr.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Emmingen
 
Hinweis auf Blogs über Priester und Kirchen
17.09.2007: Priester-Geschichten (II): Domherr baumelte am Glockenseil
21.04.2005: Wie der struppige Badener zu einer Papst-Audienz kam
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