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BLOG vom 10.06.2010


Der Stabhochspringer (5): Husseins Sturz aufs Pflaster
Autor: Emil Baschnonga,Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
5. Episode
Alles klappte nach Plan – fast bis zuletzt. Wie oft scheitert der beste Plan nicht am Wörtchen ‚fast’?
 
Hussein warf die Leine über die Brüstung und hisste sich auf die Mauer. Ein Katzensprung nur bis ins Geäst, dachte er und sprang kurz entschlossen, gerade als ein heftiger Windstoss die Äste hoch riss. Hussein fasste ins Leere. Obwohl er die Falltechnik beherrschte, ist diese machtlos, um einen Sturz vom 3. Stock zu dämpfen. Hart prallte Hussein rücklings aufs Pflaster.
 
„Ich glaube, ich habe mir den Fuss verstaucht“, sagte er und versuchte, sich zu erheben. Umsonst. „Ich glaube, ich habe mir einige Wirbel geknackt,“ stöhnte er und fügte hinzu: „Du musst unbedingt die Tasche in Sicherheit bringen.“
 
„Du darfst dich keineswegs bewegen. Bleibe genau so liegen, wie du bist. Ich alarmiere den Notfalldienst“, sprach Piet auf ihn ein. Er zog ihm das rutschfeste Schuhwerk aus und stellte fest, dass Hussein den Fuss nicht nur verstaucht, sondern gebrochen hatte. Hastig zerlegte er den Hochsprungstab in seine 3. Teile, schubste sie ins Leinenetui und stopfte die Wurfleine mitsamt den Schuhen in seinen Rucksack. Auf der Durchfahrtstrasse neben dem Zentrum sah er schliesslich die Blaulichter der Ambulanz. Mehr konnte Piet nicht tun. Bei der nächsten Taxihaltestelle bestieg er ein Taxi Richtung Euston-Bahnhof. Eine gute Stunde später sass er im Schnellzug nach Edinburgh. Unterwegs machte er sein Handy gebrauchsunfähig. Auf der anschliessenden Weiterfahrt im Mietauto warf er das Handy in einen Kanal. Somit waren alle sichtbaren Spuren getilgt. Wie steht es mit den unsichtbaren?
 
In der Notfallstation des St. Thomas-Spitals bemühte sich der Arzt um Hussein. Die Röntgenaufnahmen zeigten verschiedene gravierende Frakturen der Rückenwirbel, viele Prellungen und ein gebrochenes Fussgelenk. Waren die Nerven des Rückgrats beschädigt? War er gelähmt? Hussein wurde für die Chirurgie vorbereitet. Wiederholt befragte ihn der Arzt nach der Ursache seiner Verletzungen. Hussein konnte sich an nichts erinnern und hatte selbst seinen Namen vergessen. Absichtlich vergessen, muss hier hinzugefügt werden. „Sind Sie aus einem Flugzeug gefallen?“ fragte ihn der Arzt zuletzt. Hussein blieb jede Antwort schuldig.
 
Kurz vor Beginn des nächsten Ausstellungstags im Zentrum überprüfte der mit der Sicherheit beauftragte Museumangestellte die elektronische Anlage und bemerkte kopfschüttelnd die 3-minütige Panne. Aber nichts fehlte in der Ausstellung. „Alles in Ordnung“, meldete der Angestellte der Direktion.
 
Eine Woche später stellte ein Besucher fest, dass verschiedene Originalmanuskripte- und Miniaturen  – insgesamt ihrer 12 –  durch Faksimiles ersetzt worden waren. „Das ist eine Schande“, sagte dieser Besucher empört dem Museumsleiter ins Gesicht.
 
Dieser spektakuläre und spurlos durchgeführte Diebstahl von islamischen Meisterwerken wurde von den Medien aufgegriffen und natürlich auch von dem auf Kunstdiebstähle spezialisierten Journalisten, der sofort seine Suche nach den Dieben intensiver als zuvor verfolgte. Er mutmasste, dass dieser Diebstahl während der 1. Woche begangen wurde und bestimmte sogar den Tag, vielmehr die Nacht – Dienstagnacht, nach dem 3. Ausstellungstag – als die Strasse mutwillig mit einer Umleitungstafel abgesperrt worden war. Wer war der Passant, der bei diesem Unwetter so spät unterwegs den Verunfallten beim Zentrum entdeckt und den Notfalldienst alarmiert hatte? Sein Verdacht, dass es sich um ein Diebespaar handelte, verdichtete sich. Mehr als wahrscheinlich wurde dieser Diebstahl im Auftrag ausgeführt. Wer könnte als Auftraggeber in Frage kommen?
 
Piet war gewaltig erleichtert, als er auf Umwegen erfuhr, dass Hussein dem Tod entronnen war. Am Donnerstag bezog er wieder sein Hotelzimmer und beschloss, das Ende der Woche abzuwarten, denn er wollte nicht voreilig handeln. Husseins Pässe waren in seinem Safe aufbewahrt. Am Freitag reichte ihm die Dame vom Empfang einen Briefumschlag. „Eine junge Dame hat das für Sie abgegeben“, sagte sie. Erstaunt las Piet: „Ich bin die Krankenschwester des Patienten, der am Dienstag mit Rückenverletzungen bei uns eingeliefert wurde. Er möchte Sie bitten, sein Zimmer auszuräumen und die Rechnung zu begleichen. Sie können sich vertraulich mit mir in Verbindung setzen. Er hat die 1. Operation hinter sich. Andere stehen ihm bevor. Er ist in der Chirurgie II untergebracht.“ Dieser Zettel trug die Unterschrift „Schwester Lina“.
 
Als Hussein aus der Narkose erwachte, sprach eine liebliche Stimme auf ihn ein: „Endlich sind Sie aufgewacht! Sie haben die Operation gut überstanden. Seien Sie froh, dass Sie sich nicht den Nacken gebrochen haben. Sie werden bis auf weiteres künstlich ernährt. Sie liegen hier eingeschient, damit sie sich nicht bewegen können. Schliessen Sie die Augen und versuchen Sie zu schlafen. Das hilft Ihnen über die Nachwirkungen der Narkose hinweg. Sie sind hier in der ‚Intensive Care Unit’. Ich bin ihre Krankenschwester und heisse Lina.“
 
Am Freitag freute ihn nicht nur Linas liebliche Stimme, sondern auch ihr lieblicher Anblick. Seine Lebensgeister regten sich, doch sein Körper lag regungslos im Schragen eingekapselt. Es hätte seine Todesbahre sein können. Er liess sie ein Weilchen plaudern, ehe er sie ansprach: „Kommen Sie, bitte.“
 
„Herrlich, Sie haben Ihre Sprache wieder gefunden!“ sagte sie strahlend. „Was haben Sie auf dem Herzen?“
 
„In Ihrer Nähe ist mein Herz wunschlos glücklich“, sagte er gezwungen lächelnd, „aber ich habe eine Bitte, die ich Ihnen anvertrauen möchte, eine Bitte, die sonst niemanden etwas angeht.“
 
„Bitte schreiben Sie eine Notiz an meinen Freund, dessen Namen er verschwieg. Er ist im Rembrandt Hotel gegenüber dem V&A Museum in Knightsbridge. Seine Zimmernummer ist 56.“ Sie willigte ein und sicherte ihm „absolute Diskretion“ zu. Hussein diktierte ihr den Text, wie oben zitiert.
 
„Sie sind ein Engel!“ bedankte sich Hussein.
 
„Das weiss ich. Schliesslich heisse ich ‚Angelina’, aber ich kann ihre Kommission erst nach Dienstschluss erledigen.“
 
In den folgende Tagen ‒ Lina war im Dienst übers Wochenende ‒ vertiefte sich das angebahnte Vertrauensverhältnis zwischen ihnen. Er war ihr dankbar, dass sie davon absah, Fragen an ihn zu richten.
 
Am Sonntag erhielt Lina einen Anruf. „Ihr Freund möchte wissen, wann er Sie besuchen könne“, wandte sie sich an Hussein und hielt ihm ihr Handy ans Ohr.
 
„Sofern Schwester Lina damit einverstanden ist, schlage ich den Sonntagnachmittag vor, sagen wir um 3 Uhr.“ Lina nickte.
 
„Ich wusste nicht, dass Du so eine wunderbare Schwester hast …“ spasste Piet am Ende des kurzen Gesprächs.
 
„Sie ist ein wahrer Engel und heisst Angelina“, antwortete Hussein bemüht heiter.
 
„Und jetzt bin ich erst noch Ihre Sekretärin geworden!“ schmollte Lina.
 
Erst nachdem ihn der Arzt am Sonntagmorgen untersucht hatte, erfasste Hussein seine Notlage. Er sprach kein Wort, während ihn der Arzt abtastete. Seine Finger konnte er bewegen. Auch spürte er den Druck an seinen Oberarmen, doch vom Unterleib abwärts war er gelähmt.
 
„Was ist der Befund des Arztes?“ fragte er nachher Lina.  „Aber sagen Sie mir die Wahrheit.“
 
„Sie sind teilweise gelähmt – vorderhand – und hoffentlich nur vorüber gehend. Erst wenn die Schwellungen abgeklungen und die Wirbelrisse verheilt sind, ist eine genauere Diagnose möglich“, antwortete sie ihm. „Ich werde für Sie beten“, sagte die katholische Schwester italienischer Abstammung.
 
Hussein wollte mit dem Schicksal hadern, aber kein Schicksal lässt sich beeinflussen.
 
Auch der Erzähler kann den Fortverlauf der Geschichte nicht beeinflussen, und es verbleibt ihm nur, auf ein gutes Ende für Hussein und auch für Piet zu hoffen ‒ im Verlauf der letzten 2 Episoden.
 
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